Wer wir sind, entscheidet sich daran, wem wir was schulden

Weder möchten wir darauf verzichten, zu glauben zu wissen, wie alles, was uns ständig an Berichtenswertem serviert wird, das Produkt eines offenkundig manipulativen Selektions- und Verzerrungsmechanismus ist, noch auch darauf, seitens dieses jeglichem Bewusstsein spottenden Apparates zum Besten gehalten zu werden. Wahres verdankt seine aufklärende Eigenschaft nie dem Umstand, dass es den Tatsachen entspricht, sondern ist allein darin begründet, wer sich auf ihn beruft. „So wahr mir Gott helfe“ – das ist kein Eid auf die Wahrheitstreue, sondern drückt das einzig Vertrauenswürdige aus. „So wahr ich lebe“ stünde sonst auf tönernen Füßen. Halten wir uns daher hieran: Bei wem stehen wir im Wort? Sprechen aus einem Wort eher Bedenken, die die Gültigkeit der Frage, wer ich bin, davon abhängig machen, dass sie nicht ins Politisch-Ideologische hinübergreift? Wie förderlich die Frage „Wer bin ich?“ für einen verkümmerten Gemeinschaftssinn ist und die Frage „Wer sind wir?“ für ein gestörtes Persönlichkeitsbewusstsein, erahne man daraus, wer aus den diesen Fragen das Wasser abgrabenden Bedingungen einen Nutzen zieht. Immer dann, wenn ich das Leben als etwas lebe, was es zu überwinden und zu bewältigen gilt, womit ich zurande zu kommen habe, heißt es, mich diesen Fragen verschlossen zu haben. Und solange die Erfolgsquote meiner Bemühungen der Weltbewältigung über mein Leben entscheidet – sei es, dass sie ihren sublimiertesten Ausdruck unter anderem in der kollektiven Suche nach einer umfassenden theory of everything finden – wird es den einzigen Unterschied machen, ob es mich oder einen anderen Sterblichen im Leben getroffen hat, und nicht den geringsten Unterschied machen, dass ich an meiner Trauerfähigkeit arbeite, falls zur Abwechslung auch mal andere daran glauben müssen. Nur dann, wenn mich das, womit ich mich gezwungen fühle, vorliebzunehmen, um mit dem, was ich glaube, dass es mich plagt, zurande zu kommen, nicht hinreichend befriedigt, werde ich einen Sinn darin sehen, zu fragen: „Wer bin ich“? Wer bin ich, dass ich, ohne irgendwelche Niederträchtigkeiten zu meinem Bedürfnis zu erklären, von einem „Wir“ nicht ausgehen kann? Wer sind wir, dass wir, ohne von einem zu verlangen, sich in seinen Niedrigkeiten angesprochen zu fühlen, ein „Ich“ nicht voraussetzen können?

 

„Im Jahre 1900 war jeder einen guten Ton pflegender Amerikaner ein exilierter Europäer; im Jahre 2000 ist jeder Europäer am Puls der Zeit ein frustrierter Amerikaner – oder einer, der auf sein Visum wartet.“* Dient uns die Vergangenheit lediglich dazu, aus ihr die Lehre zu ziehen, dass nichts an einem spurlos vorbeigeht? Dass der „Amerikanismus“, der sich mit dem Zweiten Weltkrieg unbedingte Geltung verschafft hat, zu keiner Zeit gleichbedeutend war mit dem Siegeszug einer „amerikanischen Identität“, bewahrt noch heute niemanden davor, über den Atlantik zu schielen. (Doch aufgepasst: Amerikanismus ist nicht gleich Hegemonie Amerikas, sondern das, was die verbliebenen Hindernisse auf dem Weg zu einer unbedingten Kapitalhegemonie restlos ausgeräumt hat.) Für unverbesserliche Identitäts-Narren hält man seit dem Zweiten Weltkrieg den „Weltbürger“ parat, der auf dem globalen Markt zu Hause ist wie sonst nirgendwo, mit anderen Worten: den nichts mehr terrorisiert als eine bedingte Profitpriorität, der ohne ein gewisses Maß an musealem Bildungsinteresse für das unter Dach und Fach gebrachte alte Kontinent nie auskommt, und über dessen Interessen die Nordatlantik-Armee der Totalen Offenmarktpolitik wacht – abgekürzt: NATO. (Der Nordatlantik ist der Seeweg, der dazu diente, die „türkische Flanke“ aufzurollen, ohne die der Kapitalismus nie die nötige Beinfreiheit zu seiner Wucherung gefunden hätte.) Zwar war Europa noch nie der Ort, an dem es darauf ankam, wer man war, sondern allein womit man sich identifizierte. (Dass das zwei Paar Schuhe sind, ist bereits daran ersichtlich, dass von der Mitte des 17. Jahrhunderts an die Philosophen die Frage plagte, wie unter – in ständiger Veränderung begriffenen – Bedingungen noch von einem zusammenhängenden – eben identischen – „Ich“ und „Wir“ die Rede sein kann.) Nichtsdestotrotz ist es mit dem Ausgang des Ersten Weltkrieges gewesen, dass auf dem europäischen Festland grundsätzlichere Fragen des europäischen Selbstverständnisses aufkamen; am offenkundigsten unter anderem zur Sprache gebracht in Paul Valérys La Crise de l’esprit aus dem Jahre 1919. Denn es war der Erste Weltkrieg, der das credit money – das ist das, was für eine unbedingte Profitpriorität sorgt – endgültig aus der Defensive in die Offensive geholt hat.

 

Wie wir bereits wissen: Die römische Herrschaft stützte sich im westlichen Teil des Imperiums auf urbane Strukturen – die „civitates“. Im östlichen Teil habe sie sich zu diesem Zweck meist die bestehenden poleis zunutze gemacht. Polis – das ist die Einzahl im Altgriechischen für „Stadt“ oder „Staat“ – hieß, so wie es heute in der einschlägigen Literatur ausgedrückt wird und wie nichtssagend-banal das auch klingen mag, die antike „Gemeinschaft von Bürgern“ und stand von daher für einen „Personenverbandsstaat“. Als eine „Bürgergemeinde“ oder ein „Personenverband“ definiere sich die Polis nämlich nicht über ihr Staatsgebiet, ihr Territorium, sondern über ihre Einwohner, die Bürger. So hieß man den Polisstaat auch immer nach seinen Bürgern; nicht umgekehrt seine Bürger nach ihm – was zugleich erklärt, warum die Polis ein Stadtstaat war, ein Staat im Staat, aus solchem (nämlich: Rom) letztendlich auch das Römische Reich hervorgegangen ist. Doch worauf wollen wir hinaus?

 

Dazu zuerst Folgendes: Das Wort „Tier“ oder „tierisch“ führt uns, wann immer wir es im menschlichen Zusammenhang benutzen, in die Irre – und zwar im Wesentlichen. Es bezeichnet etwas Menschen und Tieren Gemeinsames. Doch kann es nie darum gehen, wieviel Tierisches im Menschen oder Menschliches im Tier schlummert. Solange wir nämlich glauben, Animalisches im Menschen und umgekehrt Humanes im Tier auszumachen, werden sich unsere Gedanken innerhalb der Grenzen der Bedeutung des Satzes bewegen, dass Verstehen immer und zugleich Entschuldigen ist: Tout comprendre, c’est pardonner. Indes: Was wir mit ziemlicher Gewissheit sagen können, ist, dass die Instinkte den Tieren ihr unentrinnbares Schicksal ist, während es dem Menschen stets freisteht, zu fragen, was in seiner Hand liegt und was nicht. Das wiederum führt uns zu folgendem Gedankengang: Sinkt jemand zum Tier herab, dürfte das nicht daran liegen, dass er seinen Trieben freien Lauf lässt, ungebärdig, zügellos um sich schlägt, kurz: das Tier in sich herauskehrt, sondern glaubt, so handeln zu müssen, wie er handelt, da er sonst wähnt, seinen Kopf nicht über Wasser halten zu können. Wann immer wir uns an den „Menschen“ heranwagen, indem wir das „Tierische“ näher zu bestimmen versuchen, so etwa beim aristotelischen zoon politikon, dem „Lebewesen in der Polisgemeinschaft“, d. i. der Mensch als ein politisches, sprich: soziales Wesen, sagen wir im Grunde nur: „Mit welch frommem Wunsch wir die Sache auch anzugehen versuchen, handelt es sich um die Causa Mensch, wird man die Folgen eines grundlegenden Geburtsfehlers immer zu tragen bereit sein müssen. Was uns in menschlicher Aufmachung entgegentritt, ist und wird daher immer ein Ritter von trauriger Gestalt bleiben.“ Doch: Nicht das über das Tieren und Menschen Gemeinsame Hinausgehende bestimmt über den Menschen. Tiere sind nicht-menschliche Wesen; sprich Wesen, die ihr Leben nicht ihren Entscheidungen verdanken; in deren Schicksal es nicht liegt, sich entscheiden zu müssen, was ihnen als Mensch geziemt und was nicht. Ob wir verdinglichen, vegetieren oder vertieren – d. h. entmenschen – entscheidet sich daher nicht daran, ob wir ein gestecktes Lebensziel haben und diesem gewachsen sind oder nicht. Was uns eine moralische Talfahrt, einen geistigen Nullpunkt beschert, ist, zu glauben, darauf angewiesen zu sein, das zu unserem Schicksal zu machen, was allein uns über die Runden bringt – so etwa dem Glauben anzuhängen, dass es im Grunde die marktwirtschaftlichen Verhältnisse sind, die uns sowohl als Menschen wie auch als Kollektiv ermöglichen, unseren Fortbestand zu sichern. Und – das ist das Entscheidende: Menschen, denen es im Leben nicht darauf ankommt, in Ruhe ihren Geschäften nachzugehen, die dazu bestimmt sind, sie über Wasser zu halten, für die es von Belang ist, mit wem sie nicht auf eine Stufe gestellt werden, verleihen, indem sie darauf achtgeben, sich von jenen abzusetzen, denen ihr Lebensraum als ihr gegen Rivalen abgestecktes Revier (sprich: Polis) gilt, dadurch ihrem eigenen Lebensraum einen Charakter, der aus ihm ein Territorium macht, das sich einem nur in dem Maße erschließt, in dem man auf mehr als auf sein Auskommen bedacht ist.

