Wann können wir von einem deutschen Islam ausgehen?

Was berechtigt uns dazu, zu behaupten, oder woher wissen wir, dass knapp 5 Mio Muslime in Deutschland leben? Anders gefragt: Gibt es irgendetwas, woran sich die Existenz von soundsoviel Muslimen in Deutschland ablesen oder festmachen lässt? Und wenn ja, woran? An hitzigen Leitkulturdebatten etwa oder eine gewisse Demonstrativität nie entbehrender Sichtbarkeiten wie die Verschleierung von muslimischen Frauen?

 

Wir müssen fragen, wozu der Mensch überhaupt fähig ist. Denn wozu der Mensch befugt, ja verpflichtet ist, leitet sich davon ab, was im Rahmen seiner Möglichkeiten liegt. Vor allem ist der Mensch dazu fähig, sich zum Satz durchzuringen, dass der Kapitalismus nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Da ist aber auch schon Ende der Fahnenstange, könnte man meinen. Über alles, was darüber hinausgeht, könnten wir uns demzufolge höchstens die Bemerkung erlauben: „Es hat zwar Methode, ist aber Wahnsinn“. Wir sollten uns aber darüber im Klaren sein, dass der Glaube, dass der Kapitalismus nicht das Nonplusultra ist, sich im Grunde von der Erkenntnis speist, dass wir das Richtige nie im Falschen suchen können. Und falls wir das wissen, dann wissen wir mehr und sind zu viel mehr befähigt als uns im Grunde bewusst ist.

 

Was heißt das? Ein falsches Leben, das nichts Richtiges hergibt, ist ein Leben ohne ein „Leben danach“, das uns zur Rechenschaftsablegung anhält. Ein Leben, das dies nicht mitberücksichtigt, wird es sich in keinster Weise nehmen lassen, immer wieder vom Regen in die Traufe zu geraten. Es wird immer darin verstrickt sein, was es vorgibt, von der Hand zu weisen, da es davon ausgeht, was realisierbar ist, und was nicht – zumal es davon lebt. Die Fähigkeit des Menschen erschöpft sich infolgedessen darin, entweder so zu leben, wie wenn er nie sterben würde, schlicht und einfach nach dem Motto, dass wir auf lange Sicht alle den Löffel abgeben werden. (Das ist die Sicht, die der Marktwirtschaft den idealen Nährboden liefert. Denn Marktwirtschaft ist Produktion für den Markt und nicht das Feilbieten von Produziertem auf dem Markt.) Oder der Mensch lebt in dem Bewusstsein, dass er, früher oder später, nicht nur den Löffel abgeben wird, sondern dass es ihm an den Kragen gehen wird, falls er sein Leben darauf abstellt, was er vor Gott nicht verantworten können wird. (Und das ist die Sicht derer, die der Marktwirtschaft nichts schulden und die der Bezeichnung „Muslim“ zu einer gewissen Aussagekraft verhelfen für das vor Gott einzig Verantwortbare.)

 

Einem Angehörigen der muslimischen Gemeinschaft wird niemand die Gesellschaft aufkündigen können, ohne sich den Anwandlungen der Marktwirtschaft auszusetzen. Doch wann können wir erst von der Existenz einer solchen Gemeinschaft sprechen? Es kommt immer darauf an, auf welche Reflexe sich jeweils eine Gesellschaft verlässt, um sich zu behaupten, der Ausbildung und Kultivierung welcher Reflexe sie ihren Erfolg verdankt. Es ist so, wie es Niels Bohr auf die Frage, wieso in Wildwestfilmen immer der gute Held den Bösewicht erledigt, auf den Punkt gebracht hat: “Weil der Gute nicht denken muss“. Nur dass eine gute Gesinnung immer ein Zeichen einer gelungenen Denkaktivität ist. Was wir uns in Anbetracht dessen vor Augen halten müssen, ist, angesichts der Notwendigkeiten welcher Interessen die Gesellschaft, in der wir leben, Zuflucht in der Ausbildung und Kultivierung welcher Reflexe sucht.

 

„Die menschlichen Gemeinschaften geben eine ziemlich morbide Figur ab, wenn es darum geht, zu erkennen, in welchem Zusammenhang ihr nationales Interesse zum Kapitalismus steht.“* Seit dem Ersten Weltkrieg wird den Deutschen verwehrt, sich in einer Welt, in der das impertinente Kapitalgebaren den Ton angibt, sich als eine „Nation“ zu institutionalisieren, deren Angehörige die Zuversicht leitet, dass es etwas gibt, worauf sich alle verlassen können. Seit dem Zweiten Weltkrieg „punktet“ man auf deutschem Boden in jeder Hinsicht nur damit, dass man sich sicheren Schrittes innerhalb dieses Rahmens bewegt. Die immer wieder aufflammende Leitkulturdebatte dreht sich um die Aufstellung eines entsprechenden „Punktesystems“ innerhalb dieses Rahmens. Die Existenz einer mit muslimischem Bewusstsein ausgestatteten „islamischen Gemeinschaft“ wird man in Deutschland unter diesen Umständen an der Existenz von deutschen Muslimen ablesen und festmachen können, die diesem Rahmen ihre Rechtmäßigkeit absprechen, indem sie der Rechenschaftspflichtigkeit des Menschen vor Gott Ausdruck verleihen. Das wird eine Gemeinschaft werden, in der das Kopftuch für den demonstrativen Austritt aus dem „Dienst des Weltsystems“ stehen wird. Erst dann können wir von einem „deutschen Islam“ sprechen, der einem „German Islam“ eine Absage erteilt haben wird.

 

*          İsmet Özel, Wie führt das Kopftuch tragende Mädchen das nationale Interesse mit dem Wort zusammen?, Online-Artikel vom 1. September 2017

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Die Aufgabe deutschsprachiger Muslime

 

Nur zu gerne erwiderten wir auf die Fragen Wo stehen wir heute? und Wohin gehen wir?: „Dahin, wo diese Fragen einer Antwort harren“ – duamız bu* . Nur in dem Maße, in dem wir uns nicht zu schade sind, das Vertrauen derer zu suchen, die sich einen Sinn für das Schmach- und Unheilvolle bewahrt haben, können wir auch hoffen, nicht zum Verhängnis anderer zu werden. Darüber sollten wir uns voll und ganz bewusst bleiben. Doch was ist das Schmach- und Unheilvolle, was das Vertrauenswürdige? Wem diese Fragen einer gewissen Beachtung wert sind, der müsste, umso mehr, als sich „intellektuelle Hochstapler“, wo immer auf der Welt, durchweg dazu verdingen, die lauernde Gefahr eines auflebenden Nationalismus zu beschwören, über die Implikationen des folgenden Satzes aus einem Online-Artikel vom 11. Oktober 2017 stolpern: „Und dass, wenn’s so weit ist, euch dämmert, dass seit 1945 ganz Europa, mit all seinem Norden, Süden, Osten und Westen, eine Kolonie des Finanzkapitals ist, wird euch ein bitteres Lächeln aufsetzen.“** Doch wer eher darüber stolpert, dass dieser Satz der Feder eines türkischen Dichters stammt, dem sei zugeraunt, dass die Türkische Republik weltweit das einzige Staatsgebilde ist, das (1923) wider den Kapitalnotwendigkeiten ins Leben gerufen wurde, und dass es die Impertinenz derselben Notwendigkeiten ist, die die ganze Region rund um den Fruchtbaren Halbmond seit dem 11. September unwiderruflich umzukrempeln versucht. Daran hängt viel zu viel, allzu viel, wenn nicht alles, als dass es die Umstände gestatteten, es in die Welt auszuposaunen.

