Wann können wir von einem deutschen Islam ausgehen?

Was berechtigt uns dazu, zu behaupten, oder woher wissen wir, dass knapp 5 Mio Muslime in Deutschland leben? Anders gefragt: Gibt es irgendetwas, woran sich die Existenz von soundsoviel Muslimen in Deutschland ablesen oder festmachen lässt? Und wenn ja, woran? An hitzigen Leitkulturdebatten etwa oder eine gewisse Demonstrativität nie entbehrender Sichtbarkeiten wie die Verschleierung von muslimischen Frauen?

 

Wir müssen fragen, wozu der Mensch überhaupt fähig ist. Denn wozu der Mensch befugt, ja verpflichtet ist, leitet sich davon ab, was im Rahmen seiner Möglichkeiten liegt. Vor allem ist der Mensch dazu fähig, sich zum Satz durchzuringen, dass der Kapitalismus nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Da ist aber auch schon Ende der Fahnenstange, könnte man meinen. Über alles, was darüber hinausgeht, könnten wir uns demzufolge höchstens die Bemerkung erlauben: „Es hat zwar Methode, ist aber Wahnsinn“. Wir sollten uns aber darüber im Klaren sein, dass der Glaube, dass der Kapitalismus nicht das Nonplusultra ist, sich im Grunde von der Erkenntnis speist, dass wir das Richtige nie im Falschen suchen können. Und falls wir das wissen, dann wissen wir mehr und sind zu viel mehr befähigt als uns im Grunde bewusst ist.

 

Was heißt das? Ein falsches Leben, das nichts Richtiges hergibt, ist ein Leben ohne ein „Leben danach“, das uns zur Rechenschaftsablegung anhält. Ein Leben, das dies nicht mitberücksichtigt, wird es sich in keinster Weise nehmen lassen, immer wieder vom Regen in die Traufe zu geraten. Es wird immer darin verstrickt sein, was es vorgibt, von der Hand zu weisen, da es davon ausgeht, was realisierbar ist, und was nicht – zumal es davon lebt. Die Fähigkeit des Menschen erschöpft sich infolgedessen darin, entweder so zu leben, wie wenn er nie sterben würde, schlicht und einfach nach dem Motto, dass wir auf lange Sicht alle den Löffel abgeben werden. (Das ist die Sicht, die der Marktwirtschaft den idealen Nährboden liefert. Denn Marktwirtschaft ist Produktion für den Markt und nicht das Feilbieten von Produziertem auf dem Markt.) Oder der Mensch lebt in dem Bewusstsein, dass er, früher oder später, nicht nur den Löffel abgeben wird, sondern dass es ihm an den Kragen gehen wird, falls er sein Leben darauf abstellt, was er vor Gott nicht verantworten können wird. (Und das ist die Sicht derer, die der Marktwirtschaft nichts schulden und die der Bezeichnung „Muslim“ zu einer gewissen Aussagekraft verhelfen für das vor Gott einzig Verantwortbare.)

 

Einem Angehörigen der muslimischen Gemeinschaft wird niemand die Gesellschaft aufkündigen können, ohne sich den Anwandlungen der Marktwirtschaft auszusetzen. Doch wann können wir erst von der Existenz einer solchen Gemeinschaft sprechen? Es kommt immer darauf an, auf welche Reflexe sich jeweils eine Gesellschaft verlässt, um sich zu behaupten, der Ausbildung und Kultivierung welcher Reflexe sie ihren Erfolg verdankt. Es ist so, wie es Niels Bohr auf die Frage, wieso in Wildwestfilmen immer der gute Held den Bösewicht erledigt, auf den Punkt gebracht hat: “Weil der Gute nicht denken muss“. Nur dass eine gute Gesinnung immer ein Zeichen einer gelungenen Denkaktivität ist. Was wir uns in Anbetracht dessen vor Augen halten müssen, ist, angesichts der Notwendigkeiten welcher Interessen die Gesellschaft, in der wir leben, Zuflucht in der Ausbildung und Kultivierung welcher Reflexe sucht.

