Was gilt es zu explizieren? Das, was uns davor bewahrt, in die Situation eines jemanden zu geraten, der, nachdem er dem falschen Zug entstiegen ist, ihn wieder einzuholen versucht, weil er entweder glaubt, etwas im Waggon vergessen zu haben, die Fahrtkosten rückerstattet haben will oder auch nur dem Zugführer mitteilen will, dass er nicht mehr mit von der Partie ist. Jegliches an geistiger oder sonstiger Ausstattung eines falschen Kurses gebührt und gehört in den in entsprechender Richtung rasenden Zug. Bringen wir es nicht übers Herz, uns von ihr zu trennen, sind wir noch immer auf dem Holzweg. Sei es, dass wir bestimmten Denkschablonen noch immer zu sehr verhaftet sind, sei es, weil wir insgeheim befürchten, dass all unsere bisherige Lebensmühe für die Katz sein wird, oder sei es, dass wir uns schlichtweg davon etwas versprechen, nicht auszugrenzen, sondern einzubeziehen. Die folgende Frage möchte all dem Rechnung tragen: Warum müssen wir die Nähe eines „deutschen Muslims“ zum Islam an seiner Nähe zum „Türken“ messen? Die Frage verdient aus zwei Richtungen angegangen zu werden. Zum Einen muss uns auffallen, dass und warum der Islam keine „Frömmigkeit“ (engl. piety, fr. piété) kennt, ja buchstäblich auf Kriegsfuß mit ihr steht. Zum Anderen müssen wir uns darüber klar werden, dass und warum jeder Versuch, unsere Lage einer umfassenden und befriedigenden Erklärung zuzuführen, unweigerlich in eine Undurchschaubarkeit vorgebende „Weltgeschichte“ einmünden muss.

 

Von einem frommen Christen oder Juden zu sprechen, zeugt von ausschlaggebender Folgerichtigkeit. Der Kapitalismus hält es mit dieser Folgerichtigkeit. Doch warum ist die Wendung ein „frommer Muslim“ ein Unding, und zwar eines, das tief blicken lässt; so wie es ein Unding ist, von einem „praktizierenden Muslim“ zu sprechen? Die Verwendung des Begriffs „Frömmigkeit“ beruht auf der Einführung und Aufrechterhaltung der Trennung zwischen „weltlicher“ und „geistlicher“ Autorität. Diese Trennung hat ihren Ursprung in der willentlichen und wissentlichen Falschauslegung der Worte Jesu: „So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ Schon das Erste Konzil von Nicäa 325 n. Chr. widmete sich der Frage der Gottheit Christi. Denn nur von einem mit göttlicher Natur ausgestatteten Christus konnte man behaupten, er habe nicht nur einen göttlichen Willen. Nicht nur die weltlichen, sondern auch die geistlichen Oberen glaubten denn auch ihren sich miteinander arrangierenden und aufeinander angewiesenen Herrschaftsansprüchen mit diesem Satz ein sicheres Fundament geben zu können. Das heißt: Man konnte sich auf das diesem Satz unterstellte „Gebot der Gewaltenteilung“ sowohl als ein Christ als auch als ein Nichtchrist berufen. Ein frommer Christ hieß somit der, der die zum Schutze des Unhaltbaren unabdingbare Kultivierung des ihm zugewiesenen Bereiches mit Inbrunst betrieb. Während Jesus Worte schlicht und ergreifend zum Ausdruck bringen wollen, dass wir, je nachdem, in Erwartung welcher Segnungen wir leben, nicht werden umhin können, den von diesen Erwartungen lebenden Kräften unseren Fron zu leisten und folglich auf die entsprechende Quelle unserer Annehmlichkeiten nichts kommen lassen werden, sollte der ihm beseelt seine Kerzen anzündende Pakt mit dem Teufel künftig den Namen pietas: „Frömmigkeit“ tragen. War es doch dieser Teufel, der in der Gesandtschaft Jesu die entscheidende Bedrohung seiner römischen Friedensordnung erblickt hatte, um sich von der Gottessohnschaft Christi eine dringende und wirksame Abhilfe zu erhoffen.

