Was schulden die Deutschen den Alliierten? Oder: Über allen Gipfeln ist Ruh

„Was gestern geschah, geschieht auch heute, und nichts anderes ist es, was morgen geschehen wird. So wie es nichts Neues unter der Sonne gibt, ist es auch nicht möglich, dass wir, aus welchem ihrer Stadien sie auch stammen, aus den Ereignissen in der Geschichte eine warnende Lehre ziehen. Sollte die Geschichte einem Zweck dienen, dann uns vor Augen zu führen, dass jeder Einzelne wie auch jede Generation als Ganzes auf die göttliche Probe gestellt wird.“*

 

Spaghettiwestern sind italienische Western-Produktionen. Liegt Italien doch im äußersten Osten dessen (nämlich Europa), das das, was den „Westen“ ausmacht, sich nicht erst überwinden musste, um sich seiner zu entledigen. Der Kapitalismus schöpft heute seine Dynamik und Kraft nicht mehr aus den Gebieten seiner Wiege, hält vielmehr diese mit allerlei Peinlichkeiten wie „Flüchtlingskrise“, „Abgasskandal“ und chinesischen Dumpingwaren auf Trab. Doch ist es nicht der Kapitalismus, was den „Westen“ ausmacht, sondern die aussichtslose Fluchtbewegung gen Westen, nämlich: den Ausweg in der Flucht nach vorne zu suchen und es als Fortschritt auszugeben. Doch Flucht wovor? Falls wir von der Dreistigkeit, der Fingiertheit unseres Lebens nichts kommen zu lassen, nichts erhofften, könnten wir uns darauf berufen, dass die italienische Stadt Otranto ganze 13 Monate unter türkischer Herrschaft stand. Doch müssen wir die Sache anders angehen: Eine Flucht nach vorne dient immer der Wahrung des Scheins. Im Mittelalter – das ist die Ära des Umdisponierens antiker Verhältnisse angesichts der rapiden Ausbreitung der Botschaft des letzten Gesandten Gottes – waren es Christianitas und Latinitas, die dafür sorgten, dass der Eindruck sich hielt, dass diejenigen, die das Sagen hatten, den erlösenden Gehorsam auch verdienten. Was in neuerer Zeit hinzukam, war die Reaktion auf die Identifizierung dieser Botschaft mit dem Türken – die „Herrschaft der Besten“: Aristokratie. Denn – auch wenn die Historiographie kein Wort darüber verliert – der Gang nach Canossa war eine Flucht nach vorne im Zuge des Investiturstreites, den der Ausgang der „Schlacht bei Manzikert“, mit der die Islamisierung Anatoliens besiegelt wurde, vom Zaun gebrochen hat, und die erst die Frage aufgeworfen hat, wer es verdiente, dass man unter seiner Patronage lebte. Doch ohne Hinzuziehung der Kapitalverhältnisse war eine Flucht nach vorne nicht mehr zu bewältigen.

 

Welcher Überlegenheit verleiht unser Leben Ausdruck? Ist es je nach dem, wer wen an die Wand spielt, was uns in die Pflicht nimmt? Doch Würdenträger „von Amts wegen“ sollten in dieser Hackordnung immer weniger eine Rolle spielen. Zumal alles, was nicht auf seine quantifizierbaren Merkmale reduzierbar ist, den Kapitalverhältnissen gegen den Strich geht. Also wurde die Noblesse „entpflichtet“, das Kreuz „sanitarisiert“ und die Liturgie sowie die amtliche und akademische Sprache „entlatinisiert“. Doch die Entpflichtung der Noblesse mit allem Drum und Dran in einem entprivilegierenden Gewaltakt setzte die Mobilisierung der Massen voraus, die Levée en masse, die bedingte, dass man von einem unteilbaren klassenlosen Ganzen ohne Privilegien ausging. Solange man die Mobilisierung gewissen Zielen und Werten überließ, deren Verwirklichung allen zugute kommen würde, oder: solange man gemäß dem Motto „einer für alle, alle für einen“ operieren konnte, würde man, vorausgesetzt man verfügte über die entsprechenden Propaganda- und Indoktrinationsmittel, nichts befürchten müssen. Doch sobald die Mobilisierung gezwungen war, in Rechnung zu stellen, dass den Menschen im Grunde das ausmacht, was er noch nicht ist, ließe man sich, zum Schreck derer, die auf das Gerede vom Licht am Ende des Tunnels angewiesen sind, auf die Unberechenbarkeit dessen ein, das daraus erwächst, dass man davon ausgeht, dass es im Leben eines Menschen etwas geben muss, das „über alles“ gilt.