 

Von einem „Polissystem“ ist die Rede, das man gut und gerne bis zum Römischen Reich zurückführt; verspricht sich der Mensch doch immer wieder etwas davon, sich seinem Schicksal zu entwinden, Entscheidungen zu treffen, Entscheidungen, über die er wird Rechenschaft ablegen müssen und die ihn entweder dem näherbringen, was den Menschen erst ausmacht, oder einer Vogel-friss-oder-stirb-Situation ausliefern. „Poleis“, Stadtstaaten, Staaten innerhalb von Imperien, waren Orte, die, unter der Obhut einer imperialen Zentralmacht, der Durchspielung von Geschäftspraktiken dienten, die sich in einer seinen Lebensunterhalt bestreitenden Vorstellung vom Menschen erschöpften; ja diesen eine ideale Brutstätte boten. Stadtstaat – das war der Lebensraum derer, die davon lebten, dass Menschen es zu ihrem unentrinnbaren Schicksal machten, sich zum Nassauer der Umstände zu mausern, die sicherstellten, dass diese Vorstellung vom Menschen eine gewisse Gunst genoss. Immer dann, wenn es für eine Zentralmacht darauf ankam, von den Vorteilen des unbehelligten Durchspielens von anrüchigen Praktiken zu profitieren, bekamen Stadtstaaten Auftrieb. (Man bedenke, dass Sokrates im Namen der Notwendigkeiten eines Stadtstaates hingerichtet wurde.) Polisneugründungen gab es mit dem Regierungsantritt Alexanders des Großen 336 v. Chr. Der Hellenismus lieferte den idealen Nährboden hierfür. Dann war es das aufstrebende Christentum, das im östlichen Imperium Romanum seine ersten Missionszentren in diesen städtischen Zentren fand. Doch erst mit dem Aufkommen des Islam verschwanden sie gänzlich von der Bildfläche. Das Oströmische Reich, das bis 1453 bestehen sollte, war nunmehr gezwungen, seine zentralen Machtbefugnisse auszubauen.

 

Es war wiederum ausgehend von Stadtstaaten, diesmal den italienischen, dass sich die Europäer dagegen verwahrten, davon in Kenntnis gesetzt zu werden, was den Menschen davor bewahrt, tiefer als Tiere zu sinken. (Nämlich: als einziges Zeichen dafür, dass wir uns auf dem rechten Weg befinden, uns daran zu halten, worauf wir uns im Grunde allein berufen können.) „Und zwar mit einem abendländischen Glaubenseifer“, von dem man später sagen würde, dass er „in der Tradition der Predigten des 15. und 16. Jahrhunderts“ steht. „Dieser Zeit verdanken die zwölf goldgelben Sterne der EU-Flagge ihren Ursprung. Diese Sterne haben eine besondere Geschichte. Als am 7. Oktober 1571 die Türken in der Seeschlacht von Lepanto geschlagen wurden, da wussten Papst und Christenheit, wem sie das zu verdanken haben: der Fürsprache der Gottesmutter.“** Zumal diejenigen, die als unaufgeklärte geistliche oder weltliche Würdenträger regelrecht auf einem Pulverfass saßen, mit der göttlichen Rechtfertigung der Zerschlagung der türkischen Flotte, die sie in der Johannesoffenbarung auszumachen glaubten, lediglich ihre Köpfe aus der Schlinge zu ziehen versuchten: „Und ein großes Zeichen erschien am Himmel: Eine Frau, bekleidet mit der Sonne, der Mond war unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt ein Kranz von zwölf Sternen.“ Damit wurde, als sich mit den italienischen Stadtstaaten etwas anbahnte, das darauf beruhte, dass keiner der Beteiligten dazu bereit war, ins eigene Fleisch zu schneiden – weil sozusagen jeder „Aktien drin hatte“ –, die dem Polissystem zugrundeliegende Logik zum wesentlichen Bestandteil der politischen Machtverhältnisse des Abendlandes. Regieren (Politik) als Erbe der Poleis war nunmehr der Name der Schaffung und Wahrung von Umständen, die den Menschen suggerierten, sie würden darben, falls sie sich ausklinkten. Ein Leben, das eines Begriffes von göttlicher Rechtleitung nicht mehr bedurfte, sich stattdessen an göttlichen oder anderen Zeichen hielt.

 

Gehen wir nach dem, was uns berichtet wird, steht für die einen das „Jahrtausendprojekt Europa“ auf dem Spiel, über dessen „Zukunftsnotwendigkeiten“ sich vor allem die Visegrád-Staaten hinwegsetzten; wiederum andere glauben, sich um die Zukunft des ungehemmten globalen Waren- und Geldverkehrs sorgen zu müssen oder sich mit der Idee einer EU-Armee verdient machen zu können, da die Nato sich immer offensichtlicher als ein Auslaufmodell erweise; gar das Ende des amerikanischen Empire oder eine Krise des Westens glaubt manch einer in all dem auszumachen. Machen wir die Gegenprobe: Falls die Globalisierung nicht mehr die Leuchtkraft auszustrahlen verspricht, die sie als Schlagwort einst entfaltete, heißt das etwa, dass der unbedingten Profitpriorität nach und nach der Boden entzogen wird? Falls die Nato sich immer offenkundiger als eine militärisch überkommene Institution herausstellt, heißt das etwa, dass „nationale Märkte“ im Kommen sind, als Ausdruck dessen, dass Menschen ihre Interessen immer weniger in der Übervorteilung anderer suchen? Falls die EU als Institution drauf und dran sein sollte, in die Brüche zu gehen, so doch etwa nicht aus Besinnung auf das, was dazu geführt hat, dass das credit money mit dem Zweiten Weltkrieg Zuflucht in seinem panic room Amerika gesucht hat? (Der „panic room-Vergleich“ stammt der – der Dinge harrenden – Feder Régis Debrays.) Eines können wir aber mit Gewissheit sagen: Die Entscheidung des Finanzkapitals in den Siebzigern, sich in Zukunft das „Argument Gesundheit“ und nicht Globalisierung auf die Fahnen zu schreiben, trägt Früchte. Ihm scheinen heute gar föderale Systeme als Regierungsweisen der Nachkriegszeit nicht gut genug.

 

Der Spruch „Ein Deutscher ist ein Mensch, der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben“ stammt „Adornos Zunge”. Doch gilt es zu bedenken: Der einzige Unterschied zwischen dem Satz „Ich lüge gerade“ und „Ich habe gelogen“ ist, dass der Urheber des ersten auf die Schlüpfrigkeit seiner Aussage vertraut, während der zweite in Betracht zieht, eines Besseren belehrt werden zu können. Ein Lügner ist, wer den Umständen die Fähigkeit zur Eigenregie beilegt. Der falsche Prophet ist daher leicht auszumachen. Nicht, dass er uns das Blaue vom Himmel verspricht, zeichnet ihn aus, sondern davon ausgeht, dass wir Erwartungen in die Flüchtigkeit des Erdenlebens stecken, nämlich das, was sich nie darauf berufen kann, was gottgegeben ist. Adornos Spruch kann daher nur einer Haltung zugeschrieben werden, die sich daran stört, dass sich der Deutsche das Bedürfnis vorbehält, sich überhaupt auf irgendetwas zu berufen. Es sind seine Entscheidungen, die den Menschen zu dem machen, wer er ist. Und wofür er sich entschieden hat, sehen wir stets daran, wem er was schuldet. Wer könnte behaupten, dass wir in einer Welt leben, die uns ihren Urhebern – die zugleich ihre wahren Benefizianten sind – verpflichtet? Es gehört nicht viel dazu, zu erkennen, was diejenigen, die den Deutschen eine „nationale Schande“ ans Bein geklotzt haben, von ihnen verlangen, vorliebzunehmen. Davon, dass alles daran gesetzt wird, türkisches Territorium – Gebiete, die sich uns in dem Maße erschließen, in dem wir Abstand zur Haltung wahren, dass die Moral vor oder nach dem Fressen kommt – zu Gebieten zu degenerieren, in denen die Menschen in Erwartung der Gunst des Kapitals leben, kann der Deutsche nur unter der Bedingung zu profitieren versuchen, dass er aus der (seiner) Geschichte die falsche Lehre zieht. Diejenigen, die sich darum bemühen, das einzig verbliebene Erbe des Ersten Weltkrieges, den Islam als politische Institution – die für das türkische Territorium nicht leugbare Relevanz dessen, dass sich der Mensch nicht ernährt, sondern „frisst“, solange er dem vertraut, was Vertrauensunwürdig ist –, aus der Welt zu schaffen, müssen zugleich zusehen, dass der Deutsche keine Anstalten macht, an Weisen des Profitmachens festzuhalten, deren bestimmende Rolle der Erste Weltkrieg ein für alle Mal ad acta gelegt hat.

*      En 1900, un Américain de bon ton est un Européen exilé; en 2000, un Européen dans le vent est un Américain frustré – ou qui attend son visa. Régis Debray, Civilisation, Gallimard, 2017.

