Nur zu gerne erwiderten wir auf die Fragen Wo stehen wir heute? und Wohin gehen wir?: „Dahin, wo diese Fragen einer Antwort harren“ – duamız bu* . Nur in dem Maße, in dem wir uns nicht zu schade sind, das Vertrauen derer zu suchen, die sich einen Sinn für das Schmach- und Unheilvolle bewahrt haben, können wir auch hoffen, nicht zum Verhängnis anderer zu werden. Darüber sollten wir uns voll und ganz bewusst bleiben. Doch was ist das Schmach- und Unheilvolle, was das Vertrauenswürdige? Wem diese Fragen einer gewissen Beachtung wert sind, der müsste, umso mehr, als sich „intellektuelle Hochstapler“, wo immer auf der Welt, durchweg dazu verdingen, die lauernde Gefahr eines auflebenden Nationalismus zu beschwören, über die Implikationen des folgenden Satzes aus einem Online-Artikel vom 11. Oktober 2017 stolpern: „Und dass, wenn’s so weit ist, euch dämmert, dass seit 1945 ganz Europa, mit all seinem Norden, Süden, Osten und Westen, eine Kolonie des Finanzkapitals ist, wird euch ein bitteres Lächeln aufsetzen.“** Doch wer eher darüber stolpert, dass dieser Satz der Feder eines türkischen Dichters stammt, dem sei zugeraunt, dass die Türkische Republik weltweit das einzige Staatsgebilde ist, das (1923) wider den Kapitalnotwendigkeiten ins Leben gerufen wurde, und dass es die Impertinenz derselben Notwendigkeiten ist, die die ganze Region rund um den Fruchtbaren Halbmond seit dem 11. September unwiderruflich umzukrempeln versucht. Daran hängt viel zu viel, allzu viel, wenn nicht alles, als dass es die Umstände gestatteten, es in die Welt auszuposaunen.

 

Versuchen wir es mit einem Gedankenexperiment, das sich gewaschen hat: In einem Land, in dem man nach dem Zweiten Weltkrieg auch weiterhin bereit gewesen wäre, „Deutschland, Deutschland über alles“ zu rufen, hätte man nicht alles dem Profittrieb hingeben können. Der Himmel auf Erden, den man den Menschen versprochen hat, war der einzige Nährboden, auf dem der Kalte Krieg gedeihen konnte. Doch will das nichts weiter heißen. Läge man heute nicht schlichtweg falsch, sagte man, eine den Rachen nicht voll kriegende Sinn- und Wertlosigkeit ungeahnten und nicht dagewesenen Ausmaßes grassiere allenthalben? Dem Menschen gebricht es weder an Visionen noch an Utopien. Eine durch aggressive Gleichgültigkeit auftrumpfende menschliche Dimensionslosigkeit scheint als Grundlage eines Selbsterhaltungstriebes derart in Fleisch und Blut übergegangen zu sein, dass man heute, ohne groß auf Befremden zu stoßen, einen das Leben eines Menschen ausfüllenden Sinn und Wert darin sehen könnte, sich mit Leib und Seele für den Ausbau von (z. B.) Fahrradwegen zu engagieren. Doch mehr als dass er uneingelöst blieb, scheint man dem Versprechen von „blühenden Landschaften“ nichts einzuwenden zu haben. Wieso? Der Erste Weltkrieg hat den Menschen ihre Träume genommen. Der Zweite Weltkrieg ihnen Illusionen aufgebrummt. Das Ende des Kalten Krieges schließlich das „Recht der ersten Nacht“ als knochentrockene Nüchternheit ausgegeben. Nichtsdestotrotz – dass man in einem Land (nämlich: Deutschland), dessen Bürgern man als Rechtfertigungsgeste nur das Recht zum „Freudschen Versprecher“ zugesteht, es eher vorzieht, ohne die Flüchtigkeit der Erscheinungen groß zum Vorwand zu nehmen, sich in die Illusion der Beständigkeit des irdischen Lebens zu verschanzen, das müsste einem noch Möglichkeiten offenhalten, ein Interesse dafür zu wecken, wie weit das Finanzkapital, dem seit dem Zweiten Weltkrieg rein „Abstauber“-Prätentionen nachgesagt werden können, es gebracht zu haben glaubt, die einzige Möglichkeit seiner Überführung als das Schmach- und Unheilvolle überhaupt (sprich als „Unglaube“, d. h. küfür) bis zur Unkenntlichkeit zu entstellen.