 

Das Zeichen des Willens Gottes wurde im Christentum die Salbung durch die Kirche. Christus war der durch Gott Gesalbte. Im Judentum berief man sich seit jeher auf das, was man einem mit einer Rasse verschmolzenen Gott auszuhandeln vermochte. Der Islam sollte (und will) die Menschen insofern an die Unverhandelbarkeit der Worte Gottes gemahnen. Ob wir verhandelbar sind, entscheidet sich daran, ob unser Leben einer anderen Gottheit als der einen Tür und Tor öffnet. Die Frage ist, ob wir einem anderen über das Leben der Menschen bestimmenden Willen als dem Seinen eine Existenzberechtigung zugestehen oder nicht. Denn sobald ein Muslim in Erwartung dessen, worauf er glaubt, angewiesen zu sein, den Willen Gottes ausschließenden Entscheidungsträgern auch die geringste Wirkmacht andichtet, betritt er das Terrain der Schirk genannten Götzendienerei. Doch woher wissen wir, wann unser Leben der einen Gottheit huldigt, die alle anderen ausschließt, deren Überzeugungskraft darauf beruht, dass der Mensch glaubt, ohne sie aufgeschmissen zu sein, und der allein der Name „Allah“ gebührt? Nachdem die Unverhandelbarkeit der Worte Gottes (zuvor) durch die Sabotierung der Offenbarung als eine Wegweisung seitens der Juden und (zuletzt) durch die Torpedierung der Gesandtschaft Jesu seitens der Christen ausgehöhlt worden war, machte der Islam beides, sowohl die Offenbarung (Koran) als auch die Gesandtschaft und das Leben des Propheten (Sunna), zum Garanten der Ausschließlichkeit des Willens Gottes im Leben eines Menschen, indem er den Glauben an den Koran an den Glauben an die Sunna knüpfte – so sie dazu dienen, dass alles, was dieser Ausschließlichkeit zuwiderläuft, auch außen vor bleibt.

 

Der Begriff Weltgeschichte drückt die Notwendigkeit aus, zeitlich und geographisch immer weiter auseinanderliegende Faktoren mit in Betracht zu ziehen, um sich überhaupt von irgendetwas irgendwo auf der Welt einen Reim machen zu können. Eine Weltgeschichte ist erst möglich geworden seitdem ein Teil der Menschheit (Europäer) auf einem Teil des Planeten (Europa) in die Lage versetzt wurde, nahezu den ganzen Rest der Menschheit und des Planeten in den Dienst des „wissenschaftlich fundierten“ Profitbetriebes zu stellen, namentlich seit den Entdeckungsfahrten des „Zeitalters der Entdeckungen“ und dem Beginn der „europäischen Expansion“ mit der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert. Was war es aber, das entdeckt wurde? Das Zentrum der Geographike Hyphegesis, des um das Jahr 150 n. Chr. von Claudius Ptolomäus erstellten und bis ins 16. Jahrhundert gebräuchlichen Atlas, dessen Welt sich um das östliche Mittelmeer und Zentralasien, um Städte wie Konstantinopel, Bagdad und Alexandria drehte, war im 15. und 16. Jahrhundert fast vollständig in türkische Hand übergegangen. Und lediglich der Umstand, dass die Europäer einen Weg gefunden hatten, der sie davon zu befreien versprach, „türkenzentriert“ zu denken, das heißt in den Kategorien einer „türkischen Realität“, machte diese Entdeckungen erst zu Entdeckungen und gab dem sich befreien wollenden Manöver den Namen „europäische Expansion“. Bis zum Ende des 16. Jahrhunderts war die „türkische Realität“ nämlich die einzige unumgängliche und prädominierende europäische Realität, die die Europäer hofften, mit den Errungenschaften des Zeitalters der Entdeckungen umgehen zu können. Doch, sollten wir wissen, waren die „Türkenkriege“ und die „Türkengefahr“ im Grunde nichts anderes als die Kriege und die Gefahr derer, die sich auf nichts anderes berufen konnten als auf ihren bewährten Teufelspakt der angeblichen Gewaltenteilung. Mit dem Vordringen der Türken als Bannerträger der Ausschließlichkeit des Willens Gottes, deren Garant der Koran plus die Sunna ist, sollte dieser Teufelspakt als Bollwerk gegen diese immer mehr an Bedeutung gewinnen. Doch was dem Teufelspakt nicht beschieden war, aufzuhalten, sollte durch das ausmanövriert werden können, was man glaubte, „entdeckt“ zu haben.