**     Trotz alledem! Europa muss man einfach lieben, Heribert Prantl, S. 90, 2016

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Western Normality oder die geschluckte Kröte

Don’t grow up, it’s a trap! Was können wir uns davon versprechen, der Frage nachzugehen, ob wir diesen Ratschlag zur Wahrung unserer arglosen Unschuld oder Unbeflecktheit beherzigen können; keine eigennützigen Hintergedanken oder Nebenabsichten zu hegen, sozusagen nie mit verdeckten Karten zu spielen? Nur als ein untrügliches Indiz für unsere Erinnerungsbedürftigkeit können wir der Empfehlung zur Wahrung unserer unschuldigen oder unbefleckten Unvoreingenommenheit etwas abgewinnen. Alles, was nicht in Rechnung stellt, dass wir darauf angewiesen sind, immer wieder daran erinnert zu werden, worauf wir uns im Leben nicht stützen können, liefert uns der Infantilität aus. Was so viel heißt wie: Es wird immer welche geben, die sich daran halten werden, dass man ihnen nicht in die Karten schaut. Unvoreingenommenheit oder Vorurteilslosigkeit als ein Zeichen von geistiger Empfänglichkeit einen Wert beizulegen, machte insofern die Unmöglichkeit, daran erinnert werden zu können, wann wir davon ausgehen können, im Bewusstsein unserer geistigen Ungezügeltheit mündig geworden zu sein, zu einer Tugend. Unbescholtenheit ist ein Zustand der Mündigkeit und Mündigkeit nicht der der Autarkie. „Wo kein Defizit ist, braucht’s auch kein Bewusstsein.“ Das ist ein Trugschluss – denn der Mensch verdankt seine geistige Reife vielmehr der Möglichkeit, nicht darauf einzugehen, daran erinnert worden zu sein, worauf es eben nicht ankommt. Doch was ist Mündigkeit? Mündigkeit ist die Befreiung des Menschen von der Gängelung durch das, was er wähnt, den Erhalt seines Lebens zu schulden. Nicht die Gier oder seine Unersättlichkeit ist dem Menschen sein Verhängnis, seinen Hals nicht voll kriegen zu können, sondern diejenigen, bei denen er seine Füße unter dem Tische zu haben glaubt. Wer sich Make Capitalism History aufs Panier schreibt, macht den Kapitalismus zu einer historischen Größe, unterschlägt dabei, dass der ganze Kunstgriff des Kapitalismus darin besteht, die der Quantifizierbarkeit entgegengebrachte Geringschätzung um ihrer gesellschaftlich relevanten historischen Größe vollauf betrogen zu haben. How much is enough? Ist das die Frage derer, die sich dessen bewusst sind, dass „weniger“ oder „mehr“ nie als ein Argument herzuhalten vermag, falls weniger oder mehr nicht zugleich auf die Berücksichtigung oder Nicht-Berücksichtigung dessen hinausläuft, worauf sich der Mensch eben nicht stützen kann? Sonst diente eine „Erinnerungskultur“ als ein fester Bestandteil von Vorsichtsmaßregeln nicht jenen, die es sich unter keinen Umständen das Privileg nehmen lassen wollen, dass sie die Karten austeilen.

 

Dass es in den Sprachen der europäischen Kultursphäre möglich ist, jemanden der Voreingenommenheit zu zeihen oder sich seiner Unbefangenheit zu brüsten, kommt nicht von ungefähr. Europa verdankt die wahren Früchte seines Effektivitätsprinzips erst der säuberlichen Getrennthaltung mittels wissenschaftlicher Kategorien von voneinander nicht Trennbarem; dessen, was uns zur Rechtfertigung dient, von dem, was uns als Überzeugung einnimmt – und nach einer vielzitierten griffigen Wittgenstein-Sentenz aus dem Jahre 1918 ist das auf der einen Seite das, „wovon man sprechen kann“, auf der anderen das, „worüber man schweigen muss“. Hieß der von der Aufklärung zur Parole erhobene Begriff der „Mündigkeit“, dass der auf dem Menschen lastende Druck von ihm genommen wurde, um ihn, wenn nicht entscheidungsfähiger oder -freudiger zu machen, so doch darüber in Kenntnis zu setzen, was es ist, das dem Menschen freisteht, zu tun, ungeachtet dessen, ob er es tut oder nicht? Nein. Denn das Einzige, was dem Menschen freisteht, zu tun, ist, sich dafür – oder auch dagegen – zu entscheiden, sich durch nichts, was der Rechtfertigung bedarf, überzeugen zu lassen. Der Westen, die „Randerscheinung Europa“, hat, um aus dem Schatten seiner Existenz als ein Randphänomen herauszutreten, derart Einflüsse zu mobilisieren gewusst, dass er nicht drum herumkam, dies als eine Befreiung von der Fremdbestimmung und -verantwortung zu lancieren. Das trug den Namen Aufklärung. Nicht umsonst kam die Idee der Aufklärung in einem Jahrhundert auf, in dem man nachgerade von der Zivilisation mit einem bestimmten Artikel zu sprechen anfing – und zwar ausgehend von Frankreich. Hieß Selbstbestimmung doch, dass das, was Zivilisation genannt wurde, inzwischen seine Fähigkeit zur Propaganda perfektioniert hatte; und Eigenverantwortung, dass niemandem die Möglichkeit gegeben sein sollte, sich vor den Launen dieser Propaganda hinter irgendwelchen Institutionen in Sicherheit zu wiegen. Zivilisation – das ist nämlich das, was, angesichts der Unhaltbarkeit dessen, worin Europa vor der Beredsamkeit und Aussagekraft des Islams Zuflucht gesucht hat, sich gezwungen sah, ausschließlich auf den „Schein“ zu setzen, sprich: sich zu zivilisieren. Wenn Wolf Lepenies in seiner anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels gehaltenen Dankesrede sagt: „Die Eroberung Konstantinopels durch die Türken im Jahre 1453 macht den dummen Muselman zum Mit-Urheber von Renaissance und Aufklärung – ein Skandal, für das europäische Selbstbewusstsein ein Stolperstein“, dann kann das nur als ein Zeichen dafür genommen werden, was ihm als unentbehrlich gilt. Es kann nicht verwundern, dass die, für die der Islam sich einzig in der Komposition „islamische Zivilisation“ ertragen lässt, im „Türken“ nichts vorfinden werden, was ihrem Dünkel schmeichelt.

 

Das bedarf näherer Erläuterung: Civilisation verdankt sich zu einem Großteil den hierarchischen Strukturen des urbanen Raumes und seinem suburbanen Hinterland – was der Entwicklung von kapitalistischen Zentrum-Peripherie-Strukturen erheblichen Nährboden geliefert hat. (Zivilisation bedingt Akkulturation, Kapitalismus Akkumulation.) Die im Westteil des römischen Imperiums ins Leben gerufenen städtischen Siedlungen, auf denen sich die römische Herrschaft stützte, das urbane Gefüge der civitates, kam den Europäern hierfür erheblich zustatten. Die civitas – das war der Ort, an dem die Menschen nichts anderes miteinander verband als die eigens hierfür erlassenen gesetzlichen Bestimmungen. Civis – so hießen die Bewohner dieser Orte, die auf nichts anderes – sie miteinander Verbindendes – Wert legten als die sie auf gegenseitiges Nutznießertum abstellenden Gesetze. Hier wurden jegliche Geschäfte per curia administriert. Denn: Der römische Bürger, der Städter, ging im Grunde daraus hervor, dass die Römer mit der Volksgruppe, von der die größte Gefahr für sie ausging, ein den „römischen Bürger“ konstituierendes Bündnis eingingen, sich darauf berufend, dass sie alle im selben Boot saßen. Es war aus dem Zweckbündnis dieser beiden Gruppen, woraus die curia hervorging: die co-viria, die Zusammenkunft der Männer, die die Geschäfte administrierte. Hieraus entwickelte sich die Bezeichnung „Quiriten“ für das römische Volk, und das lateinische Wort für die Quiriten war cives, woraus sich allmählich civitas (city), civis (citizen)… und schließlich civilisation ableitete.

 

Wir müssen das (Be)Trügerische des Ausdrucks, dass wir alle „im selben Boot sitzen“, durchschauen können. Das ist das Gleichnis derer, denen nichts auf den Magen schlägt, denen man aber sehr wohl auf der Tasche liegen kann. Bedenken wir, dass es im Grunde das, was uns wie Blei im Magen liegt, ist, was zwei Menschen zusammenführt. Die Insassen der Arche Noahs vereint nicht, im selben Boot Zuflucht vor der sich anbahnenden Katastrophe gefunden zu haben, sondern dass sie das wahre Unheil darin sahen, Gottes Worten keine Beachtung geschenkt zu haben. Diejenigen, die sich selbst ausgebootet haben, vereint nichts, trennt hingegen, dass sie auf ihre gemeinsamen Interessen nicht verzichten konnten. Ein gemeinsames europäisches oder globales Boot, in dem wir alle sitzen, gibt es daher nicht, wohl aber welche, die darum bemüht sind, mit ihren Profit-Kähnen nicht in gefährliche Fahrwasser abzudriften oder in seichte Gewässer zu geraten. Was Europa „zivilisiert“ hat, sind die Interessen derer, die es zu verhindern wussten, dass durch Europa der Ruf Gottes ergeht, was bedingte, dass die Menschen anhand des Argumentes des geringeren Übels ihrer Fähigkeit beraubt wurden, über das eigene Wohl und Übel nachzudenken; ganz zu schweigen von ihrem Vermögen, darüber zu entscheiden. Wer kennt heute noch den in der DDR weithin geläufigen Ausdruck „Privat geht vor Katastrophe“? Wann immer man glaubte, damit dem Kollektiv zu dienen, tröstete man sich in der DDR über alles, was man sich gezwungen sah, in Kauf zu nehmen, damit, dass es das geringere Übel ausmachte. Im „Westen“ konnte man niemanden davon überzeugen, etwas im Namen aller in Kauf zu nehmen. Das geringere Übel war hier schon immer das Auflösende schlechthin, als Trost dafür, vom Schlimmeren verschont geblieben zu sein. Will man nicht, so heißt es, dass einen das Übel in persona einholt, was sich inkognito unter „deutsche Kultur“ verdingt, gebieten es gemeinsame Interessen, sich des geringeren Übels anzunehmen. Doch solange „deutsche Kultur“ etwas bezeichnet, von dem man nichts anderes erwarten kann, als einem „Western Normality“ zu suggerieren, wird man an dieser Kröte auch künftig noch schwer zu schlucken haben.

