„Was gestern geschah, geschieht auch heute, und nichts anderes ist es, was morgen geschehen wird. So wie es nichts Neues unter der Sonne gibt, ist es auch nicht möglich, dass wir, aus welchem ihrer Stadien sie auch stammen, aus den Ereignissen in der Geschichte eine warnende Lehre ziehen. Sollte die Geschichte einem Zweck dienen, dann uns vor Augen zu führen, dass jeder Einzelne wie auch jede Generation als Ganzes auf die göttliche Probe gestellt wird.“*

 

Spaghettiwestern sind italienische Western-Produktionen. Liegt Italien doch im äußersten Osten dessen (nämlich Europa), das das, was den „Westen“ ausmacht, sich nicht erst überwinden musste, um sich seiner zu entledigen. Der Kapitalismus schöpft heute seine Dynamik und Kraft nicht mehr aus den Gebieten seiner Wiege, hält vielmehr diese mit allerlei Peinlichkeiten wie „Flüchtlingskrise“, „Abgasskandal“ und chinesischen Dumpingwaren auf Trab. Doch ist es nicht der Kapitalismus, was den „Westen“ ausmacht, sondern die aussichtslose Fluchtbewegung gen Westen, nämlich: den Ausweg in der Flucht nach vorne zu suchen und es als Fortschritt auszugeben. Doch Flucht wovor? Falls wir von der Dreistigkeit, der Fingiertheit unseres Lebens nichts kommen zu lassen, nichts erhofften, könnten wir uns darauf berufen, dass die italienische Stadt Otranto ganze 13 Monate unter türkischer Herrschaft stand. Doch müssen wir die Sache anders angehen: Eine Flucht nach vorne dient immer der Wahrung des Scheins. Im Mittelalter – das ist die Ära des Umdisponierens antiker Verhältnisse angesichts der rapiden Ausbreitung der Botschaft des letzten Gesandten Gottes – waren es Christianitas und Latinitas, die dafür sorgten, dass der Eindruck sich hielt, dass diejenigen, die das Sagen hatten, den erlösenden Gehorsam auch verdienten. Was in neuerer Zeit hinzukam, war die Reaktion auf die Identifizierung dieser Botschaft mit dem Türken – die „Herrschaft der Besten“: Aristokratie. Denn – auch wenn die Historiographie kein Wort darüber verliert – der Gang nach Canossa war eine Flucht nach vorne im Zuge des Investiturstreites, den der Ausgang der „Schlacht bei Manzikert“, mit der die Islamisierung Anatoliens besiegelt wurde, vom Zaun gebrochen hat, und die erst die Frage aufgeworfen hat, wer es verdiente, dass man unter seiner Patronage lebte. Doch ohne Hinzuziehung der Kapitalverhältnisse war eine Flucht nach vorne nicht mehr zu bewältigen.

 

Welcher Überlegenheit verleiht unser Leben Ausdruck? Ist es je nach dem, wer wen an die Wand spielt, was uns in die Pflicht nimmt? Doch Würdenträger „von Amts wegen“ sollten in dieser Hackordnung immer weniger eine Rolle spielen. Zumal alles, was nicht auf seine quantifizierbaren Merkmale reduzierbar ist, den Kapitalverhältnissen gegen den Strich geht. Also wurde die Noblesse „entpflichtet“, das Kreuz „sanitarisiert“ und die Liturgie sowie die amtliche und akademische Sprache „entlatinisiert“. Doch die Entpflichtung der Noblesse mit allem Drum und Dran in einem entprivilegierenden Gewaltakt setzte die Mobilisierung der Massen voraus, die Levée en masse, die bedingte, dass man von einem unteilbaren klassenlosen Ganzen ohne Privilegien ausging. Solange man die Mobilisierung gewissen Zielen und Werten überließ, deren Verwirklichung allen zugute kommen würde, oder: solange man gemäß dem Motto „einer für alle, alle für einen“ operieren konnte, würde man, vorausgesetzt man verfügte über die entsprechenden Propaganda- und Indoktrinationsmittel, nichts befürchten müssen. Doch sobald die Mobilisierung gezwungen war, in Rechnung zu stellen, dass den Menschen im Grunde das ausmacht, was er noch nicht ist, ließe man sich, zum Schreck derer, die auf das Gerede vom Licht am Ende des Tunnels angewiesen sind, auf die Unberechenbarkeit dessen ein, das daraus erwächst, dass man davon ausgeht, dass es im Leben eines Menschen etwas geben muss, das „über alles“ gilt.

 

Ob Zar, Kaiser, Sultan oder König – der Erste Weltkrieg hat alles, was den Imperien erlaubte, die auf ihren ausgedehnten Territorien lebenden Menschen als Ganzes zu betrachten, aus der Welt geschafft. (Fascismo sollte in gewisser Weise das Erbe dieser Integrationsfiguren antreten.) Doch fehlte es an allen Ecken und Enden an Institutionen, die sicherstellten, dass man nicht mehr von einem Volk in seiner Ganzheit ausging. Die Verschaffung des Vorwandes solch einer Vorsorge treffenden Institutionalisierung hätte man zwar den von der Oktoberrevolution der Bolschewiki inspirierten Ereignissen überantworten können – die mit der Novemberrevolution in der Endphase des Ersten Krieges gar eine Erprobung erfuhren. Doch dass die Türken mit ihrem 1923 in der Gründung der Türkischen Republik mündenden „Unabhängigkeitskrieg“ es den anderen Nationen nicht nur vorgeführt hatten, dass sie keine Quantité négligeable sind, sondern vielmehr, dass das Los eines Volkes oder einer Nation nicht von den Launen der Kapitalfluktuationen abhängt, eignete sich viel eher zur Entfesselung einer Propagandakampagne, um aus einem „Mustafa Kemal eines milanesischen Ankara“ einen Duce und aus einem „deutschen Kemal Pascha in München“ einen Führer zu bauen. (Bedenken wir, dass die Offenmarktpolitik, die in den USA und im Britischen Königreich nach dem Ersten Weltkrieg eingeführt wurde, auf deutschem Boden erst mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 zur Praxis wurde.)

 

Solange uns der Tod als der Verfalltag unserer irdischen Annehmlichkeiten und Unannehmlichkeiten gilt, werden wir auch nie erkennen können, wer uns zu Figuranten welches abgekarteten Spiels verdonnert. Das Böse ist immer nur das Böse angesichts eines richtenden Jüngsten Tages, an dem jeder Mensch wird Rede und Antwort stehen müssen. Erst der Tod als etwas Richtendes macht das Leben zu etwas Lebenswertem, ohne dem wir uns nie sicher sein können, wer sich hinter was verschanzt. Es ist die Geschichte, namentlich die deutsche, die uns zeigt, dass der Erfolg derer, die ihrer Flucht nach vorne die Krone Zweiter Weltkrieg aufgesetzt haben, einzig darauf beruht, diejenigen zwischenmenschlichen Beziehungen etabliert zu haben, in denen jemand nur insofern gilt, als er anderen weiszumachen vermag, wie man womit (ungeschoren) durchkommt. Wenn der „Westen“ heute nicht mehr glaubt, darauf angewiesen zu sein, einen „Türken zu bauen“, um gegebenenfalls aus der Not eine Tugend zu machen, dann liegt das daran, dass es ihm gelungen ist, die Umstände eines „anderen Deutschlands“ ins Leben gerufen zu haben.

 

*             Küfrün İhsanı Olmaz (Vom Unglauben Geschonken Gekrochen), İsmet Özel, 27. Oktober 2012

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