Wer braucht den Terror? Wer fürchtet den Terror?

Kein Tag vergeht, an dem Muslime sich nicht dazu veranlasst sehen, per „islamistischem Terror“ erregten Gemütern mit pazifizierenden Worten und Handlungen besänftigend zuzureden. Wer’s sich nicht verkneifen kann, dem gilt es als Gebot der Stunde, einen jeden dieser Anlässe wahrzunehmen und sich vom Extremfall islamistischer wie auch jeder anderen Couleur jenseits von Gut und Böse abzusetzen. Gilt ihnen der Islam doch nicht nur als die friedliebende Religion schlechthin, sondern zugleich der an das Friedenstiftende im Menschen appellierende Glaube überhaupt.

 

Wir gehen davon aus, dass es Ohren gibt, die bereit sind, das offenkundig Unversöhnliche aus dieser Annahme herauszuhören: Eine die Frage der Anpassungsfähigkeit des Islam aufwerfende Annäherungsweise hieße das Kind mit dem Bade auszuschütten. Wenn Peter Sloterdijk behauptet, dass „sich mit dem Islam keine authentische Zivilgesellschaft führen lässt“, dann ist die Authentizität das Kind und die Zivilgesellschaft das Badewasser. Ein Mensch, der eher von etwas lebt als ein Leben, buhlt in dem Maße, in dem er seine rechtfertigende Eigenschaft kultiviert, um dessen Gunst. Das erklärt, warum wir davon ausgehen müssen, dass diejenigen, die sich als die Opfer der Anschläge ausgeben und die Täter, am selben Strang ziehen. Denn der einzige Schaden, den man unter gegebenen Umständen geltend machen kann, ist der, den man im Namen der Anpassungsfähigkeit erleiden kann. Warum kann die Entscheidung, für den verstorbenen „Einheitskanzler“ Helmut Kohl keinen deutschen Staatsakt zu veranstalten, nicht als Ausdruck einer gemeinschaftsbildenden Politik gewertet werden? Weil man sich davon, im Namen der „Uneigentlichkeit namens EU“ einen europäischen Trauerakt zu veranlassen, etwas versprochen hat.

 

Islam – das ist das, was heute niemand, um ihn in Verruf zu bringen, frontal bzw. en face zu attackieren vermag. Man setzt eher auf Lächerlichmachung der Muslime. Keiner, der zum Angriff auf den Islam ansetzt, kann und will es sich leisten, sich nicht vorher abzusichern und zu unterscheiden zwischen einer akut toxischen Spielart und einer mit dem Prädikat „wertvoll“ bedachten. Fehlt es unter AfDlern nicht an Stimmen, die immer wieder eindringlich darauf hinweisen, dass der Islam nur „en bloc“ angenommen oder abgelehnt werden kann, so spricht aus ihnen eher ihr um Ausgleich bemühter Übereifer angesichts ihrer Blößen, die sie sich zu geben glauben. Falls sich niemand, ohne sich hinter Vorwänden zu verschanzen, gegen den Islam zu stellen wagt, dann liegt das daran, dass der Islam den nach außen gekehrten Aspekt unserer Persönlichkeit betrifft, das, worauf wir vertrauen, die Frage, inwieweit wir uns zum Organ äußerer Notwendigkeiten machen, während der Terror den Aspekt unserer Persönlichkeit betrifft, der uns auf uns zurückwirft, das ist: der Aspekt, der uns dazu anhält, uns bewusst zu werden, was es verdient, unserem Leben als Garant zu dienen.

 

Vor allen Dingen gilt es das Auge zu schärfen, dafür, dass der Islam eine „europäische“ Angelegenheit ist. Ist der Islam eine „moderne“ Religion, dann nur in dem Sinne, dass er uns darüber belehrt, wovon Europäer sich nicht bewahren konnten, um zum sprichwörtlichen White Man’s Burden zu werden. Es ist der europäische Widerwille, mit dem Islam zu liebäugeln, oder die Leistung Europas, eine eventuelle Sympathie mit ihm gewinnbringend vereitelt zu haben, was sich als eine europäische Schicksalsgemeinschaft niedergeschlagen hat. Darin, dass der Islam weder eine „Religion“ noch ein „Glaube“ ist, finden wir den Erklärungsansatz hierfür. Keine Frage – die Moderne verdankt sich eher mit Erfolg zwischen Europa und der Religion (und dem Glauben) eingeschoben zu haben, doch hat dieses Dazwischenfunken in Form von Fortschrittsglauben und der „Tyrannei der Massen“ keineswegs zu einer sich seiner selbst bewussten Religion (oder Glauben) geführt.

 

„Der Mensch ist die Krone der Schöpfung.“ Nur in einem Sinne kann dieser Satz zutreffen, indes nicht im aristotelischen, in einem dem Menschen freie Hand lassenden, ihm den Rücken freihaltenden Sinne. Es ist die Schöpfung des Menschen, was uns erlaubt, die der Schöpfung ihre Würde verleihende Gottesknechtschaft ins Spiel zu bringen. Denn einzig und allein der Mensch ist dazu disponiert, dem Ruf Gottes zur Knechtschaft nicht zu folgen. Die Frage ist nämlich, ob sein Leben dem huldigt oder hohnspricht. Diejenigen, die nicht bereit waren, Gottes Ruf „in Gehorsam“ zu folgen (denn: huldigt er dem Ruf nicht, so folgt er ihm „wider Willen“), mussten nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels 586 v. Chr. durch die Babylonier „Schwerter zu Pflugscharen“ umfunktionieren: die Religion ihrer unterscheidenden und trennenden Funktion berauben. (Nämlich: die Frage, was des Menschen würdig ist und was nicht, unter den Tisch fallen lassen) So wurde mit dem Aufkommen des Christentums der Islam, sprich: Gottergebenheit, immer mehr zur Bindung an bestimmte Dogmen als Zeichen der Religiosität, ohne dass die Bindung an diese ein Vertrauen in die Allmacht Gottes implizierte, und damit, was ein gottergebenes Leben ausmacht, nicht im Geringsten zu tun hatte. Ohne den „Glauben“ zu etwas zu machen, was Menschen dazu brachte, zu wähnen, Berge versetzen zu können, hätte die Moderne es ferner nicht vermocht, dass die Menschen eher auf das Resultat blickten als auf das, worauf sie, unabhängig von dem, was die Ereignisse zeitigten, nicht verzichten konnten. Somit war der Weg versperrt, dass „Glaube“ als etwas fungierte, das uns von unserem Dünkel befreit. Gerade indem er zu etwas verkam, was an dem Punkt durchzugreifen vorgibt, an dem das menschliche Erkenntnisvermögen an seine Grenzen stößt, wurde er zum Vorwand menschlichen Dünkels.

 

Halten wir nochmals fest: Der Islam ist keine Religion, er stellt uns nicht das zu absolvierende Pflichtpensum bereit, an das wir uns zu halten haben, um, mehr schlecht als recht, in den Kreis der Muslime aufgenommen zu werden. Nicht sein Vermögen, seine Urteilsfähigkeit aufs Abstellgleis zu legen, macht einen Menschen zum Muslim, sondern das volle Bewusstsein seiner Obliegenheiten als Knecht Gottes, der Obliegenheiten, die er aus der Verinnerlichung der uns aus den Fängen der Koordinaten des Diesseits befreienden göttlichen Gebote und Verbote ableitet. Genauso wenig ist der Islam ein Glaube, ein uns über die Runden verhelfendes, zur Erbauung dienendes Regelwerk aus Stimulanzien. Impliziert der Islam als Religion das Vertrauen in die Allmacht Gottes, so gibt uns der Glaube die Bedingungen, unter denen wir von einem legitimen, d. i. dünkelhemmenden Gottvertrauen ausgehen können.