 

Ob Zar, Kaiser, Sultan oder König – der Erste Weltkrieg hat alles, was den Imperien erlaubte, die auf ihren ausgedehnten Territorien lebenden Menschen als Ganzes zu betrachten, aus der Welt geschafft. (Fascismo sollte in gewisser Weise das Erbe dieser Integrationsfiguren antreten.) Doch fehlte es an allen Ecken und Enden an Institutionen, die sicherstellten, dass man nicht mehr von einem Volk in seiner Ganzheit ausging. Die Verschaffung des Vorwandes solch einer Vorsorge treffenden Institutionalisierung hätte man zwar den von der Oktoberrevolution der Bolschewiki inspirierten Ereignissen überantworten können – die mit der Novemberrevolution in der Endphase des Ersten Krieges gar eine Erprobung erfuhren. Doch dass die Türken mit ihrem 1923 in der Gründung der Türkischen Republik mündenden „Unabhängigkeitskrieg“ es den anderen Nationen nicht nur vorgeführt hatten, dass sie keine Quantité négligeable sind, sondern vielmehr, dass das Los eines Volkes oder einer Nation nicht von den Launen der Kapitalfluktuationen abhängt, eignete sich viel eher zur Entfesselung einer Propagandakampagne, um aus einem „Mustafa Kemal eines milanesischen Ankara“ einen Duce und aus einem „deutschen Kemal Pascha in München“ einen Führer zu bauen. (Bedenken wir, dass die Offenmarktpolitik, die in den USA und im Britischen Königreich nach dem Ersten Weltkrieg eingeführt wurde, auf deutschem Boden erst mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 zur Praxis wurde.)

 

Solange uns der Tod als der Verfalltag unserer irdischen Annehmlichkeiten und Unannehmlichkeiten gilt, werden wir auch nie erkennen können, wer uns zu Figuranten welches abgekarteten Spiels verdonnert. Das Böse ist immer nur das Böse angesichts eines richtenden Jüngsten Tages, an dem jeder Mensch wird Rede und Antwort stehen müssen. Erst der Tod als etwas Richtendes macht das Leben zu etwas Lebenswertem, ohne dem wir uns nie sicher sein können, wer sich hinter was verschanzt. Es ist die Geschichte, namentlich die deutsche, die uns zeigt, dass der Erfolg derer, die ihrer Flucht nach vorne die Krone Zweiter Weltkrieg aufgesetzt haben, einzig darauf beruht, diejenigen zwischenmenschlichen Beziehungen etabliert zu haben, in denen jemand nur insofern gilt, als er anderen weiszumachen vermag, wie man womit (ungeschoren) durchkommt. Wenn der „Westen“ heute nicht mehr glaubt, darauf angewiesen zu sein, einen „Türken zu bauen“, um gegebenenfalls aus der Not eine Tugend zu machen, dann liegt das daran, dass es ihm gelungen ist, die Umstände eines „anderen Deutschlands“ ins Leben gerufen zu haben.

