Des Finanzkapitals Herzensanliegen und die Berufung des deutschen Islam

Was können wir uns von einem „deutschen Islam“ versprechen? Durch dreierlei wird diese Frage bedingt, was zugleich darüber entscheidet, wem sie gebührt. Erstens: Welche Umstände liegen ihr zugrunde? Je nachdem, wer sich wovor in Sicherheit wissen will, fällt die Frage, ob der Koran Terror schafft, nämlich verschieden aus. Zweitens: Erfährt der Islam je nach Zeit- und Lebensumständen eine unterschiedliche Akzentuierung, so dass wir heute von einem Islam arabischer, schiitischer, andalusischer, türkischer oder islamistischer Ausprägung sprechen können? Wäre es nicht eher angebracht, den real existierenden deutschen Muslim ins Gespräch zu bringen, anstatt einen hypothetischen deutschen Islam zu beschwören? Drittens: Wer oder was entscheidet darüber, was wir brauchen und was nicht? Wer sagt uns, dass die Welt ein „atommächtiges“ Nordkorea braucht, ein Nordkorea von dem wir wissen, dass er seit 1947 ohnmächtig gegen seine Teilung ist, aber nicht ein Syrien unter Baschar al-Assad?

 

Wir müssen achtgeben, dass wir nicht gerade an unseren Vorsätzen scheitern. Gute Vorsätze sind nämlich eine Sache; dass „der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert“ ist, „nicht mit schlechten“, so George Bernard Shaw, eine andere. Denn Vorsätze sind unser „Deal mit der Realität“ und Realität immer nur das, was uns als unabdingbar gilt. Was unser Vorsatz ist, was wir im Sinn haben, sehen wir daher immer im Nachhinein, daran, wie unmissverständlich unsere Worte (Taten) rüberbringen, dass wir keiner anderen Gottheit huldigen als der einen; oder sie weisen den Makel des Plausibilitätsbedenkens auf. Dann sind sie, wie plausibel sie auch rüberkommen, wie überzeugend sie etwas auch zu vermitteln verstehen, unverständliche Worte und Taten von und für im Trüben Fischende. Shaws Satz bedarf daher einer Richtigstellung: „Der Weg zur Hölle ist mit guten Taten gepflastert, nicht mit schlechten.“ Denn ohne dass unsere Taten unzweideutig zum Ausdruck bringen, ihren „Deal“ nur mit der einen Gottheit (Allah) gemacht zu haben, die alle anderen „Pseudo-Deals“ mit vom Finanzkapital feilgebotenen Anliegen ausschließt, lässt sich anhand unserer Taten nie hinreichend ausmachen, dass wir auch Muslime sind. Das ist es, worauf wir in Wahrheit achtgeben müssen, und woran unsere Worte und Taten jedes Mal scheitern.

 

Juden und Christen müssen wir unter Angehörigen der einen „Nation“ subsumieren, die an ihrem falsche Gottheiten nicht identifizierenden „Kauderwelsch“ festhalten. Ihre Erwähnung im Eingangsvers des Korans kommt nicht von ungefähr. Wird eine Sprache nicht mehr ihrer Grundfunktion gerecht, andere Gottheiten als die eine eindeutig zu identifizieren, spiegeln die gesellschaftlichen Parteiungen und Gruppierungen nicht mehr annähernd den Unterschied zwischen Recht (hak) und Unrecht (batil) wider. „Wir hören und rebellieren“ (Bakara 93), sagen ihre Worte aus, auch wenn aus ihrem Mund spricht: „Wir hören und gehorchen“ (Bakara 285). Das ist die Babylonische Sprachverwirrung in Reinkultur. So führte die Geschichte nach der Rückkehr aus dem Babylonischen Exil 597-539 v. Chr. dazu, dass das hebräische Wort für „Blut“ (dam) mit dem für „Geld“ (damim) zur Deckung gelangte. Gott habe ihnen, so die jüdische Deutung der Opferung Isaaks, als eine Mahnung daran, statt Blut zu vergießen, Handel zu treiben, ein Opferlamm gesandt. Der Möglichkeit, zu erkennen, wovon sich ein Menschenleben ausschließlich etwas versprechen kann, war somit ein für alle Mal der Riegel vorgeschoben. Das, womit dieselben ablehnten, was sie abermals daran gemahnen sollte, in wessen Schuld der Mensch einzig und allein steht (daher die Jungfräulichkeit Marias), erhielt den Namen Christentum. Während zuvor die Juden den Spieß umgedreht und den Schöpfer selbst in die Pflicht genommen hatten, sodass es dem jüdischen Gott oblag, etwas Ausdruck zu verleihen, „bescherte“ Gott den Christen eine Sprache, mit der sie ihre Schuldigkeit von ihrer Sündhaftigkeit nicht mehr zu trennen vermochten, sodass der Mensch nichts als seine Sünden vorzuweisen hatte, womit er seiner Schuldigkeit Ausdruck verleihen konnte. Als Vorsichtsmaßnahmen und Vorkehrungen derer, die sich zu nichts anderes gezwungen fühlen wollten als das, wozu sie die Umstände anhalten, schlugen denn auch sowohl das Christentum als auch das Judentum unmissverständlich zu Buche. Denn es war gerade der – geradezu herausfordernde – Aufruf Gottes zum „Deal“ mit Ihm, was beide, sowohl die Christen als auch die Juden, eine definitive und unwiderrufliche Absage erteilt hatten: „Und wer ist’s, der Allah ein schönes Darlehen leiht? Er wird’s ihm verdoppeln um viele Male“ (Bakara 245). Wer immer vorgab, sich auf dem rechten Weg zu befinden, es konnte sich somit nicht mehr um denjenigen handeln, der darauf bauen konnte, dass ihm die Hilfe des einen Gottes auch zuteilwerden würde.

 

Auf die Frage, warum er sich zum Christentum taufen ließ, antwortete Heinrich Heine: „Ich konnte mich nicht an den Gedanken gewöhnen, Baron Rothschilds Glauben teilen zu müssen, ohne an seinem Vermögen Anteil zu haben.“ Für Heine hatte das Christentum zumindest den Vorteil, dass man als Christ stets reichlich von dem vorzuweisen hatte, wozu einem das Christentum als Bestätigung herhielt; nämlich die abgrundtiefe menschliche Sündhaftigkeit. Zweifelsohne ist es im Sinne eines viable capitalism, dass sich die Menschen danach richten, was ihnen als eine Bestätigung für beides gilt, sowohl ihre Unbescholtenheit als auch ihre Schlechtigkeit – wovon sie denn auch ihre guten wie bösen Taten ableiten. Doch solange die Menschen keinen zwingenden Grund darin sehen, ihr Interesse nicht aktiv in dem zu suchen, was ihnen der Kapitalismus als etwas Unabdingbares ausgibt, werden es gerade ihre guten Taten sein, die ihnen eine Schmach bereiten werden. Etwas anderes als das Schmachvolle eines Erdenlebens wird uns ein Deal mit der kapitalistischen Realität denn auch nicht ins Haus bringen können. Gerade dass es ein „Deal“ mit der „besten aller möglichen Welten“ ist, zeugt bereits hiervon. Denn zu fragen, warum Gott zulässt, dass wir uns dafür entschieden haben, wofür wir uns entschieden haben, statt zu fragen, ob es etwa sein kann, dass wir uns bei dem, wofür wir uns entschieden haben, Seines Beistandes nicht so sicher sein können, ist an sich schon ein Ausdruck geistiger Erbärmlichkeit.

 