 

Versuchen wir es mit einem Gedankenexperiment, das sich gewaschen hat: In einem Land, in dem man nach dem Zweiten Weltkrieg auch weiterhin bereit gewesen wäre, „Deutschland, Deutschland über alles“ zu rufen, hätte man nicht alles dem Profittrieb hingeben können. Der Himmel auf Erden, den man den Menschen versprochen hat, war der einzige Nährboden, auf dem der Kalte Krieg gedeihen konnte. Doch will das nichts weiter heißen. Läge man heute nicht schlichtweg falsch, sagte man, eine den Rachen nicht voll kriegende Sinn- und Wertlosigkeit ungeahnten und nicht dagewesenen Ausmaßes grassiere allenthalben? Dem Menschen gebricht es weder an Visionen noch an Utopien. Eine durch aggressive Gleichgültigkeit auftrumpfende menschliche Dimensionslosigkeit scheint als Grundlage eines Selbsterhaltungstriebes derart in Fleisch und Blut übergegangen zu sein, dass man heute, ohne groß auf Befremden zu stoßen, einen das Leben eines Menschen ausfüllenden Sinn und Wert darin sehen könnte, sich mit Leib und Seele für den Ausbau von (z. B.) Fahrradwegen zu engagieren. Doch mehr als dass er uneingelöst blieb, scheint man dem Versprechen von „blühenden Landschaften“ nichts einzuwenden zu haben. Wieso? Der Erste Weltkrieg hat den Menschen ihre Träume genommen. Der Zweite Weltkrieg ihnen Illusionen aufgebrummt. Das Ende des Kalten Krieges schließlich das „Recht der ersten Nacht“ als knochentrockene Nüchternheit ausgegeben. Nichtsdestotrotz – dass man in einem Land (nämlich: Deutschland), dessen Bürgern man als Rechtfertigungsgeste nur das Recht zum „Freudschen Versprecher“ zugesteht, es eher vorzieht, ohne die Flüchtigkeit der Erscheinungen groß zum Vorwand zu nehmen, sich in die Illusion der Beständigkeit des irdischen Lebens zu verschanzen, das müsste einem noch Möglichkeiten offenhalten, ein Interesse dafür zu wecken, wie weit das Finanzkapital, dem seit dem Zweiten Weltkrieg rein „Abstauber“-Prätentionen nachgesagt werden können, es gebracht zu haben glaubt, die einzige Möglichkeit seiner Überführung als das Schmach- und Unheilvolle überhaupt (sprich als „Unglaube“, d. h. küfür) bis zur Unkenntlichkeit zu entstellen.

 

Zeugt es aber nicht von geistiger Grobschlächtigkeit, Menschen in „Gläubige“ (mü’min) und „Ungläubige“ (kâfir) einzuteilen und von einem drolligen Anachronismus, „Kapitalismus“ und „Unglauben“ (küfür) über einen Leisten zu schlagen? Wer sich als Antikapitalisten gibt, ist doch noch lange kein Gläubiger, und Glaube und Kapitalismus lagen bekanntlich miteinander noch nie besonders im Clinch. Doch versuchen wir den Stier bei den Hörnern zu nehmen: Gerade weil der „Antikapitalismus“ von einer Haltung zehrt, die wir uns nicht erst anzueignen brauchen, um sie einzunehmen, sondern die daraus erwächst, dass wir uns über unsere Verantwortlichkeit als Menschen nicht hinwegsetzen, ist uns die Haltung, die dem Antikapitalismus zugrunde liegt, im Grunde gegenwärtiger als der Glaube. (Das gilt es erst einmal festzuhalten.) Wenn aber andererseits, wie es heißt, Glaube und Kapitalismus näher beieinanderliegen, als es auf den ersten Blick den Anschein hat, dann liegt das daran, dass sich der jüdisch-christliche Herrschaftsanspruch im Gegenzug dafür, dass er von den Umständen des kapitalistischen Fait accompli im entscheidenden Moment seinen Nutzen ziehen durfte, hinlänglich erkenntlich gezeigt hat. Daran schließt sich folgende Überlegung an: Ohne an unsere menschliche Verantwortlichkeit erinnert zu werden, können wir dem, was aus dem Dreigespann aus kapitalistischer Zumutung, jüdisch-christlicher Unzumutbarkeit und griechisch-römischer Dreistigkeit erwachsen ist – das ist das Beziehungsgeflecht, das wir „westliche Zivilisation“ nennen – nicht das Geringste abzugewinnen versuchen. (Und das ist das Zweite, was es festzuhalten gilt.) Erst von hier aus können wir den Versuch starten, uns in Richtung dessen vorzuwagen, was uns erlaubt, einen Unterschied zwischen „Glaube“ und „Unglaube“ zu machen. Immer vor Augen, dass es der Glaube ist, was uns vor Pseudoverantwortungen bewahrt.

 

Dazu wollen wir folgende Überlegung anstellen: Als Menschen sind wir partout hin- und hergerissen zwischen verschiedenen Polen, Gegensätzlichkeiten und Widersprüchlichem. Sie aus unserem Leben zu tilgen zu versuchen, gereichte ihm mehr zum Schaden als zum Nutzen. Doch worauf kommt es im Leben im Endeffekt an? Auf ein integres Leben oder ihm zuträgliche Lebensumstände? Eine gehörige Portion Ehrfurcht vor der Realität oder eine Prise Idealismus? Auf den Reiz des Originären oder den Vorteil des Bewährten? Auf Zweckbündnisse oder Schicksalsgemeinschaften…? Vor allen Dingen müssen wir aufhören, das wehklagende oder jauchzende Joch unter diesen Gegensatzpaaren als die Herausforderung unseres Lebens zu betrachten. Es ist weder möglich noch wünschenswert, aus unserem Leben ein ungehemmtes Drauflosleben zu machen; noch dürfen wir glauben, es liege in der Natur der Dinge, dass sich die Katze immer in den Schwanz beißt. Es ist zumeist das, womit wir bis dahin gut gefahren sind, was wir „Konsequenz“ nennen. Der, dem wir einen „Schlingerkurs“ nachsagen, kennt immer nur Eines: das, was ihm auf die Sprünge hilft. Von daher: Ob wir bemüht sind, uns gegen das, was unserer menschlichen Begrenztheit launenhaft und eigenwillig erscheint, abzusichern, damit er uns ja keinen Strich durch die Rechnung macht, oder auch darum, seine Möglichkeiten voll und ganz auszuschöpfen; an unserem Verantwortungsgefühl werden wir stets auszusetzen haben, dass er darauf vertraut, was wir nicht umhin werden können, den „frommen Wunsch“ unseres Dünkels zu nennen – was denn auch stets unversehens in einen „frommen Betrug“ umschlägt. Machen wir uns aber nichts vor; das einzige Gesetz, welches das irdische Leben kennt, ist die Schimäre, und die Frage ist, ob er unseren Selbstbehauptungswillen anfeuert oder unseren Willen zur Verantwortung stärkt. Das, was uns gegen unseren Dünkel, der uns im Grunde tagtäglich vor Augen geführt wird, wappnet, das heißt dagegen, dass wir uns über unsere Verantwortlichkeit als Mensch hinwegsetzen (mit anderen Worten: ungläubig daherkommen), ist der Glaube daran, dass der Mensch völlig im Dunkeln tappt, falls er sich danach richtet, was er glaubt, denkt, meint und hofft, dass das Leben ihm bescheren wird und was nicht. Glaube ist daher ein klarer Fall von „Denkste!“, Zeugnis abzulegen davon, eines Besseren belehrt werden zu können und daher eine „Gotteslästerung“ christlicher Observanz, die menschlich-abgrundtiefe Schlechtigkeit zu beschwören und zu glauben, dazu verdonnert zu sein, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Und zu denken, „offene Rechnungen“ würden dadurch, was uns die Eigengesetzlichkeit der Ereignisse zeitigt, sozusagen bereits im Voraus beglichen, ist eine Anmaßung jüdischer Einrichtung.

 

Doch dürfen wir nicht voreilig Schlüsse ziehen. Denn nur dann, wenn wir Gottes Wort auch als solches annehmen, kann unser Glaube an das Verborgene auch beanspruchen, ein Zeichen unseres Verantwortungsbewusstseins zu sein. Ohne dass wir uns (ohne Wenn und Aber) auf die Grenze einlassen, die zwischen göttlicher Gnade (helâl) und göttlichem Zorn (harâm) verläuft, bliebe uns für immer verborgen, wovon wir uns was versprechen können, und hätten keine andere Wahl als uns für eine oder mehrere unter unendlich vielen Schimären, die das irdische Leben uns bietet, zu entscheiden. So bliebe uns verborgen, dass die moralische Integrität eines Lebens nie von dem zu trennen ist, womit es sich abgibt und vice versa; dass uns ausschließlich das als völlig „unrealistisch“ überzogen anmuten müsste, was wir nicht übers Herz bringen können, da es sich auf Gottes Wort nicht berufen kann, selbst wenn es daherkäme, wie wenn es dem Leben abgelauscht wäre; dass der ganze Hickhack zwischen „alt“ und „neu“ im Grunde nur dazu dient, dem „Übel“, das uns all dem Schabernack und Schnickschnack diesseitigen Lebens aussetzt, mit dem Anstrich der „Notwendigkeit“ zu versehen; dass Schicksal das ist, was uns davor bewahrt, uns in den Fängen der Umstände zu wissen – ist der Mensch doch das einzige Geschöpf Gottes, das Gott die Gehorsamkeit verweigern kann, und dass nur die Nähe derer, denen die wahre Schmach und das eigentliche Übel darin liegt, Gottes Wort den Gehorsam zu verweigern, uns davor bewahrt, auf anderen zum Verhängnis werdende Bindungen einzugehen.