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3 + 6 =

Wer braucht den Terror? Wer fürchtet den Terror?

Kein Tag vergeht, an dem Muslime sich nicht dazu veranlasst sehen, per „islamistischem Terror“ erregten Gemütern mit pazifizierenden Worten und Handlungen besänftigend zuzureden. Wer’s sich nicht verkneifen kann, dem gilt es als Gebot der Stunde, einen jeden dieser Anlässe wahrzunehmen und sich vom Extremfall islamistischer wie auch jeder anderen Couleur jenseits von Gut und Böse abzusetzen. Gilt ihnen der Islam doch nicht nur als die friedliebende Religion schlechthin, sondern zugleich der an das Friedenstiftende im Menschen appellierende Glaube überhaupt.

 

Wir gehen davon aus, dass es Ohren gibt, die bereit sind, das offenkundig Unversöhnliche aus dieser Annahme herauszuhören: Eine die Frage der Anpassungsfähigkeit des Islam aufwerfende Annäherungsweise hieße das Kind mit dem Bade auszuschütten. Wenn Peter Sloterdijk behauptet, dass „sich mit dem Islam keine authentische Zivilgesellschaft führen lässt“, dann ist die Authentizität das Kind und die Zivilgesellschaft das Badewasser. Ein Mensch, der eher von etwas lebt als ein Leben, buhlt in dem Maße, in dem er seine rechtfertigende Eigenschaft kultiviert, um dessen Gunst. Das erklärt, warum wir davon ausgehen müssen, dass diejenigen, die sich als die Opfer der Anschläge ausgeben und die Täter, am selben Strang ziehen. Denn der einzige Schaden, den man unter gegebenen Umständen geltend machen kann, ist der, den man im Namen der Anpassungsfähigkeit erleiden kann. Warum kann die Entscheidung, für den verstorbenen „Einheitskanzler“ Helmut Kohl keinen deutschen Staatsakt zu veranstalten, nicht als Ausdruck einer gemeinschaftsbildenden Politik gewertet werden? Weil man sich davon, im Namen der „Uneigentlichkeit namens EU“ einen europäischen Trauerakt zu veranlassen, etwas versprochen hat.

 

Islam – das ist das, was heute niemand, um ihn in Verruf zu bringen, frontal bzw. en face zu attackieren vermag. Man setzt eher auf Lächerlichmachung der Muslime. Keiner, der zum Angriff auf den Islam ansetzt, kann und will es sich leisten, sich nicht vorher abzusichern und zu unterscheiden zwischen einer akut toxischen Spielart und einer mit dem Prädikat „wertvoll“ bedachten. Fehlt es unter AfDlern nicht an Stimmen, die immer wieder eindringlich darauf hinweisen, dass der Islam nur „en bloc“ angenommen oder abgelehnt werden kann, so spricht aus ihnen eher ihr um Ausgleich bemühter Übereifer angesichts ihrer Blößen, die sie sich zu geben glauben. Falls sich niemand, ohne sich hinter Vorwänden zu verschanzen, gegen den Islam zu stellen wagt, dann liegt das daran, dass der Islam den nach außen gekehrten Aspekt unserer Persönlichkeit betrifft, das, worauf wir vertrauen, die Frage, inwieweit wir uns zum Organ äußerer Notwendigkeiten machen, während der Terror den Aspekt unserer Persönlichkeit betrifft, der uns auf uns zurückwirft, das ist: der Aspekt, der uns dazu anhält, uns bewusst zu werden, was es verdient, unserem Leben als Garant zu dienen.

 

Vor allen Dingen gilt es das Auge zu schärfen, dafür, dass der Islam eine „europäische“ Angelegenheit ist. Ist der Islam eine „moderne“ Religion, dann nur in dem Sinne, dass er uns darüber belehrt, wovon Europäer sich nicht bewahren konnten, um zum sprichwörtlichen White Man’s Burden zu werden. Es ist der europäische Widerwille, mit dem Islam zu liebäugeln, oder die Leistung Europas, eine eventuelle Sympathie mit ihm gewinnbringend vereitelt zu haben, was sich als eine europäische Schicksalsgemeinschaft niedergeschlagen hat. Darin, dass der Islam weder eine „Religion“ noch ein „Glaube“ ist, finden wir den Erklärungsansatz hierfür. Keine Frage – die Moderne verdankt sich eher mit Erfolg zwischen Europa und der Religion (und dem Glauben) eingeschoben zu haben, doch hat dieses Dazwischenfunken in Form von Fortschrittsglauben und der „Tyrannei der Massen“ keineswegs zu einer sich seiner selbst bewussten Religion (oder Glauben) geführt.

 

„Der Mensch ist die Krone der Schöpfung.“ Nur in einem Sinne kann dieser Satz zutreffen, indes nicht im aristotelischen, in einem dem Menschen freie Hand lassenden, ihm den Rücken freihaltenden Sinne. Es ist die Schöpfung des Menschen, was uns erlaubt, die der Schöpfung ihre Würde verleihende Gottesknechtschaft ins Spiel zu bringen. Denn einzig und allein der Mensch ist dazu disponiert, dem Ruf Gottes zur Knechtschaft nicht zu folgen. Die Frage ist nämlich, ob sein Leben dem huldigt oder hohnspricht. Diejenigen, die nicht bereit waren, Gottes Ruf „in Gehorsam“ zu folgen (denn: huldigt er dem Ruf nicht, so folgt er ihm „wider Willen“), mussten nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels 586 v. Chr. durch die Babylonier „Schwerter zu Pflugscharen“ umfunktionieren: die Religion ihrer unterscheidenden und trennenden Funktion berauben. (Nämlich: die Frage, was des Menschen würdig ist und was nicht, unter den Tisch fallen lassen) So wurde mit dem Aufkommen des Christentums der Islam, sprich: Gottergebenheit, immer mehr zur Bindung an bestimmte Dogmen als Zeichen der Religiosität, ohne dass die Bindung an diese ein Vertrauen in die Allmacht Gottes implizierte, und damit, was ein gottergebenes Leben ausmacht, nicht im Geringsten zu tun hatte. Ohne den „Glauben“ zu etwas zu machen, was Menschen dazu brachte, zu wähnen, Berge versetzen zu können, hätte die Moderne es ferner nicht vermocht, dass die Menschen eher auf das Resultat blickten als auf das, worauf sie, unabhängig von dem, was die Ereignisse zeitigten, nicht verzichten konnten. Somit war der Weg versperrt, dass „Glaube“ als etwas fungierte, das uns von unserem Dünkel befreit. Gerade indem er zu etwas verkam, was an dem Punkt durchzugreifen vorgibt, an dem das menschliche Erkenntnisvermögen an seine Grenzen stößt, wurde er zum Vorwand menschlichen Dünkels.

 

Halten wir nochmals fest: Der Islam ist keine Religion, er stellt uns nicht das zu absolvierende Pflichtpensum bereit, an das wir uns zu halten haben, um, mehr schlecht als recht, in den Kreis der Muslime aufgenommen zu werden. Nicht sein Vermögen, seine Urteilsfähigkeit aufs Abstellgleis zu legen, macht einen Menschen zum Muslim, sondern das volle Bewusstsein seiner Obliegenheiten als Knecht Gottes, der Obliegenheiten, die er aus der Verinnerlichung der uns aus den Fängen der Koordinaten des Diesseits befreienden göttlichen Gebote und Verbote ableitet. Genauso wenig ist der Islam ein Glaube, ein uns über die Runden verhelfendes, zur Erbauung dienendes Regelwerk aus Stimulanzien. Impliziert der Islam als Religion das Vertrauen in die Allmacht Gottes, so gibt uns der Glaube die Bedingungen, unter denen wir von einem legitimen, d. i. dünkelhemmenden Gottvertrauen ausgehen können.

 

Auf den ersten Blick scheint die Rechnung einfach: Wenn a) Gewalt als Mittel des Sich-Durchsetzens verwerflich ist, und b) eine Religion davon lebt, dass ihr die Proselyten nicht ausgehen, darf man fragen, inwieweit der islamische Glaube seine Anhänger empfänglich macht für die Anwendung von Gewalt. Doch kann sie nicht aufgehen, die Rechnung; nicht, weil der Islam weder eine Religion noch ein Glaube sein kann. Mehr noch oder vielmehr: Wenn es etwas Verwerfliches gibt, dann den Menschen vor vollendete Tatsachen zu stellen, ohne ihm Gelegenheit zu geben, sich darüber klar zu werden, worauf er sich anlässlich dieser im Grunde einlässt. Also müssen wir Folgendes bedenken:

 

1. Nur unter der Bedingung, dass das Einzige, worauf wir nicht bereit sind zu verzichten, das ist, was uns hilft, uns das Leben zu erleichtern, ihn angenehmer zu gestalten, zeitigt der „Terror-Diskurs“ überhaupt eine Wirkung.

2. Dass die Frage, auf welche Wertschätzung ein des Menschen würdiges Leben beruht, der Fähigkeit des Menschen, „eingeschüchtert“ zu werden, das heißt an seine Grenzen erinnert zu werden, einiges verdankt, ist nicht von der Hand zu weisen. Der Mensch wird immer eines Besseren belehrt.

3. Die einzige heute gängige legitime Einschüchterungstaktik ist die sowohl von unserer Unwilligkeit (1) wie auch Unfähigkeit (2) den größten Nutzen ziehende, die darauf baut, dass wir uns vom Gefühl leiten lassen, dass wir, sobald sich die Frage unserer bemächtigt, welche Grenzen uns gesetzt sind, zu kurz kommen oder ins Hintertreffen geraten.