Halten wir uns daran, was uns nicht zur Ehre gereichen kann. Was soll man z. B. davon halten, dass man das, was aus der arabischen Welt geworden ist, seitdem sie nicht mehr Teil türkischen Territoriums ist, für eine Befreiung vom Joch bzw. Unabhängigkeit hält, und das seit geraumer Zeit unter dem Etikett „Arabischer Frühling“ zu firmieren versucht? Das Suffix des „Islamismus“ war von Anfang an dazu bestimmt, die fehlende politische Komponente eines türkenlosen Islam unter modernen Prämissen zu kompensieren. (Als eine früh in den direkten französischen und britischen Sog geratene ehemalige türkische Provinz leistet Ägypten hierin immer noch vorauseilenden Gehorsam.) Der Ausdruck des „Goldenen Zeitalters des Islam“ für die Zeit der Abbasiden und für al-Andalus ist den Notwendigkeiten der Zeit des Britischen Empire geschuldet, nachdem am Wiener Kongress 1815 besiegelt wurde, dass keiner der Teilnehmer die Frage des „kranken Mannes am Bosporus“ im Alleingang für sich zu entscheiden versucht. Die Schiiten kann immer nur so viel mit dem Islam verbinden wie sie auch von den Christen und Juden trennt, und hierüber entscheidet allein ihr Verhältnis zum „Türken“. Denn es sei darauf achtzugeben, dass das Wort „Türke“ nicht nur auf diejenigen zurückgeht, die stur an ihrem Kauderwelsch namens Christen- und Judentum festgehalten haben, sondern auch dazu bestimmt war, dieser ihrer Sturheit auch einen Nachdruck zu verleihen. Es war nämlich, dass er, ohne dass ihn irgendeine Not dazu getrieben hätte, den Boden unter den Füßen derer heiß gemacht hat, die sich in ihren Kauderwelsch verbohrt haben, was den Türken als Bannerträger des Islam in seiner nötigenden Rolle, die er in der europäischen Geschichte spielt, für ein Verständnis der Moderne unumgänglich gemacht hat. Wie sehr der Kapitalismus aus der Not hervorgegangen ist, eben dies zu vereiteln, sosehr steht der Türke für das, was gehandelt hat, ohne dass ihn irgendjemand dazu getrieben hätte; es sei denn, es ist das Gebot Gottes, uns zu etwas aufzuraffen und bereit zu erklären, bei dem wir uns Gottes Hilfe und nur des einen Gottes Hilfe gewiss sein können, auch wenn wir glauben, dass es nicht im Rahmen unserer Möglichkeiten und der Umstände liegt. Denn es ist Gott, der es uns „verdoppeln wird um viele Male“. Und das ist es, was uns die „Opferung Isaaks“ mit auf den Weg geben will und was wiederum eine Gesellschaft mit dem ausstattet, was sie erst zu einer „Nation“ im Gegensatz zu der einen „Nation der Ungläubigen“ macht. Ein den Zeit- und Lebensumständen angepasstes Islamverständnis schlägt uns eben dieser zweiten Nation zu. Ein Islam hingegen, der uns erst ein Bewusstsein dafür verschafft, worin unsere Verantwortung als zu unmissverständlichen Worten und Taten verpflichtete Menschen angesichts von uns bedingenden Zeit- und Lebensumständen liegt, nur dieser Islam wird uns, in dem Maße, in dem unsere Verantwortung uns für die nötigende Rolle des Türken als Bannerträger des Islam in der europäischen Geschichte sensibilisiert, zu Kandidaten einer je nach Gesellschaft verschieden akzentuierten „Nation“ machen.

 

Welche Notwendigkeiten welcher Art Dringlichkeit sind es, die man uns heute ausmalt? George H. W. Bushs Satz von 1992, dass der „amerikanische Lebensstil nicht verhandelbar ist“, verrät, dass es sich hierbei um Notwendigkeiten des mit dem Zweiten Weltkrieg zum globalen Durchbruch gelangten American Way of Life handelt. Mit anderen Worten: Mehr denn je sind es Notwendigkeiten eines sich von den Zwängen einer türkischen Not befreit zu haben glaubenden Kapitalismus, die er hofft, voll und ganz überwinden zu können, falls er sich samt seinen territorialen Verstrickungen auch des Türken entledigt. Das ist es, was wir das vordringlichste und vorrangigste Anliegen, ja Herzensanliegen, des Finanzkapitals nennen; und dass er diesem seinen Anliegen mehr denn je nähergekommen zu sein scheint, straft zwar die heutige Türkei, die uns namentlich die Ereignisse seit 1990 beschert haben, keinesfalls Lügen, was aber auch mitnichten der Tatsache Abbruch tut, dass wir von uns behaupten können, zu wissen, wem wir es schulden, dass ihm ein Stein vom Herzen fällt, und wer es verdient, dass ihm das Herz tief in die Hose abrutscht. Und das sind die Umstände, die wir der Frage, was wir uns von einem „deutschen Islam“ versprechen können, zugrunde legen.

 

Der Frage, was wir uns von einem „deutschen Islam“ versprechen können, wird sich nur der deutsche Muslim annehmen können und wissen müssen, auf wen er sich dabei wird verlassen können. Ein deutscher Muslim, der sich mit den Notwendigkeiten des Herzensanliegens des Finanzkapitals arrangiert hat, wird immer „ein Muslim der guten Taten“ bleiben, einer, der sich nicht daran hält, was ihm einzig den Beistand des einen Gottes bescheren wird. Ein deutscher Muslim hingegen, der eine eigens auf ihn gemünzte Berufung darin zu sehen vermag, nicht nur der Frage, wer darüber entscheidet, was die Welt braucht und was nicht, ein besonderes Gewicht von politischer Tragweite zu verleihen, sondern zugleich den „deutschen Islam“ zum Synonym für ein politisches Pflichtgefühl zu machen, das seine Verantwortung aus einem Bewusstsein für das Herzensanliegen des Finanzkapitals ableitet, nur ihm werden wir nachsagen können, dass er darum weiß, worin sein „Deal“ mit seinem Schöpfer besteht, womit er sich der Hilfe des einen Gottes sicher sein können wird. Diejenigen, die entschieden zu haben glauben, dass die Welt keinen „Türken“ mehr braucht, denen hat es weiß Gott nie an schmachvollen „Pseudo-Deals“ wie ein „bitcoin-relevantes“ Nordkorea oder ein einzig für die Verwirklichung ihres Anliegens einer Welt mit einem türkenlosen Islam relevantes Syrien ohne Baschar al-Assad gefehlt, denen aber ihr Herz auf einen Schlag in ihre Hose rutschen könnte, falls sich ein all dessen bewusster „Deutscher Islam“ anschicken sollte, sich politische Geltung zu verschaffen.

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Türkische Realität und Deutscher Islam

Was gilt es zu explizieren? Das, was uns davor bewahrt, in die Situation eines jemanden zu geraten, der, nachdem er dem falschen Zug entstiegen ist, ihn wieder einzuholen versucht, weil er entweder glaubt, etwas im Waggon vergessen zu haben, die Fahrtkosten rückerstattet haben will oder auch nur dem Zugführer mitteilen will, dass er nicht mehr mit von der Partie ist. Jegliches an geistiger oder sonstiger Ausstattung eines falschen Kurses gebührt und gehört in den in entsprechender Richtung rasenden Zug. Bringen wir es nicht übers Herz, uns von ihr zu trennen, sind wir noch immer auf dem Holzweg. Sei es, dass wir bestimmten Denkschablonen noch immer zu sehr verhaftet sind, sei es, weil wir insgeheim befürchten, dass all unsere bisherige Lebensmühe für die Katz sein wird, oder sei es, dass wir uns schlichtweg davon etwas versprechen, nicht auszugrenzen, sondern einzubeziehen. Die folgende Frage möchte all dem Rechnung tragen: Warum müssen wir die Nähe eines „deutschen Muslims“ zum Islam an seiner Nähe zum „Türken“ messen? Die Frage verdient aus zwei Richtungen angegangen zu werden. Zum Einen muss uns auffallen, dass und warum der Islam keine „Frömmigkeit“ (engl. piety, fr. piété) kennt, ja buchstäblich auf Kriegsfuß mit ihr steht. Zum Anderen müssen wir uns darüber klar werden, dass und warum jeder Versuch, unsere Lage einer umfassenden und befriedigenden Erklärung zuzuführen, unweigerlich in eine Undurchschaubarkeit vorgebende „Weltgeschichte“ einmünden muss.

 

Von einem frommen Christen oder Juden zu sprechen, zeugt von ausschlaggebender Folgerichtigkeit. Der Kapitalismus hält es mit dieser Folgerichtigkeit. Doch warum ist die Wendung ein „frommer Muslim“ ein Unding, und zwar eines, das tief blicken lässt; so wie es ein Unding ist, von einem „praktizierenden Muslim“ zu sprechen? Die Verwendung des Begriffs „Frömmigkeit“ beruht auf der Einführung und Aufrechterhaltung der Trennung zwischen „weltlicher“ und „geistlicher“ Autorität. Diese Trennung hat ihren Ursprung in der willentlichen und wissentlichen Falschauslegung der Worte Jesu: „So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ Schon das Erste Konzil von Nicäa 325 n. Chr. widmete sich der Frage der Gottheit Christi. Denn nur von einem mit göttlicher Natur ausgestatteten Christus konnte man behaupten, er habe nicht nur einen göttlichen Willen. Nicht nur die weltlichen, sondern auch die geistlichen Oberen glaubten denn auch ihren sich miteinander arrangierenden und aufeinander angewiesenen Herrschaftsansprüchen mit diesem Satz ein sicheres Fundament geben zu können. Das heißt: Man konnte sich auf das diesem Satz unterstellte „Gebot der Gewaltenteilung“ sowohl als ein Christ als auch als ein Nichtchrist berufen. Ein frommer Christ hieß somit der, der die zum Schutze des Unhaltbaren unabdingbare Kultivierung des ihm zugewiesenen Bereiches mit Inbrunst betrieb. Während Jesus Worte schlicht und ergreifend zum Ausdruck bringen wollen, dass wir, je nachdem, in Erwartung welcher Segnungen wir leben, nicht werden umhin können, den von diesen Erwartungen lebenden Kräften unseren Fron zu leisten und folglich auf die entsprechende Quelle unserer Annehmlichkeiten nichts kommen lassen werden, sollte der ihm beseelt seine Kerzen anzündende Pakt mit dem Teufel künftig den Namen pietas: „Frömmigkeit“ tragen. War es doch dieser Teufel, der in der Gesandtschaft Jesu die entscheidende Bedrohung seiner römischen Friedensordnung erblickt hatte, um sich von der Gottessohnschaft Christi eine dringende und wirksame Abhilfe zu erhoffen.