 

Auf den ersten Blick scheint die Rechnung einfach: Wenn a) Gewalt als Mittel des Sich-Durchsetzens verwerflich ist, und b) eine Religion davon lebt, dass ihr die Proselyten nicht ausgehen, darf man fragen, inwieweit der islamische Glaube seine Anhänger empfänglich macht für die Anwendung von Gewalt. Doch kann sie nicht aufgehen, die Rechnung; nicht, weil der Islam weder eine Religion noch ein Glaube sein kann. Mehr noch oder vielmehr: Wenn es etwas Verwerfliches gibt, dann den Menschen vor vollendete Tatsachen zu stellen, ohne ihm Gelegenheit zu geben, sich darüber klar zu werden, worauf er sich anlässlich dieser im Grunde einlässt. Also müssen wir Folgendes bedenken:

 

1. Nur unter der Bedingung, dass das Einzige, worauf wir nicht bereit sind zu verzichten, das ist, was uns hilft, uns das Leben zu erleichtern, ihn angenehmer zu gestalten, zeitigt der „Terror-Diskurs“ überhaupt eine Wirkung.

2. Dass die Frage, auf welche Wertschätzung ein des Menschen würdiges Leben beruht, der Fähigkeit des Menschen, „eingeschüchtert“ zu werden, das heißt an seine Grenzen erinnert zu werden, einiges verdankt, ist nicht von der Hand zu weisen. Der Mensch wird immer eines Besseren belehrt.

3. Die einzige heute gängige legitime Einschüchterungstaktik ist die sowohl von unserer Unwilligkeit (1) wie auch Unfähigkeit (2) den größten Nutzen ziehende, die darauf baut, dass wir uns vom Gefühl leiten lassen, dass wir, sobald sich die Frage unserer bemächtigt, welche Grenzen uns gesetzt sind, zu kurz kommen oder ins Hintertreffen geraten.

 

Wer braucht den Terror? Diejenigen, die eine Heidenangst vor dem Terror haben. Wenn der Religion heute jeglicher Boden entzogen wurde, ihn als etwas Unterscheidendes zu verstehen zwischen einem Leben, das in Rechnung stellt, dass wir, über kurz oder lang, den Löffel abgeben werden und einem Leben, das in Rechnung stellt, dass wir, über kurz oder lang, zur Rechenschaft gezogen werden, dann liegt das im Sinne derer, die, nachdem sie mit dem Judentum alles Leben ins Diesseits verbannt haben, um anschließend mit dem Christentum die Vorstellung vom Jenseits ad absurdum zu führen, weil ein verantwortbares Leben im Diesseits nicht mehr möglich ist, nun alles daran setzen, aus der Botschaft des Koran einen Aufruf zum Brückenschlag zu machen, damit sie um ihre mit den Kreuzzügen verloren geglaubten und dank westlicher Zivilisation aus dem Feuer geholten Vorrechte nicht mehr zu fürchten brauchen. Islam – das ist, aufzuhören, mit seinem Schicksal zu hadern. Eine Friedenstaube steigen zu lassen im Namen des Islam, während diejenigen, die mit ihrem Schicksal hadern, weil ihnen vor dem „Terror ihres Schicksals“ bange ist, damit die Vorrechte an ihren Profiten sichern, das ist das eigentlich Unversöhnliche. Doch Torschlusspanik schützt vorm Schicksalsschlag nicht. Zwar vermag der Mensch Gottes Ruf nicht zu folgen, doch niemand vermag je zu verhindern, dass die Ereignisse sich in einer Weise entfalten, dass es uns nie verborgen bleiben kann, was einzig und allein unser unbedingtes Vertrauen verdient.

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Das Paradox Europas

Vorweg ein Zitat:

„Es war die Einnahme Osteuropas und Nordafrikas durch die Türken, was den Kapitalismus aufkommen ließ. Da die Türken das Westchristentum in die europäische Enge eingezwängt, eingeschlossen und eingeklemmt haben, sah sich das „Reichtum der Nationen“ genötigt, sich an die Effektivierung neuer Wirtschaftsmethoden zu koppeln. Die Türken schotteten die Europäer von der bekannten und vitalen Welt ab. Als der zwischen den produktiveren Gebieten der Welt und Europa seit der Antike währende Austausch, der herkömmliche Wertefluss, auf die türkische Hürde stieß, mussten die Europäer zusehen, wie sie zurande kamen, indem sie einen ihnen eigenen Mechanismus ersannen. Die dieser Notwendigkeiten genügenden Umstände traten zuerst in den italienischen Stadtstaaten hervor. Denn Italien war der Teil Europas, dem vom römischen Zivilisationserbe der Löwenanteil zufiel. Venedig allen voran, Stadtstaaten wie Genua und Florenz legten ab dem 14. Jh. den Grundstein für das Weltsystem – sprich den Kapitalismus.“ (İsmet Özel, Henry, sen neden buradasın?, 2004, Istanbul)

 

Wann immer wir die Folgen der Islamisierung Anatoliens im 11. Jahrhundert mit dem Aufkommen eines kapitalistischen Weltsystems in Zusammenhang bringen, kann es uns nicht um die kausalen Umstände der Genese des Kapitalismus gehen. Kausalzusammenhänge sind und bleiben für den Menschen eine Terra incognita. Unabhängig von unseren Neigungen und Abneigungen, dem, worauf unser Leben anspricht und was ihn kalt lässt, lässt sich ein Zusammenhang zwischen zwei Ereignissen nicht begründen. Denn das Einzige, wessen sich der Mensch sicher sein kann, ist, dass er, über kurz oder lang, zur Rechenschaft gezogen werden wird. Was eine Beziehung zwischen zwei Ereignissen begründet, kann daher nur unsere Bereitschaft sein, dies in Rechnung zu stellen. Unsere Neigungen und Abneigungen, sie manifestierenden Absichten, Ziele und Vorstellungen zeitigen die Ereignisse nicht, nur durch sie rücken diese in einen Zusammenhang, der uns verrät, wer gewillt ist, was als etwas Lebensgestaltendes an sich heranzulassen und was nicht. Blenden wir den Menschen als ein sterbliches Wesen hinter den Ereignissen aus, bleibt uns nichts anderes übrig als das Phrasenhafte des mit dem Etikett „Falsifikationsprinzip“ Versehenen. „Ob es mir nun schmeckt oder nicht, wenn’s regnet, regnet’s – ein von meinen Neigungen und Abneigungen völlig unabhängiger Vorfall“. Doch sollten wir uns nicht täuschen: Sprechen wir vom Regen, so sprechen wir von etwas, was genauso gut hätte ausbleiben können, dem nie ein zwingender Grund angeführt werden kann. Geschieht, wenn’s regnet, etwas, worüber sich Definitives sagen lässt, dann nur insofern, als uns der Regen an unseren Gott geleisteten Treueeid gemahnt. Ziehe ich es aber vor, „Mistwetter“ zu rufen, als Ausdruck dessen, dass es, außer meinen eigenen Anstrengungen, nichts gibt, worauf ich mich im Endeffekt berufen kann (konnte ein „Königswetter“ doch lediglich die Wonne derer sein, die auf eigene körperliche Arbeit nicht angewiesen waren), so sollte ich wissen, dass es weniger meine Anstrengungen sind, worauf ich mich berufen kann, als vielmehr die Tatsache, dass die Möglichkeit, mich anzustrengen, immer am seidenen Faden hängt. Willensfreiheit ist folglich nicht, eigenen Glückes Schmied zu sein, sondern die Freiheit, sich danach richten zu können, dass es hätte auch völlig anders kommen können als es schlussendlich kam. Ausführungen zu den Anfängen des Kapitalismus können wir daher ernst nehmen, falls sie in Rechnung stellen, was nicht zuwendungswert ist, damit wir nicht missen, was uns als Bereicherung entgegentritt.