 

Was den Kapitalismus als Unglauben (küfür) ausweist, das heißt, was ihn mit dem Islam zusammenführt, bleibt noch auszuführen. Einen Islam, der uns darüber aufklärt, wann wir davon ausgehen können, uns zu Vasallen derer gemacht zu haben, die aus der Schimäreneinfalt des irdischen Lebens ein Mittel der Tyrannei aus freien Stücken fabriziert haben, wird man in die Ahnenreihe handelsüblicher Religionen stellen wollen. Der Islam ist kein Glaube. Er speist sich vielmehr vom „Glaube-Unglaube-Antagonismus“, und dieser Antagonismus ist das einzige Gegensatzpaar, von dessen Kultivierung sich der Kapitalismus keine Frischluftzufuhr erhoffen kann, denn vor allen Dingen den Gedanken, dass, ob Optimist oder Pessimist, „Mist“ in jedem Fall mit von der Partie sein muss, verwirft der Islam von vorneherein. Versuchen wir uns für die folgende Frage zu erwärmen: Macht der Einwand, dass dieser Unterschied heute im Grunde nicht zum Tragen kommt, zumal er einfach hoffnungslos démodé anmutet, denjenigen, der ihn erhebt, zu einem Muslim oder Nichtmuslim? Ich meine: wenn behauptet wird, dass dieser Unterschied heute – außer im Terrorismus-Jargon – nicht besonders ins Gewicht fällt, dann kann das nur heißen, dass das, worauf sich der Unglaube stützt (nämlich das unbedingte Primat des Profits), nicht konkurrenzlos das Feld behauptet, sondern einfach tolldreiste Züge eines leichten Spiels angenommen hat. Die Besinnung auf die Grenze zwischen Glaube (imân) und Unglaube (küfür) wird uns daher davor bewahren, uns als Muslime zu wähnen, nur weil wir nicht auf den Vorteil verzichten wollen, als progressive Muslime durchzugehen, da wir sonst fürchten, mit dem Schinken nach der Wurst werfen zu müssen, oder uns dazu gezwungen zu sehen, auf die Gefahr einer islamischen Ideologisierung hinzuweisen, weil wir sonst glauben, in den sauren Apfel beißen zu müssen. Floriert der Unglaube, haben Schwindel und Betrug Hochkonjunktur. Denn wer nicht auf die Einhaltung der Grenze vertraut, die ihm von Gottes wegen gesetzt ist, wird immer nur seinen Dünkel in die Notwendigkeiten der Umstände hineindeuten.

 

„Über die nahe Zukunft der Welt wird der Umstand entscheiden, ob diejenigen Personen und Gesellschaftskreise, die nur über das verfügen, was sie sich auch rechtmäßig verdient haben, einer Welt unter der Ägide des Kapitals einwilligen werden oder nicht, obwohl sie keine Türken, sondern Ungläubige sind“, schreibt Ismet Özel in einem anderen seiner jüngsten Online-Artikel. Nur dann, wenn diejenigen, die über das hinaus, was ihnen zusteht, keinen Anspruch erheben, auch bereit sind, das aus einem Gefühl der Verantwortlichkeit heraus zu tun, wird das auch die Frage aufwerfen, welches Primat welchen Willens sich mit der Würde des Menschen verträgt. Dass man sich in Deutschland eher hinter die Illusion der Beständigkeit des Erdenlebens verschanzt, anstatt sie als die Gelegenheit beim Schopfe zu packen, wird den Menschen dabei erheblich zustatten kommen. Ob es sich mit der Würde des Menschen verträgt, in einem Land zu leben, in dem man darüber sinniert, ob ein „deutsches Europa“ oder ein „europäisches Deutschland“ das kleinere Übel ist, oder eher in einem, in dem es einem nicht zum Erfolg gereicht, mit etwas ungerupft durchzukommen, davonzukommen, dem müssten daher vor allem die Neigungen und Sorgen deutscher, deutschsprachiger Muslime Rechnung tragen. Dass nur die Harten in den Garten kommen, ist eine urbane Legende.

 

*  Frei übersetzt Türkisch für: „Das ist es, wofür wir einstehen.“

** İsmet Özel, -Mış Gibi Türkiye’nin Sonu (III), Das Ende der Als-ob-Türkei (III), Online-Artikel vom 11. Oktober 2017 der İstiklal Marşı Derneği (Verein für die türkische Nationalhymne)

 

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Who’s the worst master?

Die Frage ist, wovon wir uns bewahrt wissen wollen. Lebenserfahrung ist, was uns dazu verhilft, den Unterschied von Theorie und Praxis über Bord zu werfen. Unser Leben ist voll von an uns abprallenden Ereignissen, die uns in dem Maße die Augen öffnen, in dem wir einen moralischen Schaden nicht an Bedingungen knüpfen. Goethes „Wandrers Nachtlied“ mit dem Eingangsvers Über allen Gipfeln ist Ruh stimmt uns für ein Bewusstsein für das Entwürdigende dessen ein, das Leben als etwas Gegebenes zu betrachten. Wer nicht in Rechnung stellt, sich eventuell für seinen eigenen Verderb stark zu machen, wird im entscheidenden Moment Zuflucht in der Theorie und Praxis suchen. Wir müssen davon ausgehen, dass es im Menschen etwas geben muss, was eine menschliche Geschäftigkeit erst zu einer solchen macht (heißt es im selben Gedicht Goethes doch: Die Vögelein schweigen im Walde ), um so mehr als Deutsch die Sprache derer ist, die sich mit Ad-hoc-Lösungen nicht abgeben wollen – eine Sprache, die stets einer gewissen Portion Entschiedenheit das Wort redet. Wer sich auf Ad-hoc-Lösungen nicht einlassen will, hätte das nur mit einer Zusicherung an etwas tun können, dessen behelfsmäßiger Charakter aus einer Haltung hervorgegangen ist, mit der sich der Ausdruck „einen Türken bauen“ arrangieren will – ein Ausdruck, den es so nur im Deutschen gibt. Dass Goethe sich mit Hafis gepaart hat, ist in diesem Zusammenhang zu sehen. Goethe ging es nämlich vordergründig darum, den Türken aus dem Islam rauszuhalten.

 

Was auf dem europäischen Festland mit der Moderne aufkam, ist etwas, das aus dem „Teufel in uns“ (Protestantismus) eine Tugend machen musste (Calvinismus). Der „Teufel in uns“ leitet sich aus dem gemeinsamen Widersacher Europas ab. Nicht selten wurden Namen von Menschen protestantischen Glaubens in katholischen Gebieten „getürkt“. Protestanten waren von daher immer angehalten, ihre aufrichtige Abscheu vor diesem gemeinsamen Widersacher unter Beweis zu stellen. Und erst recht der, der heute meint, diese Worte als realitätsfernes und gegenwartsfremdes Hirngespinst abtun zu können, wird sich der Bedingung des Erfolgs nicht entziehen können, als Garant für etwas zu dienen. Politik fällt in Deutschland auf einen Boden, der, wem auch immer, als Sicherheit dient. Ohne die Zusage, auf Bundesebene nicht zu kandidieren, gäbe es nicht einmal in Bayern eine CSU; ohne die Zusage, sich aus Bayern herauszuhalten, gäbe es auf Bundesebene auch keine CDU. Die SPD hielt dem Schauspiel Kalter Krieg stets die Treue. (Die Linke hatte nach dem Krieg zuerst eine Brücke zwischen Ost und West schlagen wollen.) Die Grünen gedeihen von Anfang an in einem Klima, in dem der Kapitalismus seit den 70ern auf „Gesundheit“ umzudisponieren versucht. Der Kompetenzbereich von Die Linke liegt in der einer glaubwürdigen SPD. Und die AfD? Will heißen: „Wir bürgen für die defensive Alternativecke!“ Denn: „Rechts“ ist das Unterpfand selbst, das man sich seit dem Zweiten Weltkrieg sicherheitshalber vorbehält.