 

Zeugt es aber nicht von geistiger Grobschlächtigkeit, Menschen in „Gläubige“ (mü’min) und „Ungläubige“ (kâfir) einzuteilen und von einem drolligen Anachronismus, „Kapitalismus“ und „Unglauben“ (küfür) über einen Leisten zu schlagen? Wer sich als Antikapitalisten gibt, ist doch noch lange kein Gläubiger, und Glaube und Kapitalismus lagen bekanntlich miteinander noch nie besonders im Clinch. Doch versuchen wir den Stier bei den Hörnern zu nehmen: Gerade weil der „Antikapitalismus“ von einer Haltung zehrt, die wir uns nicht erst anzueignen brauchen, um sie einzunehmen, sondern die daraus erwächst, dass wir uns über unsere Verantwortlichkeit als Menschen nicht hinwegsetzen, ist uns die Haltung, die dem Antikapitalismus zugrunde liegt, im Grunde gegenwärtiger als der Glaube. (Das gilt es erst einmal festzuhalten.) Wenn aber andererseits, wie es heißt, Glaube und Kapitalismus näher beieinanderliegen, als es auf den ersten Blick den Anschein hat, dann liegt das daran, dass sich der jüdisch-christliche Herrschaftsanspruch im Gegenzug dafür, dass er von den Umständen des kapitalistischen Fait accompli im entscheidenden Moment seinen Nutzen ziehen durfte, hinlänglich erkenntlich gezeigt hat. Daran schließt sich folgende Überlegung an: Ohne an unsere menschliche Verantwortlichkeit erinnert zu werden, können wir dem, was aus dem Dreigespann aus kapitalistischer Zumutung, jüdisch-christlicher Unzumutbarkeit und griechisch-römischer Dreistigkeit erwachsen ist – das ist das Beziehungsgeflecht, das wir „westliche Zivilisation“ nennen – nicht das Geringste abzugewinnen versuchen. (Und das ist das Zweite, was es festzuhalten gilt.) Erst von hier aus können wir den Versuch starten, uns in Richtung dessen vorzuwagen, was uns erlaubt, einen Unterschied zwischen „Glaube“ und „Unglaube“ zu machen. Immer vor Augen, dass es der Glaube ist, was uns vor Pseudoverantwortungen bewahrt.

 

