Schlimm genug, zu glauben, es gäbe so etwas wie das Richtige zur falschen Zeit. Erst recht eine tragische Figur ist es, sich mit Hangen und Bangen damit beschäftigt zu sehen, den plätschernden Brunnen zuzudecken, nachdem das Kind schon längst hineingefallen und der Gefahr des nassen Todes ausgesetzt ist. Ohne dass es uns im Geringsten bewusst wäre, machten wir es uns in einem solchen Fall zur Aufgabe, nicht nur die Bergung des Kindes, sondern auch die Aufdeckung der Umstände eines verübten Verbrechens zu vereiteln. Sobald unser Leben das, was das Unhaltbare an unserem Leben als solches ausweist, außen vor lässt, ergeht es uns nicht anders, stecken wir mit denen unter einer Decke, die ihren Nutzen daraus ziehen, dass der Islam weder geistig-moralischer Läuterung noch der Trennung der Spreu vom Weizen dient. Das Geheimnis dessen, dass sich heute kein Muslim, ohne das „Schicksal des Türken“ zu seiner Sache zu machen, zum Adressaten der Gebote und Verbote des Islam machen kann, liegt einzig hierin. Der Mensch ist immer auf die Existenz von Menschen angewiesen, an deren Leben ihm erst die Möglichkeit gegeben ist, zu erkennen, ob er zu denen gehört, die dem Ruf Gottes gefolgt sind oder nicht.

 

Doch wir wollen nichts überstürzen, sonst stolpern wir über unseren eigenen Schatten, ohne zu einem Schritt angesetzt zu haben. Falls uns das, womit wir uns abgeben, nicht dazu verhilft, den Anfang zu machen, dann werden unsere Schwächen das Zepter geführt haben. Was wir benötigen, ist daher kein Aktionsplan, sondern ein den Schulterschluss suchendes Bewusstsein dafür, was uns dazu verhilft, vor Augen zu führen, dass es so etwas wie eine „Sache des Türken“ gibt. Also – wir fragen: Was verspricht sich der „deutsche Muslim“ eigentlich vom Islam? Es liegt in der Natur der Dinge, dass wir das von ihm selbst erfahren. Was wir aber auf uns nehmen können und müssen, ist, deutlich zum Ausdruck zu bringen, worauf (auf wen) sich ein deutscher Muslim wird verlassen müssen, falls er einen verantwortungsbewussten Schritt nach vorne wagen wollte, den er dem Umstand verdankt, dass er ein „deutscher Muslim“ ist. Wir müssen dazu folgenden Fragen den Boden bereiten: Welchen historischen Umständen verdankt der Deutsche seinen Namen? Kann er sich von dem, wovon sein Name zehrt, etwas versprechen, ohne aufzuhören, ein Muslim zu sein? Und wer oder was entscheidet überhaupt darüber, wann ein Muslim aufhört, ein Muslim zu sein? Was ist der Maßstab eines gottesfürchtigen Lebens? „Man kann nicht deutsch sein, ohne sich für den Holocaust zu schämen.“ Nur diejenigen, denen daran gelegen ist, die Gesellschaft auf Grundsätze zu stellen, die darauf beruhen, dass man sich die Schwächen Anderer zunutze macht, wird dieser Satz überzeugen. Wir sollten aber wissen: Verantwortung braucht sich nie zu verstecken.

 

Am 23. Dezember 1913 wurde das Federal Reserve System gegründet, und am 28. Juli 1914 brach der Erste Weltkrieg aus. Am 06. April 1917 erklärten die USA dem Deutschen Reich den Krieg, nachdem vier Tage zuvor Präsident Wilson im US-Kongress zur Teilnahme am Kreuzzug „friedliebender“ Demokratien gegen die „aggressiven“ Autokratien aufgerufen hatte. Am 02. November 1917 versprach die Balfour-Deklaration dem jüdischen Volk eine „nationale Heimstätte“, und fünf Tage später übernahmen in Russland die Bolschewiki die Macht. Nach einem zwei Tage zuvor von der Führung der türkischen Streitkräfte ergangenen Befehl, übergab am 09. Dezember 1917 der türkische Gouverneur die Stadt Kudüs (Jerusalem) kampflos an die Briten. General Edmund Allenby marschierte in die Stadt ein und erklärte die „Kreuzzüge“ endgültig für „beendet“. Und auf den Tag genau 100 Jahre später am 06. Dezember 2017 verkünden die USA, Jerusalem offiziell als Hauptstadt Israels anerkannt zu haben.