 

*             Küfrün İhsanı Olmaz (Vom Unglauben Geschonken Gekrochen), İsmet Özel, 27. Oktober 2012

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Wer wir sind, entscheidet sich daran, wem wir was schulden

Weder möchten wir darauf verzichten, zu glauben zu wissen, wie alles, was uns ständig an Berichtenswertem serviert wird, das Produkt eines offenkundig manipulativen Selektions- und Verzerrungsmechanismus ist, noch auch darauf, seitens dieses jeglichem Bewusstsein spottenden Apparates zum Besten gehalten zu werden. Wahres verdankt seine aufklärende Eigenschaft nie dem Umstand, dass es den Tatsachen entspricht, sondern ist allein darin begründet, wer sich auf ihn beruft. „So wahr mir Gott helfe“ – das ist kein Eid auf die Wahrheitstreue, sondern drückt das einzig Vertrauenswürdige aus. „So wahr ich lebe“ stünde sonst auf tönernen Füßen. Halten wir uns daher hieran: Bei wem stehen wir im Wort? Sprechen aus einem Wort eher Bedenken, die die Gültigkeit der Frage, wer ich bin, davon abhängig machen, dass sie nicht ins Politisch-Ideologische hinübergreift? Wie förderlich die Frage „Wer bin ich?“ für einen verkümmerten Gemeinschaftssinn ist und die Frage „Wer sind wir?“ für ein gestörtes Persönlichkeitsbewusstsein, erahne man daraus, wer aus den diesen Fragen das Wasser abgrabenden Bedingungen einen Nutzen zieht. Immer dann, wenn ich das Leben als etwas lebe, was es zu überwinden und zu bewältigen gilt, womit ich zurande zu kommen habe, heißt es, mich diesen Fragen verschlossen zu haben. Und solange die Erfolgsquote meiner Bemühungen der Weltbewältigung über mein Leben entscheidet – sei es, dass sie ihren sublimiertesten Ausdruck unter anderem in der kollektiven Suche nach einer umfassenden theory of everything finden – wird es den einzigen Unterschied machen, ob es mich oder einen anderen Sterblichen im Leben getroffen hat, und nicht den geringsten Unterschied machen, dass ich an meiner Trauerfähigkeit arbeite, falls zur Abwechslung auch mal andere daran glauben müssen. Nur dann, wenn mich das, womit ich mich gezwungen fühle, vorliebzunehmen, um mit dem, was ich glaube, dass es mich plagt, zurande zu kommen, nicht hinreichend befriedigt, werde ich einen Sinn darin sehen, zu fragen: „Wer bin ich“? Wer bin ich, dass ich, ohne irgendwelche Niederträchtigkeiten zu meinem Bedürfnis zu erklären, von einem „Wir“ nicht ausgehen kann? Wer sind wir, dass wir, ohne von einem zu verlangen, sich in seinen Niedrigkeiten angesprochen zu fühlen, ein „Ich“ nicht voraussetzen können?

 