 

Wer braucht den Terror? Diejenigen, die eine Heidenangst vor dem Terror haben. Wenn der Religion heute jeglicher Boden entzogen wurde, ihn als etwas Unterscheidendes zu verstehen zwischen einem Leben, das in Rechnung stellt, dass wir, über kurz oder lang, den Löffel abgeben werden und einem Leben, das in Rechnung stellt, dass wir, über kurz oder lang, zur Rechenschaft gezogen werden, dann liegt das im Sinne derer, die, nachdem sie mit dem Judentum alles Leben ins Diesseits verbannt haben, um anschließend mit dem Christentum die Vorstellung vom Jenseits ad absurdum zu führen, weil ein verantwortbares Leben im Diesseits nicht mehr möglich ist, nun alles daran setzen, aus der Botschaft des Koran einen Aufruf zum Brückenschlag zu machen, damit sie um ihre mit den Kreuzzügen verloren geglaubten und dank westlicher Zivilisation aus dem Feuer geholten Vorrechte nicht mehr zu fürchten brauchen. Islam – das ist, aufzuhören, mit seinem Schicksal zu hadern. Eine Friedenstaube steigen zu lassen im Namen des Islam, während diejenigen, die mit ihrem Schicksal hadern, weil ihnen vor dem „Terror ihres Schicksals“ bange ist, damit die Vorrechte an ihren Profiten sichern, das ist das eigentlich Unversöhnliche. Doch Torschlusspanik schützt vorm Schicksalsschlag nicht. Zwar vermag der Mensch Gottes Ruf nicht zu folgen, doch niemand vermag je zu verhindern, dass die Ereignisse sich in einer Weise entfalten, dass es uns nie verborgen bleiben kann, was einzig und allein unser unbedingtes Vertrauen verdient.

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Das Paradox Europas

Vorweg ein Zitat:

„Es war die Einnahme Osteuropas und Nordafrikas durch die Türken, was den Kapitalismus aufkommen ließ. Da die Türken das Westchristentum in die europäische Enge eingezwängt, eingeschlossen und eingeklemmt haben, sah sich das „Reichtum der Nationen“ genötigt, sich an die Effektivierung neuer Wirtschaftsmethoden zu koppeln. Die Türken schotteten die Europäer von der bekannten und vitalen Welt ab. Als der zwischen den produktiveren Gebieten der Welt und Europa seit der Antike währende Austausch, der herkömmliche Wertefluss, auf die türkische Hürde stieß, mussten die Europäer zusehen, wie sie zurande kamen, indem sie einen ihnen eigenen Mechanismus ersannen. Die dieser Notwendigkeiten genügenden Umstände traten zuerst in den italienischen Stadtstaaten hervor. Denn Italien war der Teil Europas, dem vom römischen Zivilisationserbe der Löwenanteil zufiel. Venedig allen voran, Stadtstaaten wie Genua und Florenz legten ab dem 14. Jh. den Grundstein für das Weltsystem – sprich den Kapitalismus.“ (İsmet Özel, Henry, sen neden buradasın?, 2004, Istanbul)

 

Wann immer wir die Folgen der Islamisierung Anatoliens im 11. Jahrhundert mit dem Aufkommen eines kapitalistischen Weltsystems in Zusammenhang bringen, kann es uns nicht um die kausalen Umstände der Genese des Kapitalismus gehen. Kausalzusammenhänge sind und bleiben für den Menschen eine Terra incognita. Unabhängig von unseren Neigungen und Abneigungen, dem, worauf unser Leben anspricht und was ihn kalt lässt, lässt sich ein Zusammenhang zwischen zwei Ereignissen nicht begründen. Denn das Einzige, wessen sich der Mensch sicher sein kann, ist, dass er, über kurz oder lang, zur Rechenschaft gezogen werden wird. Was eine Beziehung zwischen zwei Ereignissen begründet, kann daher nur unsere Bereitschaft sein, dies in Rechnung zu stellen. Unsere Neigungen und Abneigungen, sie manifestierenden Absichten, Ziele und Vorstellungen zeitigen die Ereignisse nicht, nur durch sie rücken diese in einen Zusammenhang, der uns verrät, wer gewillt ist, was als etwas Lebensgestaltendes an sich heranzulassen und was nicht. Blenden wir den Menschen als ein sterbliches Wesen hinter den Ereignissen aus, bleibt uns nichts anderes übrig als das Phrasenhafte des mit dem Etikett „Falsifikationsprinzip“ Versehenen. „Ob es mir nun schmeckt oder nicht, wenn’s regnet, regnet’s – ein von meinen Neigungen und Abneigungen völlig unabhängiger Vorfall“. Doch sollten wir uns nicht täuschen: Sprechen wir vom Regen, so sprechen wir von etwas, was genauso gut hätte ausbleiben können, dem nie ein zwingender Grund angeführt werden kann. Geschieht, wenn’s regnet, etwas, worüber sich Definitives sagen lässt, dann nur insofern, als uns der Regen an unseren Gott geleisteten Treueeid gemahnt. Ziehe ich es aber vor, „Mistwetter“ zu rufen, als Ausdruck dessen, dass es, außer meinen eigenen Anstrengungen, nichts gibt, worauf ich mich im Endeffekt berufen kann (konnte ein „Königswetter“ doch lediglich die Wonne derer sein, die auf eigene körperliche Arbeit nicht angewiesen waren), so sollte ich wissen, dass es weniger meine Anstrengungen sind, worauf ich mich berufen kann, als vielmehr die Tatsache, dass die Möglichkeit, mich anzustrengen, immer am seidenen Faden hängt. Willensfreiheit ist folglich nicht, eigenen Glückes Schmied zu sein, sondern die Freiheit, sich danach richten zu können, dass es hätte auch völlig anders kommen können als es schlussendlich kam. Ausführungen zu den Anfängen des Kapitalismus können wir daher ernst nehmen, falls sie in Rechnung stellen, was nicht zuwendungswert ist, damit wir nicht missen, was uns als Bereicherung entgegentritt.

 

Nicht um uns Klarheit über unser eigenes Leben zu verschaffen, sondern eher unser Augenmerk auf die Welt zu richten, in der wir leben, werden wir auf die Begriffe „Kapitalismus“, „Weltsystem“, „Moderne“ oder „Zivilisation“ zurückgreifen. Die Fragen, wer wir als „Menschen“ sind und wo wir als „Menschheit“ stehen, sind aber keineswegs zwei Paar Schuhe. Dass diese Begriffe jedoch unsere Aufmerksamkeit eher von uns als Entscheidungen treffende Subjekte ablenken, ist aufschlussreich; stecken sie doch, welche Bedeutung wir ihnen auch zuschreiben, ein Bedeutungsfeld ab, das in dem Maße Gültigkeit beansprucht, in dem es uns glauben macht, sie bezeichneten, alles in allem, einen sich selbst korrigierenden, kompensierenden und berichtigenden Modus Operandi. (Globalismus ist der Ausdruck der vollkommenen Einlösung dieses ihres Anspruches.) Ob wir uns mit dem Gedanken einer „permanenten“ oder einer alles besiegelnden Revolution herumtragen oder mit dem eines ständigen Reformdefizits, jedes Mal ist es der Gedanke, die Umstände seien noch nicht reif genug für ein richtiges Handeln, mit dem wir uns herumtragen und anfreunden sollen. Wenn diese Begriffe uns aber den Glauben an einen immanenten Selbstkorrekturmechanismus unterjubeln, dann können sie nicht für etwas stehen, das etwas initiiert oder in Gang gesetzt hat. Dann müssen sie etwas bezeichnen, das vermocht hat, etwas im Menschen, das dem Bedürfnis entspringt, „das Pferd vor den Karren zu spannen“, zum Schweigen zu bringen. Für ein zivilisatorisches Miteinander gibt es nichts Unabdingbares, was wir unser Eigen nennen können, ohne dass wir uns als Menschen überrumpelt und als Menschheit düpiert vorkommen.

 

Wir müssen zu den Anfängen: Es war zuerst in den italienischen Stadtstaaten des ausgehenden 12. bis Mitte des 14. Jahrhunderts, dass sich das Ansehen von Handels- und Geldgeschäften entschieden gewandelt hat. Das 13. Jahrhundert brachte die sogenannte „Zinswende“. Schon Ende des 11. Jahrhunderts hatte die Kirche Bußstrafen in Geldbußen umgemünzt. Jede Bußstrafe ließ sich in Kreuzzugsteilnahme, jede Kreuzzugsteilnahme in Sachleistungen umwandeln. Das Zweite Konzil von Lyon (1274) verbot die Orden, die nur vom Betteln leben wollten. Um die Mitte des 12. Jahrhunderts wurden sämtliche Armutsbewegungen in Frankreich, Flandern und im Rheinland ausgerottet und durch Bettelorden ersetzt. Ende des 13. Jahrhunderts übernahmen die italienischen Bankhäuser das Monopol für die päpstlichen Finanzen. Was sakralerweise durchexerziert wurde, trug auf profanem Gebiet schließlich seine Früchte: „Unbequemlichkeiten des Fernhandels“ führten in Oberitalien nahe der Ablasszentrale zur Erfindung des Wechsels und des Kontokorrents – aus einer „Urnot“, so Christoph Türcke in seinem „Philosophie des Geldes“, ohne die der Kapitalismus nicht zu begründen sei. Denn der Kapitalismus sei „der Versuch, eine monetäre Anfangsschuld aus der Welt zu schaffen“  – was nur heißen kann: die profitorientierte Institutionalisierung der Gleichgültigkeit gegenüber der Frage, ob unser Leben das Produkt einer „Schuld“ ist, die wir auf uns geladen haben.