 

Das Zeichen des Willens Gottes wurde im Christentum die Salbung durch die Kirche. Christus war der durch Gott Gesalbte. Im Judentum berief man sich seit jeher auf das, was man einem mit einer Rasse verschmolzenen Gott auszuhandeln vermochte. Der Islam sollte (und will) die Menschen insofern an die Unverhandelbarkeit der Worte Gottes gemahnen. Ob wir verhandelbar sind, entscheidet sich daran, ob unser Leben einer anderen Gottheit als der einen Tür und Tor öffnet. Die Frage ist, ob wir einem anderen über das Leben der Menschen bestimmenden Willen als dem Seinen eine Existenzberechtigung zugestehen oder nicht. Denn sobald ein Muslim in Erwartung dessen, worauf er glaubt, angewiesen zu sein, den Willen Gottes ausschließenden Entscheidungsträgern auch die geringste Wirkmacht andichtet, betritt er das Terrain der Schirk genannten Götzendienerei. Doch woher wissen wir, wann unser Leben der einen Gottheit huldigt, die alle anderen ausschließt, deren Überzeugungskraft darauf beruht, dass der Mensch glaubt, ohne sie aufgeschmissen zu sein, und der allein der Name „Allah“ gebührt? Nachdem die Unverhandelbarkeit der Worte Gottes (zuvor) durch die Sabotierung der Offenbarung als eine Wegweisung seitens der Juden und (zuletzt) durch die Torpedierung der Gesandtschaft Jesu seitens der Christen ausgehöhlt worden war, machte der Islam beides, sowohl die Offenbarung (Koran) als auch die Gesandtschaft und das Leben des Propheten (Sunna), zum Garanten der Ausschließlichkeit des Willens Gottes im Leben eines Menschen, indem er den Glauben an den Koran an den Glauben an die Sunna knüpfte – so sie dazu dienen, dass alles, was dieser Ausschließlichkeit zuwiderläuft, auch außen vor bleibt.

 

Der Begriff Weltgeschichte drückt die Notwendigkeit aus, zeitlich und geographisch immer weiter auseinanderliegende Faktoren mit in Betracht zu ziehen, um sich überhaupt von irgendetwas irgendwo auf der Welt einen Reim machen zu können. Eine Weltgeschichte ist erst möglich geworden seitdem ein Teil der Menschheit (Europäer) auf einem Teil des Planeten (Europa) in die Lage versetzt wurde, nahezu den ganzen Rest der Menschheit und des Planeten in den Dienst des „wissenschaftlich fundierten“ Profitbetriebes zu stellen, namentlich seit den Entdeckungsfahrten des „Zeitalters der Entdeckungen“ und dem Beginn der „europäischen Expansion“ mit der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert. Was war es aber, das entdeckt wurde? Das Zentrum der Geographike Hyphegesis, des um das Jahr 150 n. Chr. von Claudius Ptolomäus erstellten und bis ins 16. Jahrhundert gebräuchlichen Atlas, dessen Welt sich um das östliche Mittelmeer und Zentralasien, um Städte wie Konstantinopel, Bagdad und Alexandria drehte, war im 15. und 16. Jahrhundert fast vollständig in türkische Hand übergegangen. Und lediglich der Umstand, dass die Europäer einen Weg gefunden hatten, der sie davon zu befreien versprach, „türkenzentriert“ zu denken, das heißt in den Kategorien einer „türkischen Realität“, machte diese Entdeckungen erst zu Entdeckungen und gab dem sich befreien wollenden Manöver den Namen „europäische Expansion“. Bis zum Ende des 16. Jahrhunderts war die „türkische Realität“ nämlich die einzige unumgängliche und prädomonierende europäische Realität, die die Europäer hofften, mit den Errungenschaften des Zeitalters der Entdeckungen umgehen zu können. Doch, sollten wir wissen, waren die „Türkenkriege“ und die „Türkengefahr“ im Grunde nichts anderes als die Kriege und die Gefahr derer, die sich auf nichts anderes berufen konnten als auf ihren bewährten Teufelspakt der angeblichen Gewaltenteilung. Mit dem Vordringen der Türken als Bannerträger der Ausschließlichkeit des Willens Gottes, deren Garant der Koran plus die Sunna ist, sollte dieser Teufelspakt als Bollwerk gegen diese immer mehr an Bedeutung gewinnen. Doch was dem Teufelspakt nicht beschieden war, aufzuhalten, sollte durch das ausmanövriert werden können, was man glaubte, „entdeckt“ zu haben.

 

Auf keinem anderen Boden der Erde als dem türkischen geht die Bedeutung des koranischen Grundsatzes, „zu gebieten, was recht ist, und zu verbieten, was verwerflich ist“*, mit der Nichtigkeit des vom gläubigen Unglauben (küfür) untrennbaren Kapitalismus einher. Es sind die „vor dem trinitären Dreigestirn aus Marktwirtschaft, Menschenrechte und Demokratie in Habachtstellung harrenden“ Frommen, „die seit einem Vierteljahrhundert im Tempel der Elektro-, Gen-, Atom-, und Kosmotechnologie ein Ritual zelebrieren“**. Es sollte von daher stets im Interesse derselben Frommen liegen, einem von der „türkischen Realität“ abgekoppelten Islam in der Türkei Vorschub zu leisten. Dass die Türkei das einzige Land auf der Welt ist, das, ohne die eigene Realität in Abrede zu stellen, dem kapitalistischen Weltsystem nicht einverleibt werden kann, davon zeugen die Ereignisse seit 1990 zur Genüge. Die Lawine, die man seitdem in der Region loszutreten versucht, gibt uns von daher Aufschluss über ihre Urheber. Sowohl die Inszenierung einer „islamischen Revolution“ in Iran im Jahre 1979 als auch die Kreierung der Ikone der arabischen Welt mit Gamal Abdel Nasser 1956 mithilfe der Suezkrise erfüllten ihren Zweck erst dadurch, dass die türkische Realität auf keinen Fall ins Blickfeld geriet. Wer dennoch nach ihr sucht, wird einzig im Sinn der am 12. Februar 1920 vom türkischen Parlament den Parlamenten der Welt verkündeten Grenzen der Türkei fündig werden, der darin besteht, dass sie gegen die Repräsentanten der „kapitalistischen Frömmigkeit“ verteidigt wurden. Nur vor dem Hintergrund einer gegen diese türkische Realität Front machenden „Neuen Türkei“ wird der Satz der das Amt des türkischen Präsidenten bekleidenden Person verständlich: „Wir werden nicht Gefangene auf 780.000 Quadratkilometern sein.“ Wessen Realität sollen diese über 780.000 Quadratkilometer hinausgehenden Grenzen widerspiegeln?

 

Es ist die unmissverständliche Antwort des deutschen Muslims auf diese Frage, mit der die Entscheidung über die Existenz eines „deutschen Islam“ in Deutschland fallen könnte. Ein deutscher Muslim hingegen, dem jeglicher Sinn für diese Frage abgeht, der wird immer nur den Idealtyp eines „Konfektions-Islam“ abgeben, der auf die Erfordernisse einer als „Deutsche Zustände“ ausgegebenen Kapitalfrömmigkeit zugeschnitten ist. Doch einem deutschen Muslim mit einer gehörigen Portion Sinn für die türkische Realität, ihm wird es als etwas an seine Verantwortung als deutscher Muslim Gemahnendes nicht entgehen können, dass und warum es im Ersten Weltkrieg im Interesse eben dieser Kapitalfrömmigkeit lag, die sogenannte „deutsche Frömmigkeit“ der Lächerlichkeit preiszugeben, indem sie dem Wort „Fromms“ seine noch heute gängige Bedeutung verpasste.

 

*          Ein Grundsatz koranischen Ursprungs: Emr-i bi’l ma’rûf ve nehy-i anil münker.

**        Ismet Özel, JESUS AM KREUZ, KORAN IM KERKER; Elektronisch, Genetisch, Atomisch, Kosmisch (I), Online-Artikel vom 25.12.2017

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Wann ist ein deutscher Muslim ein deutscher Muslim oder wem gehört Jerusalem?