 

Eine Geschichtswissenschaft, die so tut, als ob der Mensch die Zukunft, und nicht das Vergangene, vor sich hätte, gehört zum Inventar derer, die zusehen müssen, dass sie nicht ins Hintertreffen geraten. Der Mensch ist darauf angewiesen, davon auszugehen, dass es zwischen dem, was heute ist, und dem, was gestern war oder morgen wird, nie eine Notwendigkeit besteht. Die Notwendigkeit besteht darin, uns bewusst zu werden, worin die Gegenwärtigkeit des Satzes Goethes besteht, dass die Kreuzzüge, obwohl alles in allem eine „false tendency“, „had the positive effect of weakening the Turks even further and preventing them from becoming masters of Europe“*. Stets im Hinterkopf behaltend, dass ein „Aufatmen“ nichts mit „Gott sei Dank“ gemein hat. Das Bedürfnis, aufzuatmen, hatten nämlich lediglich diejenigen, denen die Kreuzzüge den ersehnten Anlass zur Festigung der Autorität der Kirche boten, um aus der kirchlichen Doktrin etwas auf Gedeih und Verderb Durchsetzbares zu machen, angesichts der Gefahr, dass sich die kirchliche Doktrin, durch die Bestätigung, die die Gesandtschaft Jesu durch den Islam erfahren würde, als der Irrweg schlechthin entpuppte. Die Kreuzzüge zielten daher zugleich auf die Ausrottung derjenigen „christlichen Lehren“ ab, denen der Islam in Gestalt des Türken eine willkommene Bestätigung war – namentlich der im heutigen deutschsprachigen Raum verbreitete Arianismus, der die Trinitätslehre strikt ablehnte. Als sich im 16. Jahrhundert das Zentrum der kapitalistischen Akkumulationsweise von Südosteuropa in den holländischen und britischen Nordwesten verlagerte, gestützt auf geographische Entdeckungen, die die Öffnung der Kaproute nach Indien zur Folge hatten, geschah das wiederum auf Kosten der vom venezianischen Handel profitierenden Fugger und ihrer Konsorten. Was dann mit dem Lutheranismus die kirchliche Doktrin für die Menschen annehmbarer machen sollte, galt zugleich als ein zu weitgehendes Zugeständnis an die Türken.

 

Die Moderne konnte im deutschsprachigen Raum nicht so sehr als ein politisch-ökonomischer oder gesellschaftlicher Befreiungsschlag ausgegeben werden, sondern war im Grunde zugleich ein Sich-Einlassen auf die Folgen der Moderne als ein Prozess der Befreiung der Verantwortlichen von der Rechenschaftspflicht und musste daher immer zusehen, sich nicht in Zugeständnisse an die Falschen zu verstricken. Der Modernisierungsprozess vollzog sich hier daher nicht so sehr als die Entwicklung einer Geisteshaltung in wechselseitiger Beziehung mit den modernen Institutionen. Als ein Nährboden dieser Geisteshaltung stand Deutsch immer in einem anachronistischen Verhältnis zur Moderne. Anders ausgedrückt: Deutsch als Sprache war den modernen Institutionen immer um eine Nasenlänge voraus. Insofern identifizierte sich „Freiheit“ für die Deutschen weniger mit dem „Erarbeiteten“ als mit der „Arbeit“ selbst. Das heißt: „Arbeit“ genoss in Deutschland stets einen höheren Stellenwert als das „Erarbeitete“. Das führte dazu, dass diejenigen, denen das Resultat wichtiger war als der Weg dahin, darum bangen mussten, was ihnen der Ausgang der Ereignisse sichern sollte. Die Umstände, die ausschlossen, dass sich ihre Ängste auch bewahrheiteten, arrangierte der Erste Weltkrieg, indem er dafür sorgte, dass die Deutschen die Türken als den „gemeinsamen Feind“ ablösten, gegen den man sich immer wieder „alliierte“. Doch erst indem der Zweite Weltkrieg aus den Deutschen „das schlimmste Herrenvolk“ gemacht hat, „das die Welt je gesehen hat“**, musste man sich nicht mehr damit, dass sie wenigstens den Vorzug hatten, „sich nicht um den Koran zu scheren“***, über das hinwegtrösten, was der Erste Weltkrieg beschert hat. Es ist immer der nach Garanten lauernde Unglaube, der aufatmen will. Die Gegenwärtigkeit des Goetheschen Satzes liegt hierin.

 

* Der Satz ist der englischen Übersetzung der Briefe Goethes entnommen, da in der uns vorliegenden zweiten Auflage aus dem Jahre 1976 des 4. Bandes der Hamburger Ausgabe der mit 12. April 1829 datierte Brief an August von Goethe vollständig fehlt.

** Germany is the worst master the world has yet known, Proposals to Counter the German ‘New Order’, John Maynard Keynes, 1940

*** The worst that can be said of the Moslems is, as the poet put it, they offered to man the choice of the Koran or the sword. The best that can be said for the German is that he does not care about the Koran, but is satisfied if he can have the sword. The Barbarism of Berlin, G. K. Chesterton, 1914

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Was schulden die Deutschen den Alliierten? Oder: Über allen Gipfeln ist Ruh

„Was gestern geschah, geschieht auch heute, und nichts anderes ist es, was morgen geschehen wird. So wie es nichts Neues unter der Sonne gibt, ist es auch nicht möglich, dass wir, aus welchem ihrer Stadien sie auch stammen, aus den Ereignissen in der Geschichte eine warnende Lehre ziehen. Sollte die Geschichte einem Zweck dienen, dann uns vor Augen zu führen, dass jeder Einzelne wie auch jede Generation als Ganzes auf die göttliche Probe gestellt wird.“*

 

Spaghettiwestern sind italienische Western-Produktionen. Liegt Italien doch im äußersten Osten dessen (nämlich Europa), das das, was den „Westen“ ausmacht, sich nicht erst überwinden musste, um sich seiner zu entledigen. Der Kapitalismus schöpft heute seine Dynamik und Kraft nicht mehr aus den Gebieten seiner Wiege, hält vielmehr diese mit allerlei Peinlichkeiten wie „Flüchtlingskrise“, „Abgasskandal“ und chinesischen Dumpingwaren auf Trab. Doch ist es nicht der Kapitalismus, was den „Westen“ ausmacht, sondern die aussichtslose Fluchtbewegung gen Westen, nämlich: den Ausweg in der Flucht nach vorne zu suchen und es als Fortschritt auszugeben. Doch Flucht wovor? Falls wir von der Dreistigkeit, der Fingiertheit unseres Lebens nichts kommen zu lassen, nichts erhofften, könnten wir uns darauf berufen, dass die italienische Stadt Otranto ganze 13 Monate unter türkischer Herrschaft stand. Doch müssen wir die Sache anders angehen: Eine Flucht nach vorne dient immer der Wahrung des Scheins. Im Mittelalter – das ist die Ära des Umdisponierens antiker Verhältnisse angesichts der rapiden Ausbreitung der Botschaft des letzten Gesandten Gottes – waren es Christianitas und Latinitas, die dafür sorgten, dass der Eindruck sich hielt, dass diejenigen, die das Sagen hatten, den erlösenden Gehorsam auch verdienten. Was in neuerer Zeit hinzukam, war die Reaktion auf die Identifizierung dieser Botschaft mit dem Türken – die „Herrschaft der Besten“: Aristokratie. Denn – auch wenn die Historiographie kein Wort darüber verliert – der Gang nach Canossa war eine Flucht nach vorne im Zuge des Investiturstreites, den der Ausgang der „Schlacht bei Manzikert“, mit der die Islamisierung Anatoliens besiegelt wurde, vom Zaun gebrochen hat, und die erst die Frage aufgeworfen hat, wer es verdiente, dass man unter seiner Patronage lebte. Doch ohne Hinzuziehung der Kapitalverhältnisse war eine Flucht nach vorne nicht mehr zu bewältigen.