„Im Jahre 1900 war jeder einen guten Ton pflegender Amerikaner ein exilierter Europäer; im Jahre 2000 ist jeder Europäer am Puls der Zeit ein frustrierter Amerikaner – oder einer, der auf sein Visum wartet.“* Dient uns die Vergangenheit lediglich dazu, aus ihr die Lehre zu ziehen, dass nichts an einem spurlos vorbeigeht? Dass der „Amerikanismus“, der sich mit dem Zweiten Weltkrieg unbedingte Geltung verschafft hat, zu keiner Zeit gleichbedeutend war mit dem Siegeszug einer „amerikanischen Identität“, bewahrt noch heute niemanden davor, über den Atlantik zu schielen. (Doch aufgepasst: Amerikanismus ist nicht gleich Hegemonie Amerikas, sondern das, was die verbliebenen Hindernisse auf dem Weg zu einer unbedingten Kapitalhegemonie restlos ausgeräumt hat.) Für unverbesserliche Identitäts-Narren hält man seit dem Zweiten Weltkrieg den „Weltbürger“ parat, der auf dem globalen Markt zu Hause ist wie sonst nirgendwo, mit anderen Worten: den nichts mehr terrorisiert als eine bedingte Profitpriorität, der ohne ein gewisses Maß an musealem Bildungsinteresse für das unter Dach und Fach gebrachte alte Kontinent nie auskommt, und über dessen Interessen die Nordatlantik-Armee der Totalen Offenmarktpolitik wacht – abgekürzt: NATO. (Der Nordatlantik ist der Seeweg, der dazu diente, die „türkische Flanke“ aufzurollen, ohne die der Kapitalismus nie die nötige Beinfreiheit zu seiner Wucherung gefunden hätte.) Zwar war Europa noch nie der Ort, an dem es darauf ankam, wer man war, sondern allein womit man sich identifizierte. (Dass das zwei Paar Schuhe sind, ist bereits daran ersichtlich, dass von der Mitte des 17. Jahrhunderts an die Philosophen die Frage plagte, wie unter – in ständiger Veränderung begriffenen – Bedingungen noch von einem zusammenhängenden – eben identischen – „Ich“ und „Wir“ die Rede sein kann.) Nichtsdestotrotz ist es mit dem Ausgang des Ersten Weltkrieges gewesen, dass auf dem europäischen Festland grundsätzlichere Fragen des europäischen Selbstverständnisses aufkamen; am offenkundigsten unter anderem zur Sprache gebracht in Paul Valérys La Crise de l’esprit aus dem Jahre 1919. Denn es war der Erste Weltkrieg, der das credit money – das ist das, was für eine unbedingte Profitpriorität sorgt – endgültig aus der Defensive in die Offensive geholt hat.

 

Wie wir bereits wissen: Die römische Herrschaft stützte sich im westlichen Teil des Imperiums auf urbane Strukturen – die „civitates“. Im östlichen Teil habe sie sich zu diesem Zweck meist die bestehenden poleis zunutze gemacht. Polis – das ist die Einzahl im Altgriechischen für „Stadt“ oder „Staat“ – hieß, so wie es heute in der einschlägigen Literatur ausgedrückt wird und wie nichtssagend-banal das auch klingen mag, die antike „Gemeinschaft von Bürgern“ und stand von daher für einen „Personenverbandsstaat“. Als eine „Bürgergemeinde“ oder ein „Personenverband“ definiere sich die Polis nämlich nicht über ihr Staatsgebiet, ihr Territorium, sondern über ihre Einwohner, die Bürger. So hieß man den Polisstaat auch immer nach seinen Bürgern; nicht umgekehrt seine Bürger nach ihm – was zugleich erklärt, warum die Polis ein Stadtstaat war, ein Staat im Staat, aus solchem (nämlich: Rom) letztendlich auch das Römische Reich hervorgegangen ist. Doch worauf wollen wir hinaus?

 