Schlimm genug, zu glauben, es gäbe so etwas wie das Richtige zur falschen Zeit. Erst recht eine tragische Figur ist es, sich mit Hangen und Bangen damit beschäftigt zu sehen, den plätschernden Brunnen zuzudecken, nachdem das Kind schon längst hineingefallen und der Gefahr des nassen Todes ausgesetzt ist. Ohne dass es uns im Geringsten bewusst wäre, machten wir es uns in einem solchen Fall zur Aufgabe, nicht nur die Bergung des Kindes, sondern auch die Aufdeckung der Umstände eines verübten Verbrechens zu vereiteln. Sobald unser Leben das, was das Unhaltbare an unserem Leben als solches ausweist, außen vor lässt, ergeht es uns nicht anders, stecken wir mit denen unter einer Decke, die ihren Nutzen daraus ziehen, dass der Islam weder geistig-moralischer Läuterung noch der Trennung der Spreu vom Weizen dient. Das Geheimnis dessen, dass sich heute kein Muslim, ohne das „Schicksal des Türken“ zu seiner Sache zu machen, zum Adressaten der Gebote und Verbote des Islam machen kann, liegt einzig hierin. Der Mensch ist immer auf die Existenz von Menschen angewiesen, an deren Leben ihm erst die Möglichkeit gegeben ist, zu erkennen, ob er zu denen gehört, die dem Ruf Gottes gefolgt sind oder nicht.

 

Doch wir wollen nichts überstürzen, sonst stolpern wir über unseren eigenen Schatten, ohne zu einem Schritt angesetzt zu haben. Falls uns das, womit wir uns abgeben, nicht dazu verhilft, den Anfang zu machen, dann werden unsere Schwächen das Zepter geführt haben. Was wir benötigen, ist daher kein Aktionsplan, sondern ein den Schulterschluss suchendes Bewusstsein dafür, was uns dazu verhilft, vor Augen zu führen, dass es so etwas wie eine „Sache des Türken“ gibt. Also – wir fragen: Was verspricht sich der „deutsche Muslim“ eigentlich vom Islam? Es liegt in der Natur der Dinge, dass wir das von ihm selbst erfahren. Was wir aber auf uns nehmen können und müssen, ist, deutlich zum Ausdruck zu bringen, worauf (auf wen) sich ein deutscher Muslim wird verlassen müssen, falls er einen verantwortungsbewussten Schritt nach vorne wagen wollte, den er dem Umstand verdankt, dass er ein „deutscher Muslim“ ist. Wir müssen dazu folgenden Fragen den Boden bereiten: Welchen historischen Umständen verdankt der Deutsche seinen Namen? Kann er sich von dem, wovon sein Name zehrt, etwas versprechen, ohne aufzuhören, ein Muslim zu sein? Und wer oder was entscheidet überhaupt darüber, wann ein Muslim aufhört, ein Muslim zu sein? Was ist der Maßstab eines gottesfürchtigen Lebens? „Man kann nicht deutsch sein, ohne sich für den Holocaust zu schämen.“ Nur diejenigen, denen daran gelegen ist, die Gesellschaft auf Grundsätze zu stellen, die darauf beruhen, dass man sich die Schwächen Anderer zunutze macht, wird dieser Satz überzeugen. Wir sollten aber wissen: Verantwortung braucht sich nie zu verstecken.

 

Am 23. Dezember 1913 wurde das Federal Reserve System gegründet, und am 28. Juli 1914 brach der Erste Weltkrieg aus. Am 06. April 1917 erklärten die USA dem Deutschen Reich den Krieg, nachdem vier Tage zuvor Präsident Wilson im US-Kongress zur Teilnahme am Kreuzzug „friedliebender“ Demokratien gegen die „aggressiven“ Autokratien aufgerufen hatte. Am 02. November 1917 versprach die Balfour-Deklaration dem jüdischen Volk eine „nationale Heimstätte“, und fünf Tage später übernahmen in Russland die Bolschewiki die Macht. Nach einem zwei Tage zuvor von der Führung der türkischen Streitkräfte ergangenen Befehl, übergab am 09. Dezember 1917 der türkische Gouverneur die Stadt Kudüs (Jerusalem) kampflos an die Briten. General Edmund Allenby marschierte in die Stadt ein und erklärte die „Kreuzzüge“ endgültig für „beendet“. Und auf den Tag genau 100 Jahre später am 06. Dezember 2017 verkünden die USA, Jerusalem offiziell als Hauptstadt Israels anerkannt zu haben.

 

Der „Nahe Osten“ ist eine Schimäre; und auch der „Nahostkonflikt“. Dass wir beides, sowohl den Nahen Osten als auch den Nahostkonflikt, für bare Münze nehmen, rührt daher, dass uns jeglicher Blick für das Wesentliche am Folgenden abgeht: Wir leben unter Umständen eines Weltsystems, das nur als solches zu überzeugen vermag und dessen Funktion sich von den Notwendigkeiten einer auf Kapitalakkumulation und -konzentration beruhenden Ordnung ableitet. Hervorgegangen aus der Dichotomie einer privilegierten Metropolregion und einer in deren Prosperität eingespannter Peripherie, müssen die Ursprünge des Weltsystems bis auf die Zeit der Kreuzzüge zurückgeführt werden. Die italienischen Stadtstaaten waren die erste Metropolregion, der Mittelmeerraum der dazugehörige Peripheriegürtel. Im 17. Jahrhundert musste das Zentrum des Weltsystems nach Holland ausgelagert werden, im 19. Jahrhundert ins Britische Empire. Als Jerusalem von türkischer Hand in britische Klaue überging, stand das Weltsystem unter britischer „Kapitalhoheit“. Sowohl die Verkündung der israelischen Unabhängigkeitserklärung 1948 als auch die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels 2017 erfolgte unter der Ägide Wall Streets als Zentrum des Weltsystems.

 

Etwas, wofür wir nicht bereit sind, die Hand ins Feuer zu legen, können wir auch nicht als Beleg für etwas heranziehen. Erst recht darf es uns nicht als Vorwand dafür dienen, die Augen zu verschließen vor der Stichhaltigkeit dessen, was sich in keinster Weise auf dieses Etwas zurückführen lässt. Mit anderen Worten: Die Frage, was es heißt, unter Umständen eines die ganze Welt umspannenden kapitalistischen Systems zu leben, lässt erst recht heute keine andere Antwort zu, als: unter „nicht-“, ja „anti-türkischer“ Hegemonie zu leben. Und das ist das einzig Wesentliche daran, dass wir unter Umständen eines, wie auch immer gearteten, Weltsystems leben. Denn: „Der Aufstieg der osmanischen Türken und die Entdeckung der Amerikas hat das Gravitationszentrum der europäischen Geschichte auf dramatische Weise Richtung Atlantik verschoben“.* Es war das Ausweichmanöver der Europäer vor den Türken in einer Halbkreisbewegung vom Südosten Europas nach Nordwesten Richtung Atlantik, aus dem ein kapitalistisches Weltsystem mit einem immer wieder auslagernden Zentrum hervorgegangen ist. Was heißt das? „Türkische Vorherrschaft und das Weltsystem sind die beiden einander ausschließenden Dinge.“** Erst das mit in Rechnung gestellt, werden wir wissen können, was es heißt, nicht bereit zu sein, die Hand für etwas ins Feuer zu legen, und doch alles dafür zu tun, dass es als das einzig Bestimmende an (und in) unserem Leben erhalten bleibt.

 

„Der Türke ist neutralisiert…“ Doch solange es türkisches Territorium gibt, wird man, indem man ausführt, was ihn ausmacht, zugleich aufgezeigt haben, was an dieser Vorherrschaft „dem Weltsystem noch immer  Magenbeschwerden bereitet“.*** Türkisches Territorium macht aus, dass es denen zur Heimat wurde, die sich durch den festen Glauben daran hervorgetan haben, dass der Beleg für den Islam (Gottvertrauen) einzig im Leben des Propheten selbst zu suchen ist – nicht in der Unfehlbarkeit irgendeiner Institution (Christentum), nicht in der irgendwelcher Umstände (Judentum) und nicht in der eines Imams (Schia). Immer dann, wenn es den Verantwortlichen Unbehagen bereitet hat, dass vom Propheten überliefert ist, beim Ausheben des Grabens während der Vorbereitungen für die Grabenschlacht gesagt zu haben, bei jedem Hackenhieb leuchteten die Paläste der sassanidischen und römischen Herrscher vor seinen Augen auf, mussten sie zusehen, dass das Leben des Propheten in irgendeiner Form ins Hintertreffen geriet. Aus dieser Warte betrachtet: Ohne dass sich diejenigen, die ihre mit griechisch-römischen Elementen durchsetzten Herrschaftsansprüche jüdisch-christlicher Weise zu rechtfertigen suchten, in ihren Plänen durchkreuzt gefühlt hätten, hätten wir nicht davon ausgehen können, dass der Islam überhaupt Gehör gefunden hat. Das, was ihnen dazu verhalf, ihre Pläne in Masterpläne auszubauen, das nennen wir heute das kapitalistische Weltsystem. Daher: Was wir diesem Weltsystem gegenüberstellen können, ist die Existenz eines türkischen Territoriums als Hort des Sunnitentums als die einzige Garantie eines auf Gott vertrauenden Lebens.