 

Welcher Überlegenheit verleiht unser Leben Ausdruck? Ist es je nach dem, wer wen an die Wand spielt, was uns in die Pflicht nimmt? Doch Würdenträger „von Amts wegen“ sollten in dieser Hackordnung immer weniger eine Rolle spielen. Zumal alles, was nicht auf seine quantifizierbaren Merkmale reduzierbar ist, den Kapitalverhältnissen gegen den Strich geht. Also wurde die Noblesse „entpflichtet“, das Kreuz „sanitarisiert“ und die Liturgie sowie die amtliche und akademische Sprache „entlatinisiert“. Doch die Entpflichtung der Noblesse mit allem Drum und Dran in einem entprivilegierenden Gewaltakt setzte die Mobilisierung der Massen voraus, die Levée en masse, die bedingte, dass man von einem unteilbaren klassenlosen Ganzen ohne Privilegien ausging. Solange man die Mobilisierung gewissen Zielen und Werten überließ, deren Verwirklichung allen zugute kommen würde, oder: solange man gemäß dem Motto „einer für alle, alle für einen“ operieren konnte, würde man, vorausgesetzt man verfügte über die entsprechenden Propaganda- und Indoktrinationsmittel, nichts befürchten müssen. Doch sobald die Mobilisierung gezwungen war, in Rechnung zu stellen, dass den Menschen im Grunde das ausmacht, was er noch nicht ist, ließe man sich, zum Schreck derer, die auf das Gerede vom Licht am Ende des Tunnels angewiesen sind, auf die Unberechenbarkeit dessen ein, das daraus erwächst, dass man davon ausgeht, dass es im Leben eines Menschen etwas geben muss, das „über alles“ gilt.

 

Ob Zar, Kaiser, Sultan oder König – der Erste Weltkrieg hat alles, was den Imperien erlaubte, die auf ihren ausgedehnten Territorien lebenden Menschen als Ganzes zu betrachten, aus der Welt geschafft. (Fascismo sollte in gewisser Weise das Erbe dieser Integrationsfiguren antreten.) Doch fehlte es an allen Ecken und Enden an Institutionen, die sicherstellten, dass man nicht mehr von einem Volk in seiner Ganzheit ausging. Die Verschaffung des Vorwandes solch einer Vorsorge treffenden Institutionalisierung hätte man zwar den von der Oktoberrevolution der Bolschewiki inspirierten Ereignissen überantworten können – die mit der Novemberrevolution in der Endphase des Ersten Krieges gar eine Erprobung erfuhren. Doch dass die Türken mit ihrem 1923 in der Gründung der Türkischen Republik mündenden „Unabhängigkeitskrieg“ es den anderen Nationen nicht nur vorgeführt hatten, dass sie keine Quantité négligeable sind, sondern vielmehr, dass das Los eines Volkes oder einer Nation nicht von den Launen der Kapitalfluktuationen abhängt, eignete sich viel eher zur Entfesselung einer Propagandakampagne, um aus einem „Mustafa Kemal eines milanesischen Ankara“ einen Duce und aus einem „deutschen Kemal Pascha in München“ einen Führer zu bauen. (Bedenken wir, dass die Offenmarktpolitik, die in den USA und im Britischen Königreich nach dem Ersten Weltkrieg eingeführt wurde, auf deutschem Boden erst mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 zur Praxis wurde.)

 

Solange uns der Tod als der Verfalltag unserer irdischen Annehmlichkeiten und Unannehmlichkeiten gilt, werden wir auch nie erkennen können, wer uns zu Figuranten welches abgekarteten Spiels verdonnert. Das Böse ist immer nur das Böse angesichts eines richtenden Jüngsten Tages, an dem jeder Mensch wird Rede und Antwort stehen müssen. Erst der Tod als etwas Richtendes macht das Leben zu etwas Lebenswertem, ohne dem wir uns nie sicher sein können, wer sich hinter was verschanzt. Es ist die Geschichte, namentlich die deutsche, die uns zeigt, dass der Erfolg derer, die ihrer Flucht nach vorne die Krone Zweiter Weltkrieg aufgesetzt haben, einzig darauf beruht, diejenigen zwischenmenschlichen Beziehungen etabliert zu haben, in denen jemand nur insofern gilt, als er anderen weiszumachen vermag, wie man womit (ungeschoren) durchkommt. Wenn der „Westen“ heute nicht mehr glaubt, darauf angewiesen zu sein, einen „Türken zu bauen“, um gegebenenfalls aus der Not eine Tugend zu machen, dann liegt das daran, dass es ihm gelungen ist, die Umstände eines „anderen Deutschlands“ ins Leben gerufen zu haben.

 

*             Küfrün İhsanı Olmaz (Vom Unglauben Geschonken Gekrochen), İsmet Özel, 27. Oktober 2012

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Wer wir sind, entscheidet sich daran, wem wir was schulden

Weder möchten wir darauf verzichten, zu glauben zu wissen, wie alles, was uns ständig an Berichtenswertem serviert wird, das Produkt eines offenkundig manipulativen Selektions- und Verzerrungsmechanismus ist, noch auch darauf, seitens dieses jeglichem Bewusstsein spottenden Apparates zum Besten gehalten zu werden. Wahres verdankt seine aufklärende Eigenschaft nie dem Umstand, dass es den Tatsachen entspricht, sondern ist allein darin begründet, wer sich auf ihn beruft. „So wahr mir Gott helfe“ – das ist kein Eid auf die Wahrheitstreue, sondern drückt das einzig Vertrauenswürdige aus. „So wahr ich lebe“ stünde sonst auf tönernen Füßen. Halten wir uns daher hieran: Bei wem stehen wir im Wort? Sprechen aus einem Wort eher Bedenken, die die Gültigkeit der Frage, wer ich bin, davon abhängig machen, dass sie nicht ins Politisch-Ideologische hinübergreift? Wie förderlich die Frage „Wer bin ich?“ für einen verkümmerten Gemeinschaftssinn ist und die Frage „Wer sind wir?“ für ein gestörtes Persönlichkeitsbewusstsein, erahne man daraus, wer aus den diesen Fragen das Wasser abgrabenden Bedingungen einen Nutzen zieht. Immer dann, wenn ich das Leben als etwas lebe, was es zu überwinden und zu bewältigen gilt, womit ich zurande zu kommen habe, heißt es, mich diesen Fragen verschlossen zu haben. Und solange die Erfolgsquote meiner Bemühungen der Weltbewältigung über mein Leben entscheidet – sei es, dass sie ihren sublimiertesten Ausdruck unter anderem in der kollektiven Suche nach einer umfassenden theory of everything finden – wird es den einzigen Unterschied machen, ob es mich oder einen anderen Sterblichen im Leben getroffen hat, und nicht den geringsten Unterschied machen, dass ich an meiner Trauerfähigkeit arbeite, falls zur Abwechslung auch mal andere daran glauben müssen. Nur dann, wenn mich das, womit ich mich gezwungen fühle, vorliebzunehmen, um mit dem, was ich glaube, dass es mich plagt, zurande zu kommen, nicht hinreichend befriedigt, werde ich einen Sinn darin sehen, zu fragen: „Wer bin ich“? Wer bin ich, dass ich, ohne irgendwelche Niederträchtigkeiten zu meinem Bedürfnis zu erklären, von einem „Wir“ nicht ausgehen kann? Wer sind wir, dass wir, ohne von einem zu verlangen, sich in seinen Niedrigkeiten angesprochen zu fühlen, ein „Ich“ nicht voraussetzen können?

 

„Im Jahre 1900 war jeder einen guten Ton pflegender Amerikaner ein exilierter Europäer; im Jahre 2000 ist jeder Europäer am Puls der Zeit ein frustrierter Amerikaner – oder einer, der auf sein Visum wartet.“* Dient uns die Vergangenheit lediglich dazu, aus ihr die Lehre zu ziehen, dass nichts an einem spurlos vorbeigeht? Dass der „Amerikanismus“, der sich mit dem Zweiten Weltkrieg unbedingte Geltung verschafft hat, zu keiner Zeit gleichbedeutend war mit dem Siegeszug einer „amerikanischen Identität“, bewahrt noch heute niemanden davor, über den Atlantik zu schielen. (Doch aufgepasst: Amerikanismus ist nicht gleich Hegemonie Amerikas, sondern das, was die verbliebenen Hindernisse auf dem Weg zu einer unbedingten Kapitalhegemonie restlos ausgeräumt hat.) Für unverbesserliche Identitäts-Narren hält man seit dem Zweiten Weltkrieg den „Weltbürger“ parat, der auf dem globalen Markt zu Hause ist wie sonst nirgendwo, mit anderen Worten: den nichts mehr terrorisiert als eine bedingte Profitpriorität, der ohne ein gewisses Maß an musealem Bildungsinteresse für das unter Dach und Fach gebrachte alte Kontinent nie auskommt, und über dessen Interessen die Nordatlantik-Armee der Totalen Offenmarktpolitik wacht – abgekürzt: NATO. (Der Nordatlantik ist der Seeweg, der dazu diente, die „türkische Flanke“ aufzurollen, ohne die der Kapitalismus nie die nötige Beinfreiheit zu seiner Wucherung gefunden hätte.) Zwar war Europa noch nie der Ort, an dem es darauf ankam, wer man war, sondern allein womit man sich identifizierte. (Dass das zwei Paar Schuhe sind, ist bereits daran ersichtlich, dass von der Mitte des 17. Jahrhunderts an die Philosophen die Frage plagte, wie unter – in ständiger Veränderung begriffenen – Bedingungen noch von einem zusammenhängenden – eben identischen – „Ich“ und „Wir“ die Rede sein kann.) Nichtsdestotrotz ist es mit dem Ausgang des Ersten Weltkrieges gewesen, dass auf dem europäischen Festland grundsätzlichere Fragen des europäischen Selbstverständnisses aufkamen; am offenkundigsten unter anderem zur Sprache gebracht in Paul Valérys La Crise de l’esprit aus dem Jahre 1919. Denn es war der Erste Weltkrieg, der das credit money – das ist das, was für eine unbedingte Profitpriorität sorgt – endgültig aus der Defensive in die Offensive geholt hat.