Dazu zuerst Folgendes: Das Wort „Tier“ oder „tierisch“ führt uns, wann immer wir es im menschlichen Zusammenhang benutzen, in die Irre – und zwar im Wesentlichen. Es bezeichnet etwas Menschen und Tieren Gemeinsames. Doch kann es nie darum gehen, wieviel Tierisches im Menschen oder Menschliches im Tier schlummert. Solange wir nämlich glauben, Animalisches im Menschen und umgekehrt Humanes im Tier auszumachen, werden sich unsere Gedanken innerhalb der Grenzen der Bedeutung des Satzes bewegen, dass Verstehen immer und zugleich Entschuldigen ist: Tout comprendre, c’est pardonner. Indes: Was wir mit ziemlicher Gewissheit sagen können, ist, dass die Instinkte den Tieren ihr unentrinnbares Schicksal ist, während es dem Menschen stets freisteht, zu fragen, was in seiner Hand liegt und was nicht. Das wiederum führt uns zu folgendem Gedankengang: Sinkt jemand zum Tier herab, dürfte das nicht daran liegen, dass er seinen Trieben freien Lauf lässt, ungebärdig, zügellos um sich schlägt, kurz: das Tier in sich herauskehrt, sondern glaubt, so handeln zu müssen, wie er handelt, da er sonst wähnt, seinen Kopf nicht über Wasser halten zu können. Wann immer wir uns an den „Menschen“ heranwagen, indem wir das „Tierische“ näher zu bestimmen versuchen, so etwa beim aristotelischen zoon politikon, dem „Lebewesen in der Polisgemeinschaft“, d. i. der Mensch als ein politisches, sprich: soziales Wesen, sagen wir im Grunde nur: „Mit welch frommem Wunsch wir die Sache auch anzugehen versuchen, handelt es sich um die Causa Mensch, wird man die Folgen eines grundlegenden Geburtsfehlers immer zu tragen bereit sein müssen. Was uns in menschlicher Aufmachung entgegentritt, ist und wird daher immer ein Ritter von trauriger Gestalt bleiben.“ Doch: Nicht das über das Tieren und Menschen Gemeinsame Hinausgehende bestimmt über den Menschen. Tiere sind nicht-menschliche Wesen; sprich Wesen, die ihr Leben nicht ihren Entscheidungen verdanken; in deren Schicksal es nicht liegt, sich entscheiden zu müssen, was ihnen als Mensch geziemt und was nicht. Ob wir verdinglichen, vegetieren oder vertieren – d. h. entmenschen – entscheidet sich daher nicht daran, ob wir ein gestecktes Lebensziel haben und diesem gewachsen sind oder nicht. Was uns eine moralische Talfahrt, einen geistigen Nullpunkt beschert, ist, zu glauben, darauf angewiesen zu sein, das zu unserem Schicksal zu machen, was allein uns über die Runden bringt – so etwa dem Glauben anzuhängen, dass es im Grunde die marktwirtschaftlichen Verhältnisse sind, die uns sowohl als Menschen wie auch als Kollektiv ermöglichen, unseren Fortbestand zu sichern. Und – das ist das Entscheidende: Menschen, denen es im Leben nicht darauf ankommt, in Ruhe ihren Geschäften nachzugehen, die dazu bestimmt sind, sie über Wasser zu halten, für die es von Belang ist, mit wem sie nicht auf eine Stufe gestellt werden, verleihen, indem sie darauf achtgeben, sich von jenen abzusetzen, denen ihr Lebensraum als ihr gegen Rivalen abgestecktes Revier (sprich: Polis) gilt, dadurch ihrem eigenen Lebensraum einen Charakter, der aus ihm ein Territorium macht, das sich einem nur in dem Maße erschließt, in dem man auf mehr als auf sein Auskommen bedacht ist.

 

Von einem „Polissystem“ ist die Rede, das man gut und gerne bis zum Römischen Reich zurückführt; verspricht sich der Mensch doch immer wieder etwas davon, sich seinem Schicksal zu entwinden, Entscheidungen zu treffen, Entscheidungen, über die er wird Rechenschaft ablegen müssen und die ihn entweder dem näherbringen, was den Menschen erst ausmacht, oder einer Vogel-friss-oder-stirb-Situation ausliefern. „Poleis“, Stadtstaaten, Staaten innerhalb von Imperien, waren Orte, die, unter der Obhut einer imperialen Zentralmacht, der Durchspielung von Geschäftspraktiken dienten, die sich in einer seinen Lebensunterhalt bestreitenden Vorstellung vom Menschen erschöpften; ja diesen eine ideale Brutstätte boten. Stadtstaat – das war der Lebensraum derer, die davon lebten, dass Menschen es zu ihrem unentrinnbaren Schicksal machten, sich zum Nassauer der Umstände zu mausern, die sicherstellten, dass diese Vorstellung vom Menschen eine gewisse Gunst genoss. Immer dann, wenn es für eine Zentralmacht darauf ankam, von den Vorteilen des unbehelligten Durchspielens von anrüchigen Praktiken zu profitieren, bekamen Stadtstaaten Auftrieb. (Man bedenke, dass Sokrates im Namen der Notwendigkeiten eines Stadtstaates hingerichtet wurde.) Polisneugründungen gab es mit dem Regierungsantritt Alexanders des Großen 336 v. Chr. Der Hellenismus lieferte den idealen Nährboden hierfür. Dann war es das aufstrebende Christentum, das im östlichen Imperium Romanum seine ersten Missionszentren in diesen städtischen Zentren fand. Doch erst mit dem Aufkommen des Islam verschwanden sie gänzlich von der Bildfläche. Das Oströmische Reich, das bis 1453 bestehen sollte, war nunmehr gezwungen, seine zentralen Machtbefugnisse auszubauen.