Dazu wollen wir folgende Überlegung anstellen: Als Menschen sind wir partout hin- und hergerissen zwischen verschiedenen Polen, Gegensätzlichkeiten und Widersprüchlichem. Sie aus unserem Leben zu tilgen zu versuchen, gereichte ihm mehr zum Schaden als zum Nutzen. Doch worauf kommt es im Leben im Endeffekt an? Auf ein integres Leben oder ihm zuträgliche Lebensumstände? Eine gehörige Portion Ehrfurcht vor der Realität oder eine Prise Idealismus? Auf den Reiz des Originären oder den Vorteil des Bewährten? Auf Zweckbündnisse oder Schicksalsgemeinschaften…? Vor allen Dingen müssen wir aufhören, das wehklagende oder jauchzende Joch unter diesen Gegensatzpaaren als die Herausforderung unseres Lebens zu betrachten. Es ist weder möglich noch wünschenswert, aus unserem Leben ein ungehemmtes Drauflosleben zu machen; noch dürfen wir glauben, es liege in der Natur der Dinge, dass sich die Katze immer in den Schwanz beißt. Es ist zumeist das, womit wir bis dahin gut gefahren sind, was wir „Konsequenz“ nennen. Der, dem wir einen „Schlingerkurs“ nachsagen, kennt immer nur Eines: das, was ihm auf die Sprünge hilft. Von daher: Ob wir bemüht sind, uns gegen das, was unserer menschlichen Begrenztheit launenhaft und eigenwillig erscheint, abzusichern, damit er uns ja keinen Strich durch die Rechnung macht, oder auch darum, seine Möglichkeiten voll und ganz auszuschöpfen; an unserem Verantwortungsgefühl werden wir stets auszusetzen haben, dass er darauf vertraut, was wir nicht umhin werden können, den „frommen Wunsch“ unseres Dünkels zu nennen – was denn auch stets unversehens in einen „frommen Betrug“ umschlägt. Machen wir uns aber nichts vor; das einzige Gesetz, welches das irdische Leben kennt, ist die Schimäre, und die Frage ist, ob er unseren Selbstbehauptungswillen anfeuert oder unseren Willen zur Verantwortung stärkt. Das, was uns gegen unseren Dünkel, der uns im Grunde tagtäglich vor Augen geführt wird, wappnet, das heißt dagegen, dass wir uns über unsere Verantwortlichkeit als Mensch hinwegsetzen (mit anderen Worten: ungläubig daherkommen), ist der Glaube daran, dass der Mensch völlig im Dunkeln tappt, falls er sich danach richtet, was er glaubt, denkt, meint und hofft, dass das Leben ihm bescheren wird und was nicht. Glaube ist daher ein klarer Fall von „Denkste!“, Zeugnis abzulegen davon, eines Besseren belehrt werden zu können und daher eine „Gotteslästerung“ christlicher Observanz, die menschlich-abgrundtiefe Schlechtigkeit zu beschwören und zu glauben, dazu verdonnert zu sein, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Und zu denken, „offene Rechnungen“ würden dadurch, was uns die Eigengesetzlichkeit der Ereignisse zeitigt, sozusagen bereits im Voraus beglichen, ist eine Anmaßung jüdischer Einrichtung.

 

Doch dürfen wir nicht voreilig Schlüsse ziehen. Denn nur dann, wenn wir Gottes Wort auch als solches annehmen, kann unser Glaube an das Verborgene auch beanspruchen, ein Zeichen unseres Verantwortungsbewusstseins zu sein. Ohne dass wir uns (ohne Wenn und Aber) auf die Grenze einlassen, die zwischen göttlicher Gnade (helâl) und göttlichem Zorn (harâm) verläuft, bliebe uns für immer verborgen, wovon wir uns was versprechen können, und hätten keine andere Wahl als uns für eine oder mehrere unter unendlich vielen Schimären, die das irdische Leben uns bietet, zu entscheiden. So bliebe uns verborgen, dass die moralische Integrität eines Lebens nie von dem zu trennen ist, womit es sich abgibt und vice versa; dass uns ausschließlich das als völlig „unrealistisch“ überzogen anmuten müsste, was wir nicht übers Herz bringen können, da es sich auf Gottes Wort nicht berufen kann, selbst wenn es daherkäme, wie wenn es dem Leben abgelauscht wäre; dass der ganze Hickhack zwischen „alt“ und „neu“ im Grunde nur dazu dient, dem „Übel“, das uns all dem Schabernack und Schnickschnack diesseitigen Lebens aussetzt, mit dem Anstrich der „Notwendigkeit“ zu versehen; dass Schicksal das ist, was uns davor bewahrt, uns in den Fängen der Umstände zu wissen – ist der Mensch doch das einzige Geschöpf Gottes, das Gott die Gehorsamkeit verweigern kann, und dass nur die Nähe derer, denen die wahre Schmach und das eigentliche Übel darin liegt, Gottes Wort den Gehorsam zu verweigern, uns davor bewahrt, auf anderen zum Verhängnis werdende Bindungen einzugehen.