 

Wie wir bereits wissen: Die römische Herrschaft stützte sich im westlichen Teil des Imperiums auf urbane Strukturen – die „civitates“. Im östlichen Teil habe sie sich zu diesem Zweck meist die bestehenden poleis zunutze gemacht. Polis – das ist die Einzahl im Altgriechischen für „Stadt“ oder „Staat“ – hieß, so wie es heute in der einschlägigen Literatur ausgedrückt wird und wie nichtssagend-banal das auch klingen mag, die antike „Gemeinschaft von Bürgern“ und stand von daher für einen „Personenverbandsstaat“. Als eine „Bürgergemeinde“ oder ein „Personenverband“ definiere sich die Polis nämlich nicht über ihr Staatsgebiet, ihr Territorium, sondern über ihre Einwohner, die Bürger. So hieß man den Polisstaat auch immer nach seinen Bürgern; nicht umgekehrt seine Bürger nach ihm – was zugleich erklärt, warum die Polis ein Stadtstaat war, ein Staat im Staat, aus solchem (nämlich: Rom) letztendlich auch das Römische Reich hervorgegangen ist. Doch worauf wollen wir hinaus?

 

Dazu zuerst Folgendes: Das Wort „Tier“ oder „tierisch“ führt uns, wann immer wir es im menschlichen Zusammenhang benutzen, in die Irre – und zwar im Wesentlichen. Es bezeichnet etwas Menschen und Tieren Gemeinsames. Doch kann es nie darum gehen, wieviel Tierisches im Menschen oder Menschliches im Tier schlummert. Solange wir nämlich glauben, Animalisches im Menschen und umgekehrt Humanes im Tier auszumachen, werden sich unsere Gedanken innerhalb der Grenzen der Bedeutung des Satzes bewegen, dass Verstehen immer und zugleich Entschuldigen ist: Tout comprendre, c’est pardonner. Indes: Was wir mit ziemlicher Gewissheit sagen können, ist, dass die Instinkte den Tieren ihr unentrinnbares Schicksal ist, während es dem Menschen stets freisteht, zu fragen, was in seiner Hand liegt und was nicht. Das wiederum führt uns zu folgendem Gedankengang: Sinkt jemand zum Tier herab, dürfte das nicht daran liegen, dass er seinen Trieben freien Lauf lässt, ungebärdig, zügellos um sich schlägt, kurz: das Tier in sich herauskehrt, sondern glaubt, so handeln zu müssen, wie er handelt, da er sonst wähnt, seinen Kopf nicht über Wasser halten zu können. Wann immer wir uns an den „Menschen“ heranwagen, indem wir das „Tierische“ näher zu bestimmen versuchen, so etwa beim aristotelischen zoon politikon, dem „Lebewesen in der Polisgemeinschaft“, d. i. der Mensch als ein politisches, sprich: soziales Wesen, sagen wir im Grunde nur: „Mit welch frommem Wunsch wir die Sache auch anzugehen versuchen, handelt es sich um die Causa Mensch, wird man die Folgen eines grundlegenden Geburtsfehlers immer zu tragen bereit sein müssen. Was uns in menschlicher Aufmachung entgegentritt, ist und wird daher immer ein Ritter von trauriger Gestalt bleiben.“ Doch: Nicht das über das Tieren und Menschen Gemeinsame Hinausgehende bestimmt über den Menschen. Tiere sind nicht-menschliche Wesen; sprich Wesen, die ihr Leben nicht ihren Entscheidungen verdanken; in deren Schicksal es nicht liegt, sich entscheiden zu müssen, was ihnen als Mensch geziemt und was nicht. Ob wir verdinglichen, vegetieren oder vertieren – d. h. entmenschen – entscheidet sich daher nicht daran, ob wir ein gestecktes Lebensziel haben und diesem gewachsen sind oder nicht. Was uns eine moralische Talfahrt, einen geistigen Nullpunkt beschert, ist, zu glauben, darauf angewiesen zu sein, das zu unserem Schicksal zu machen, was allein uns über die Runden bringt – so etwa dem Glauben anzuhängen, dass es im Grunde die marktwirtschaftlichen Verhältnisse sind, die uns sowohl als Menschen wie auch als Kollektiv ermöglichen, unseren Fortbestand zu sichern. Und – das ist das Entscheidende: Menschen, denen es im Leben nicht darauf ankommt, in Ruhe ihren Geschäften nachzugehen, die dazu bestimmt sind, sie über Wasser zu halten, für die es von Belang ist, mit wem sie nicht auf eine Stufe gestellt werden, verleihen, indem sie darauf achtgeben, sich von jenen abzusetzen, denen ihr Lebensraum als ihr gegen Rivalen abgestecktes Revier (sprich: Polis) gilt, dadurch ihrem eigenen Lebensraum einen Charakter, der aus ihm ein Territorium macht, das sich einem nur in dem Maße erschließt, in dem man auf mehr als auf sein Auskommen bedacht ist.

 

Von einem „Polissystem“ ist die Rede, das man gut und gerne bis zum Römischen Reich zurückführt; verspricht sich der Mensch doch immer wieder etwas davon, sich seinem Schicksal zu entwinden, Entscheidungen zu treffen, Entscheidungen, über die er wird Rechenschaft ablegen müssen und die ihn entweder dem näherbringen, was den Menschen erst ausmacht, oder einer Vogel-friss-oder-stirb-Situation ausliefern. „Poleis“, Stadtstaaten, Staaten innerhalb von Imperien, waren Orte, die, unter der Obhut einer imperialen Zentralmacht, der Durchspielung von Geschäftspraktiken dienten, die sich in einer seinen Lebensunterhalt bestreitenden Vorstellung vom Menschen erschöpften; ja diesen eine ideale Brutstätte boten. Stadtstaat – das war der Lebensraum derer, die davon lebten, dass Menschen es zu ihrem unentrinnbaren Schicksal machten, sich zum Nassauer der Umstände zu mausern, die sicherstellten, dass diese Vorstellung vom Menschen eine gewisse Gunst genoss. Immer dann, wenn es für eine Zentralmacht darauf ankam, von den Vorteilen des unbehelligten Durchspielens von anrüchigen Praktiken zu profitieren, bekamen Stadtstaaten Auftrieb. (Man bedenke, dass Sokrates im Namen der Notwendigkeiten eines Stadtstaates hingerichtet wurde.) Polisneugründungen gab es mit dem Regierungsantritt Alexanders des Großen 336 v. Chr. Der Hellenismus lieferte den idealen Nährboden hierfür. Dann war es das aufstrebende Christentum, das im östlichen Imperium Romanum seine ersten Missionszentren in diesen städtischen Zentren fand. Doch erst mit dem Aufkommen des Islam verschwanden sie gänzlich von der Bildfläche. Das Oströmische Reich, das bis 1453 bestehen sollte, war nunmehr gezwungen, seine zentralen Machtbefugnisse auszubauen.