 

Nicht um uns Klarheit über unser eigenes Leben zu verschaffen, sondern eher unser Augenmerk auf die Welt zu richten, in der wir leben, werden wir auf die Begriffe „Kapitalismus“, „Weltsystem“, „Moderne“ oder „Zivilisation“ zurückgreifen. Die Fragen, wer wir als „Menschen“ sind und wo wir als „Menschheit“ stehen, sind aber keineswegs zwei Paar Schuhe. Dass diese Begriffe jedoch unsere Aufmerksamkeit eher von uns als Entscheidungen treffende Subjekte ablenken, ist aufschlussreich; stecken sie doch, welche Bedeutung wir ihnen auch zuschreiben, ein Bedeutungsfeld ab, das in dem Maße Gültigkeit beansprucht, in dem es uns glauben macht, sie bezeichneten, alles in allem, einen sich selbst korrigierenden, kompensierenden und berichtigenden Modus Operandi. (Globalismus ist der Ausdruck der vollkommenen Einlösung dieses ihres Anspruches.) Ob wir uns mit dem Gedanken einer „permanenten“ oder einer alles besiegelnden Revolution herumtragen oder mit dem eines ständigen Reformdefizits, jedes Mal ist es der Gedanke, die Umstände seien noch nicht reif genug für ein richtiges Handeln, mit dem wir uns herumtragen und anfreunden sollen. Wenn diese Begriffe uns aber den Glauben an einen immanenten Selbstkorrekturmechanismus unterjubeln, dann können sie nicht für etwas stehen, das etwas initiiert oder in Gang gesetzt hat. Dann müssen sie etwas bezeichnen, das vermocht hat, etwas im Menschen, das dem Bedürfnis entspringt, „das Pferd vor den Karren zu spannen“, zum Schweigen zu bringen. Für ein zivilisatorisches Miteinander gibt es nichts Unabdingbares, was wir unser Eigen nennen können, ohne dass wir uns als Menschen überrumpelt und als Menschheit düpiert vorkommen.

 

Wir müssen zu den Anfängen: Es war zuerst in den italienischen Stadtstaaten des ausgehenden 12. bis Mitte des 14. Jahrhunderts, dass sich das Ansehen von Handels- und Geldgeschäften entschieden gewandelt hat. Das 13. Jahrhundert brachte die sogenannte „Zinswende“. Schon Ende des 11. Jahrhunderts hatte die Kirche Bußstrafen in Geldbußen umgemünzt. Jede Bußstrafe ließ sich in Kreuzzugsteilnahme, jede Kreuzzugsteilnahme in Sachleistungen umwandeln. Das Zweite Konzil von Lyon (1274) verbot die Orden, die nur vom Betteln leben wollten. Um die Mitte des 12. Jahrhunderts wurden sämtliche Armutsbewegungen in Frankreich, Flandern und im Rheinland ausgerottet und durch Bettelorden ersetzt. Ende des 13. Jahrhunderts übernahmen die italienischen Bankhäuser das Monopol für die päpstlichen Finanzen. Was sakralerweise durchexerziert wurde, trug auf profanem Gebiet schließlich seine Früchte: „Unbequemlichkeiten des Fernhandels“ führten in Oberitalien nahe der Ablasszentrale zur Erfindung des Wechsels und des Kontokorrents – aus einer „Urnot“, so Christoph Türcke in seinem „Philosophie des Geldes“, ohne die der Kapitalismus nicht zu begründen sei. Denn der Kapitalismus sei „der Versuch, eine monetäre Anfangsschuld aus der Welt zu schaffen“  – was nur heißen kann: die profitorientierte Institutionalisierung der Gleichgültigkeit gegenüber der Frage, ob unser Leben das Produkt einer „Schuld“ ist, die wir auf uns geladen haben.

 

Wie schlagen wir die Brücke zur Islamisierung Anatoliens? Abgesehen davon, dass die Ursache dieser Unbequemlichkeiten in der Abschottung der Europäer von den vitaleren Regionen der Welt liegt, folgendermaßen: Vor allen Dingen müssen wir aber die Eventualität ins Auge fassen, dass das, was Einzug in unser Leben findet, lediglich der Ausdruck eines Persönlichkeitsschadens ist. Sträuben wir uns dagegen, davon auszugehen, dass der Mensch der Rechtleitung bedarf (das heißt: dass ihm das Wissen abgeht, wogegen und wofür er sich entscheiden muss), wird das vor Allem denen in die Hände spielen, die darauf angewiesen sind, dass an den Spielregeln der größtmöglichen Anpassungsfähigkeit der am längeren Hebel Sitzenden nicht gerüttelt wird. Es sind unsere Persönlichkeitsdefizite, die diesen ihre Handhabemöglichkeiten verschaffen. Doch: Was gilt es, Geltung zu verschaffen; dem Recht derjeniger, denen es an Methoden des Vollendete-Tatsachen-Schaffens nicht mangelt oder der Stichhaltigkeit dessen, was dem Menschen zum Schaden gereicht und was zum Nutzen? Wollen wir, dass unserem Leben, falls uns die Gunst der Stunde nicht schon gesegnet hat, das Abwarten derer anhaftet, die auch mal zum Zuge kommen wollen? Nichts, was sich mit „Wenn’s dich glücklich macht!“ kommentieren lässt, verdient aufrechterhalten zu werden.

 

Ob eine als ein gemeinsames kulturelles Erbe ausgegebene Bezugsgröße einem Konflikt entspringt, der von einem Bewusstsein für das Wesentliche zeugt, lässt sich daran messen, ob er unser Ohr dafür empfänglich macht, dass der Mensch sich stets für oder gegen die Rechtleitung entscheidet. Ein jüdisches Erbe erwuchs daraus, dass diejenigen, deren unangefochtene Vormachtstellung nicht auf den Vorrang von Überlegenem, Erhabenem und Hochsinnigem hinauslief und ihre Siege daher Pyrrhussiege waren, zugleich dafür sorgten, dass sie auf Menschen zurückgreifen konnten, die die göttliche Botschaft so auslegten, dass sie ihrer fiskalen Vorrechte nicht beraubt wurden. So spricht Hugo Ball von einem „Abwehrbündnis zwischen Hellenen- und Judentum“. Denn hellenistische Spitzfindigkeiten lassen sich unschwer als die Strategie des Sich-aus-der-Verbindlichkeit-Heurausstehlens entlarven. Sollte Jesus, Sohn Marias, klare Fronten schaffen, indem er die Menschen für „Gottes Wort“ sensibilisierte (eine zur Auslegungssache verkommene Religion hatte das, was seinen Zweck erfüllte, zu Gottes Wort erklärt), so musste das Römertum seinen Vorteil eher in der Kultivierung seiner Befriedungskapazität suchen – eben weil die römischen Siege über Pyrrhussiege nicht hinausgingen. So ward der „Mohammedanismus“ geboren, seitens derer, die sich dagegen sträubten, den Islam in diesem Zusammenhang zu betrachten. Eine mit dem Namen Mohammed gleichgesetzte Religion konnte nur in einem Verhältnis von Original zu Abklatsch gesehen werden.

 

Diejenigen, die dem Kapitalismus zum Durchbruch verhalfen, hätten dies nur unter der Bedingung der entschiedenen Absageerteilung an das Vertrauen in die göttliche Botschaft durchsetzen können. Setzte man vormals auf die Entscheidungshoheit darüber, was als Gottes Wort galt und was nicht, versprach man sich nunmehr von der Überzeugungskraft des Edens auf Erden etwas. Die in den italienischen Stadtstaaten nahe der Ablasszentrale erworbenen Erfahrungen, aus der Not eine Tugend zu machen, sollten hier vorzüglich zustatten kommen. Denn das Vordrängen der „Zuchtrute und Geißel Gottes“ in türkischer Gestalt lief unbestreitbar auf die Überlegenheit des Islam hinaus. Türkische Siege waren niemals Pyrrhussiege: Die seit den Kreuzzügen immer wieder einberufenen Reformkonzilien, die schließlich in die Reformation mündeten, waren nichts anderes als die „Aufhübschung“ des Christentums angesichts dieser Überlegenheit.