 

„Die menschlichen Gemeinschaften geben eine ziemlich morbide Figur ab, wenn es darum geht, zu erkennen, in welchem Zusammenhang ihr nationales Interesse zum Kapitalismus steht.“* Seit dem Ersten Weltkrieg wird den Deutschen verwehrt, sich in einer Welt, in der das impertinente Kapitalgebaren den Ton angibt, sich als eine „Nation“ zu institutionalisieren, deren Angehörige die Zuversicht leitet, dass es etwas gibt, worauf sich alle verlassen können. Seit dem Zweiten Weltkrieg „punktet“ man auf deutschem Boden in jeder Hinsicht nur damit, dass man sich sicheren Schrittes innerhalb dieses Rahmens bewegt. Die immer wieder aufflammende Leitkulturdebatte dreht sich um die Aufstellung eines entsprechenden „Punktesystems“ innerhalb dieses Rahmens. Die Existenz einer mit muslimischem Bewusstsein ausgestatteten „islamischen Gemeinschaft“ wird man in Deutschland unter diesen Umständen an der Existenz von deutschen Muslimen ablesen und festmachen können, die diesem Rahmen ihre Rechtmäßigkeit absprechen, indem sie der Rechenschaftspflichtigkeit des Menschen vor Gott Ausdruck verleihen. Das wird eine Gemeinschaft werden, in der das Kopftuch für den demonstrativen Austritt aus dem „Dienst des Weltsystems“ stehen wird. Erst dann können wir von einem „deutschen Islam“ sprechen, der einem „German Islam“ eine Absage erteilt haben wird.

 

*          İsmet Özel, Wie führt das Kopftuch tragende Mädchen das nationale Interesse mit dem Wort zusammen?, Online-Artikel vom 1. September 2017

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Über Uns

Wer sind „wir“? Weder davon, warum es den Deutschen im letzten Jahrhundert vergönnt blieb, ein über ihr eigenes Schicksal bestimmendes „Wirgefühl“ zu entwickeln, noch auch davon, was den Islam mit der „Moderne“ in welche Beziehung setzt, lässt sich diese Frage trennen. Da, wo sich diese beiden Fragen einander berühren, ja umschlingen, sucht der Verein Deutsch Schreibende Muslime seine Existenzberechtigung. Ob sich deutsche und deutschsprachige Muslime werden zusammenfinden können, willens und fähig, zu erkennen, worin das Entscheidende dieser Fragen liegt, erst das wird darüber entscheiden, wer wir sind.

Um das Konkrete kommen wir nicht drumherum: Auf Geheiß des US-Außenministeriums wurde am 30. Oktober 1961 zwischen dem Nachkriegsdeutschland und der Türkei ein Anwerbeabkommen unterzeichnet. (Der Vietnamkrieg war bereits voll im Gange und in den Straßen europäischer Hauptstädte herrschte noch Ruhe.) Zweieinhalb Monate nachdem am 13. August 1961 mit der Berliner Mauer dem Eisernen Vorhang nachträglich ein handfestes Sinnbild verschafft wurde; fast anderthalb Jahre nachdem am 27. Mai 1960 ein Putsch dem Nachkriegsunternehmen der Türkei (gemeint ist der Erste Weltkrieg), sich als ein „modernes“ Land zu etablieren, in dem die Rolle des Islam als eine politische Größe nicht von der Hand zu weisen ist, ein jähes Ende bereitet hat. Die Mauer gehört mittlerweile in die Mottenkiste der Geschichte – ohne dass man sagen könnte, was sie als Folgeerscheinung welches politischen Ereignisses von großer Tragweite über 28 Jahre den Menschen hüben wie drüben vorenthalten hätte. Niemand hat heute den Kalten Krieg mit all seinem Brimborium an Theaterdonner noch im Ohr. Dass man heute aber glaubt, den Deutschen knapp 5 Mio. „Muslime“ an die Backe geschmiert zu haben, während in Syrien, um mit İsmet Özel zu sprechen, Amerikas „zweites Vietnam“ tobt, das zeigt umso mehr, wie präsent der Erste Weltkrieg schon immer war – und nicht der Zweite Weltkrieg. Denn es war der Erste Weltkrieg, der die „Nationen“ den Umständen des Finanzkapitals ausgesetzt hat, die in der Türkei erst nach dem 27. Mai 1960 zu Buche geschlagen haben.