 

Wie schlagen wir die Brücke zur Islamisierung Anatoliens? Abgesehen davon, dass die Ursache dieser Unbequemlichkeiten in der Abschottung der Europäer von den vitaleren Regionen der Welt liegt, folgendermaßen: Vor allen Dingen müssen wir aber die Eventualität ins Auge fassen, dass das, was Einzug in unser Leben findet, lediglich der Ausdruck eines Persönlichkeitsschadens ist. Sträuben wir uns dagegen, davon auszugehen, dass der Mensch der Rechtleitung bedarf (das heißt: dass ihm das Wissen abgeht, wogegen und wofür er sich entscheiden muss), wird das vor Allem denen in die Hände spielen, die darauf angewiesen sind, dass an den Spielregeln der größtmöglichen Anpassungsfähigkeit der am längeren Hebel Sitzenden nicht gerüttelt wird. Es sind unsere Persönlichkeitsdefizite, die diesen ihre Handhabemöglichkeiten verschaffen. Doch: Was gilt es, Geltung zu verschaffen; dem Recht derjeniger, denen es an Methoden des Vollendete-Tatsachen-Schaffens nicht mangelt oder der Stichhaltigkeit dessen, was dem Menschen zum Schaden gereicht und was zum Nutzen? Wollen wir, dass unserem Leben, falls uns die Gunst der Stunde nicht schon gesegnet hat, das Abwarten derer anhaftet, die auch mal zum Zuge kommen wollen? Nichts, was sich mit „Wenn’s dich glücklich macht!“ kommentieren lässt, verdient aufrechterhalten zu werden.

 

Ob eine als ein gemeinsames kulturelles Erbe ausgegebene Bezugsgröße einem Konflikt entspringt, der von einem Bewusstsein für das Wesentliche zeugt, lässt sich daran messen, ob er unser Ohr dafür empfänglich macht, dass der Mensch sich stets für oder gegen die Rechtleitung entscheidet. Ein jüdisches Erbe erwuchs daraus, dass diejenigen, deren unangefochtene Vormachtstellung nicht auf den Vorrang von Überlegenem, Erhabenem und Hochsinnigem hinauslief und ihre Siege daher Pyrrhussiege waren, zugleich dafür sorgten, dass sie auf Menschen zurückgreifen konnten, die die göttliche Botschaft so auslegten, dass sie ihrer fiskalen Vorrechte nicht beraubt wurden. So spricht Hugo Ball von einem „Abwehrbündnis zwischen Hellenen- und Judentum“. Denn hellenistische Spitzfindigkeiten lassen sich unschwer als die Strategie des Sich-aus-der-Verbindlichkeit-Heurausstehlens entlarven. Sollte Jesus, Sohn Marias, klare Fronten schaffen, indem er die Menschen für „Gottes Wort“ sensibilisierte (eine zur Auslegungssache verkommene Religion hatte das, was seinen Zweck erfüllte, zu Gottes Wort erklärt), so musste das Römertum seinen Vorteil eher in der Kultivierung seiner Befriedungskapazität suchen – eben weil die römischen Siege über Pyrrhussiege nicht hinausgingen. So ward der „Mohammedanismus“ geboren, seitens derer, die sich dagegen sträubten, den Islam in diesem Zusammenhang zu betrachten. Eine mit dem Namen Mohammed gleichgesetzte Religion konnte nur in einem Verhältnis von Original zu Abklatsch gesehen werden.

 

Diejenigen, die dem Kapitalismus zum Durchbruch verhalfen, hätten dies nur unter der Bedingung der entschiedenen Absageerteilung an das Vertrauen in die göttliche Botschaft durchsetzen können. Setzte man vormals auf die Entscheidungshoheit darüber, was als Gottes Wort galt und was nicht, versprach man sich nunmehr von der Überzeugungskraft des Edens auf Erden etwas. Die in den italienischen Stadtstaaten nahe der Ablasszentrale erworbenen Erfahrungen, aus der Not eine Tugend zu machen, sollten hier vorzüglich zustatten kommen. Denn das Vordrängen der „Zuchtrute und Geißel Gottes“ in türkischer Gestalt lief unbestreitbar auf die Überlegenheit des Islam hinaus. Türkische Siege waren niemals Pyrrhussiege: Die seit den Kreuzzügen immer wieder einberufenen Reformkonzilien, die schließlich in die Reformation mündeten, waren nichts anderes als die „Aufhübschung“ des Christentums angesichts dieser Überlegenheit.

 

Europa wurde im Zuge der Absageerteilung an den Islam zu einem Kontinent. Das Ende des Islam als eine politische Institution mit der Umsetzung des Vertrages von Sèvres am Ende des Ersten Weltkrieges hätte zugleich das Ende Europas als Kontinent bedeutet. Was hingegen kam, war der Auftakt der Kolonialisierung Europas durch das mit dem Zweiten Weltkrieg seinen Siegeszug feiernde Finanzkapital. Zweifelsohne – die Wiege der dem Finanzkapital zugrundeliegenden Logik (die Kapitalisierung der „Schuld“) ist Europa, etwas,  was ihm gegenüber dem Türken eine gewisse Bewegungsfreiheit garantierte. Nichtsdestotrotz ist es, was dieser Logik eine weltumspannende Tiefen- und Breitenwirkung verliehen hat, was Europa nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Ort gemacht hat, der über sein eigenes Schicksal nicht verfügen darf. Das ist das Paradox Europas. Nämlich: Was die Europäer miteinander verbindet, ist nicht etwas, was sie zugleich voneinander trennt. Ihre Distanz zum Islam ist das einzig Bindende für die Europäer, nicht ihre jüdisch-christliche, griechisch-römische Tradition. Gleichwohl ist es nicht ihr jeweiliger Beitrag zur Wahrung dieser Distanz, was sie voneinander trennt. Was wir zur Zeit beobachten, ist nicht die Emanzipierung Europas von der Vormundschaft des wachenden „Großen Bruders“, sondern der Prozess der Auflösung dieses Paradoxes zugunsten dessen, was keinen anderen Wert zulässt als die Kapitalverwertbarkeit. Der Kapitalismus, der, um einen gewissen Glaubwürdigkeitsgrad aufrechtzuerhalten, gezwungen war, in seinem europäischen Mutterland auch anderen Werten als der Kapitalverwertbarkeit einen Geltungsbereich einzuräumen, hat die Kapitalverwertbarkeit zu einer absoluten Größe erhoben dank der Kultivierung dessen, was man heute in jemandem anzusprechen braucht, um ihn von etwas zu überzeugen: nämlich seine Marktgläubigkeit. Ein paradoxloses Europa ist eines, das für Überraschungen nicht zu haben ist.

 

 

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Wenn die Frage die Runde macht: “Wollt ihr denn ewig leben?”

Deutsch schreibende Muslime. Zumal wir für zweierlei den Blick schärfen müssen. Erstens: Scheuen wir die Frage, wovon sich unser Leben was verspricht, werden wir uns auch weiterhin an dem vergnügen, woran er im Grunde Schaden nimmt. Zweitens: Nur in dem Maße, in dem das, was wir unser Eigen nennen, die Frage aufwirft, was wem zusteht und was nicht, können wir davon ausgehen, unser Leben dem Leistungsprinzip unterstellt zu haben. Denn nicht nur zieht die Welt, in der wir leben, den größtmöglichen Nutzen aus unserer Gleichgültigkeit gegenüber der Frage, was unser Leben begünstigt, was ihn befriedigt, sondern ihr Fortbestand bedingt (obiger Reihenfolge entsprechend) zum Einen die völlige Unzugänglichmachung dessen, was uns Menschen davon in Kenntnis setzt, was zu unseren Gunsten und was zu unseren Ungunsten ausschlägt (hiervon gibt uns der Islam Kunde) – was die Abkopplung desjenigen Gebietes vom Islam bedingt, das seine Identität dem Umstand verdankt, sich zum Bannerträger dieser Kunde gemacht zu haben (und das führt uns schnurstracks zum Gebiet der heutigen Türkei); und zum Anderen die Hinstellung der Deutschen als eine leicht entzündliche Feuer-und-Flamme-Nation, für die die verderbenbringende Nähe zum Islam der des Feuers zum Schwefel gleichkäme. Spricht man aber viel eher von der Nähe zu jeglichem mit missionarischem Sendungsbewusstsein ausstaffierten Gedankengut (so z. B. nationalem), rührt das daher, dass, seit Luther, nur in dem Maße, wie er einem Leben mit dem Türken abträglich war, der unerlässliche Beitrag des Deutschen zur Zivilisation überhaupt als solche zu Buche schlug.

 

Ein rechtsradikaler Oberleutnant der Bundeswehr, der kein Arabisch spricht, habe sich eine Doppelidentität zugelegt und als syrischer Flüchtling gemeinsam mit seinem mittlerweile auch überführten Komplizen Anschläge verüben wollen. Kein Einzelfall, heißt es. Doch falls wir hätten von einer Überführung sprechen können, lieferte der Vorfall wie ähnliche – indes unaufgedeckte – Fälle nicht dem Vorwurf oder der Gelegenheit zur Abwendung des Vorwurfs den nötigen Nährboden, die Deutschen hole ihre Vergangenheit ein. Denn ein zu einem historischen Bewusstsein verhelfender retrospektiver Blick gibt uns immer Aufschluss darüber, welches Vertrauen wem welche Animositäten eingebracht hat. Und ein Blick auf die letzten zwei Jahrhunderte deutscher Geschichte belegt, dass es ihre Zähigkeit war, einem mit den Koordinaten der Diesseitigkeit vorliebnehmenden Leben Sicherheitspendendes abzugewinnen, was den Deutschen zwei Weltkriege eingebrockt hat. Die Frage, ob die Deutschen (seit 1945 sagt man Europa, meint aber die Deutschen) Gefahr laufen, von ihrer Vergangenheit eingeholt zu werden, sähe daher, lüfteten wir ihren Schleier, folgendermaßen aus: „Werden sich die Deutschen auch künftighin eher davon etwas versprechen, sich als Hauptrechtfertigungsquelle der Zivilisationsverfechter hervorzutun?“ Denn ungelüftet geht es dieser Frage eher darum, diejenigen ins Schlepptau zu nehmen, denen es nicht an der Bereitschaft fehlt, als Alibilieferant derjeniger herzuhalten, die zur Sicherung ihrer Profite auf das Fixiertsein auf die Koordinaten der Diesseitigkeit angewiesen sind.