 

Es war wiederum ausgehend von Stadtstaaten, diesmal den italienischen, dass sich die Europäer dagegen verwahrten, davon in Kenntnis gesetzt zu werden, was den Menschen davor bewahrt, tiefer als Tiere zu sinken. (Nämlich: als einziges Zeichen dafür, dass wir uns auf dem rechten Weg befinden, uns daran zu halten, worauf wir uns im Grunde allein berufen können.) „Und zwar mit einem abendländischen Glaubenseifer“, von dem man später sagen würde, dass er „in der Tradition der Predigten des 15. und 16. Jahrhunderts“ steht. „Dieser Zeit verdanken die zwölf goldgelben Sterne der EU-Flagge ihren Ursprung. Diese Sterne haben eine besondere Geschichte. Als am 7. Oktober 1571 die Türken in der Seeschlacht von Lepanto geschlagen wurden, da wussten Papst und Christenheit, wem sie das zu verdanken haben: der Fürsprache der Gottesmutter.“** Zumal diejenigen, die als unaufgeklärte geistliche oder weltliche Würdenträger regelrecht auf einem Pulverfass saßen, mit der göttlichen Rechtfertigung der Zerschlagung der türkischen Flotte, die sie in der Johannesoffenbarung auszumachen glaubten, lediglich ihre Köpfe aus der Schlinge zu ziehen versuchten: „Und ein großes Zeichen erschien am Himmel: Eine Frau, bekleidet mit der Sonne, der Mond war unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt ein Kranz von zwölf Sternen.“ Damit wurde, als sich mit den italienischen Stadtstaaten etwas anbahnte, das darauf beruhte, dass keiner der Beteiligten dazu bereit war, ins eigene Fleisch zu schneiden – weil sozusagen jeder „Aktien drin hatte“ –, die dem Polissystem zugrundeliegende Logik zum wesentlichen Bestandteil der politischen Machtverhältnisse des Abendlandes. Regieren (Politik) als Erbe der Poleis war nunmehr der Name der Schaffung und Wahrung von Umständen, die den Menschen suggerierten, sie würden darben, falls sie sich ausklinkten. Ein Leben, das eines Begriffes von göttlicher Rechtleitung nicht mehr bedurfte, sich stattdessen an göttlichen oder anderen Zeichen hielt.

 

Gehen wir nach dem, was uns berichtet wird, steht für die einen das „Jahrtausendprojekt Europa“ auf dem Spiel, über dessen „Zukunftsnotwendigkeiten“ sich vor allem die Visegrád-Staaten hinwegsetzten; wiederum andere glauben, sich um die Zukunft des ungehemmten globalen Waren- und Geldverkehrs sorgen zu müssen oder sich mit der Idee einer EU-Armee verdient machen zu können, da die Nato sich immer offensichtlicher als ein Auslaufmodell erweise; gar das Ende des amerikanischen Empire oder eine Krise des Westens glaubt manch einer in all dem auszumachen. Machen wir die Gegenprobe: Falls die Globalisierung nicht mehr die Leuchtkraft auszustrahlen verspricht, die sie als Schlagwort einst entfaltete, heißt das etwa, dass der unbedingten Profitpriorität nach und nach der Boden entzogen wird? Falls die Nato sich immer offenkundiger als eine militärisch überkommene Institution herausstellt, heißt das etwa, dass „nationale Märkte“ im Kommen sind, als Ausdruck dessen, dass Menschen ihre Interessen immer weniger in der Übervorteilung anderer suchen? Falls die EU als Institution drauf und dran sein sollte, in die Brüche zu gehen, so doch etwa nicht aus Besinnung auf das, was dazu geführt hat, dass das credit money mit dem Zweiten Weltkrieg Zuflucht in seinem panic room Amerika gesucht hat? (Der „panic room-Vergleich“ stammt der – der Dinge harrenden – Feder Régis Debrays.) Eines können wir aber mit Gewissheit sagen: Die Entscheidung des Finanzkapitals in den Siebzigern, sich in Zukunft das „Argument Gesundheit“ und nicht Globalisierung auf die Fahnen zu schreiben, trägt Früchte. Ihm scheinen heute gar föderale Systeme als Regierungsweisen der Nachkriegszeit nicht gut genug.

 

Der Spruch „Ein Deutscher ist ein Mensch, der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben“ stammt „Adornos Zunge”. Doch gilt es zu bedenken: Der einzige Unterschied zwischen dem Satz „Ich lüge gerade“ und „Ich habe gelogen“ ist, dass der Urheber des ersten auf die Schlüpfrigkeit seiner Aussage vertraut, während der zweite in Betracht zieht, eines Besseren belehrt werden zu können. Ein Lügner ist, wer den Umständen die Fähigkeit zur Eigenregie beilegt. Der falsche Prophet ist daher leicht auszumachen. Nicht, dass er uns das Blaue vom Himmel verspricht, zeichnet ihn aus, sondern davon ausgeht, dass wir Erwartungen in die Flüchtigkeit des Erdenlebens stecken, nämlich das, was sich nie darauf berufen kann, was gottgegeben ist. Adornos Spruch kann daher nur einer Haltung zugeschrieben werden, die sich daran stört, dass sich der Deutsche das Bedürfnis vorbehält, sich überhaupt auf irgendetwas zu berufen. Es sind seine Entscheidungen, die den Menschen zu dem machen, wer er ist. Und wofür er sich entschieden hat, sehen wir stets daran, wem er was schuldet. Wer könnte behaupten, dass wir in einer Welt leben, die uns ihren Urhebern – die zugleich ihre wahren Benefizianten sind – verpflichtet? Es gehört nicht viel dazu, zu erkennen, was diejenigen, die den Deutschen eine „nationale Schande“ ans Bein geklotzt haben, von ihnen verlangen, vorliebzunehmen. Davon, dass alles daran gesetzt wird, türkisches Territorium – Gebiete, die sich uns in dem Maße erschließen, in dem wir Abstand zur Haltung wahren, dass die Moral vor oder nach dem Fressen kommt – zu Gebieten zu degenerieren, in denen die Menschen in Erwartung der Gunst des Kapitals leben, kann der Deutsche nur unter der Bedingung zu profitieren versuchen, dass er aus der (seiner) Geschichte die falsche Lehre zieht. Diejenigen, die sich darum bemühen, das einzig verbliebene Erbe des Ersten Weltkrieges, den Islam als politische Institution – die für das türkische Territorium nicht leugbare Relevanz dessen, dass sich der Mensch nicht ernährt, sondern „frisst“, solange er dem vertraut, was Vertrauensunwürdig ist –, aus der Welt zu schaffen, müssen zugleich zusehen, dass der Deutsche keine Anstalten macht, an Weisen des Profitmachens festzuhalten, deren bestimmende Rolle der Erste Weltkrieg ein für alle Mal ad acta gelegt hat.

*      En 1900, un Américain de bon ton est un Européen exilé; en 2000, un Européen dans le vent est un Américain frustré – ou qui attend son visa. Régis Debray, Civilisation, Gallimard, 2017.

**     Trotz alledem! Europa muss man einfach lieben, Heribert Prantl, S. 90, 2016

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Western Normality oder die geschluckte Kröte

Don’t grow up, it’s a trap! Was können wir uns davon versprechen, der Frage nachzugehen, ob wir diesen Ratschlag zur Wahrung unserer arglosen Unschuld oder Unbeflecktheit beherzigen können; keine eigennützigen Hintergedanken oder Nebenabsichten zu hegen, sozusagen nie mit verdeckten Karten zu spielen? Nur als ein untrügliches Indiz für unsere Erinnerungsbedürftigkeit können wir der Empfehlung zur Wahrung unserer unschuldigen oder unbefleckten Unvoreingenommenheit etwas abgewinnen. Alles, was nicht in Rechnung stellt, dass wir darauf angewiesen sind, immer wieder daran erinnert zu werden, worauf wir uns im Leben nicht stützen können, liefert uns der Infantilität aus. Was so viel heißt wie: Es wird immer welche geben, die sich daran halten werden, dass man ihnen nicht in die Karten schaut. Unvoreingenommenheit oder Vorurteilslosigkeit als ein Zeichen von geistiger Empfänglichkeit einen Wert beizulegen, machte insofern die Unmöglichkeit, daran erinnert werden zu können, wann wir davon ausgehen können, im Bewusstsein unserer geistigen Ungezügeltheit mündig geworden zu sein, zu einer Tugend. Unbescholtenheit ist ein Zustand der Mündigkeit und Mündigkeit nicht der der Autarkie. „Wo kein Defizit ist, braucht’s auch kein Bewusstsein.“ Das ist ein Trugschluss – denn der Mensch verdankt seine geistige Reife vielmehr der Möglichkeit, nicht darauf einzugehen, daran erinnert worden zu sein, worauf es eben nicht ankommt. Doch was ist Mündigkeit? Mündigkeit ist die Befreiung des Menschen von der Gängelung durch das, was er wähnt, den Erhalt seines Lebens zu schulden. Nicht die Gier oder seine Unersättlichkeit ist dem Menschen sein Verhängnis, seinen Hals nicht voll kriegen zu können, sondern diejenigen, bei denen er seine Füße unter dem Tische zu haben glaubt. Wer sich Make Capitalism History aufs Panier schreibt, macht den Kapitalismus zu einer historischen Größe, unterschlägt dabei, dass der ganze Kunstgriff des Kapitalismus darin besteht, die der Quantifizierbarkeit entgegengebrachte Geringschätzung um ihrer gesellschaftlich relevanten historischen Größe vollauf betrogen zu haben. How much is enough? Ist das die Frage derer, die sich dessen bewusst sind, dass „weniger“ oder „mehr“ nie als ein Argument herzuhalten vermag, falls weniger oder mehr nicht zugleich auf die Berücksichtigung oder Nicht-Berücksichtigung dessen hinausläuft, worauf sich der Mensch eben nicht stützen kann? Sonst diente eine „Erinnerungskultur“ als ein fester Bestandteil von Vorsichtsmaßregeln nicht jenen, die es sich unter keinen Umständen das Privileg nehmen lassen wollen, dass sie die Karten austeilen.