 

Auf keinem anderen Boden der Erde als dem türkischen geht die Bedeutung des koranischen Grundsatzes, „zu gebieten, was recht ist, und zu verbieten, was verwerflich ist“*, mit der Nichtigkeit des vom gläubigen Unglauben (küfür) untrennbaren Kapitalismus einher. Es sind die „vor dem trinitären Dreigestirn aus Marktwirtschaft, Menschenrechte und Demokratie in Habachtstellung harrenden“ Frommen, „die seit einem Vierteljahrhundert im Tempel der Elektro-, Gen-, Atom-, und Kosmotechnologie ein Ritual zelebrieren“**. Es sollte von daher stets im Interesse derselben Frommen liegen, einem von der „türkischen Realität“ abgekoppelten Islam in der Türkei Vorschub zu leisten. Dass die Türkei das einzige Land auf der Welt ist, das, ohne die eigene Realität in Abrede zu stellen, dem kapitalistischen Weltsystem nicht einverleibt werden kann, davon zeugen die Ereignisse seit 1990 zur Genüge. Die Lawine, die man seitdem in der Region loszutreten versucht, gibt uns von daher Aufschluss über ihre Urheber. Sowohl die Inszenierung einer „islamischen Revolution“ in Iran im Jahre 1979 als auch die Kreierung der Ikone der arabischen Welt mit Gamal Abdel Nasser 1956 mithilfe der Suezkrise erfüllten ihren Zweck erst dadurch, dass die türkische Realität auf keinen Fall ins Blickfeld geriet. Wer dennoch nach ihr sucht, wird einzig im Sinn der am 12. Februar 1920 vom türkischen Parlament den Parlamenten der Welt verkündeten Grenzen der Türkei fündig werden, der darin besteht, dass sie gegen die Repräsentanten der „kapitalistischen Frömmigkeit“ verteidigt wurden. Nur vor dem Hintergrund einer gegen diese türkische Realität Front machenden „Neuen Türkei“ wird der Satz der das Amt des türkischen Präsidenten bekleidenden Person verständlich: „Wir werden nicht Gefangene auf 780.000 Quadratkilometern sein.“ Wessen Realität sollen diese über 780.000 Quadratkilometer hinausgehenden Grenzen widerspiegeln?

 

Es ist die unmissverständliche Antwort des deutschen Muslims auf diese Frage, mit der die Entscheidung über die Existenz eines „deutschen Islam“ in Deutschland fallen könnte. Ein deutscher Muslim hingegen, dem jeglicher Sinn für diese Frage abgeht, der wird immer nur den Idealtyp eines „Konfektions-Islam“ abgeben, der auf die Erfordernisse einer als „Deutsche Zustände“ ausgegebenen Kapitalfrömmigkeit zugeschnitten ist. Doch einem deutschen Muslim mit einer gehörigen Portion Sinn für die türkische Realität, ihm wird es als etwas an seine Verantwortung als deutscher Muslim Gemahnendes nicht entgehen können, dass und warum es im Ersten Weltkrieg im Interesse eben dieser Kapitalfrömmigkeit lag, die sogenannte „deutsche Frömmigkeit“ der Lächerlichkeit preiszugeben, indem sie dem Wort „Fromms“ seine noch heute gängige Bedeutung verpasste.

 

*          Ein Grundsatz koranischen Ursprungs: Emr-i bi’l ma’rûf ve nehy-i anil münker.

**        Ismet Özel, JESUS AM KREUZ, KORAN IM KERKER; Elektronisch, Genetisch, Atomisch, Kosmisch (I), Online-Artikel vom 25.12.2017

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