 

Der „Nahe Osten“ ist eine Schimäre; und auch der „Nahostkonflikt“. Dass wir beides, sowohl den Nahen Osten als auch den Nahostkonflikt, für bare Münze nehmen, rührt daher, dass uns jeglicher Blick für das Wesentliche am Folgenden abgeht: Wir leben unter Umständen eines Weltsystems, das nur als solches zu überzeugen vermag und dessen Funktion sich von den Notwendigkeiten einer auf Kapitalakkumulation und -konzentration beruhenden Ordnung ableitet. Hervorgegangen aus der Dichotomie einer privilegierten Metropolregion und einer in deren Prosperität eingespannter Peripherie, müssen die Ursprünge des Weltsystems bis auf die Zeit der Kreuzzüge zurückgeführt werden. Die italienischen Stadtstaaten waren die erste Metropolregion, der Mittelmeerraum der dazugehörige Peripheriegürtel. Im 17. Jahrhundert musste das Zentrum des Weltsystems nach Holland ausgelagert werden, im 19. Jahrhundert ins Britische Empire. Als Jerusalem von türkischer Hand in britische Klaue überging, stand das Weltsystem unter britischer „Kapitalhoheit“. Sowohl die Verkündung der israelischen Unabhängigkeitserklärung 1948 als auch die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels 2017 erfolgte unter der Ägide Wall Streets als Zentrum des Weltsystems.

 

Etwas, wofür wir nicht bereit sind, die Hand ins Feuer zu legen, können wir auch nicht als Beleg für etwas heranziehen. Erst recht darf es uns nicht als Vorwand dafür dienen, die Augen zu verschließen vor der Stichhaltigkeit dessen, was sich in keinster Weise auf dieses Etwas zurückführen lässt. Mit anderen Worten: Die Frage, was es heißt, unter Umständen eines die ganze Welt umspannenden kapitalistischen Systems zu leben, lässt erst recht heute keine andere Antwort zu, als: unter „nicht-“, ja „anti-türkischer“ Hegemonie zu leben. Und das ist das einzig Wesentliche daran, dass wir unter Umständen eines, wie auch immer gearteten, Weltsystems leben. Denn: „Der Aufstieg der osmanischen Türken und die Entdeckung der Amerikas hat das Gravitationszentrum der europäischen Geschichte auf dramatische Weise Richtung Atlantik verschoben“.* Es war das Ausweichmanöver der Europäer vor den Türken in einer Halbkreisbewegung vom Südosten Europas nach Nordwesten Richtung Atlantik, aus dem ein kapitalistisches Weltsystem mit einem immer wieder auslagernden Zentrum hervorgegangen ist. Was heißt das? „Türkische Vorherrschaft und das Weltsystem sind die beiden einander ausschließenden Dinge.“** Erst das mit in Rechnung gestellt, werden wir wissen können, was es heißt, nicht bereit zu sein, die Hand für etwas ins Feuer zu legen, und doch alles dafür zu tun, dass es als das einzig Bestimmende an (und in) unserem Leben erhalten bleibt.

 

„Der Türke ist neutralisiert…“ Doch solange es türkisches Territorium gibt, wird man, indem man ausführt, was ihn ausmacht, zugleich aufgezeigt haben, was an dieser Vorherrschaft „dem Weltsystem noch immer  Magenbeschwerden bereitet“.*** Türkisches Territorium macht aus, dass es denen zur Heimat wurde, die sich durch den festen Glauben daran hervorgetan haben, dass der Beleg für den Islam (Gottvertrauen) einzig im Leben des Propheten selbst zu suchen ist – nicht in der Unfehlbarkeit irgendeiner Institution (Christentum), nicht in der irgendwelcher Umstände (Judentum) und nicht in der eines Imams (Schia). Immer dann, wenn es den Verantwortlichen Unbehagen bereitet hat, dass vom Propheten überliefert ist, beim Ausheben des Grabens während der Vorbereitungen für die Grabenschlacht gesagt zu haben, bei jedem Hackenhieb leuchteten die Paläste der sassanidischen und römischen Herrscher vor seinen Augen auf, mussten sie zusehen, dass das Leben des Propheten in irgendeiner Form ins Hintertreffen geriet. Aus dieser Warte betrachtet: Ohne dass sich diejenigen, die ihre mit griechisch-römischen Elementen durchsetzten Herrschaftsansprüche jüdisch-christlicher Weise zu rechtfertigen suchten, in ihren Plänen durchkreuzt gefühlt hätten, hätten wir nicht davon ausgehen können, dass der Islam überhaupt Gehör gefunden hat. Das, was ihnen dazu verhalf, ihre Pläne in Masterpläne auszubauen, das nennen wir heute das kapitalistische Weltsystem. Daher: Was wir diesem Weltsystem gegenüberstellen können, ist die Existenz eines türkischen Territoriums als Hort des Sunnitentums als die einzige Garantie eines auf Gott vertrauenden Lebens.