 

Europa wurde im Zuge der Absageerteilung an den Islam zu einem Kontinent. Das Ende des Islam als eine politische Institution mit der Umsetzung des Vertrages von Sèvres am Ende des Ersten Weltkrieges hätte zugleich das Ende Europas als Kontinent bedeutet. Was hingegen kam, war der Auftakt der Kolonialisierung Europas durch das mit dem Zweiten Weltkrieg seinen Siegeszug feiernde Finanzkapital. Zweifelsohne – die Wiege der dem Finanzkapital zugrundeliegenden Logik (die Kapitalisierung der „Schuld“) ist Europa, etwas,  was ihm gegenüber dem Türken eine gewisse Bewegungsfreiheit garantierte. Nichtsdestotrotz ist es, was dieser Logik eine weltumspannende Tiefen- und Breitenwirkung verliehen hat, was Europa nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Ort gemacht hat, der über sein eigenes Schicksal nicht verfügen darf. Das ist das Paradox Europas. Nämlich: Was die Europäer miteinander verbindet, ist nicht etwas, was sie zugleich voneinander trennt. Ihre Distanz zum Islam ist das einzig Bindende für die Europäer, nicht ihre jüdisch-christliche, griechisch-römische Tradition. Gleichwohl ist es nicht ihr jeweiliger Beitrag zur Wahrung dieser Distanz, was sie voneinander trennt. Was wir zur Zeit beobachten, ist nicht die Emanzipierung Europas von der Vormundschaft des wachenden „Großen Bruders“, sondern der Prozess der Auflösung dieses Paradoxes zugunsten dessen, was keinen anderen Wert zulässt als die Kapitalverwertbarkeit. Der Kapitalismus, der, um einen gewissen Glaubwürdigkeitsgrad aufrechtzuerhalten, gezwungen war, in seinem europäischen Mutterland auch anderen Werten als der Kapitalverwertbarkeit einen Geltungsbereich einzuräumen, hat die Kapitalverwertbarkeit zu einer absoluten Größe erhoben dank der Kultivierung dessen, was man heute in jemandem anzusprechen braucht, um ihn von etwas zu überzeugen: nämlich seine Marktgläubigkeit. Ein paradoxloses Europa ist eines, das für Überraschungen nicht zu haben ist.

 

 

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Wenn die Frage die Runde macht: “Wollt ihr denn ewig leben?”

Deutsch schreibende Muslime. Zumal wir für zweierlei den Blick schärfen müssen. Erstens: Scheuen wir die Frage, wovon sich unser Leben was verspricht, werden wir uns auch weiterhin an dem vergnügen, woran er im Grunde Schaden nimmt. Zweitens: Nur in dem Maße, in dem das, was wir unser Eigen nennen, die Frage aufwirft, was wem zusteht und was nicht, können wir davon ausgehen, unser Leben dem Leistungsprinzip unterstellt zu haben. Denn nicht nur zieht die Welt, in der wir leben, den größtmöglichen Nutzen aus unserer Gleichgültigkeit gegenüber der Frage, was unser Leben begünstigt, was ihn befriedigt, sondern ihr Fortbestand bedingt (obiger Reihenfolge entsprechend) zum Einen die völlige Unzugänglichmachung dessen, was uns Menschen davon in Kenntnis setzt, was zu unseren Gunsten und was zu unseren Ungunsten ausschlägt (hiervon gibt uns der Islam Kunde) – was die Abkopplung desjenigen Gebietes vom Islam bedingt, das seine Identität dem Umstand verdankt, sich zum Bannerträger dieser Kunde gemacht zu haben (und das führt uns schnurstracks zum Gebiet der heutigen Türkei); und zum Anderen die Hinstellung der Deutschen als eine leicht entzündliche Feuer-und-Flamme-Nation, für die die verderbenbringende Nähe zum Islam der des Feuers zum Schwefel gleichkäme. Spricht man aber viel eher von der Nähe zu jeglichem mit missionarischem Sendungsbewusstsein ausstaffierten Gedankengut (so z. B. nationalem), rührt das daher, dass, seit Luther, nur in dem Maße, wie er einem Leben mit dem Türken abträglich war, der unerlässliche Beitrag des Deutschen zur Zivilisation überhaupt als solche zu Buche schlug.

 

Ein rechtsradikaler Oberleutnant der Bundeswehr, der kein Arabisch spricht, habe sich eine Doppelidentität zugelegt und als syrischer Flüchtling gemeinsam mit seinem mittlerweile auch überführten Komplizen Anschläge verüben wollen. Kein Einzelfall, heißt es. Doch falls wir hätten von einer Überführung sprechen können, lieferte der Vorfall wie ähnliche – indes unaufgedeckte – Fälle nicht dem Vorwurf oder der Gelegenheit zur Abwendung des Vorwurfs den nötigen Nährboden, die Deutschen hole ihre Vergangenheit ein. Denn ein zu einem historischen Bewusstsein verhelfender retrospektiver Blick gibt uns immer Aufschluss darüber, welches Vertrauen wem welche Animositäten eingebracht hat. Und ein Blick auf die letzten zwei Jahrhunderte deutscher Geschichte belegt, dass es ihre Zähigkeit war, einem mit den Koordinaten der Diesseitigkeit vorliebnehmenden Leben Sicherheitspendendes abzugewinnen, was den Deutschen zwei Weltkriege eingebrockt hat. Die Frage, ob die Deutschen (seit 1945 sagt man Europa, meint aber die Deutschen) Gefahr laufen, von ihrer Vergangenheit eingeholt zu werden, sähe daher, lüfteten wir ihren Schleier, folgendermaßen aus: „Werden sich die Deutschen auch künftighin eher davon etwas versprechen, sich als Hauptrechtfertigungsquelle der Zivilisationsverfechter hervorzutun?“ Denn ungelüftet geht es dieser Frage eher darum, diejenigen ins Schlepptau zu nehmen, denen es nicht an der Bereitschaft fehlt, als Alibilieferant derjeniger herzuhalten, die zur Sicherung ihrer Profite auf das Fixiertsein auf die Koordinaten der Diesseitigkeit angewiesen sind.

 

Möchten wir uns damit begnügen, uns nach dem Prinzip „leben und leben lassen“ durchzuwursteln, oder vermögen wir unserem Leben auch etwas mehr abzugewinnen als was der Ratschlag nahelegt, immer nur auf die fröhliche (helle) Seite des Lebens zu schauen? Am Anfang war das, was wir „Neuzeit“ nennen, die ohne Hinzuziehung des Türken jeglicher Nachvollziehbarkeit entbehrt und über Jahrtausende aufgestaute Hoffnungen des östlichen Mittelmeerraumes, die der Türke aufgefangen hat, zunichte machte. Nachdem aber der neuzeitliche Putz der von alters her geläufigen Herrschaft einiger Weniger abzubröckeln begann, sah man sich, auch wenn der Türke schon längst nicht mehr im Blickpunkt stand, gezwungen, sich aus der Beharrlichkeit, aus den Koordinaten der Diesseitigkeit Sicherheitspendendes abzugewinnen, einen Typus zurechtzulegen, auf den man je nach Bedarf mit dem Finger zeigen konnte: „Ist es etwa das, was ihr wollt?“ Immer nur und ausschließlich derjenige ist es, der es als eine Befreiung empfindet, der Frage, wovon wir uns etwas versprechen, was wir unser Eigen nennen, nicht nachgehen zu müssen, der sich von dieser Frage angesprochen fühlt.

 

Wer entscheidet, wer ein Deutscher ist, darüber, dass die Antwort dieser Frage uns lediglich darüber informiert, wie der Mensch es eben nicht halten sollte? Kapitalnotwendigkeiten? Solange und insofern es dem Deutschen freisteht, auf ein Wort wie „Schicksal“ zurückzugreifen, wird man auch dafür sorgen müssen, dass er keine Anstalten macht, mit der tollen Idee zu überraschen, zu fragen, was das überhaupt ist: das Gottgegebene, um es sich eventuell als das „Schickliche“ schlechthin zu Eigen zu machen. Solange es jedoch ein Ding der Unmöglichkeit bleibt, einen Unterschied zu machen zwischen einer den Kapitalanwandlungen geschuldeten America-First-Politik und einer von einem Bewusstsein zeugenden Außenpolitik für das, was wir unser Eigen nennen und was nicht, wird man dem – seinen fahnenflüchtigen Soldaten hinterhergerufenen – Satz Friedrich des Großen „Wollt ihr etwa ewig leben?“ lediglich einen zynischen Sinn abgewinnen können und es unbemerkt bleiben, dass sowohl der Ausgang des Brexit-Referendums wie auch der amerikanischen und französischen Präsidentschaftswahlen es darauf abgesehen haben, sich eben diese Unmöglichkeit zunutze zu machen. Und was, wenn die America-First-Politik nur eine „Germany-First-Politik“ um zig Ecken ist?

