Kein Tag vergeht, an dem Muslime sich nicht dazu veranlasst sehen, per „islamistischem Terror“ erregten Gemütern mit pazifizierenden Worten und Handlungen besänftigend zuzureden. Wer’s sich nicht verkneifen kann, dem gilt es als Gebot der Stunde, einen jeden dieser Anlässe wahrzunehmen und sich vom Extremfall islamistischer wie auch jeder anderen Couleur jenseits von Gut und Böse abzusetzen. Gilt ihnen der Islam doch nicht nur als die friedliebende Religion schlechthin, sondern zugleich der an das Friedenstiftende im Menschen appellierende Glaube überhaupt.

 

Wir gehen davon aus, dass es Ohren gibt, die bereit sind, das offenkundig Unversöhnliche aus dieser Annahme herauszuhören: Eine die Frage der Anpassungsfähigkeit des Islam aufwerfende Annäherungsweise hieße das Kind mit dem Bade auszuschütten. Wenn Peter Sloterdijk behauptet, dass „sich mit dem Islam keine authentische Zivilgesellschaft führen lässt“, dann ist die Authentizität das Kind und die Zivilgesellschaft das Badewasser. Ein Mensch, der eher von etwas lebt als ein Leben, buhlt in dem Maße, in dem er seine rechtfertigende Eigenschaft kultiviert, um dessen Gunst. Das erklärt, warum wir davon ausgehen müssen, dass diejenigen, die sich als die Opfer der Anschläge ausgeben und die Täter, am selben Strang ziehen. Denn der einzige Schaden, den man unter gegebenen Umständen geltend machen kann, ist der, den man im Namen der Anpassungsfähigkeit erleiden kann. Warum kann die Entscheidung, für den verstorbenen „Einheitskanzler“ Helmut Kohl keinen deutschen Staatsakt zu veranstalten, nicht als Ausdruck einer gemeinschaftsbildenden Politik gewertet werden? Weil man sich davon, im Namen der „Uneigentlichkeit namens EU“ einen europäischen Trauerakt zu veranlassen, etwas versprochen hat.

 

Islam – das ist das, was heute niemand, um ihn in Verruf zu bringen, frontal bzw. en face zu attackieren vermag. Man setzt eher auf Lächerlichmachung der Muslime. Keiner, der zum Angriff auf den Islam ansetzt, kann und will es sich leisten, sich nicht vorher abzusichern und zu unterscheiden zwischen einer akut toxischen Spielart und einer mit dem Prädikat „wertvoll“ bedachten. Fehlt es unter AfDlern nicht an Stimmen, die immer wieder eindringlich darauf hinweisen, dass der Islam nur „en bloc“ angenommen oder abgelehnt werden kann, so spricht aus ihnen eher ihr um Ausgleich bemühter Übereifer angesichts ihrer Blößen, die sie sich zu geben glauben. Falls sich niemand, ohne sich hinter Vorwänden zu verschanzen, gegen den Islam zu stellen wagt, dann liegt das daran, dass der Islam den nach außen gekehrten Aspekt unserer Persönlichkeit betrifft, das, worauf wir vertrauen, die Frage, inwieweit wir uns zum Organ äußerer Notwendigkeiten machen, während der Terror den Aspekt unserer Persönlichkeit betrifft, der uns auf uns zurückwirft, das ist: der Aspekt, der uns dazu anhält, uns bewusst zu werden, was es verdient, unserem Leben als Garant zu dienen.

 

Vor allen Dingen gilt es das Auge zu schärfen, dafür, dass der Islam eine „europäische“ Angelegenheit ist. Ist der Islam eine „moderne“ Religion, dann nur in dem Sinne, dass er uns darüber belehrt, wovon Europäer sich nicht bewahren konnten, um zum sprichwörtlichen White Man’s Burden zu werden. Es ist der europäische Widerwille, mit dem Islam zu liebäugeln, oder die Leistung Europas, eine eventuelle Sympathie mit ihm gewinnbringend vereitelt zu haben, was sich als eine europäische Schicksalsgemeinschaft niedergeschlagen hat. Darin, dass der Islam weder eine „Religion“ noch ein „Glaube“ ist, finden wir den Erklärungsansatz hierfür. Keine Frage – die Moderne verdankt sich eher mit Erfolg zwischen Europa und der Religion (und dem Glauben) eingeschoben zu haben, doch hat dieses Dazwischenfunken in Form von Fortschrittsglauben und der „Tyrannei der Massen“ keineswegs zu einer sich seiner selbst bewussten Religion (oder Glauben) geführt.