 

Dass es in den Sprachen der europäischen Kultursphäre möglich ist, jemanden der Voreingenommenheit zu zeihen oder sich seiner Unbefangenheit zu brüsten, kommt nicht von ungefähr. Europa verdankt die wahren Früchte seines Effektivitätsprinzips erst der säuberlichen Getrennthaltung mittels wissenschaftlicher Kategorien von voneinander nicht Trennbarem; dessen, was uns zur Rechtfertigung dient, von dem, was uns als Überzeugung einnimmt – und nach einer vielzitierten griffigen Wittgenstein-Sentenz aus dem Jahre 1918 ist das auf der einen Seite das, „wovon man sprechen kann“, auf der anderen das, „worüber man schweigen muss“. Hieß der von der Aufklärung zur Parole erhobene Begriff der „Mündigkeit“, dass der auf dem Menschen lastende Druck von ihm genommen wurde, um ihn, wenn nicht entscheidungsfähiger oder -freudiger zu machen, so doch darüber in Kenntnis zu setzen, was es ist, das dem Menschen freisteht, zu tun, ungeachtet dessen, ob er es tut oder nicht? Nein. Denn das Einzige, was dem Menschen freisteht, zu tun, ist, sich dafür – oder auch dagegen – zu entscheiden, sich durch nichts, was der Rechtfertigung bedarf, überzeugen zu lassen. Der Westen, die „Randerscheinung Europa“, hat, um aus dem Schatten seiner Existenz als ein Randphänomen herauszutreten, derart Einflüsse zu mobilisieren gewusst, dass er nicht drum herumkam, dies als eine Befreiung von der Fremdbestimmung und -verantwortung zu lancieren. Das trug den Namen Aufklärung. Nicht umsonst kam die Idee der Aufklärung in einem Jahrhundert auf, in dem man nachgerade von der Zivilisation mit einem bestimmten Artikel zu sprechen anfing – und zwar ausgehend von Frankreich. Hieß Selbstbestimmung doch, dass das, was Zivilisation genannt wurde, inzwischen seine Fähigkeit zur Propaganda perfektioniert hatte; und Eigenverantwortung, dass niemandem die Möglichkeit gegeben sein sollte, sich vor den Launen dieser Propaganda hinter irgendwelchen Institutionen in Sicherheit zu wiegen. Zivilisation – das ist nämlich das, was, angesichts der Unhaltbarkeit dessen, worin Europa vor der Beredsamkeit und Aussagekraft des Islams Zuflucht gesucht hat, sich gezwungen sah, ausschließlich auf den „Schein“ zu setzen, sprich: sich zu zivilisieren. Wenn Wolf Lepenies in seiner anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels gehaltenen Dankesrede sagt: „Die Eroberung Konstantinopels durch die Türken im Jahre 1453 macht den dummen Muselman zum Mit-Urheber von Renaissance und Aufklärung – ein Skandal, für das europäische Selbstbewusstsein ein Stolperstein“, dann kann das nur als ein Zeichen dafür genommen werden, was ihm als unentbehrlich gilt. Es kann nicht verwundern, dass die, für die der Islam sich einzig in der Komposition „islamische Zivilisation“ ertragen lässt, im „Türken“ nichts vorfinden werden, was ihrem Dünkel schmeichelt.

 

Das bedarf näherer Erläuterung: Civilisation verdankt sich zu einem Großteil den hierarchischen Strukturen des urbanen Raumes und seinem suburbanen Hinterland – was der Entwicklung von kapitalistischen Zentrum-Peripherie-Strukturen erheblichen Nährboden geliefert hat. (Zivilisation bedingt Akkulturation, Kapitalismus Akkumulation.) Die im Westteil des römischen Imperiums ins Leben gerufenen städtischen Siedlungen, auf denen sich die römische Herrschaft stützte, das urbane Gefüge der civitates, kam den Europäern hierfür erheblich zustatten. Die civitas – das war der Ort, an dem die Menschen nichts anderes miteinander verband als die eigens hierfür erlassenen gesetzlichen Bestimmungen. Civis – so hießen die Bewohner dieser Orte, die auf nichts anderes – sie miteinander Verbindendes – Wert legten als die sie auf gegenseitiges Nutznießertum abstellenden Gesetze. Hier wurden jegliche Geschäfte per curia administriert. Denn: Der römische Bürger, der Städter, ging im Grunde daraus hervor, dass die Römer mit der Volksgruppe, von der die größte Gefahr für sie ausging, ein den „römischen Bürger“ konstituierendes Bündnis eingingen, sich darauf berufend, dass sie alle im selben Boot saßen. Es war aus dem Zweckbündnis dieser beiden Gruppen, woraus die curia hervorging: die co-viria, die Zusammenkunft der Männer, die die Geschäfte administrierte. Hieraus entwickelte sich die Bezeichnung „Quiriten“ für das römische Volk, und das lateinische Wort für die Quiriten war cives, woraus sich allmählich civitas (city), civis (citizen)… und schließlich civilisation ableitete.

 

Wir müssen das (Be)Trügerische des Ausdrucks, dass wir alle „im selben Boot sitzen“, durchschauen können. Das ist das Gleichnis derer, denen nichts auf den Magen schlägt, denen man aber sehr wohl auf der Tasche liegen kann. Bedenken wir, dass es im Grunde das, was uns wie Blei im Magen liegt, ist, was zwei Menschen zusammenführt. Die Insassen der Arche Noahs vereint nicht, im selben Boot Zuflucht vor der sich anbahnenden Katastrophe gefunden zu haben, sondern dass sie das wahre Unheil darin sahen, Gottes Worten keine Beachtung geschenkt zu haben. Diejenigen, die sich selbst ausgebootet haben, vereint nichts, trennt hingegen, dass sie auf ihre gemeinsamen Interessen nicht verzichten konnten. Ein gemeinsames europäisches oder globales Boot, in dem wir alle sitzen, gibt es daher nicht, wohl aber welche, die darum bemüht sind, mit ihren Profit-Kähnen nicht in gefährliche Fahrwasser abzudriften oder in seichte Gewässer zu geraten. Was Europa „zivilisiert“ hat, sind die Interessen derer, die es zu verhindern wussten, dass durch Europa der Ruf Gottes ergeht, was bedingte, dass die Menschen anhand des Argumentes des geringeren Übels ihrer Fähigkeit beraubt wurden, über das eigene Wohl und Übel nachzudenken; ganz zu schweigen von ihrem Vermögen, darüber zu entscheiden. Wer kennt heute noch den in der DDR weithin geläufigen Ausdruck „Privat geht vor Katastrophe“? Wann immer man glaubte, damit dem Kollektiv zu dienen, tröstete man sich in der DDR über alles, was man sich gezwungen sah, in Kauf zu nehmen, damit, dass es das geringere Übel ausmachte. Im „Westen“ konnte man niemanden davon überzeugen, etwas im Namen aller in Kauf zu nehmen. Das geringere Übel war hier schon immer das Auflösende schlechthin, als Trost dafür, vom Schlimmeren verschont geblieben zu sein. Will man nicht, so heißt es, dass einen das Übel in persona einholt, was sich inkognito unter „deutsche Kultur“ verdingt, gebieten es gemeinsame Interessen, sich des geringeren Übels anzunehmen. Doch solange „deutsche Kultur“ etwas bezeichnet, von dem man nichts anderes erwarten kann, als einem „Western Normality“ zu suggerieren, wird man an dieser Kröte auch künftig noch schwer zu schlucken haben.

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