 

Möchten wir uns damit begnügen, uns nach dem Prinzip „leben und leben lassen“ durchzuwursteln, oder vermögen wir unserem Leben auch etwas mehr abzugewinnen als was der Ratschlag nahelegt, immer nur auf die fröhliche (helle) Seite des Lebens zu schauen? Am Anfang war das, was wir „Neuzeit“ nennen, die ohne Hinzuziehung des Türken jeglicher Nachvollziehbarkeit entbehrt und über Jahrtausende aufgestaute Hoffnungen des östlichen Mittelmeerraumes, die der Türke aufgefangen hat, zunichte machte. Nachdem aber der neuzeitliche Putz der von alters her geläufigen Herrschaft einiger Weniger abzubröckeln begann, sah man sich, auch wenn der Türke schon längst nicht mehr im Blickpunkt stand, gezwungen, sich aus der Beharrlichkeit, aus den Koordinaten der Diesseitigkeit Sicherheitspendendes abzugewinnen, einen Typus zurechtzulegen, auf den man je nach Bedarf mit dem Finger zeigen konnte: „Ist es etwa das, was ihr wollt?“ Immer nur und ausschließlich derjenige ist es, der es als eine Befreiung empfindet, der Frage, wovon wir uns etwas versprechen, was wir unser Eigen nennen, nicht nachgehen zu müssen, der sich von dieser Frage angesprochen fühlt.

 

Wer entscheidet, wer ein Deutscher ist, darüber, dass die Antwort dieser Frage uns lediglich darüber informiert, wie der Mensch es eben nicht halten sollte? Kapitalnotwendigkeiten? Solange und insofern es dem Deutschen freisteht, auf ein Wort wie „Schicksal“ zurückzugreifen, wird man auch dafür sorgen müssen, dass er keine Anstalten macht, mit der tollen Idee zu überraschen, zu fragen, was das überhaupt ist: das Gottgegebene, um es sich eventuell als das „Schickliche“ schlechthin zu Eigen zu machen. Solange es jedoch ein Ding der Unmöglichkeit bleibt, einen Unterschied zu machen zwischen einer den Kapitalanwandlungen geschuldeten America-First-Politik und einer von einem Bewusstsein zeugenden Außenpolitik für das, was wir unser Eigen nennen und was nicht, wird man dem – seinen fahnenflüchtigen Soldaten hinterhergerufenen – Satz Friedrich des Großen „Wollt ihr etwa ewig leben?“ lediglich einen zynischen Sinn abgewinnen können und es unbemerkt bleiben, dass sowohl der Ausgang des Brexit-Referendums wie auch der amerikanischen und französischen Präsidentschaftswahlen es darauf abgesehen haben, sich eben diese Unmöglichkeit zunutze zu machen. Und was, wenn die America-First-Politik nur eine „Germany-First-Politik“ um zig Ecken ist?

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Die deutsche Frage: Surrogat für deutscher Islam

Von der „Heimat des Islam“ zu sprechen, dürfte zweifach befremden. Entweder wird man die Bodenständigkeit des ersten der Penetranz des anderen gegenüberstellen oder den Universalitätsanspruch des zweiten mit der Ausgrenzungstendenz des ersten nicht vereinbaren können. Je nach dem, welchem Namen man Ehre machen will – dem eines aufgeklärten Muslim oder aufgeschlossenen Patrioten. In jedem Fall wird man sich ereifern, den Vorwurf eines sich trefflich ergänzenden Gespanns vorwegzunehmen. Denn die Rezeption unserer Worte geht ihrer geistigen Gestaltannahme immer voraus – damit wir nicht aus den Augen verlieren, dass das, was unserem Wort nicht nur einen Sinn stiftet, sondern ihm auch seinen Wert und seine Tragweite verleiht, das von ihm in Rechnung Gestellte ist. „Wird die Europäische Union zerfallen?“ Ist es, dass Europa ein zwischen dem Konstrukt EU und Washington verkeilter Kontinent ist, was diese Frage in Rechnung stellt? „War die EU eine große Illusion?“ Welchem Selbsttäuschungsmanöver möchte diese Frage auflauern? „Die vielbeschworenen Dämonen“, wird man entgegenhalten, „die es in Rechnung zu stellen gilt und die man wähnte, anhand des europäischen Integrationsprozesses im Zaum zu halten“. Doch genau da liegt des Pudels Kern.

 

Zuallererst müssen wir uns Klarheit über „Europa“ verschaffen – anhand der Frage, die der Sorge entspringt, unser Leben vor der sich innerhalb gegebenen Rahmens einrichtenden Beliebigkeit zu bewahren. Ist Europa ein Ort, den Begriffe wie Entschlossenheit, Hartnäckigkeit und Standhaftigkeit zu einer historischen Größe aufsteigen ließen oder eher Sturheit, Halsstarrigkeit und Dickköpfigkeit? Ein Begriffspaar, das zwischen Entschlossenheit und Sturheit; Hartnäckigkeit und Halsstarrigkeit; Standhaftigkeit und Dickköpfigkeit unterscheidet, kann für uns insofern richtungweisend sein, als es uns nahelegt, dass das, was ein „Nachgeben“ im Leben eines Menschen zu etwas Gedeihlichem macht, die Überwindung des Trugbildes ist, „zwischen dem Teufel und der tiefen blauen See“ eine Entscheidung treffen zu müssen. Je nach dem, ob unser Leben dieses Begriffspaar in Rechnung stellt, wird es uns erspart bleiben, dem Glauben anzuhängen, es gehe einzig um ein ausgewogenes Verhältnis zur Realität, und sich uns ein neuer Realitätssinn erschließen nach Maßgabe dessen, was ein „Nachgeben“ erst zu einem solchen macht, anhand dessen uns erst vermittelt wird, was wir „durchhalten“ müssen. Das im Hinterkopf, fragen wir: Wie kam es zu einem Ort namens „Europa“?

 

»Nach Poitiers gewinnt der Begriff Europa vorübergehend eine gewisse Bedeutung. Dreißig Jahre nach der Schlacht schreibt der Spanier Isidor der Jüngere: Wenn die Europäer des morgens aus ihren Häusern treten, sehen sie die ordentlich aufgereihten Zelte der Araber. Im Jahre 800 wird dann der heilige Kaiser Karl der Große „ehrenwertes Haupt Europas und „Vater Europas genannt. Nach seinem Tode aber, wird die Europaidee von der Idee der Christenheit absorbiert und geht in deren inneren Auseinandersetzungen unter: das Wort „Europa, so scheint es, taucht bis zum 14. Jahrhundert nicht mehr auf… Daher könnte man sagen, dass zunächst einmal der Islam Europa macht, indem er die Christenheit auf Europa beschränkt (7. Jahrhundert), und dass sich Europa als Gegenreaktion auf den Islam selbst macht, als es diesen 732 bis hinter Poitiers zurückdrängt…«*

 

Den Europäer kann es im Grunde nicht geben, sondern nur „Europa“. Nicht Europa verdankt seinen Namen der Spezies „Europäer“, dem europäischen Menschenschlag. Vielmehr fungiert dieser wie auch das Adjektiv „europäisch“ als ein Bezug auf eine geographische Beengtheit. Mehr als die Bezeichnung des Ortes der „Notlösung europäische Zivilisation“ lässt sich nämlich folglich aus „Europa“ nicht herausholen, als Ort einer großangelegten Reaktion auf diese Beengtheit. Indes nicht anlässlich der Islamisierung der arabischen Halbinsel im 7. Jahrhundert, die das beendete, was man im Nachhinein Antike hieß. Es war die Islamisierung Anatoliens im 11. Jahrhundert, und namentlich das Scheitern der Kreuzzüge im Gefolge, die der Versuch waren, dieser Beengtheit zu entkommen, was für das Verständnis eines nachhaltigen Lebens auf dem europäischen Kontinent in Betracht gezogen werden muss. Europäer nennen wir demnach diejenigen, die erst mit der Islamisierung Anatoliens seitens derer, die sie vorzugsweise Türken nannten, gezwungen waren, sich entweder mit dem Gedanken eines Lebens mit (sprich: unter) den Türken anzufreunden und sich somit die Möglichkeit zu erschließen, sich vom Joch einer christlich-jüdischen Falsifizierung zu entledigen oder sich etwas Anderes einfallen zu lassen: nämlich das christlich-jüdische Erbe mit griechisch-römischen Praktiken zu vermählen, damit den Profittrieb zu untermalen und als den „letzten Schrei“ feilzubieten. Nicht die Europäer entschieden sich für das Zweite, sondern diejenigen, die sich in das Zweite festgerannt haben, können wir mit keinem anderen Namen belegen als „Europäer“. Daher: Jeder, für den die europäische Zivilisation, wenn nicht das Non-plus-ultra, so zumindest doch das kleinste Übel ausmacht, sollte sich fragen, inwiefern ein zivilisiertes Leben, das ist: ein Leben, das auf einer – mehr oder weniger – breiten Übereinkunft beruht, einem Leben vorzuziehen ist, das sich daran orientiert, dass einem die Möglichkeit gegeben sein muss, sich davor zu bewahren, vom Falschen, Schlechten und Üblen auszugehen. Denn was ist ein zivilisiertes Leben anderes als die Beilegung (nicht Austragung) und Stilllegung (nicht Stillung) grundsätzlicher Fragen und essentieller Bedürfnisse zwecks Wahrung eines gesellschaftlichen Equilibriums aus Geben und Nehmen?