In was für einer Welt leben wir? In was für einer Welt möchten wir leben? Der Verein Deutsch Schreibende Muslime hält an diesen Fragen fest und stellt ihnen folgende Überlegung voran: Über unser Weltbild entscheidet die Frage, wer wir sind. Wer wir sind, ersehen wir daran, auf welche Bande wir zählen. (Ob wir es vorziehen, zu leben, indem wir die Welt verbrämen oder sie plündern, läuft insofern aufs Gleiche hinaus.) Wird sich der Deutsche auch künftighin daran halten, was ihm die auf seine unnachahmlichen Schrullen gemünzten Kapitalnotwendigkeiten noch an „Überraschungen“ ins Haus bringen werden? Dann wird er erst recht nicht davon verschont bleiben, was die Kapitalnotwendigkeiten noch alles an – als Überraschung aufgemachter – Schmach zu bieten haben werden. Oder können (wollen) wir davon ausgehen, dass es im Leben des Deutschen etwas gibt, von dem die Kapitalbande nicht zehren und das ihn davor bewahrt, zur Witzfigur dieser degradiert zu werden? Dann wird ihm das nur insofern zu einem Befreiungsschlag werden, als er gewillt ist, darin auch eine Gnadenbezeigung Gottes zu sehen. Alles, was ihm im Zuge eines zu vollbringenden Drahtseilaktes andernfalls Schweiß auf die Stirn treibt, gerät so, geht er auf die Gnade Gottes ein, zu unverwechselbaren Eigenheiten seines Charakters, die ihm aufzeigen, worin seine Verantwortung erst liegt. Es ist immer der, in dessen Gnade wir stehen, der uns eine Identität stiftet.

Identität ist kein Erbteil, kommt aber nie ohne ihn aus. Solange der Deutsche die Frage seines Schicksals nicht an Dritte delegiert, an vollendete Tatsachen, die eigens auf ihn zugeschnitten sind, wird er in allem, was ihm den Vorwurf der „nationalen Schande“ und den Ruf der Unverbesserlichkeit einbringt, das Produkt eines „schmutzigen Deals“ identifizieren können, der dazu dient, dass das Ansehen des allgültigen Profitarguments kein Schaden nimmt. Dass er sich nicht auf diesen schmutzigen Deal einlässt und von einem „Handel mit Gott“ zu berichten weiß, bei dem er sicher sein kann, dass sein Einsatz nie hoch genug ausfallen wird, davon werden wir nur dann ausgehen können, falls er sein Auge für die folgenden drei Punkte auch zu schärfen vermag:

1. Nur solange sich das „Wirgefühl“ des Deutschen von einem schmutzigen Deal speist, bei dem jede Hand sich den eigenen Anteil zu sichern sucht, indem sie eine andere wäscht, wird sich der Kapitalismus auch des Vorwandes zunutze machen können, „dass die Deutschen auch nicht besser sind“.

2. Falls wir davon ausgehen können, dass der Islam eine „moderne“ Religion ist, dann müssten wir in der „Moderne“ auch den Lackmustest der Taubheit Europas für Gottes Wort ausmachen können. Denn ohne den von der europäischen Zivilisation initiierten „Neutralisierungsprozess“ der Islamisierung Anatoliens ist die „moderne Geschichte“ undenkbar.

3. Erst ein Deutscher, der sich davon befreit hat, zur faulen Ausrede eines Lebens geworden zu sein, das sich durch Taubheit für Gottes Wort kennzeichnet, wird darin, den Islam in der Türkei zu einer nicht mehr der Zurechtweisung dienenden Unverbindlichkeit herabzustufen, eine vergebliche Maßnahme des Kapitalismus sehen, endlich erleichtert aufzuatmen.

Dass sich Muslime zusammenfinden, um sich als Deutsch Schreibende Muslime hiervon ausgehend hierfür schriftlich und mündlich zu betätigen, das möchten wir uns hiermit erhoffen.

 

Deutsch Schreibende Muslime

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