 

Die Einnahme Jerusalems am 09. Dezember 1917 war ein Gebot der Geschäftsinteressen der „City of London“. Mit ihr glaubte man das Tor zur langersehnten Gelegenheit aufgerissen zu haben, unter die türkische Existenz einen Schlussstrich zu ziehen. (1916 ist das Jahr des Rückzugs der türkischen Armee aus Mekka und 1919 aus Medina.) Der Ausgang der „Unabhängigkeitskriege“ im Anschluss an den Ersten Weltkrieg sollte diesen Interessen diese Freude nicht gönnen. Die Anerkennung Jerusalems am 06. Dezember 2017 als israelische Hauptstadt hingegen ist ein Gebot der Finanzinteressen des sich seit dem Zweiten Weltkrieg global gebenden Weltsystems mit Sitz in Wall Street, eines Weltsystems, das seit dem Zerfall der beiden Blöcke 1989 diese Gelegenheit wieder aufzugreifen und zu konkretisieren versucht. Zu sagen, es gibt einen „Nahen Osten“ und einen palästinensischen Konflikt als Teil eines mindestens 100 Jahre zurückgehenden „Nahostkonfliktes“, hieße das alles unter den Teppich zu kehren. Erst die Abnabelung einer besimmten Region vom türkischen „Homeland“ hat ihr den Namen „Naher Osten“ und „Balkan“ beschert und sie den Launen der Kapitalfluktuationen ausgesetzt. Was diese berechnende Laune angerichtet hat, trägt den Namen „Nahostkonflikt“, „Pulverfass Balkan“ oder „Neue Türkei“, letztere proklamiert seitens derer, die, in seliger Unwissenheit dessen, was das kapitalistische Weltsystem wem gegenüberstellt, darauf bauen, dass ihnen die Laune des Kapitals sogar ein neues osmanisches Reich bescheren wird, in dem Ostjerusalem die Hauptstadt Palästinas sein soll.

 

Es ist, dass die Verbissenheit, mit der er etwas verficht, ihn im Ersten Weltkrieg denen gegenübergestellt hat, die nichts anderes kennen als den monetären Einsatz, was dem Deutschen einen Namen beschert hat. Weder hat ihn das in irgendeiner Form dem Türken nähergebracht – auch nicht als es für den Türken im Anschluss an den Ersten Weltkrieg um ein Sein oder Nichtsein ging – noch wurde er dadurch gefeit gegen die List derer, die ihm mit Hitler einen „Atatürk in München“ eingebrockt haben. Als deutscher Muslim wird er aber allemal wissen müssen, dass der Maßstab eines gottesfürchtigen Lebens dadurch gesetzt ist, dass wir unter Umständen leben, die dadurch initiiert wurden, dass die Europäer den Ruf des Türken zu einer Bedrohung umfunktioniert haben, und auch heute die Umsetzung des Masterplans des Finanzkapitals davon abhängt, ob er es schaffen wird, dem Türken ein ohne den Islam – und dem Islam ein ohne den Türken – denkbares Format zu verpassen. Solange seine Verbissenheit, die sich der Deutsche trotz zweier Weltkriege bewahrt zu haben scheint, dies nicht mit in Rechnung stellt, wird der Deutsche erst recht als Muslim den Benefizianten des Kapitalismus mit vorauseilendem Gehorsam ihre Vorwände liefern müssen. Ohne auf den – ohne den Islam undenkbaren – Türken vertrauen zu wollen und ohne sich auf den – ohne den Türken unverbindlich daherkommenden – Islam verlassen zu wollen, wird sich kein deutscher Muslim zu einem deutschen Muslim machen können. Doch sobald er seiner Nähe zum Islam durch die Bereitschaft zur Freundschaft mit dem Türken Ausdruck verleiht, wird sich seine Verbissenheit zu einer nicht nur ihm zum Vorteil gereichenden Charakterstärke entfalten. Es könnte die Bereitschaft des deutschen Muslims sein, das „Schicksal des Türken“ zu seiner Sache zu machen, was die Spreu vom Weizen trennen könnte. Fragt sich, wie bewusst der Türke um ihn seiner Sache ist.

 

* The rise of Ottoman Turks and the discovery of the Americas shifted the center of gravity of European history dramatically toward the Atlantic. (Tony Judt, A Grand Illusion, An Essay On Europe, 2011, S. 50-51)

* İsmet Özel, Hennarote Finger am Schwertgriff oder Note: Bestanden, Pluspunkt, Online-Artikel vom 14. Dezember 2017

* Entnommen İsmet Özels Online-Artikel gleichen Datums.

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Wann können wir von einem deutschen Islam ausgehen?

Was berechtigt uns dazu, zu behaupten, oder woher wissen wir, dass knapp 5 Mio Muslime in Deutschland leben? Anders gefragt: Gibt es irgendetwas, woran sich die Existenz von soundsoviel Muslimen in Deutschland ablesen oder festmachen lässt? Und wenn ja, woran? An hitzigen Leitkulturdebatten etwa oder eine gewisse Demonstrativität nie entbehrender Sichtbarkeiten wie die Verschleierung von muslimischen Frauen?

 

Wir müssen fragen, wozu der Mensch überhaupt fähig ist. Denn wozu der Mensch befugt, ja verpflichtet ist, leitet sich davon ab, was im Rahmen seiner Möglichkeiten liegt. Vor allem ist der Mensch dazu fähig, sich zum Satz durchzuringen, dass der Kapitalismus nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Da ist aber auch schon Ende der Fahnenstange, könnte man meinen. Über alles, was darüber hinausgeht, könnten wir uns demzufolge höchstens die Bemerkung erlauben: „Es hat zwar Methode, ist aber Wahnsinn“. Wir sollten uns aber darüber im Klaren sein, dass der Glaube, dass der Kapitalismus nicht das Nonplusultra ist, sich im Grunde von der Erkenntnis speist, dass wir das Richtige nie im Falschen suchen können. Und falls wir das wissen, dann wissen wir mehr und sind zu viel mehr befähigt als uns im Grunde bewusst ist.

 

Was heißt das? Ein falsches Leben, das nichts Richtiges hergibt, ist ein Leben ohne ein „Leben danach“, das uns zur Rechenschaftsablegung anhält. Ein Leben, das dies nicht mitberücksichtigt, wird es sich in keinster Weise nehmen lassen, immer wieder vom Regen in die Traufe zu geraten. Es wird immer darin verstrickt sein, was es vorgibt, von der Hand zu weisen, da es davon ausgeht, was realisierbar ist, und was nicht – zumal es davon lebt. Die Fähigkeit des Menschen erschöpft sich infolgedessen darin, entweder so zu leben, wie wenn er nie sterben würde, schlicht und einfach nach dem Motto, dass wir auf lange Sicht alle den Löffel abgeben werden. (Das ist die Sicht, die der Marktwirtschaft den idealen Nährboden liefert. Denn Marktwirtschaft ist Produktion für den Markt und nicht das Feilbieten von Produziertem auf dem Markt.) Oder der Mensch lebt in dem Bewusstsein, dass er, früher oder später, nicht nur den Löffel abgeben wird, sondern dass es ihm an den Kragen gehen wird, falls er sein Leben darauf abstellt, was er vor Gott nicht verantworten können wird. (Und das ist die Sicht derer, die der Marktwirtschaft nichts schulden und die der Bezeichnung „Muslim“ zu einer gewissen Aussagekraft verhelfen für das vor Gott einzig Verantwortbare.)

 

Einem Angehörigen der muslimischen Gemeinschaft wird niemand die Gesellschaft aufkündigen können, ohne sich den Anwandlungen der Marktwirtschaft auszusetzen. Doch wann können wir erst von der Existenz einer solchen Gemeinschaft sprechen? Es kommt immer darauf an, auf welche Reflexe sich jeweils eine Gesellschaft verlässt, um sich zu behaupten, der Ausbildung und Kultivierung welcher Reflexe sie ihren Erfolg verdankt. Es ist so, wie es Niels Bohr auf die Frage, wieso in Wildwestfilmen immer der gute Held den Bösewicht erledigt, auf den Punkt gebracht hat: “Weil der Gute nicht denken muss“. Nur dass eine gute Gesinnung immer ein Zeichen einer gelungenen Denkaktivität ist. Was wir uns in Anbetracht dessen vor Augen halten müssen, ist, angesichts der Notwendigkeiten welcher Interessen die Gesellschaft, in der wir leben, Zuflucht in der Ausbildung und Kultivierung welcher Reflexe sucht.

