Die Frage ist, wovon wir uns bewahrt wissen wollen. Lebenserfahrung ist, was uns dazu verhilft, den Unterschied von Theorie und Praxis über Bord zu werfen. Unser Leben ist voll von an uns abprallenden Ereignissen, die uns in dem Maße die Augen öffnen, in dem wir einen moralischen Schaden nicht an Bedingungen knüpfen. Goethes „Wandrers Nachtlied“ mit dem Eingangsvers Über allen Gipfeln ist Ruh stimmt uns für ein Bewusstsein für das Entwürdigende dessen ein, das Leben als etwas Gegebenes zu betrachten. Wer nicht in Rechnung stellt, sich eventuell für seinen eigenen Verderb stark zu machen, wird im entscheidenden Moment Zuflucht in der Theorie und Praxis suchen. Wir müssen davon ausgehen, dass es im Menschen etwas geben muss, was eine menschliche Geschäftigkeit erst zu einer solchen macht (heißt es im selben Gedicht Goethes doch: Die Vögelein schweigen im Walde ), um so mehr als Deutsch die Sprache derer ist, die sich mit Ad-hoc-Lösungen nicht abgeben wollen – eine Sprache, die stets einer gewissen Portion Entschiedenheit das Wort redet. Wer sich auf Ad-hoc-Lösungen nicht einlassen will, hätte das nur mit einer Zusicherung an etwas tun können, dessen behelfsmäßiger Charakter aus einer Haltung hervorgegangen ist, mit der sich der Ausdruck „einen Türken bauen“ arrangieren will – ein Ausdruck, den es so nur im Deutschen gibt. Dass Goethe sich mit Hafis gepaart hat, ist in diesem Zusammenhang zu sehen. Goethe ging es nämlich vordergründig darum, den Türken aus dem Islam rauszuhalten.

 

Was auf dem europäischen Festland mit der Moderne aufkam, ist etwas, das aus dem „Teufel in uns“ (Protestantismus) eine Tugend machen musste (Calvinismus). Der „Teufel in uns“ leitet sich aus dem gemeinsamen Widersacher Europas ab. Nicht selten wurden Namen von Menschen protestantischen Glaubens in katholischen Gebieten „getürkt“. Protestanten waren von daher immer angehalten, ihre aufrichtige Abscheu vor diesem gemeinsamen Widersacher unter Beweis zu stellen. Und erst recht der, der heute meint, diese Worte als realitätsfernes und gegenwartsfremdes Hirngespinst abtun zu können, wird sich der Bedingung des Erfolgs nicht entziehen können, als Garant für etwas zu dienen. Politik fällt in Deutschland auf einen Boden, der, wem auch immer, als Sicherheit dient. Ohne die Zusage, auf Bundesebene nicht zu kandidieren, gäbe es nicht einmal in Bayern eine CSU; ohne die Zusage, sich aus Bayern herauszuhalten, gäbe es auf Bundesebene auch keine CDU. Die SPD hielt dem Schauspiel Kalter Krieg stets die Treue. (Die Linke hatte nach dem Krieg zuerst eine Brücke zwischen Ost und West schlagen wollen.) Die Grünen gedeihen von Anfang an in einem Klima, in dem der Kapitalismus seit den 70ern auf „Gesundheit“ umzudisponieren versucht. Der Kompetenzbereich von Die Linke liegt in der einer glaubwürdigen SPD. Und die AfD? Will heißen: „Wir bürgen für die defensive Alternativecke!“ Denn: „Rechts“ ist das Unterpfand selbst, das man sich seit dem Zweiten Weltkrieg sicherheitshalber vorbehält.

 

