Wer sind „wir“? Weder davon, warum es den Deutschen im letzten Jahrhundert vergönnt blieb, ein über ihr eigenes Schicksal bestimmendes „Wirgefühl“ zu entwickeln, noch auch davon, was den Islam mit der „Moderne“ in welche Beziehung setzt, lässt sich diese Frage trennen. Da, wo sich diese beiden Fragen einander berühren, ja umschlingen, sucht der Verein Deutsch Schreibende Muslime seine Existenzberechtigung. Ob sich deutsche und deutschsprachige Muslime werden zusammenfinden können, willens und fähig, zu erkennen, worin das Entscheidende dieser Fragen liegt, erst das wird darüber entscheiden, wer wir sind.

Um das Konkrete kommen wir nicht drumherum: Auf Geheiß des US-Außenministeriums wurde am 30. Oktober 1961 zwischen dem Nachkriegsdeutschland und der Türkei ein Anwerbeabkommen unterzeichnet. (Der Vietnamkrieg war bereits voll im Gange und in den Straßen europäischer Hauptstädte herrschte noch Ruhe.) Zweieinhalb Monate nachdem am 13. August 1961 mit der Berliner Mauer dem Eisernen Vorhang nachträglich ein handfestes Sinnbild verschafft wurde; fast anderthalb Jahre nachdem am 27. Mai 1960 ein Putsch dem Nachkriegsunternehmen der Türkei (gemeint ist der Erste Weltkrieg), sich als ein „modernes“ Land zu etablieren, in dem die Rolle des Islam als eine politische Größe nicht von der Hand zu weisen ist, ein jähes Ende bereitet hat. Die Mauer gehört mittlerweile in die Mottenkiste der Geschichte – ohne dass man sagen könnte, was sie als Folgeerscheinung welches politischen Ereignisses von großer Tragweite über 28 Jahre den Menschen hüben wie drüben vorenthalten hätte. Niemand hat heute den Kalten Krieg mit all seinem Brimborium an Theaterdonner noch im Ohr. Dass man heute aber glaubt, den Deutschen knapp 5 Mio. „Muslime“ an die Backe geschmiert zu haben, während in Syrien, um mit İsmet Özel zu sprechen, Amerikas „zweites Vietnam“ tobt, das zeigt umso mehr, wie präsent der Erste Weltkrieg schon immer war – und nicht der Zweite Weltkrieg. Denn es war der Erste Weltkrieg, der die „Nationen“ den Umständen des Finanzkapitals ausgesetzt hat, die in der Türkei erst nach dem 27. Mai 1960 zu Buche geschlagen haben.

In was für einer Welt leben wir? In was für einer Welt möchten wir leben? Der Verein Deutsch Schreibende Muslime hält an diesen Fragen fest und stellt ihnen folgende Überlegung voran: Über unser Weltbild entscheidet die Frage, wer wir sind. Wer wir sind, ersehen wir daran, auf welche Bande wir zählen. (Ob wir es vorziehen, zu leben, indem wir die Welt verbrämen oder sie plündern, läuft insofern aufs Gleiche hinaus.) Wird sich der Deutsche auch künftighin daran halten, was ihm die auf seine unnachahmlichen Schrullen gemünzten Kapitalnotwendigkeiten noch an „Überraschungen“ ins Haus bringen werden? Dann wird er erst recht nicht davon verschont bleiben, was die Kapitalnotwendigkeiten noch alles an – als Überraschung aufgemachter – Schmach zu bieten haben werden. Oder können (wollen) wir davon ausgehen, dass es im Leben des Deutschen etwas gibt, von dem die Kapitalbande nicht zehren und das ihn davor bewahrt, zur Witzfigur dieser degradiert zu werden? Dann wird ihm das nur insofern zu einem Befreiungsschlag werden, als er gewillt ist, darin auch eine Gnadenbezeigung Gottes zu sehen. Alles, was ihm im Zuge eines zu vollbringenden Drahtseilaktes andernfalls Schweiß auf die Stirn treibt, gerät so, geht er auf die Gnade Gottes ein, zu unverwechselbaren Eigenheiten seines Charakters, die ihm aufzeigen, worin seine Verantwortung erst liegt. Es ist immer der, in dessen Gnade wir stehen, der uns eine Identität stiftet.

Identität ist kein Erbteil, kommt aber nie ohne ihn aus. Solange der Deutsche die Frage seines Schicksals nicht an Dritte delegiert, an vollendete Tatsachen, die eigens auf ihn zugeschnitten sind, wird er in allem, was ihm den Vorwurf der „nationalen Schande“ und den Ruf der Unverbesserlichkeit einbringt, das Produkt eines „schmutzigen Deals“ identifizieren können, der dazu dient, dass das Ansehen des allgültigen Profitarguments kein Schaden nimmt. Dass er sich nicht auf diesen schmutzigen Deal einlässt und von einem „Handel mit Gott“ zu berichten weiß, bei dem er sicher sein kann, dass sein Einsatz nie hoch genug ausfallen wird, davon werden wir nur dann ausgehen können, falls er sein Auge für die folgenden drei Punkte auch zu schärfen vermag:

1. Nur solange sich das „Wirgefühl“ des Deutschen von einem schmutzigen Deal speist, bei dem jede Hand sich den eigenen Anteil zu sichern sucht, indem sie eine andere wäscht, wird sich der Kapitalismus auch des Vorwandes zunutze machen können, „dass die Deutschen auch nicht besser sind“.

2. Falls wir davon ausgehen können, dass der Islam eine „moderne“ Religion ist, dann müssten wir in der „Moderne“ auch den Lackmustest der Taubheit Europas für Gottes Wort ausmachen können. Denn ohne den von der europäischen Zivilisation initiierten „Neutralisierungsprozess“ der Islamisierung Anatoliens ist die „moderne Geschichte“ undenkbar.

3. Erst ein Deutscher, der sich davon befreit hat, zur faulen Ausrede eines Lebens geworden zu sein, das sich durch Taubheit für Gottes Wort kennzeichnet, wird darin, den Islam in der Türkei zu einer nicht mehr der Zurechtweisung dienenden Unverbindlichkeit herabzustufen, eine vergebliche Maßnahme des Kapitalismus sehen, endlich erleichtert aufzuatmen.

Dass sich Muslime zusammenfinden, um sich als Deutsch Schreibende Muslime hiervon ausgehend hierfür schriftlich und mündlich zu betätigen, das möchten wir uns hiermit erhoffen.

 

Deutsch Schreibende Muslime

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