 

„Die menschlichen Gemeinschaften geben eine ziemlich morbide Figur ab, wenn es darum geht, zu erkennen, in welchem Zusammenhang ihr nationales Interesse zum Kapitalismus steht.“* Seit dem Ersten Weltkrieg wird den Deutschen verwehrt, sich in einer Welt, in der das impertinente Kapitalgebaren den Ton angibt, sich als eine „Nation“ zu institutionalisieren, deren Angehörige die Zuversicht leitet, dass es etwas gibt, worauf sich alle verlassen können. Seit dem Zweiten Weltkrieg „punktet“ man auf deutschem Boden in jeder Hinsicht nur damit, dass man sich sicheren Schrittes innerhalb dieses Rahmens bewegt. Die immer wieder aufflammende Leitkulturdebatte dreht sich um die Aufstellung eines entsprechenden „Punktesystems“ innerhalb dieses Rahmens. Die Existenz einer mit muslimischem Bewusstsein ausgestatteten „islamischen Gemeinschaft“ wird man in Deutschland unter diesen Umständen an der Existenz von deutschen Muslimen ablesen und festmachen können, die diesem Rahmen ihre Rechtmäßigkeit absprechen, indem sie der Rechenschaftspflichtigkeit des Menschen vor Gott Ausdruck verleihen. Das wird eine Gemeinschaft werden, in der das Kopftuch für den demonstrativen Austritt aus dem „Dienst des Weltsystems“ stehen wird. Erst dann können wir von einem „deutschen Islam“ sprechen, der einem „German Islam“ eine Absage erteilt haben wird.

 

*          İsmet Özel, Wie führt das Kopftuch tragende Mädchen das nationale Interesse mit dem Wort zusammen?, Online-Artikel vom 1. September 2017

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Die Aufgabe deutschsprachiger Muslime

 

Nur zu gerne erwiderten wir auf die Fragen Wo stehen wir heute? und Wohin gehen wir?: „Dahin, wo diese Fragen einer Antwort harren“ – duamız bu* . Nur in dem Maße, in dem wir uns nicht zu schade sind, das Vertrauen derer zu suchen, die sich einen Sinn für das Schmach- und Unheilvolle bewahrt haben, können wir auch hoffen, nicht zum Verhängnis anderer zu werden. Darüber sollten wir uns voll und ganz bewusst bleiben. Doch was ist das Schmach- und Unheilvolle, was das Vertrauenswürdige? Wem diese Fragen einer gewissen Beachtung wert sind, der müsste, umso mehr, als sich „intellektuelle Hochstapler“, wo immer auf der Welt, durchweg dazu verdingen, die lauernde Gefahr eines auflebenden Nationalismus zu beschwören, über die Implikationen des folgenden Satzes aus einem Online-Artikel vom 11. Oktober 2017 stolpern: „Und dass, wenn’s so weit ist, euch dämmert, dass seit 1945 ganz Europa, mit all seinem Norden, Süden, Osten und Westen, eine Kolonie des Finanzkapitals ist, wird euch ein bitteres Lächeln aufsetzen.“** Doch wer eher darüber stolpert, dass dieser Satz der Feder eines türkischen Dichters stammt, dem sei zugeraunt, dass die Türkische Republik weltweit das einzige Staatsgebilde ist, das (1923) wider den Kapitalnotwendigkeiten ins Leben gerufen wurde, und dass es die Impertinenz derselben Notwendigkeiten ist, die die ganze Region rund um den Fruchtbaren Halbmond seit dem 11. September unwiderruflich umzukrempeln versucht. Daran hängt viel zu viel, allzu viel, wenn nicht alles, als dass es die Umstände gestatteten, es in die Welt auszuposaunen.

 

Versuchen wir es mit einem Gedankenexperiment, das sich gewaschen hat: In einem Land, in dem man nach dem Zweiten Weltkrieg auch weiterhin bereit gewesen wäre, „Deutschland, Deutschland über alles“ zu rufen, hätte man nicht alles dem Profittrieb hingeben können. Der Himmel auf Erden, den man den Menschen versprochen hat, war der einzige Nährboden, auf dem der Kalte Krieg gedeihen konnte. Doch will das nichts weiter heißen. Läge man heute nicht schlichtweg falsch, sagte man, eine den Rachen nicht voll kriegende Sinn- und Wertlosigkeit ungeahnten und nicht dagewesenen Ausmaßes grassiere allenthalben? Dem Menschen gebricht es weder an Visionen noch an Utopien. Eine durch aggressive Gleichgültigkeit auftrumpfende menschliche Dimensionslosigkeit scheint als Grundlage eines Selbsterhaltungstriebes derart in Fleisch und Blut übergegangen zu sein, dass man heute, ohne groß auf Befremden zu stoßen, einen das Leben eines Menschen ausfüllenden Sinn und Wert darin sehen könnte, sich mit Leib und Seele für den Ausbau von (z. B.) Fahrradwegen zu engagieren. Doch mehr als dass er uneingelöst blieb, scheint man dem Versprechen von „blühenden Landschaften“ nichts einzuwenden zu haben. Wieso? Der Erste Weltkrieg hat den Menschen ihre Träume genommen. Der Zweite Weltkrieg ihnen Illusionen aufgebrummt. Das Ende des Kalten Krieges schließlich das „Recht der ersten Nacht“ als knochentrockene Nüchternheit ausgegeben. Nichtsdestotrotz – dass man in einem Land (nämlich: Deutschland), dessen Bürgern man als Rechtfertigungsgeste nur das Recht zum „Freudschen Versprecher“ zugesteht, es eher vorzieht, ohne die Flüchtigkeit der Erscheinungen groß zum Vorwand zu nehmen, sich in die Illusion der Beständigkeit des irdischen Lebens zu verschanzen, das müsste einem noch Möglichkeiten offenhalten, ein Interesse dafür zu wecken, wie weit das Finanzkapital, dem seit dem Zweiten Weltkrieg rein „Abstauber“-Prätentionen nachgesagt werden können, es gebracht zu haben glaubt, die einzige Möglichkeit seiner Überführung als das Schmach- und Unheilvolle überhaupt (sprich als „Unglaube“, d. h. küfür) bis zur Unkenntlichkeit zu entstellen.

 

Zeugt es aber nicht von geistiger Grobschlächtigkeit, Menschen in „Gläubige“ (mü’min) und „Ungläubige“ (kâfir) einzuteilen und von einem drolligen Anachronismus, „Kapitalismus“ und „Unglauben“ (küfür) über einen Leisten zu schlagen? Wer sich als Antikapitalisten gibt, ist doch noch lange kein Gläubiger, und Glaube und Kapitalismus lagen bekanntlich miteinander noch nie besonders im Clinch. Doch versuchen wir den Stier bei den Hörnern zu nehmen: Gerade weil der „Antikapitalismus“ von einer Haltung zehrt, die wir uns nicht erst anzueignen brauchen, um sie einzunehmen, sondern die daraus erwächst, dass wir uns über unsere Verantwortlichkeit als Menschen nicht hinwegsetzen, ist uns die Haltung, die dem Antikapitalismus zugrunde liegt, im Grunde gegenwärtiger als der Glaube. (Das gilt es erst einmal festzuhalten.) Wenn aber andererseits, wie es heißt, Glaube und Kapitalismus näher beieinanderliegen, als es auf den ersten Blick den Anschein hat, dann liegt das daran, dass sich der jüdisch-christliche Herrschaftsanspruch im Gegenzug dafür, dass er von den Umständen des kapitalistischen Fait accompli im entscheidenden Moment seinen Nutzen ziehen durfte, hinlänglich erkenntlich gezeigt hat. Daran schließt sich folgende Überlegung an: Ohne an unsere menschliche Verantwortlichkeit erinnert zu werden, können wir dem, was aus dem Dreigespann aus kapitalistischer Zumutung, jüdisch-christlicher Unzumutbarkeit und griechisch-römischer Dreistigkeit erwachsen ist – das ist das Beziehungsgeflecht, das wir „westliche Zivilisation“ nennen – nicht das Geringste abzugewinnen versuchen. (Und das ist das Zweite, was es festzuhalten gilt.) Erst von hier aus können wir den Versuch starten, uns in Richtung dessen vorzuwagen, was uns erlaubt, einen Unterschied zwischen „Glaube“ und „Unglaube“ zu machen. Immer vor Augen, dass es der Glaube ist, was uns vor Pseudoverantwortungen bewahrt.