 

Es war wiederum ausgehend von Stadtstaaten, diesmal den italienischen, dass sich die Europäer dagegen verwahrten, davon in Kenntnis gesetzt zu werden, was den Menschen davor bewahrt, tiefer als Tiere zu sinken. (Nämlich: als einziges Zeichen dafür, dass wir uns auf dem rechten Weg befinden, uns daran zu halten, worauf wir uns im Grunde allein berufen können.) „Und zwar mit einem abendländischen Glaubenseifer“, von dem man später sagen würde, dass er „in der Tradition der Predigten des 15. und 16. Jahrhunderts“ steht. „Dieser Zeit verdanken die zwölf goldgelben Sterne der EU-Flagge ihren Ursprung. Diese Sterne haben eine besondere Geschichte. Als am 7. Oktober 1571 die Türken in der Seeschlacht von Lepanto geschlagen wurden, da wussten Papst und Christenheit, wem sie das zu verdanken haben: der Fürsprache der Gottesmutter.“** Zumal diejenigen, die als unaufgeklärte geistliche oder weltliche Würdenträger regelrecht auf einem Pulverfass saßen, mit der göttlichen Rechtfertigung der Zerschlagung der türkischen Flotte, die sie in der Johannesoffenbarung auszumachen glaubten, lediglich ihre Köpfe aus der Schlinge zu ziehen versuchten: „Und ein großes Zeichen erschien am Himmel: Eine Frau, bekleidet mit der Sonne, der Mond war unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt ein Kranz von zwölf Sternen.“ Damit wurde, als sich mit den italienischen Stadtstaaten etwas anbahnte, das darauf beruhte, dass keiner der Beteiligten dazu bereit war, ins eigene Fleisch zu schneiden – weil sozusagen jeder „Aktien drin hatte“ –, die dem Polissystem zugrundeliegende Logik zum wesentlichen Bestandteil der politischen Machtverhältnisse des Abendlandes. Regieren (Politik) als Erbe der Poleis war nunmehr der Name der Schaffung und Wahrung von Umständen, die den Menschen suggerierten, sie würden darben, falls sie sich ausklinkten. Ein Leben, das eines Begriffes von göttlicher Rechtleitung nicht mehr bedurfte, sich stattdessen an göttlichen oder anderen Zeichen hielt.

 

Gehen wir nach dem, was uns berichtet wird, steht für die einen das „Jahrtausendprojekt Europa“ auf dem Spiel, über dessen „Zukunftsnotwendigkeiten“ sich vor allem die Visegrád-Staaten hinwegsetzten; wiederum andere glauben, sich um die Zukunft des ungehemmten globalen Waren- und Geldverkehrs sorgen zu müssen oder sich mit der Idee einer EU-Armee verdient machen zu können, da die Nato sich immer offensichtlicher als ein Auslaufmodell erweise; gar das Ende des amerikanischen Empire oder eine Krise des Westens glaubt manch einer in all dem auszumachen. Machen wir die Gegenprobe: Falls die Globalisierung nicht mehr die Leuchtkraft auszustrahlen verspricht, die sie als Schlagwort einst entfaltete, heißt das etwa, dass der unbedingten Profitpriorität nach und nach der Boden entzogen wird? Falls die Nato sich immer offenkundiger als eine militärisch überkommene Institution herausstellt, heißt das etwa, dass „nationale Märkte“ im Kommen sind, als Ausdruck dessen, dass Menschen ihre Interessen immer weniger in der Übervorteilung anderer suchen? Falls die EU als Institution drauf und dran sein sollte, in die Brüche zu gehen, so doch etwa nicht aus Besinnung auf das, was dazu geführt hat, dass das credit money mit dem Zweiten Weltkrieg Zuflucht in seinem panic room Amerika gesucht hat? (Der „panic room-Vergleich“ stammt der – der Dinge harrenden – Feder Régis Debrays.) Eines können wir aber mit Gewissheit sagen: Die Entscheidung des Finanzkapitals in den Siebzigern, sich in Zukunft das „Argument Gesundheit“ und nicht Globalisierung auf die Fahnen zu schreiben, trägt Früchte. Ihm scheinen heute gar föderale Systeme als Regierungsweisen der Nachkriegszeit nicht gut genug.