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Die deutsche Frage: Surrogat für deutscher Islam

Von der „Heimat des Islam“ zu sprechen, dürfte zweifach befremden. Entweder wird man die Bodenständigkeit des ersten der Penetranz des anderen gegenüberstellen oder den Universalitätsanspruch des zweiten mit der Ausgrenzungstendenz des ersten nicht vereinbaren können. Je nach dem, welchem Namen man Ehre machen will – dem eines aufgeklärten Muslim oder aufgeschlossenen Patrioten. In jedem Fall wird man sich ereifern, den Vorwurf eines sich trefflich ergänzenden Gespanns vorwegzunehmen. Denn die Rezeption unserer Worte geht ihrer geistigen Gestaltannahme immer voraus – damit wir nicht aus den Augen verlieren, dass das, was unserem Wort nicht nur einen Sinn stiftet, sondern ihm auch seinen Wert und seine Tragweite verleiht, das von ihm in Rechnung Gestellte ist. „Wird die Europäische Union zerfallen?“ Ist es, dass Europa ein zwischen dem Konstrukt EU und Washington verkeilter Kontinent ist, was diese Frage in Rechnung stellt? „War die EU eine große Illusion?“ Welchem Selbsttäuschungsmanöver möchte diese Frage auflauern? „Die vielbeschworenen Dämonen“, wird man entgegenhalten, „die es in Rechnung zu stellen gilt und die man wähnte, anhand des europäischen Integrationsprozesses im Zaum zu halten“. Doch genau da liegt des Pudels Kern.

 

Zuallererst müssen wir uns Klarheit über „Europa“ verschaffen – anhand der Frage, die der Sorge entspringt, unser Leben vor der sich innerhalb gegebenen Rahmens einrichtenden Beliebigkeit zu bewahren. Ist Europa ein Ort, den Begriffe wie Entschlossenheit, Hartnäckigkeit und Standhaftigkeit zu einer historischen Größe aufsteigen ließen oder eher Sturheit, Halsstarrigkeit und Dickköpfigkeit? Ein Begriffspaar, das zwischen Entschlossenheit und Sturheit; Hartnäckigkeit und Halsstarrigkeit; Standhaftigkeit und Dickköpfigkeit unterscheidet, kann für uns insofern richtungweisend sein, als es uns nahelegt, dass das, was ein „Nachgeben“ im Leben eines Menschen zu etwas Gedeihlichem macht, die Überwindung des Trugbildes ist, „zwischen dem Teufel und der tiefen blauen See“ eine Entscheidung treffen zu müssen. Je nach dem, ob unser Leben dieses Begriffspaar in Rechnung stellt, wird es uns erspart bleiben, dem Glauben anzuhängen, es gehe einzig um ein ausgewogenes Verhältnis zur Realität, und sich uns ein neuer Realitätssinn erschließen nach Maßgabe dessen, was ein „Nachgeben“ erst zu einem solchen macht, anhand dessen uns erst vermittelt wird, was wir „durchhalten“ müssen. Das im Hinterkopf, fragen wir: Wie kam es zu einem Ort namens „Europa“?

 

»Nach Poitiers gewinnt der Begriff Europa vorübergehend eine gewisse Bedeutung. Dreißig Jahre nach der Schlacht schreibt der Spanier Isidor der Jüngere: Wenn die Europäer des morgens aus ihren Häusern treten, sehen sie die ordentlich aufgereihten Zelte der Araber. Im Jahre 800 wird dann der heilige Kaiser Karl der Große „ehrenwertes Haupt Europas und „Vater Europas genannt. Nach seinem Tode aber, wird die Europaidee von der Idee der Christenheit absorbiert und geht in deren inneren Auseinandersetzungen unter: das Wort „Europa, so scheint es, taucht bis zum 14. Jahrhundert nicht mehr auf… Daher könnte man sagen, dass zunächst einmal der Islam Europa macht, indem er die Christenheit auf Europa beschränkt (7. Jahrhundert), und dass sich Europa als Gegenreaktion auf den Islam selbst macht, als es diesen 732 bis hinter Poitiers zurückdrängt…«*

 

Den Europäer kann es im Grunde nicht geben, sondern nur „Europa“. Nicht Europa verdankt seinen Namen der Spezies „Europäer“, dem europäischen Menschenschlag. Vielmehr fungiert dieser wie auch das Adjektiv „europäisch“ als ein Bezug auf eine geographische Beengtheit. Mehr als die Bezeichnung des Ortes der „Notlösung europäische Zivilisation“ lässt sich nämlich folglich aus „Europa“ nicht herausholen, als Ort einer großangelegten Reaktion auf diese Beengtheit. Indes nicht anlässlich der Islamisierung der arabischen Halbinsel im 7. Jahrhundert, die das beendete, was man im Nachhinein Antike hieß. Es war die Islamisierung Anatoliens im 11. Jahrhundert, und namentlich das Scheitern der Kreuzzüge im Gefolge, die der Versuch waren, dieser Beengtheit zu entkommen, was für das Verständnis eines nachhaltigen Lebens auf dem europäischen Kontinent in Betracht gezogen werden muss. Europäer nennen wir demnach diejenigen, die erst mit der Islamisierung Anatoliens seitens derer, die sie vorzugsweise Türken nannten, gezwungen waren, sich entweder mit dem Gedanken eines Lebens mit (sprich: unter) den Türken anzufreunden und sich somit die Möglichkeit zu erschließen, sich vom Joch einer christlich-jüdischen Falsifizierung zu entledigen oder sich etwas Anderes einfallen zu lassen: nämlich das christlich-jüdische Erbe mit griechisch-römischen Praktiken zu vermählen, damit den Profittrieb zu untermalen und als den „letzten Schrei“ feilzubieten. Nicht die Europäer entschieden sich für das Zweite, sondern diejenigen, die sich in das Zweite festgerannt haben, können wir mit keinem anderen Namen belegen als „Europäer“. Daher: Jeder, für den die europäische Zivilisation, wenn nicht das Non-plus-ultra, so zumindest doch das kleinste Übel ausmacht, sollte sich fragen, inwiefern ein zivilisiertes Leben, das ist: ein Leben, das auf einer – mehr oder weniger – breiten Übereinkunft beruht, einem Leben vorzuziehen ist, das sich daran orientiert, dass einem die Möglichkeit gegeben sein muss, sich davor zu bewahren, vom Falschen, Schlechten und Üblen auszugehen. Denn was ist ein zivilisiertes Leben anderes als die Beilegung (nicht Austragung) und Stilllegung (nicht Stillung) grundsätzlicher Fragen und essentieller Bedürfnisse zwecks Wahrung eines gesellschaftlichen Equilibriums aus Geben und Nehmen?

 

Die Jahre des Ersten Weltkrieges sind voll von Bezügen auf den Türken. Die Zeit schien reif für die Abrechnung mit ihm. So bezeichnet Louis Bertrand, Mitglied der Académie française und Verfasser des drei Jahre nach der Gründung der Türkischen Republik 1923 erschienenen Devant L’Islam, die Eroberung Amerikas als den „letzten Kreuzzug“; den Versuch, den Türken von hinten anzufallen. Es ist das Verdienst der im Namen europäischer Beengtheit Agierenden, es vermocht zu haben, zunächst den Islam mit dem „blutrünstigen“ Gesicht des Türken identifiziert zu haben, um anschließend, als es in den kulturellen und politischen Zentren europäischer Beengtheit hoch angesagt war, sich der Hohen Pforte anzubiedern, die Notlösung initiiert zu haben, die den Vorzug hatte, den Islam zu etwas (ohne den Türken) Vorstellbarem gemacht zu haben, das heißt: zu etwas vollkommen Unverbindlichem. Türke ist daher, entgegen aller landläufigen und festgefahrenen Annahmen, weder der Name einer irgendwann im frühen Mittelalter islamisierten Rasse, einer ethnischen Volksgruppe mit gemeinsamer geographischer Herkunft und charakteristischen erblichen Merkmalen, noch der einer kulturell geprägten Volkszugehörigkeit, aber auch nicht der Name des Hauptrepräsentanten einer bestimmten Richtung des Islam; sondern: schlicht und einfach, der Name dessen, was den Islam erst zu dem gemacht hat, was er ist, nämlich eine „Verbindlichkeit“. Und diejenigen, die davon profitiert haben, einen Keil zwischen Islam und den Türken getrieben zu haben, um so den Islam zu etwas Unverbindlichem zu machen, setzen heute alles daran, diesmal das Türkentum zu etwas (ohne den Islam) Vorstellbarem zu machen. Doch, müssen wir uns fragen, was hat das alles mit Heimat zu tun, einem dem nationalistischen Sprachgebrauch entlehnten Begriff?