 

Dazu wollen wir folgende Überlegung anstellen: Als Menschen sind wir partout hin- und hergerissen zwischen verschiedenen Polen, Gegensätzlichkeiten und Widersprüchlichem. Sie aus unserem Leben zu tilgen zu versuchen, gereichte ihm mehr zum Schaden als zum Nutzen. Doch worauf kommt es im Leben im Endeffekt an? Auf ein integres Leben oder ihm zuträgliche Lebensumstände? Eine gehörige Portion Ehrfurcht vor der Realität oder eine Prise Idealismus? Auf den Reiz des Originären oder den Vorteil des Bewährten? Auf Zweckbündnisse oder Schicksalsgemeinschaften…? Vor allen Dingen müssen wir aufhören, das wehklagende oder jauchzende Joch unter diesen Gegensatzpaaren als die Herausforderung unseres Lebens zu betrachten. Es ist weder möglich noch wünschenswert, aus unserem Leben ein ungehemmtes Drauflosleben zu machen; noch dürfen wir glauben, es liege in der Natur der Dinge, dass sich die Katze immer in den Schwanz beißt. Es ist zumeist das, womit wir bis dahin gut gefahren sind, was wir „Konsequenz“ nennen. Der, dem wir einen „Schlingerkurs“ nachsagen, kennt immer nur Eines: das, was ihm auf die Sprünge hilft. Von daher: Ob wir bemüht sind, uns gegen das, was unserer menschlichen Begrenztheit launenhaft und eigenwillig erscheint, abzusichern, damit er uns ja keinen Strich durch die Rechnung macht, oder auch darum, seine Möglichkeiten voll und ganz auszuschöpfen; an unserem Verantwortungsgefühl werden wir stets auszusetzen haben, dass er darauf vertraut, was wir nicht umhin werden können, den „frommen Wunsch“ unseres Dünkels zu nennen – was denn auch stets unversehens in einen „frommen Betrug“ umschlägt. Machen wir uns aber nichts vor; das einzige Gesetz, welches das irdische Leben kennt, ist die Schimäre, und die Frage ist, ob er unseren Selbstbehauptungswillen anfeuert oder unseren Willen zur Verantwortung stärkt. Das, was uns gegen unseren Dünkel, der uns im Grunde tagtäglich vor Augen geführt wird, wappnet, das heißt dagegen, dass wir uns über unsere Verantwortlichkeit als Mensch hinwegsetzen (mit anderen Worten: ungläubig daherkommen), ist der Glaube daran, dass der Mensch völlig im Dunkeln tappt, falls er sich danach richtet, was er glaubt, denkt, meint und hofft, dass das Leben ihm bescheren wird und was nicht. Glaube ist daher ein klarer Fall von „Denkste!“, Zeugnis abzulegen davon, eines Besseren belehrt werden zu können und daher eine „Gotteslästerung“ christlicher Observanz, die menschlich-abgrundtiefe Schlechtigkeit zu beschwören und zu glauben, dazu verdonnert zu sein, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Und zu denken, „offene Rechnungen“ würden dadurch, was uns die Eigengesetzlichkeit der Ereignisse zeitigt, sozusagen bereits im Voraus beglichen, ist eine Anmaßung jüdischer Einrichtung.

 

Doch dürfen wir nicht voreilig Schlüsse ziehen. Denn nur dann, wenn wir Gottes Wort auch als solches annehmen, kann unser Glaube an das Verborgene auch beanspruchen, ein Zeichen unseres Verantwortungsbewusstseins zu sein. Ohne dass wir uns (ohne Wenn und Aber) auf die Grenze einlassen, die zwischen göttlicher Gnade (helâl) und göttlichem Zorn (harâm) verläuft, bliebe uns für immer verborgen, wovon wir uns was versprechen können, und hätten keine andere Wahl als uns für eine oder mehrere unter unendlich vielen Schimären, die das irdische Leben uns bietet, zu entscheiden. So bliebe uns verborgen, dass die moralische Integrität eines Lebens nie von dem zu trennen ist, womit es sich abgibt und vice versa; dass uns ausschließlich das als völlig „unrealistisch“ überzogen anmuten müsste, was wir nicht übers Herz bringen können, da es sich auf Gottes Wort nicht berufen kann, selbst wenn es daherkäme, wie wenn es dem Leben abgelauscht wäre; dass der ganze Hickhack zwischen „alt“ und „neu“ im Grunde nur dazu dient, dem „Übel“, das uns all dem Schabernack und Schnickschnack diesseitigen Lebens aussetzt, mit dem Anstrich der „Notwendigkeit“ zu versehen; dass Schicksal das ist, was uns davor bewahrt, uns in den Fängen der Umstände zu wissen – ist der Mensch doch das einzige Geschöpf Gottes, das Gott die Gehorsamkeit verweigern kann, und dass nur die Nähe derer, denen die wahre Schmach und das eigentliche Übel darin liegt, Gottes Wort den Gehorsam zu verweigern, uns davor bewahrt, auf anderen zum Verhängnis werdende Bindungen einzugehen.

 

Was den Kapitalismus als Unglauben (küfür) ausweist, das heißt, was ihn mit dem Islam zusammenführt, bleibt noch auszuführen. Einen Islam, der uns darüber aufklärt, wann wir davon ausgehen können, uns zu Vasallen derer gemacht zu haben, die aus der Schimäreneinfalt des irdischen Lebens ein Mittel der Tyrannei aus freien Stücken fabriziert haben, wird man in die Ahnenreihe handelsüblicher Religionen stellen wollen. Der Islam ist kein Glaube. Er speist sich vielmehr vom „Glaube-Unglaube-Antagonismus“, und dieser Antagonismus ist das einzige Gegensatzpaar, von dessen Kultivierung sich der Kapitalismus keine Frischluftzufuhr erhoffen kann, denn vor allen Dingen den Gedanken, dass, ob Optimist oder Pessimist, „Mist“ in jedem Fall mit von der Partie sein muss, verwirft der Islam von vorneherein. Versuchen wir uns für die folgende Frage zu erwärmen: Macht der Einwand, dass dieser Unterschied heute im Grunde nicht zum Tragen kommt, zumal er einfach hoffnungslos démodé anmutet, denjenigen, der ihn erhebt, zu einem Muslim oder Nichtmuslim? Ich meine: wenn behauptet wird, dass dieser Unterschied heute – außer im Terrorismus-Jargon – nicht besonders ins Gewicht fällt, dann kann das nur heißen, dass das, worauf sich der Unglaube stützt (nämlich das unbedingte Primat des Profits), nicht konkurrenzlos das Feld behauptet, sondern einfach tolldreiste Züge eines leichten Spiels angenommen hat. Die Besinnung auf die Grenze zwischen Glaube (imân) und Unglaube (küfür) wird uns daher davor bewahren, uns als Muslime zu wähnen, nur weil wir nicht auf den Vorteil verzichten wollen, als progressive Muslime durchzugehen, da wir sonst fürchten, mit dem Schinken nach der Wurst werfen zu müssen, oder uns dazu gezwungen zu sehen, auf die Gefahr einer islamischen Ideologisierung hinzuweisen, weil wir sonst glauben, in den sauren Apfel beißen zu müssen. Floriert der Unglaube, haben Schwindel und Betrug Hochkonjunktur. Denn wer nicht auf die Einhaltung der Grenze vertraut, die ihm von Gottes wegen gesetzt ist, wird immer nur seinen Dünkel in die Notwendigkeiten der Umstände hineindeuten.

 

„Über die nahe Zukunft der Welt wird der Umstand entscheiden, ob diejenigen Personen und Gesellschaftskreise, die nur über das verfügen, was sie sich auch rechtmäßig verdient haben, einer Welt unter der Ägide des Kapitals einwilligen werden oder nicht, obwohl sie keine Türken, sondern Ungläubige sind“, schreibt Ismet Özel in einem anderen seiner jüngsten Online-Artikel. Nur dann, wenn diejenigen, die über das hinaus, was ihnen zusteht, keinen Anspruch erheben, auch bereit sind, das aus einem Gefühl der Verantwortlichkeit heraus zu tun, wird das auch die Frage aufwerfen, welches Primat welchen Willens sich mit der Würde des Menschen verträgt. Dass man sich in Deutschland eher hinter die Illusion der Beständigkeit des Erdenlebens verschanzt, anstatt sie als die Gelegenheit beim Schopfe zu packen, wird den Menschen dabei erheblich zustatten kommen. Ob es sich mit der Würde des Menschen verträgt, in einem Land zu leben, in dem man darüber sinniert, ob ein „deutsches Europa“ oder ein „europäisches Deutschland“ das kleinere Übel ist, oder eher in einem, in dem es einem nicht zum Erfolg gereicht, mit etwas ungerupft durchzukommen, davonzukommen, dem müssten daher vor allem die Neigungen und Sorgen deutscher, deutschsprachiger Muslime Rechnung tragen. Dass nur die Harten in den Garten kommen, ist eine urbane Legende.