 

Die Einnahme Jerusalems am 09. Dezember 1917 war ein Gebot der Geschäftsinteressen der „City of London“. Mit ihr glaubte man das Tor zur langersehnten Gelegenheit aufgerissen zu haben, unter die türkische Existenz einen Schlussstrich zu ziehen. (1916 ist das Jahr des Rückzugs der türkischen Armee aus Mekka und 1919 aus Medina.) Der Ausgang der „Unabhängigkeitskriege“ im Anschluss an den Ersten Weltkrieg sollte diesen Interessen diese Freude nicht gönnen. Die Anerkennung Jerusalems am 06. Dezember 2017 als israelische Hauptstadt hingegen ist ein Gebot der Finanzinteressen des sich seit dem Zweiten Weltkrieg global gebenden Weltsystems mit Sitz in Wall Street, eines Weltsystems, das seit dem Zerfall der beiden Blöcke 1989 diese Gelegenheit wieder aufzugreifen und zu konkretisieren versucht. Zu sagen, es gibt einen „Nahen Osten“ und einen palästinensischen Konflikt als Teil eines mindestens 100 Jahre zurückgehenden „Nahostkonfliktes“, hieße das alles unter den Teppich zu kehren. Erst die Abnabelung einer besimmten Region vom türkischen „Homeland“ hat ihr den Namen „Naher Osten“ und „Balkan“ beschert und sie den Launen der Kapitalfluktuationen ausgesetzt. Was diese berechnende Laune angerichtet hat, trägt den Namen „Nahostkonflikt“, „Pulverfass Balkan“ oder „Neue Türkei“, letztere proklamiert seitens derer, die, in seliger Unwissenheit dessen, was das kapitalistische Weltsystem wem gegenüberstellt, darauf bauen, dass ihnen die Laune des Kapitals sogar ein neues osmanisches Reich bescheren wird, in dem Ostjerusalem die Hauptstadt Palästinas sein soll.

 

Es ist, dass die Verbissenheit, mit der er etwas verficht, ihn im Ersten Weltkrieg denen gegenübergestellt hat, die nichts anderes kennen als den monetären Einsatz, was dem Deutschen einen Namen beschert hat. Weder hat ihn das in irgendeiner Form dem Türken nähergebracht – auch nicht als es für den Türken im Anschluss an den Ersten Weltkrieg um ein Sein oder Nichtsein ging – noch wurde er dadurch gefeit gegen die List derer, die ihm mit Hitler einen „Atatürk in München“ eingebrockt haben. Als deutscher Muslim wird er aber allemal wissen müssen, dass der Maßstab eines gottesfürchtigen Lebens dadurch gesetzt ist, dass wir unter Umständen leben, die dadurch initiiert wurden, dass die Europäer den Ruf des Türken zu einer Bedrohung umfunktioniert haben, und auch heute die Umsetzung des Masterplans des Finanzkapitals davon abhängt, ob er es schaffen wird, dem Türken ein ohne den Islam – und dem Islam ein ohne den Türken – denkbares Format zu verpassen. Solange seine Verbissenheit, die sich der Deutsche trotz zweier Weltkriege bewahrt zu haben scheint, dies nicht mit in Rechnung stellt, wird der Deutsche erst recht als Muslim den Benefizianten des Kapitalismus mit vorauseilendem Gehorsam ihre Vorwände liefern müssen. Ohne auf den – ohne den Islam undenkbaren – Türken vertrauen zu wollen und ohne sich auf den – ohne den Türken unverbindlich daherkommenden – Islam verlassen zu wollen, wird sich kein deutscher Muslim zu einem deutschen Muslim machen können. Doch sobald er seiner Nähe zum Islam durch die Bereitschaft zur Freundschaft mit dem Türken Ausdruck verleiht, wird sich seine Verbissenheit zu einer nicht nur ihm zum Vorteil gereichenden Charakterstärke entfalten. Es könnte die Bereitschaft des deutschen Muslims sein, das „Schicksal des Türken“ zu seiner Sache zu machen, was die Spreu vom Weizen trennen könnte. Fragt sich, wie bewusst der Türke um ihn seiner Sache ist.

 

* The rise of Ottoman Turks and the discovery of the Americas shifted the center of gravity of European history dramatically toward the Atlantic. (Tony Judt, A Grand Illusion, An Essay On Europe, 2011, S. 50-51)

* İsmet Özel, Hennarote Finger am Schwertgriff oder Note: Bestanden, Pluspunkt, Online-Artikel vom 14. Dezember 2017

* Entnommen İsmet Özels Online-Artikel gleichen Datums.

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