 

Wir müssen etwas vorausschicken: davon ausgehen, dass der Mensch ein Wesen ist, der dazu disponiert ist, nach eigenem Gutdünken zu handeln; oder auch nicht. Nicht nur steht ihm frei, so oder so zu handeln, eine gute oder schlechte Partie zu liefern, sondern auch all dies über den Haufen zu werfen. Wir können uns für ein unhaltbares, gewöhnungsbedürftiges oder auch vorzugswürdiges Leben entscheiden, d. h. für eines, das man anderen antragen kann, ohne in Verlegenheit geraten zu müssen. Doch sobald wir uns für Dinge entscheiden, die man nicht nur anderen nahelegen, sondern auch von ihnen erwarten kann, dass sie sich dafür entscheiden, bewegen wir uns in Richtung „Nation“. Nur, wird man entgegenhalten, dass man sich über das Unhaltbare, Gewöhnungsbedürftige und Vorzugswürdige wird nie ganz einig sein können. Überdies: dass Menschen behaupten, darum zu wissen, was gut und schlecht für sie ist, mag noch hingehen. Doch ist es nicht, dass sie sich darüber hinaus dazu anmaßen, das auf Andere auszuweiten, ihnen ihre letzten Gewissheiten aufzwingen, was zur „Ur-Katastrophe“ des 20. Jahrhunderts geführt hat und was es gerade zu unterbinden gilt? Damit hätten wir die Frage, die uns den Pudels Kern verhehlt.

 

Das 19. ist das Jahrhundert, in dem das Behelfsmäßige, Palliative und Kurzlebige der „Notlösung“ die Gemüter nicht mehr hinlänglich überzeugte, eben zu kurz zu greifen anfing. Beruhte ihre Überzeugungskraft doch auf der hemmungslosen Ausbeutung und Ausnutzung der Vergänglichkeit des Menschenlebens auf Erden, nicht auf ihrer Mitberücksichtigung. Die Grundstimmung war in einem Gefühl für nicht zu befriedigende Unzulänglichkeiten grundsätzlicher Art angesiedelt, was die Aufhebung von Unterscheidungen auf den Plan rief, die den Nährboden lieferten für Trennungen wie Selbstverwirklichung und Allgemeinwohl. Das prompt mit dem Etikett „romantisch“ zu belegen, kam einigen zupass und sollte hernach seinen Zweck erfüllen – taugte es doch zum Vorwurf der Einseitigkeit. Doch, gilt es unbedingt in Betracht zu ziehen, zeugte das 19. Jahrhundert zugleich vom Auftakt des Prozesses der Einverleibung der Gebiete der Non-Market Economy in diejenigen Kapitalverhältnisse, die die Notlösung angetrieben haben; nämlich derjeniger Gebiete, unter denen lediglich die türkischen Lande ihre Existenzberechtigung aus Beziehungen ableiteten, die mit diesen Verhältnissen in keinster Weise vereinbar waren. Denn nur diese konnten in einen mittelbar ursächlichen Zusammenhang mit diesen Verhältnissen gesetzt werden. Das firmierte fortan unter dem Namen „Orientfrage“. Orient hieß der Islam nach der Entwarnung; als Gefahr im Verzug war, trug er den Namen „Türke“.

 

Nun zur Sache: Frankreich war in seinem Versuch kläglich gescheitert, dem Britischen Empire seine Rolle als den Hauptbenefizianten und -stoßkraft der Notlösung abstreitig zu machen. So stellte das Empire nach Waterloo auf dem Wiener Kongress 1815 sicher, dass keiner der Beteiligten (Österreich-Ungarn, Frankreich, Preußen oder Russland) Anstalten machte, aus der Orientfrage im Alleingang eigenen Nutzen zu ziehen – eigenen Nutzen hieß: im Dienste und zur Förderung einer seitens aller anvisierbaren Idee. Im Zarenreich war das „Mütterchen Russland“, in der Donaumonarchie die Kaiserkrone und im Deutschen Kaiserreich der Reichsadler oder die preußischen Tugenden. Denn die Kapitalanhäufung zugunsten einer von allen hochzuhaltenden Idee hatte innerhalb der Kapitallogik einen Haken: Zwar war es nicht undenkbar, jemandem nahezulegen, sich im Namen des Kaisers, des Reiches oder preußischer Tugenden eine goldene Nase zu verdienen. Doch: da der umgekehrte Fall oder die Anempfehlung der Anhäufung um der Anhäufung willen eher ein Unding zwischenmenschlicher Beziehungen ist, war es nur folgerichtig, dass diese (die Kapitalanhäufung zugunsten einer von allen hochzuhaltenden Idee) diejenigen Tendenzen begünstigte, die davon ausgingen, dass wenn etwas einem zugute kommt, auch anderen nicht schaden dürfe, wenn es anderen zum Schaden gereichte, man auch selbst nicht in ihm einen Vorteil suchen dürfe. Dass das damit gleichgesetzt wurde, was man das Aufkommen des Nationalismus nennen sollte, der zur Penetranz und Ausgrenzung tendierenden imagined communities, entsprach den Interessen derer, die davon profitierten, dass man annahm, es existiere eine jeweils nach unterschiedlicher Logik operierende „Ich-“ und „Wir-Ebene“. Und das ist das Einzige, wovon die Kapitallogik größtmöglichen Nutzen zu ziehen vermag. So trat das Kapital denn auch die Flucht nach vorne an, indem er in die Verhältnisse des Finanzkapitals auswich, die mit der Vorstellung der kollektiven Entität als einheitliches Ganzes unvereinbar sind. Und in diesem Zusammenhang war es insbesondere die Tendenz der 1871 im Gefolge des Krimkrieges zu einem Reich vereinten deutschen Gebiete, die Orientfrage in den Dienst eines dem Bildungsbegriff nahestehen Bürgertums zu stellen, was in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Augen derer, die davon profitierten, dass das Profitgehabe Zuflucht in den Verhältnissen des Finanzkapitals nahm, zu einer nach Lösung drängenden Frage führte, die man die Deutsche Frage nannte.

 

Hätte ein Bismarck die Deutschen vor dem Ersten Weltkrieg bewahren können? Wer entscheidet über eine Deutsche Frage? In wessen Initiative liegt es, eine solche auf die Tagesordnung zu setzen, sie wieder abzusetzen? Wiedervereinigung ist die freiwillige Belastung deutscher Zustände mit einer viel größeren und schwereren Hypothek als vor dem Fall der Mauer. Ohne dieses Unterpfand als Zeichen der Bündnistreue dürften sich die Deutschen eines geteilten Deutschlands brüsten. Es berechtigte zur Frage, was es ist, das zwei Deutsche miteinander verbindet und das hieße: in welchem Separativ das Menschenverbindende zu suchen ist. Täusche man sich nicht: Die Wiedervereinigung hat mit dem Datum 1871 nichts gemein. Denn es gibt keine Fahrt gen Westen. Solange die Umstände der schwereren Hypothek den Deutschen zum Segen gereichen, bleibt die von unsichtbarer Hand auf die Tagesordnung gesetzte Deutsche Frage unter Dach und Fach. Ein bewusstseinsbildendes Gemeinschaftsgefühl war nie die Stärke der als Scharfmacher klassifizierten. Doch sollten wir wissen, dass wenn die Deutsche Frage diesmal unter dem Schlagwort „Eurokrise“ abermals auf der von Smiths unsichtbarer Hand gedeichselten Agenda steht, dann weil der Prozess der seit dem Wiener Kongress 1815 anlaufenden Heimatlosmachung der „Verbindlichkeit namens Türkentum“ als das allerdringlichste Anliegen der Finanzkapitalverhältnisse endgültig zu einem dauerhaften Abschluss gebracht werden muss. Wann immer von einer Deutschen Frage die Rede ist, steht die ungestellte Frage im Raum, wie sich der Deutsche angesichts einer Haltung verhalten wird, die es auf diese Verbindlichkeit abgesehen hat.