 

*  Frei übersetzt Türkisch für: „Das ist es, wofür wir einstehen.“

** İsmet Özel, -Mış Gibi Türkiye’nin Sonu (III), Das Ende der Als-ob-Türkei (III), Online-Artikel vom 11. Oktober 2017 der İstiklal Marşı Derneği (Verein für die türkische Nationalhymne)

 

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Who’s the worst master?

Die Frage ist, wovon wir uns bewahrt wissen wollen. Lebenserfahrung ist, was uns dazu verhilft, den Unterschied von Theorie und Praxis über Bord zu werfen. Unser Leben ist voll von an uns abprallenden Ereignissen, die uns in dem Maße die Augen öffnen, in dem wir einen moralischen Schaden nicht an Bedingungen knüpfen. Goethes „Wandrers Nachtlied“ mit dem Eingangsvers Über allen Gipfeln ist Ruh stimmt uns für ein Bewusstsein für das Entwürdigende dessen ein, das Leben als etwas Gegebenes zu betrachten. Wer nicht in Rechnung stellt, sich eventuell für seinen eigenen Verderb stark zu machen, wird im entscheidenden Moment Zuflucht in der Theorie und Praxis suchen. Wir müssen davon ausgehen, dass es im Menschen etwas geben muss, was eine menschliche Geschäftigkeit erst zu einer solchen macht (heißt es im selben Gedicht Goethes doch: Die Vögelein schweigen im Walde ), um so mehr als Deutsch die Sprache derer ist, die sich mit Ad-hoc-Lösungen nicht abgeben wollen – eine Sprache, die stets einer gewissen Portion Entschiedenheit das Wort redet. Wer sich auf Ad-hoc-Lösungen nicht einlassen will, hätte das nur mit einer Zusicherung an etwas tun können, dessen behelfsmäßiger Charakter aus einer Haltung hervorgegangen ist, mit der sich der Ausdruck „einen Türken bauen“ arrangieren will – ein Ausdruck, den es so nur im Deutschen gibt. Dass Goethe sich mit Hafis gepaart hat, ist in diesem Zusammenhang zu sehen. Goethe ging es nämlich vordergründig darum, den Türken aus dem Islam rauszuhalten.

 

Was auf dem europäischen Festland mit der Moderne aufkam, ist etwas, das aus dem „Teufel in uns“ (Protestantismus) eine Tugend machen musste (Calvinismus). Der „Teufel in uns“ leitet sich aus dem gemeinsamen Widersacher Europas ab. Nicht selten wurden Namen von Menschen protestantischen Glaubens in katholischen Gebieten „getürkt“. Protestanten waren von daher immer angehalten, ihre aufrichtige Abscheu vor diesem gemeinsamen Widersacher unter Beweis zu stellen. Und erst recht der, der heute meint, diese Worte als realitätsfernes und gegenwartsfremdes Hirngespinst abtun zu können, wird sich der Bedingung des Erfolgs nicht entziehen können, als Garant für etwas zu dienen. Politik fällt in Deutschland auf einen Boden, der, wem auch immer, als Sicherheit dient. Ohne die Zusage, auf Bundesebene nicht zu kandidieren, gäbe es nicht einmal in Bayern eine CSU; ohne die Zusage, sich aus Bayern herauszuhalten, gäbe es auf Bundesebene auch keine CDU. Die SPD hielt dem Schauspiel Kalter Krieg stets die Treue. (Die Linke hatte nach dem Krieg zuerst eine Brücke zwischen Ost und West schlagen wollen.) Die Grünen gedeihen von Anfang an in einem Klima, in dem der Kapitalismus seit den 70ern auf „Gesundheit“ umzudisponieren versucht. Der Kompetenzbereich von Die Linke liegt in der einer glaubwürdigen SPD. Und die AfD? Will heißen: „Wir bürgen für die defensive Alternativecke!“ Denn: „Rechts“ ist das Unterpfand selbst, das man sich seit dem Zweiten Weltkrieg sicherheitshalber vorbehält.

 

Eine Geschichtswissenschaft, die so tut, als ob der Mensch die Zukunft, und nicht das Vergangene, vor sich hätte, gehört zum Inventar derer, die zusehen müssen, dass sie nicht ins Hintertreffen geraten. Der Mensch ist darauf angewiesen, davon auszugehen, dass es zwischen dem, was heute ist, und dem, was gestern war oder morgen wird, nie eine Notwendigkeit besteht. Die Notwendigkeit besteht darin, uns bewusst zu werden, worin die Gegenwärtigkeit des Satzes Goethes besteht, dass die Kreuzzüge, obwohl alles in allem eine „false tendency“, „had the positive effect of weakening the Turks even further and preventing them from becoming masters of Europe“*. Stets im Hinterkopf behaltend, dass ein „Aufatmen“ nichts mit „Gott sei Dank“ gemein hat. Das Bedürfnis, aufzuatmen, hatten nämlich lediglich diejenigen, denen die Kreuzzüge den ersehnten Anlass zur Festigung der Autorität der Kirche boten, um aus der kirchlichen Doktrin etwas auf Gedeih und Verderb Durchsetzbares zu machen, angesichts der Gefahr, dass sich die kirchliche Doktrin, durch die Bestätigung, die die Gesandtschaft Jesu durch den Islam erfahren würde, als der Irrweg schlechthin entpuppte. Die Kreuzzüge zielten daher zugleich auf die Ausrottung derjenigen „christlichen Lehren“ ab, denen der Islam in Gestalt des Türken eine willkommene Bestätigung war – namentlich der im heutigen deutschsprachigen Raum verbreitete Arianismus, der die Trinitätslehre strikt ablehnte. Als sich im 16. Jahrhundert das Zentrum der kapitalistischen Akkumulationsweise von Südosteuropa in den holländischen und britischen Nordwesten verlagerte, gestützt auf geographische Entdeckungen, die die Öffnung der Kaproute nach Indien zur Folge hatten, geschah das wiederum auf Kosten der vom venezianischen Handel profitierenden Fugger und ihrer Konsorten. Was dann mit dem Lutheranismus die kirchliche Doktrin für die Menschen annehmbarer machen sollte, galt zugleich als ein zu weitgehendes Zugeständnis an die Türken.

 

Die Moderne konnte im deutschsprachigen Raum nicht so sehr als ein politisch-ökonomischer oder gesellschaftlicher Befreiungsschlag ausgegeben werden, sondern war im Grunde zugleich ein Sich-Einlassen auf die Folgen der Moderne als ein Prozess der Befreiung der Verantwortlichen von der Rechenschaftspflicht und musste daher immer zusehen, sich nicht in Zugeständnisse an die Falschen zu verstricken. Der Modernisierungsprozess vollzog sich hier daher nicht so sehr als die Entwicklung einer Geisteshaltung in wechselseitiger Beziehung mit den modernen Institutionen. Als ein Nährboden dieser Geisteshaltung stand Deutsch immer in einem anachronistischen Verhältnis zur Moderne. Anders ausgedrückt: Deutsch als Sprache war den modernen Institutionen immer um eine Nasenlänge voraus. Insofern identifizierte sich „Freiheit“ für die Deutschen weniger mit dem „Erarbeiteten“ als mit der „Arbeit“ selbst. Das heißt: „Arbeit“ genoss in Deutschland stets einen höheren Stellenwert als das „Erarbeitete“. Das führte dazu, dass diejenigen, denen das Resultat wichtiger war als der Weg dahin, darum bangen mussten, was ihnen der Ausgang der Ereignisse sichern sollte. Die Umstände, die ausschlossen, dass sich ihre Ängste auch bewahrheiteten, arrangierte der Erste Weltkrieg, indem er dafür sorgte, dass die Deutschen die Türken als den „gemeinsamen Feind“ ablösten, gegen den man sich immer wieder „alliierte“. Doch erst indem der Zweite Weltkrieg aus den Deutschen „das schlimmste Herrenvolk“ gemacht hat, „das die Welt je gesehen hat“**, musste man sich nicht mehr damit, dass sie wenigstens den Vorzug hatten, „sich nicht um den Koran zu scheren“***, über das hinwegtrösten, was der Erste Weltkrieg beschert hat. Es ist immer der nach Garanten lauernde Unglaube, der aufatmen will. Die Gegenwärtigkeit des Goetheschen Satzes liegt hierin.

 

* Der Satz ist der englischen Übersetzung der Briefe Goethes entnommen, da in der uns vorliegenden zweiten Auflage aus dem Jahre 1976 des 4. Bandes der Hamburger Ausgabe der mit 12. April 1829 datierte Brief an August von Goethe vollständig fehlt.

** Germany is the worst master the world has yet known, Proposals to Counter the German ‘New Order’, John Maynard Keynes, 1940

*** The worst that can be said of the Moslems is, as the poet put it, they offered to man the choice of the Koran or the sword. The best that can be said for the German is that he does not care about the Koran, but is satisfied if he can have the sword. The Barbarism of Berlin, G. K. Chesterton, 1914

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