 

Die Jahre des Ersten Weltkrieges sind voll von Bezügen auf den Türken. Die Zeit schien reif für die Abrechnung mit ihm. So bezeichnet Louis Bertrand, Mitglied der Académie française und Verfasser des drei Jahre nach der Gründung der Türkischen Republik 1923 erschienenen Devant L’Islam, die Eroberung Amerikas als den „letzten Kreuzzug“; den Versuch, den Türken von hinten anzufallen. Es ist das Verdienst der im Namen europäischer Beengtheit Agierenden, es vermocht zu haben, zunächst den Islam mit dem „blutrünstigen“ Gesicht des Türken identifiziert zu haben, um anschließend, als es in den kulturellen und politischen Zentren europäischer Beengtheit hoch angesagt war, sich der Hohen Pforte anzubiedern, die Notlösung initiiert zu haben, die den Vorzug hatte, den Islam zu etwas (ohne den Türken) Vorstellbarem gemacht zu haben, das heißt: zu etwas vollkommen Unverbindlichem. Türke ist daher, entgegen aller landläufigen und festgefahrenen Annahmen, weder der Name einer irgendwann im frühen Mittelalter islamisierten Rasse, einer ethnischen Volksgruppe mit gemeinsamer geographischer Herkunft und charakteristischen erblichen Merkmalen, noch der einer kulturell geprägten Volkszugehörigkeit, aber auch nicht der Name des Hauptrepräsentanten einer bestimmten Richtung des Islam; sondern: schlicht und einfach, der Name dessen, was den Islam erst zu dem gemacht hat, was er ist, nämlich eine „Verbindlichkeit“. Und diejenigen, die davon profitiert haben, einen Keil zwischen Islam und den Türken getrieben zu haben, um so den Islam zu etwas Unverbindlichem zu machen, setzen heute alles daran, diesmal das Türkentum zu etwas (ohne den Islam) Vorstellbarem zu machen. Doch, müssen wir uns fragen, was hat das alles mit Heimat zu tun, einem dem nationalistischen Sprachgebrauch entlehnten Begriff?

 

Wir müssen etwas vorausschicken: davon ausgehen, dass der Mensch ein Wesen ist, der dazu disponiert ist, nach eigenem Gutdünken zu handeln; oder auch nicht. Nicht nur steht ihm frei, so oder so zu handeln, eine gute oder schlechte Partie zu liefern, sondern auch all dies über den Haufen zu werfen. Wir können uns für ein unhaltbares, gewöhnungsbedürftiges oder auch vorzugswürdiges Leben entscheiden, d. h. für eines, das man anderen antragen kann, ohne in Verlegenheit geraten zu müssen. Doch sobald wir uns für Dinge entscheiden, die man nicht nur anderen nahelegen, sondern auch von ihnen erwarten kann, dass sie sich dafür entscheiden, bewegen wir uns in Richtung „Nation“. Nur, wird man entgegenhalten, dass man sich über das Unhaltbare, Gewöhnungsbedürftige und Vorzugswürdige wird nie ganz einig sein können. Überdies: dass Menschen behaupten, darum zu wissen, was gut und schlecht für sie ist, mag noch hingehen. Doch ist es nicht, dass sie sich darüber hinaus dazu anmaßen, das auf Andere auszuweiten, ihnen ihre letzten Gewissheiten aufzwingen, was zur „Ur-Katastrophe“ des 20. Jahrhunderts geführt hat und was es gerade zu unterbinden gilt? Damit hätten wir die Frage, die uns den Pudels Kern verhehlt.

 

Das 19. ist das Jahrhundert, in dem das Behelfsmäßige, Palliative und Kurzlebige der „Notlösung“ die Gemüter nicht mehr hinlänglich überzeugte, eben zu kurz zu greifen anfing. Beruhte ihre Überzeugungskraft doch auf der hemmungslosen Ausbeutung und Ausnutzung der Vergänglichkeit des Menschenlebens auf Erden, nicht auf ihrer Mitberücksichtigung. Die Grundstimmung war in einem Gefühl für nicht zu befriedigende Unzulänglichkeiten grundsätzlicher Art angesiedelt, was die Aufhebung von Unterscheidungen auf den Plan rief, die den Nährboden lieferten für Trennungen wie Selbstverwirklichung und Allgemeinwohl. Das prompt mit dem Etikett „romantisch“ zu belegen, kam einigen zupass und sollte hernach seinen Zweck erfüllen – taugte es doch zum Vorwurf der Einseitigkeit. Doch, gilt es unbedingt in Betracht zu ziehen, zeugte das 19. Jahrhundert zugleich vom Auftakt des Prozesses der Einverleibung der Gebiete der Non-Market Economy in diejenigen Kapitalverhältnisse, die die Notlösung angetrieben haben; nämlich derjeniger Gebiete, unter denen lediglich die türkischen Lande ihre Existenzberechtigung aus Beziehungen ableiteten, die mit diesen Verhältnissen in keinster Weise vereinbar waren. Denn nur diese konnten in einen mittelbar ursächlichen Zusammenhang mit diesen Verhältnissen gesetzt werden. Das firmierte fortan unter dem Namen „Orientfrage“. Orient hieß der Islam nach der Entwarnung; als Gefahr im Verzug war, trug er den Namen „Türke“.

 

Nun zur Sache: Frankreich war in seinem Versuch kläglich gescheitert, dem Britischen Empire seine Rolle als den Hauptbenefizianten und -stoßkraft der Notlösung abstreitig zu machen. So stellte das Empire nach Waterloo auf dem Wiener Kongress 1815 sicher, dass keiner der Beteiligten (Österreich-Ungarn, Frankreich, Preußen oder Russland) Anstalten machte, aus der Orientfrage im Alleingang eigenen Nutzen zu ziehen – eigenen Nutzen hieß: im Dienste und zur Förderung einer seitens aller anvisierbaren Idee. Im Zarenreich war das „Mütterchen Russland“, in der Donaumonarchie die Kaiserkrone und im Deutschen Kaiserreich der Reichsadler oder die preußischen Tugenden. Denn die Kapitalanhäufung zugunsten einer von allen hochzuhaltenden Idee hatte innerhalb der Kapitallogik einen Haken: Zwar war es nicht undenkbar, jemandem nahezulegen, sich im Namen des Kaisers, des Reiches oder preußischer Tugenden eine goldene Nase zu verdienen. Doch: da der umgekehrte Fall oder die Anempfehlung der Anhäufung um der Anhäufung willen eher ein Unding zwischenmenschlicher Beziehungen ist, war es nur folgerichtig, dass diese (die Kapitalanhäufung zugunsten einer von allen hochzuhaltenden Idee) diejenigen Tendenzen begünstigte, die davon ausgingen, dass wenn etwas einem zugute kommt, auch anderen nicht schaden dürfe, wenn es anderen zum Schaden gereichte, man auch selbst nicht in ihm einen Vorteil suchen dürfe. Dass das damit gleichgesetzt wurde, was man das Aufkommen des Nationalismus nennen sollte, der zur Penetranz und Ausgrenzung tendierenden imagined communities, entsprach den Interessen derer, die davon profitierten, dass man annahm, es existiere eine jeweils nach unterschiedlicher Logik operierende „Ich-“ und „Wir-Ebene“. Und das ist das Einzige, wovon die Kapitallogik größtmöglichen Nutzen zu ziehen vermag. So trat das Kapital denn auch die Flucht nach vorne an, indem er in die Verhältnisse des Finanzkapitals auswich, die mit der Vorstellung der kollektiven Entität als einheitliches Ganzes unvereinbar sind. Und in diesem Zusammenhang war es insbesondere die Tendenz der 1871 im Gefolge des Krimkrieges zu einem Reich vereinten deutschen Gebiete, die Orientfrage in den Dienst eines dem Bildungsbegriff nahestehen Bürgertums zu stellen, was in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Augen derer, die davon profitierten, dass das Profitgehabe Zuflucht in den Verhältnissen des Finanzkapitals nahm, zu einer nach Lösung drängenden Frage führte, die man die Deutsche Frage nannte.

 

Hätte ein Bismarck die Deutschen vor dem Ersten Weltkrieg bewahren können? Wer entscheidet über eine Deutsche Frage? In wessen Initiative liegt es, eine solche auf die Tagesordnung zu setzen, sie wieder abzusetzen? Wiedervereinigung ist die freiwillige Belastung deutscher Zustände mit einer viel größeren und schwereren Hypothek als vor dem Fall der Mauer. Ohne dieses Unterpfand als Zeichen der Bündnistreue dürften sich die Deutschen eines geteilten Deutschlands brüsten. Es berechtigte zur Frage, was es ist, das zwei Deutsche miteinander verbindet und das hieße: in welchem Separativ das Menschenverbindende zu suchen ist. Täusche man sich nicht: Die Wiedervereinigung hat mit dem Datum 1871 nichts gemein. Denn es gibt keine Fahrt gen Westen. Solange die Umstände der schwereren Hypothek den Deutschen zum Segen gereichen, bleibt die von unsichtbarer Hand auf die Tagesordnung gesetzte Deutsche Frage unter Dach und Fach. Ein bewusstseinsbildendes Gemeinschaftsgefühl war nie die Stärke der als Scharfmacher klassifizierten. Doch sollten wir wissen, dass wenn die Deutsche Frage diesmal unter dem Schlagwort „Eurokrise“ abermals auf der von Smiths unsichtbarer Hand gedeichselten Agenda steht, dann weil der Prozess der seit dem Wiener Kongress 1815 anlaufenden Heimatlosmachung der „Verbindlichkeit namens Türkentum“ als das allerdringlichste Anliegen der Finanzkapitalverhältnisse endgültig zu einem dauerhaften Abschluss gebracht werden muss. Wann immer von einer Deutschen Frage die Rede ist, steht die ungestellte Frage im Raum, wie sich der Deutsche angesichts einer Haltung verhalten wird, die es auf diese Verbindlichkeit abgesehen hat.

 

*          Edgar Morin, Penser L’Europe (Europa denken), 1987

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