 

*          Edgar Morin, Penser L’Europe (Europa denken), 1987

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Die letzte Hoffnung eines aufatmen wollenden Kapitalismus: Ein heimatloser Islam

Es kann nicht sein, dass wir meinen, über etwas im Bilde zu sein und uns zugleich darüber im Unklaren sind, was unser Übel ausmacht und wie wir uns davor bewahren können. Eine Haltung, die daherkommt, wie wenn sie die Wahrheit für sich gepachtet hätte, vermag nie über ein immanentes Achselzucken hinauszukommen. Ihr wird es immer nur um Schadensbegrenzung gehen. Es ist daher der Dünkel, was unser Unwissen ausmacht, unser Wissen anhand der Grenzen unseres Erkenntnisvermögens, der Schranken, die ihm gesetzt sind, abstecken zu können. Wissen muss uns in erster Linie unsere Ignoranz erkennen lassen, nämlich einzusehen, dass ein Wissen um unsere Grenzen und Schranken uns einzig in unserem Vertrauen in die Allmacht Gottes bestärkt.

 

Kann es sich bei dem Vorwurf, die Türkei sei drauf und dran, sich einem Diktator auszuliefern, um einen Ausdruck der Sorge darüber handeln, dass einer anderen Absegnung als der des Kapitals Geltung zu verschaffen, der Garaus gemacht wird? Ohne in Rechnung zu stellen, dass das Primat des Kapitals unter der Ägide des Dollars eine neue türkische Verfassung in Auftrag gegeben hat, und diese, auf Teufel komm raus, durchboxt, wird man sich seines Unwissens nie sicher sein. Das ist das eine; das andere ist: Der auf dem Vorwurf antidemokratischer, diktatorischer Regierungspraktiken fußende Diskurs ist ein wesentlicher Bestandteil der Absegnungsstrategie der Nachkriegsordnung, der uns Auskunft darüber gibt, mittels – unter anderem – welchen Vokabulars man die Gunst der Stunde erbitten kann. Der Zweite Weltkrieg ist die große Wasserscheide, die die Zügel aus der Hand des Goldstandards gerissen und in die Hand des Dollars gedrückt hat. Der Dollar steht demnach für das Europa ständig unter seine Nase geriebene Unvermögen. Sonst spräche aus Worten wie, dass „die Wirtschaftsmacht Deutschland in die Position der entscheidenden politischen Großmacht Europas hineingeschlittert* ist, nicht die Sorge, denselben Absegnungsmechanismus zu vergraulen.

 

Wir müssen etwas ausholen: Dass das, was der Pax Romana ihr definitives Ende bereitet hat, die Islamisierung des Fruchtbaren Halbmondes ist, wird niemand groß abstreiten wollen. Doch dann sollten wir umso mehr auf den blinden Fleck aufmerksam werden, den wir dafür bewahren sollen, dass das, was das Heilige Römische Reich in einem symbiotischen Bündnis geistlicher und weltlicher Autorität zu einer das Schicksal der Europäischen Zivilisation bestimmenden Größe aufsteigen ließ, die Islamisierung Anatoliens ist. Erst wenn wir der Feudalordnung die Funktion eines Schutzschildes gegen das Vordringen der türkischen Ordnung angedeihen lassen, werden die Beziehungszusammenhänge, die das Heilige Römische Reich zu einer Fehdeordnung werden ließen, aufhören, uns ein Rätsel aufzugeben. Es war die Abwehrhaltung, die im hohen Mittelalter dem Klerus eine unumschränkte Macht verliehen hat und auch einen kodifizierten und hereditär weitergegebenen Adelsstatus aufkommen ließ. Suchen wir eine Brutstätte des Kapitalismus, so werden wir unter den Fittichen dieser Feudalordnung fündig, unter denen am Ausgang der Kreuzzüge der Kapitalismus in den italienischen Stadtstaaten seine Inkubationsphase durchlaufen hat.

 

Die Feudalordnung erfuhr Europa als ein blindes Fatum, was man über sich ergehen lässt; ohne den Kopf darüber zu zerbrechen, was das Erduldete wert ist, denn das verbat sich bereits durch die Erbsünde. Da setzte man auf den Zauber des doux commerce, der am Horizont nur den Wenigsten zuwinkte. So wurde in den italienischen Stadtstaaten, in Brügge und Antwerpen durchgespielt, was späterhin ausgehend von den Metropolregionen zur Regel wurde: Geldschöpfung um ihrer selbst willen in immer weniger Händen. Im 18. Jahrhundert war man dann soweit, ja sah sich aus Effizienzgründen vielmehr genötigt, eigens eine staatstragende Mittelschicht auf Kosten der angestammten Kräfte des Ancien Régime ins Leben zu rufen, und die Segnungen des doux commerce zum Horizont von immer mehr Menschen auszudehnen. So wurden Begriffe wie Demokratie und Menschenrechte zu Schlagworten der Ansprüche auch nicht-adliger und nicht-klerikaler Kräfte, an diesen Segnungen teilzuhaben. Die Invention der neuen Mittelschicht hieß die völlige und endgültige Auflösung alter als Fatum erfahrener Bindungen zugunsten neuer unabwendbarer. Denn man hatte zwar dem blinden Fatum ein Schnippchen geschlagen, doch hinfort die Notwendigkeit der Marktgesetze an der Backe.

 

Die Französische Revolution beseitigte nur den „hereditären“ Teil der Noblesse. Sie rückte vielmehr den Begriff der Republik als den der Demokratie in den Vordergrund. Im Grunde kam es nur darauf an, ob der Zugang zur Klasse der Begünstigten eine Erbsache war oder eine res publica: Sache des Gemeinwesens – vorausgesetzt man verfügte über Möglichkeiten des Zugangs zur neuen Mittelschicht, der Bourgeoisie, was mit dem Zugang zum immer mehr ausartenden Blendzeug des inzwischen industrialisierten Profitgebarens gleichbedeutend war. „Frei geboren“ sein hieß, um zur Klasse der Privilegierten zu gehören, nicht mehr, den Auflagen einer hereditär bestimmten Gesellschaftsordnung unterworfen zu sein. Doch eine nicht ererbte, nur durch Bildung und Erziehung erworbene und weitergegebene Noblesse zu pflegen und zu unterhalten, war das entscheidende Gebot der neuen Mittelschicht. Denn noch war man gezwungen, den Menschen ein vom Kapital unberührtes und unbeflecktes geistig-moralisches Wirkungsgebiet einzuräumen. Auf die Gefahr hin, dass der nicht-hereditäre Teil der Noblesse Gemeinschaften zeigte, die man auf – die Kapitallogik eventuell hintanstellende – Superioritäten einschwor, schrieb sich der Erste Weltkrieg auf seine Fahnen, auch diese aus dem Weg zu räumen.

 

Nichtsdestotrotz war es erst der Zweite Weltkrieg, der das Seine-Schäfchen-ins-Trockene-Bringen zur einzigen Lebensstimmung erhob und einem Leben, das auf das uneingeschränkte Primat des Profits abgestellt ist, seine Tiefen- und Breitenwirkung verliehen hat. Das lief zugleich auf die Verinnerlichung einer Ultra-Gleichgültigkeit hinaus, die sich durch eine sich zutiefst wahrheitspächterisch gebende Haltung zu kompensieren sucht; unter Bedingungen der größtmöglichen Ausdehnung der Genüsse des Kapitalismus; der Herrschaft der Mittelmäßigkeit namens Demokratie eben, die ihre historische Glanzzeit erlebt – was einer unumschränkten Superiorität des Dollars gleichkommt und, hierauf kommt es im Grunde an, nur durch die völlige Austrocknung desjenigen Terrains seinen Bestand sichern kann, das der Kapitalgläubigkeit seinen Nährboden entzieht: eine auf die Diesseitigkeit nichts gebende Haltung als Ausdruck des Vertrauens in die Allmacht Gottes.

 

Im Zuge der Trockenlegung dieses Nährbodens hängt heute (für den Kapitalismus) alles davon ab, ob der mit dem Türken identifizierte Islam – ein Leben, das sich allein daran misst, worin es vertraut –, nachdem er am Ausgang des 16. Jahrhunderts abgebremst und Anfang des 20. Jahrhunderts im anatolischen Raum festgesetzt werden konnte, unter Einsatz von ausschließlich auf den Instinkt des nackten Überlebens der Menschen bauenden Überzeugungsmethoden per „Verfassungscoup“ aus seiner Heimat auf türkischem Boden vertrieben werden kann oder nicht. Das ist das eine; das andere ist: Die Umstände, die eine historisch einmalige Inflation des demokratischen Phrasendreschens mit sich brachten, tun sich gleichzeitig als jene hervor, in denen der Greenback die Währung derer ist, die hierauf ihre letzte Hoffnung setzen, indes die Frust derer in Europa ausmacht, die darauf bauen, dass ihnen bei diesem Geschäft auch was abfällt.**

 

* Ulrich Beck, Das deutsche Europa, 2012, S. 7.