 

Was den Kapitalismus als Unglauben (küfür) ausweist, das heißt, was ihn mit dem Islam zusammenführt, bleibt noch auszuführen. Einen Islam, der uns darüber aufklärt, wann wir davon ausgehen können, uns zu Vasallen derer gemacht zu haben, die aus der Schimäreneinfalt des irdischen Lebens ein Mittel der Tyrannei aus freien Stücken fabriziert haben, wird man in die Ahnenreihe handelsüblicher Religionen stellen wollen. Der Islam ist kein Glaube. Er speist sich vielmehr vom „Glaube-Unglaube-Antagonismus“, und dieser Antagonismus ist das einzige Gegensatzpaar, von dessen Kultivierung sich der Kapitalismus keine Frischluftzufuhr erhoffen kann, denn vor allen Dingen den Gedanken, dass, ob Optimist oder Pessimist, „Mist“ in jedem Fall mit von der Partie sein muss, verwirft der Islam von vorneherein. Versuchen wir uns für die folgende Frage zu erwärmen: Macht der Einwand, dass dieser Unterschied heute im Grunde nicht zum Tragen kommt, zumal er einfach hoffnungslos démodé anmutet, denjenigen, der ihn erhebt, zu einem Muslim oder Nichtmuslim? Ich meine: wenn behauptet wird, dass dieser Unterschied heute – außer im Terrorismus-Jargon – nicht besonders ins Gewicht fällt, dann kann das nur heißen, dass das, worauf sich der Unglaube stützt (nämlich das unbedingte Primat des Profits), nicht konkurrenzlos das Feld behauptet, sondern einfach tolldreiste Züge eines leichten Spiels angenommen hat. Die Besinnung auf die Grenze zwischen Glaube (imân) und Unglaube (küfür) wird uns daher davor bewahren, uns als Muslime zu wähnen, nur weil wir nicht auf den Vorteil verzichten wollen, als progressive Muslime durchzugehen, da wir sonst fürchten, mit dem Schinken nach der Wurst werfen zu müssen, oder uns dazu gezwungen zu sehen, auf die Gefahr einer islamischen Ideologisierung hinzuweisen, weil wir sonst glauben, in den sauren Apfel beißen zu müssen. Floriert der Unglaube, haben Schwindel und Betrug Hochkonjunktur. Denn wer nicht auf die Einhaltung der Grenze vertraut, die ihm von Gottes wegen gesetzt ist, wird immer nur seinen Dünkel in die Notwendigkeiten der Umstände hineindeuten.

 

„Über die nahe Zukunft der Welt wird der Umstand entscheiden, ob diejenigen Personen und Gesellschaftskreise, die nur über das verfügen, was sie sich auch rechtmäßig verdient haben, einer Welt unter der Ägide des Kapitals einwilligen werden oder nicht, obwohl sie keine Türken, sondern Ungläubige sind“, schreibt Ismet Özel in einem anderen seiner jüngsten Online-Artikel. Nur dann, wenn diejenigen, die über das hinaus, was ihnen zusteht, keinen Anspruch erheben, auch bereit sind, das aus einem Gefühl der Verantwortlichkeit heraus zu tun, wird das auch die Frage aufwerfen, welches Primat welchen Willens sich mit der Würde des Menschen verträgt. Dass man sich in Deutschland eher hinter die Illusion der Beständigkeit des Erdenlebens verschanzt, anstatt sie als die Gelegenheit beim Schopfe zu packen, wird den Menschen dabei erheblich zustatten kommen. Ob es sich mit der Würde des Menschen verträgt, in einem Land zu leben, in dem man darüber sinniert, ob ein „deutsches Europa“ oder ein „europäisches Deutschland“ das kleinere Übel ist, oder eher in einem, in dem es einem nicht zum Erfolg gereicht, mit etwas ungerupft durchzukommen, davonzukommen, dem müssten daher vor allem die Neigungen und Sorgen deutscher, deutschsprachiger Muslime Rechnung tragen. Dass nur die Harten in den Garten kommen, ist eine urbane Legende.

 

*  Frei übersetzt Türkisch für: „Das ist es, wofür wir einstehen.“

** İsmet Özel, -Mış Gibi Türkiye’nin Sonu (III), Das Ende der Als-ob-Türkei (III), Online-Artikel vom 11. Oktober 2017 der İstiklal Marşı Derneği (Verein für die türkische Nationalhymne)

 

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