Eine Geschichtswissenschaft, die so tut, als ob der Mensch die Zukunft, und nicht das Vergangene, vor sich hätte, gehört zum Inventar derer, die zusehen müssen, dass sie nicht ins Hintertreffen geraten. Der Mensch ist darauf angewiesen, davon auszugehen, dass es zwischen dem, was heute ist, und dem, was gestern war oder morgen wird, nie eine Notwendigkeit besteht. Die Notwendigkeit besteht darin, uns bewusst zu werden, worin die Gegenwärtigkeit des Satzes Goethes besteht, dass die Kreuzzüge, obwohl alles in allem eine „false tendency“, „had the positive effect of weakening the Turks even further and preventing them from becoming masters of Europe“*. Stets im Hinterkopf behaltend, dass ein „Aufatmen“ nichts mit „Gott sei Dank“ gemein hat. Das Bedürfnis, aufzuatmen, hatten nämlich lediglich diejenigen, denen die Kreuzzüge den ersehnten Anlass zur Festigung der Autorität der Kirche boten, um aus der kirchlichen Doktrin etwas auf Gedeih und Verderb Durchsetzbares zu machen, angesichts der Gefahr, dass sich die kirchliche Doktrin, durch die Bestätigung, die die Gesandtschaft Jesu durch den Islam erfahren würde, als der Irrweg schlechthin entpuppte. Die Kreuzzüge zielten daher zugleich auf die Ausrottung derjenigen „christlichen Lehren“ ab, denen der Islam in Gestalt des Türken eine willkommene Bestätigung war – namentlich der im heutigen deutschsprachigen Raum verbreitete Arianismus, der die Trinitätslehre strikt ablehnte. Als sich im 16. Jahrhundert das Zentrum der kapitalistischen Akkumulationsweise von Südosteuropa in den holländischen und britischen Nordwesten verlagerte, gestützt auf geographische Entdeckungen, die die Öffnung der Kaproute nach Indien zur Folge hatten, geschah das wiederum auf Kosten der vom venezianischen Handel profitierenden Fugger und ihrer Konsorten. Was dann mit dem Lutheranismus die kirchliche Doktrin für die Menschen annehmbarer machen sollte, galt zugleich als ein zu weitgehendes Zugeständnis an die Türken.

 

Die Moderne konnte im deutschsprachigen Raum nicht so sehr als ein politisch-ökonomischer oder gesellschaftlicher Befreiungsschlag ausgegeben werden, sondern war im Grunde zugleich ein Sich-Einlassen auf die Folgen der Moderne als ein Prozess der Befreiung der Verantwortlichen von der Rechenschaftspflicht und musste daher immer zusehen, sich nicht in Zugeständnisse an die Falschen zu verstricken. Der Modernisierungsprozess vollzog sich hier daher nicht so sehr als die Entwicklung einer Geisteshaltung in wechselseitiger Beziehung mit den modernen Institutionen. Als ein Nährboden dieser Geisteshaltung stand Deutsch immer in einem anachronistischen Verhältnis zur Moderne. Anders ausgedrückt: Deutsch als Sprache war den modernen Institutionen immer um eine Nasenlänge voraus. Insofern identifizierte sich „Freiheit“ für die Deutschen weniger mit dem „Erarbeiteten“ als mit der „Arbeit“ selbst. Das heißt: „Arbeit“ genoss in Deutschland stets einen höheren Stellenwert als das „Erarbeitete“. Das führte dazu, dass diejenigen, denen das Resultat wichtiger war als der Weg dahin, darum bangen mussten, was ihnen der Ausgang der Ereignisse sichern sollte. Die Umstände, die ausschlossen, dass sich ihre Ängste auch bewahrheiteten, arrangierte der Erste Weltkrieg, indem er dafür sorgte, dass die Deutschen die Türken als den „gemeinsamen Feind“ ablösten, gegen den man sich immer wieder „alliierte“. Doch erst indem der Zweite Weltkrieg aus den Deutschen „das schlimmste Herrenvolk“ gemacht hat, „das die Welt je gesehen hat“**, musste man sich nicht mehr damit, dass sie wenigstens den Vorzug hatten, „sich nicht um den Koran zu scheren“***, über das hinwegtrösten, was der Erste Weltkrieg beschert hat. Es ist immer der nach Garanten lauernde Unglaube, der aufatmen will. Die Gegenwärtigkeit des Goetheschen Satzes liegt hierin.

 

* Der Satz ist der englischen Übersetzung der Briefe Goethes entnommen, da in der uns vorliegenden zweiten Auflage aus dem Jahre 1976 des 4. Bandes der Hamburger Ausgabe der mit 12. April 1829 datierte Brief an August von Goethe vollständig fehlt.

** Germany is the worst master the world has yet known, Proposals to Counter the German ‘New Order’, John Maynard Keynes, 1940

*** The worst that can be said of the Moslems is, as the poet put it, they offered to man the choice of the Koran or the sword. The best that can be said for the German is that he does not care about the Koran, but is satisfied if he can have the sword. The Barbarism of Berlin, G. K. Chesterton, 1914

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