** Der US-Finanzminister John Connally formulierte es 1971 folgendermaßen: „[The Dollar is] our currency, but it‘s your problem“.

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Wessen Freund ist der Deutsche?

Niemand will zum Narren gehalten werden und doch in vollen Zügen Narrenfreiheit genießen dürfen. Geistige Unzulänglichkeit entscheidet sich in erster Instanz an den Dingen, die wir nicht übers Herz bringen, hochkant in den Wind zu schießen. Diejenigen Sachen, ohne die der Mensch meint, nicht auskommen zu können, geben uns Aufschluss über sein geistiges Niveau. In welcher Angewiesenheit ist unser Charakter zu Hause? Ohne den Menschen zum Gefangenen einer der Biologiedisziplin verpflichteten Weltanschauung zu machen, ohne die Wirtschaft zu seinem unentrinnbaren Schicksal zu erklären, lässt sich der Ökonomie keine Eigengesetzlichkeit zuschreiben. Doch glauben wir, im Grunde komme es nur auf eine angemessene Proportionierung unserer Verzichtleistungen an, wird uns das Gefühl, in der Zwickmühle zu stecken, nie verlassen, während die Frage, zugunsten der Erschließung welches Terrains wir worauf verzichten sollten, uns davor bewahren wird, im Leben einen Drahtseilakt auszumachen.

 

Dass wir in bestimmte Verwandtschaftsverhältnisse hineingeboren werden, in diese eingebettet sind, verhilft uns zu der Einsicht, dass es für ein menschlich gedeihliches Miteinander etwas bedarf, was über diese Verhältnisse weit hinausgeht und durch diese weder fassbar noch zugänglich ist. Jede „Nation“ erkennt man an diesem Darüberhinausgehenden, daran, wo sie es sucht. Das, woran wir als Individuen desselben Kollektivs einander erkennen, formt uns zu einer Gesellschaft. Das, worauf wir uns als Kollektiv verlassen, worauf wir bauen, schmiedet uns zu einer – uns von anderen gesellschaftlichen Entitäten trennenden – Gemeinschaft. Legen wir Wert darauf, dass diejenigen Werte, die uns eine Zugehörigkeit bescheren, uns zugleich eine Angehörigkeit stiften? Ist das, was ich finde, dass es mir ziemt, zugleich etwas, was ich auch anderen ans Herz legen, ja von ihnen erwarten kann? Sowohl der heute dank der Marktmechanismen Möglichkeiten der allerhöchsten Erfüllung genießende Mantel der Nächstenliebe in mannigfacher Couleur als auch der sich ihn – nur zu gerne – umlegende Glücksschmied in eigener Sache sind einem solchen Selbstverständnis abträglich.

 

Die Deutung dessen, was wir als Geschichte kennen, stellt Anforderungen an den Menschen, denen er von Hause aus nie gewachsen sein wird. Uns steht eine Geschichte zur Disposition, aus der wir vielmehr ersehen können, welches Vertrauen aus welcher Ansammlung von Menschen welches „Volk“, welche „Nation“ oder welchen Haufen geschaffen hat. Berufen wir uns hierfür auf einige mit dem Duktus eines Blickes auf diese Geschichte ausgestattete Zeilen aus der Feder des türkischen Dichters Ismet Özel, zitiert aus einem Online-Artikel vom 17. Februar 2017 mit dem Titel „DER MENSCH IST SEINER HEIMAT* DER NÄCHSTE, SAGTE DIE EINSICHT; WAS ZÄHLT, IST DAS BLUT, ES IST DER VAMPIR, DER DEM BLUT DER NÄCHSTE, FROHLOCKTE DIE IGNORANZ“.

 

Indem die dichterischen Möglichkeiten von Rumelien reaktiviert, d. h. die Erfahrungen der Hellenisierung und Romanisierung in eine koranische Erziehung transponiert wurden, wurde eine türkische Ordnung ins Leben gerufen. Das Sunnitentum und das Hanefitentum lieferten der Staatspolitik die Geschäftsgrundlage. Ohne die türkische Ordnung zu instrumentalisieren, hätte weder die seldschukische noch osmanische Herrschaft Anwendung finden können. Ihre Früchte zeitigte die türkische Ordnung anhand der „Beraya“-Solidarität**. Die Devise dieses Wissens wurde: „Der Mensch ist seiner Heimat der Nächste.“ Der Kapitalismus, der seinen Grundstein in den italienischen Stadtstaaten gelegt hat, machte mobil, um die türkische Ordnung, gegen die er von innen nicht anzukommen vermochte, einzukesseln und so von außen zu neutralisieren. Das, was alle Welt als Fortschritt, Evolution, Aufschwung kennt, ist nichts anderes als das Delirium, dem man verfiel, um den Halbmond in den Schatten zu stellen. Der „Westen“ suhlt sich noch immer im Rausch dieses Deliriums. Angesichts des Aufkommens einer türkischen Heimstätte auf Erden sah sich der Kapitalismus gezwungen, seinen Grundstein in den italienischen Stadtstaaten, allen voran Venedig, zu legen. Somit stellte sich einer mit dichterischen Möglichkeiten aufgebauten Gesellschaftsordnung eine mit monetären Möglichkeiten aufgebaute gegenüber.“

 

Europas kollektive Gedächtnis kennt nichts Unheilstiftenderes als den „Türken“. Es ist die Wütende Horde in vielerlei Gestalt, die in seinem kollektiven Unterbewusstsein ihr Unwesen getrieben hat. Was heißt das? Ist die europäische Zivilisation die bittere Pille, die die Europäer gezwungen waren, zu versüßen, bevor sie sie schluckten, der saure Apfel, den sie kandieren mussten, um in ihn zu beißen, so dass sie nicht gezwungen waren, die Konsequenz aus der andauernden Bedrängung seitens der türkischen Ordnung zu ziehen, oder lässt sich auch benennen, worin das Unheil bestand, vor dem sich die Europäer bewahrt haben, indem sie sich die Türken vom Leibe hielten? Welche Verderbnis erwartete die Europäer, falls sie in den faustian bargain namens westliche Zivilisation nicht eingewilligt hätten? Die europäische Zivilisation hat sie vor den Bedingungen solcher Fragen bewahrt, und hierin liegt ihr einziges nicht nur historisches Verdienst.

 

Es sind die Ausdünstungen des von solchen Fragen ausgehenden Schweigens, was heute die Inszenierung einer Schmiere namens IS ermöglicht hat. Was der türkischen Ordnung ihr Gepräge verliehen hat, nämlich: das Primat der Heimat, war (ist) nicht die Bereitschaft des Einzelnen, sich dem Kollektiv, einem kollektiven Ideal, unterzuordnen, sondern der Wille, den Bestand der Gemeinschaft von der Kultivierung von etwas abhängig zu machen, was man anderen nicht nur ans Herz legen kann, sondern was einen auch dazu berechtigt, ihnen zur Last zu legen, ihren Vorteil nicht darin erblickt zu haben: das ist das Vertrauen in Gott. Was diese Ordnung ausmacht, lässt sich daran erahnen, dass Europa nur unter der Voraussetzung der Ausblendung der türkischen Ordnung zu einem Ort wurde, der einem in dem Maße Erfolg versprach, wie man in der Lage war, Gewöhnungsbedürftiges an den Mann zu bringen. Und es ist das Grundmerkmal des „Nicht-türkisch-Seins“ der europäischen Zivilisation, was ein Deutschland, das dazu neigt, seine Energien eher aus der Anstrengung Bedürfendem zu schöpfen, zum Sorgenkind des Westens erklärt hat.

 

* „Vatan“ bezeichnet im Türkischen sowohl das eher Verbindende, die Heimat, als auch das eher Trennende, das Vaterland.

** Die „beraya“ bezeichnete im osmanischen Millet-System die von Abgaben befreite muslimische Klasse, im Gegensatz zur Klasse der „reaya“, den steuerpflichtigen Schutzbefohlenen.

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