 

Der Spruch „Ein Deutscher ist ein Mensch, der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben“ stammt „Adornos Zunge”. Doch gilt es zu bedenken: Der einzige Unterschied zwischen dem Satz „Ich lüge gerade“ und „Ich habe gelogen“ ist, dass der Urheber des ersten auf die Schlüpfrigkeit seiner Aussage vertraut, während der zweite in Betracht zieht, eines Besseren belehrt werden zu können. Ein Lügner ist, wer den Umständen die Fähigkeit zur Eigenregie beilegt. Der falsche Prophet ist daher leicht auszumachen. Nicht, dass er uns das Blaue vom Himmel verspricht, zeichnet ihn aus, sondern davon ausgeht, dass wir Erwartungen in die Flüchtigkeit des Erdenlebens stecken, nämlich das, was sich nie darauf berufen kann, was gottgegeben ist. Adornos Spruch kann daher nur einer Haltung zugeschrieben werden, die sich daran stört, dass sich der Deutsche das Bedürfnis vorbehält, sich überhaupt auf irgendetwas zu berufen. Es sind seine Entscheidungen, die den Menschen zu dem machen, wer er ist. Und wofür er sich entschieden hat, sehen wir stets daran, wem er was schuldet. Wer könnte behaupten, dass wir in einer Welt leben, die uns ihren Urhebern – die zugleich ihre wahren Benefizianten sind – verpflichtet? Es gehört nicht viel dazu, zu erkennen, was diejenigen, die den Deutschen eine „nationale Schande“ ans Bein geklotzt haben, von ihnen verlangen, vorliebzunehmen. Davon, dass alles daran gesetzt wird, türkisches Territorium – Gebiete, die sich uns in dem Maße erschließen, in dem wir Abstand zur Haltung wahren, dass die Moral vor oder nach dem Fressen kommt – zu Gebieten zu degenerieren, in denen die Menschen in Erwartung der Gunst des Kapitals leben, kann der Deutsche nur unter der Bedingung zu profitieren versuchen, dass er aus der (seiner) Geschichte die falsche Lehre zieht. Diejenigen, die sich darum bemühen, das einzig verbliebene Erbe des Ersten Weltkrieges, den Islam als politische Institution – die für das türkische Territorium nicht leugbare Relevanz dessen, dass sich der Mensch nicht ernährt, sondern „frisst“, solange er dem vertraut, was Vertrauensunwürdig ist –, aus der Welt zu schaffen, müssen zugleich zusehen, dass der Deutsche keine Anstalten macht, an Weisen des Profitmachens festzuhalten, deren bestimmende Rolle der Erste Weltkrieg ein für alle Mal ad acta gelegt hat.

*      En 1900, un Américain de bon ton est un Européen exilé; en 2000, un Européen dans le vent est un Américain frustré – ou qui attend son visa. Régis Debray, Civilisation, Gallimard, 2017.

**     Trotz alledem! Europa muss man einfach lieben, Heribert Prantl, S. 90, 2016

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