Gründungsdeklaration

 

Ein Verein, noch dazu für deutsch schreibende Muslime. Hieße das nicht, sich eine dreifache Blöße zu geben?

Denn wer schreibt, weckt Erwartungen. Entweder ist er des nachhaltigen Eindruck-Schindens fähig oder seine Worte werden als dozierendes Gehabe abgetan.

Wer dann noch deutsch schreibt, täte gut daran, sich bewusst zu machen, in einer Sprache zur Feder zu greifen, in der man eher damit rechnen muss, dass einem auf die Finger geschaut wird; und dies gewiss nicht in empfänglicher Disposition.

Und wer schließlich beabsichtigt, sich als Muslim schriftlich kundzutun, schreibt als ein eindringlicher Versicherer, wenn nicht mit dem Stigma der Unbelehrbarkeit. Ob er sich hierauf einlässt, sei dahingestellt.

Doch so einfach liegen die Dinge indes nicht.

Zuerst die ausschlaggebende und alles entscheidende Frage: Wem liegt noch etwas daran, in Erfahrung zu bringen, wie die Lage zu erklären ist? Und wie kann einer, der sich um diese Frage nicht schert, noch sicher gehen, sich nicht zum Nassauer der erklärungsbedürftigen Lage zu machen?

Wie man die Lage auch deuten mag; wir leben in einer Welt, die sich genötigt sah, um aus dem Schatten ihres – sich ab dem 12. Jahrhundert abzeichnenden – Fatums treten zu können, den Menschen zu seines eigenen Glückes Schmied zu erklären. Der Schatten hatte einen Namen: die türkische Existenz, die sich leicht auf den Begriff bringen lässt: Ein Leben, das nicht durch sein Auftreten besticht, sondern das, wofür es steht und in dessen Halbdunkel das Abendland gezwungen war, bis ins 16. Jahrhundert hinein ein Schattendasein zu führen. Eine namentlich die türkische Existenz negierende Welt ist hieraus entstanden, in der einzig und allein das Fahrrad-Prinzip gilt: Wer nicht in die Pedale tritt, fällt um.

Zwei große Kriege waren vonnöten, damit sicher gestellt war, dass die Menschheit nicht stehen blieb und zu Fall kam. Während der erste die Menschheit in Selbstzweifel und -zerfleischungen ungeheuren Ausmaßes stürzte, verpasste der zweite ihr schließlich ein dickes Fell; trotz des unter dem dicken Fell immer müheloser durchscheinenden Gefühls, dass dem heutigen Leben im Grunde nichts Lebenswertes abzugewinnen ist. Seither atmet die Menschheit eine anti-europäische Luft von Verteidigungs-Unwertem und -Unwürdigem, Luft jeglicher Dissolution – Amerikanismus genannt.

Diese den Menschen keine andere Wahl als die zwischen Cholera und Pest gestattende Luft trägt stets dafür Sorge, dass die Menschen, sobald sie Anstalten machen, grundlegenderen Fragen nachzugehen, das Gefühl beschleicht, zwischen Hammer und Amboss zu geraten – Extremismus und goldene Mitte genannt. So war es in den sogenannten kalten Kriegsjahren stets eine gemäßigte Linke, die gegen eine „lunatische“ ausgespielt wurde; oder die Hüter des gesunden Menschenverstandes, die gegen die ungestümen Aktivisten zu Felde zogen. Seit dem Zusammenbruch des Ostblocks hingegen gilt es die freiheitlich-demokratische und marktwirtschaftliche Ordnung gegen eine vermeintliche „Achse des Bösen“ in Schutz zu nehmen.

„Bomber Harris, do it again! Fight the axis of evil: Berlin-Baghdad.“

Das ist nicht nur ein zugkräftiger Slogan der Antideutschen Kommunisten. Lässt man doch immer wieder durchblicken, dass eine „extremistische Lösung“ stets ausgeschlossen bleiben müsse – schlage sie links, rechts oder sonstwie extrem aus.

Doch: eine Achse des Bösen existiert nicht, wohl aber ein omnipräsenter Terror des glokalisierten Großkapitals, in dessen Interesse es zu liegen scheint, nicht nur eine Verquickung des Faschismus mit dem Islam zu fingieren; dessen ständige Sorge es ist, dass Menschen trotz allem nach Aufopferungsbereitschaft Verlangendem fragen; und dessen dringliches Anliegen es ist, dass die Unverhandelbarkeit namens Türkentum völlig eliminiert wird.

Uns darüber im Klaren, dass es sich bei diesen Gegenüber- wie auch Nebeneinanderstellungen um bewusst ins Gefecht geführte Scheingegensätze und Pseudoverwandtschaften handelt, die die Menschen lediglich dazu disponieren soll, Verteidigungs-Unwertes und -Unwürdiges hinzunehmen, schreiben wir mit einem dreifachen Bewusstsein, nicht mit einer dreifachen Blöße.

Erstens: Wir schreiben mit dem Bewusstsein, dass das Schreiben unauflöslich mit dem Gedanken des Essentiellen verbunden sein muss. Ohne ein Gefühl für das Wesentliche ist einem das Schreiben nur ein weiteres Steckenpferd.

Zweitens: Wir sind uns dessen bewusst, in einer Sprache zur Feder zu greifen, die als die „Sprache des Versprechens“ schlechthin gelten muss; ihre Bedeutung wie auch Brisanz liegt erst hierin.

Und drittens: Wir schreiben mit dem Bewusstsein, dass der Islam, mit dem das Abendland sich durch diejenigen bedrängt sah, die sie Türken hieß, die conditio sine qua non für ein Verständnis der modernen Geschichte ist; in dem Maße, in dem noch ein Bedürfnis danach besteht, das Kind beim Namen zu nennen.

Gewiss sprechen diese Zeilen nicht für sich, sie geben mehr vor, als dass sie erbringen, bleiben mehr schuldig, als dass sie begleichen. Folgten ihnen keine einschlägigen Ausführungen, wären sie nicht der weiteren Beachtung wert. Dem gegenzuhalten, nehmen wir uns vor. Gleichwohl sind diese Zeilen aber auch als ein Ruf verstehen, die an diejenigen ergeht, die sich bereit erklärten, nicht zu einem abwiegelnden, sondern im Islam den Reichtum an sich erblickenden Tonfall einen schriftlichen Beitrag zu leisten. Dass hieraus Wahlverwandtschaften erwachsen, erhoffen wir uns.

Wir schreiben, um zu jenen zählen zu können, die ihren Wert ausschließlich darin suchen, der Adressat göttlichen Wortes zu sein.

 

Deutsch Schreibende Muslime