 

„Der Mensch ist die Krone der Schöpfung.“ Nur in einem Sinne kann dieser Satz zutreffen, indes nicht im aristotelischen, in einem dem Menschen freie Hand lassenden, ihm den Rücken freihaltenden Sinne. Es ist die Schöpfung des Menschen, was uns erlaubt, die der Schöpfung ihre Würde verleihende Gottesknechtschaft ins Spiel zu bringen. Denn einzig und allein der Mensch ist dazu disponiert, dem Ruf Gottes zur Knechtschaft nicht zu folgen. Die Frage ist nämlich, ob sein Leben dem huldigt oder hohnspricht. Diejenigen, die nicht bereit waren, Gottes Ruf „in Gehorsam“ zu folgen (denn: huldigt er dem Ruf nicht, so folgt er ihm „wider Willen“), mussten nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels 586 v. Chr. durch die Babylonier „Schwerter zu Pflugscharen“ umfunktionieren: die Religion ihrer unterscheidenden und trennenden Funktion berauben. (Nämlich: die Frage, was des Menschen würdig ist und was nicht, unter den Tisch fallen lassen) So wurde mit dem Aufkommen des Christentums der Islam, sprich: Gottergebenheit, immer mehr zur Bindung an bestimmte Dogmen als Zeichen der Religiosität, ohne dass die Bindung an diese ein Vertrauen in die Allmacht Gottes implizierte, und damit, was ein gottergebenes Leben ausmacht, nicht im Geringsten zu tun hatte. Ohne den „Glauben“ zu etwas zu machen, was Menschen dazu brachte, zu wähnen, Berge versetzen zu können, hätte die Moderne es ferner nicht vermocht, dass die Menschen eher auf das Resultat blickten als auf das, worauf sie, unabhängig von dem, was die Ereignisse zeitigten, nicht verzichten konnten. Somit war der Weg versperrt, dass „Glaube“ als etwas fungierte, das uns von unserem Dünkel befreit. Gerade indem er zu etwas verkam, was an dem Punkt durchzugreifen vorgibt, an dem das menschliche Erkenntnisvermögen an seine Grenzen stößt, wurde er zum Vorwand menschlichen Dünkels.

 

Halten wir nochmals fest: Der Islam ist keine Religion, er stellt uns nicht das zu absolvierende Pflichtpensum bereit, an das wir uns zu halten haben, um, mehr schlecht als recht, in den Kreis der Muslime aufgenommen zu werden. Nicht sein Vermögen, seine Urteilsfähigkeit aufs Abstellgleis zu legen, macht einen Menschen zum Muslim, sondern das volle Bewusstsein seiner Obliegenheiten als Knecht Gottes, der Obliegenheiten, die er aus der Verinnerlichung der uns aus den Fängen der Koordinaten des Diesseits befreienden göttlichen Gebote und Verbote ableitet. Genauso wenig ist der Islam ein Glaube, ein uns über die Runden verhelfendes, zur Erbauung dienendes Regelwerk aus Stimulanzien. Impliziert der Islam als Religion das Vertrauen in die Allmacht Gottes, so gibt uns der Glaube die Bedingungen, unter denen wir von einem legitimen, d. i. dünkelhemmenden Gottvertrauen ausgehen können.

 

Auf den ersten Blick scheint die Rechnung einfach: Wenn a) Gewalt als Mittel des Sich-Durchsetzens verwerflich ist, und b) eine Religion davon lebt, dass ihr die Proselyten nicht ausgehen, darf man fragen, inwieweit der islamische Glaube seine Anhänger empfänglich macht für die Anwendung von Gewalt. Doch kann sie nicht aufgehen, die Rechnung; nicht, weil der Islam weder eine Religion noch ein Glaube sein kann. Mehr noch oder vielmehr: Wenn es etwas Verwerfliches gibt, dann den Menschen vor vollendete Tatsachen zu stellen, ohne ihm Gelegenheit zu geben, sich darüber klar zu werden, worauf er sich anlässlich dieser im Grunde einlässt. Also müssen wir Folgendes bedenken:

 

1. Nur unter der Bedingung, dass das Einzige, worauf wir nicht bereit sind zu verzichten, das ist, was uns hilft, uns das Leben zu erleichtern, ihn angenehmer zu gestalten, zeitigt der „Terror-Diskurs“ überhaupt eine Wirkung.

2. Dass die Frage, auf welche Wertschätzung ein des Menschen würdiges Leben beruht, der Fähigkeit des Menschen, „eingeschüchtert“ zu werden, das heißt an seine Grenzen erinnert zu werden, einiges verdankt, ist nicht von der Hand zu weisen. Der Mensch wird immer eines Besseren belehrt.

3. Die einzige heute gängige legitime Einschüchterungstaktik ist die sowohl von unserer Unwilligkeit (1) wie auch Unfähigkeit (2) den größten Nutzen ziehende, die darauf baut, dass wir uns vom Gefühl leiten lassen, dass wir, sobald sich die Frage unserer bemächtigt, welche Grenzen uns gesetzt sind, zu kurz kommen oder ins Hintertreffen geraten.

 

Wer braucht den Terror? Diejenigen, die eine Heidenangst vor dem Terror haben. Wenn der Religion heute jeglicher Boden entzogen wurde, ihn als etwas Unterscheidendes zu verstehen zwischen einem Leben, das in Rechnung stellt, dass wir, über kurz oder lang, den Löffel abgeben werden und einem Leben, das in Rechnung stellt, dass wir, über kurz oder lang, zur Rechenschaft gezogen werden, dann liegt das im Sinne derer, die, nachdem sie mit dem Judentum alles Leben ins Diesseits verbannt haben, um anschließend mit dem Christentum die Vorstellung vom Jenseits ad absurdum zu führen, weil ein verantwortbares Leben im Diesseits nicht mehr möglich ist, nun alles daran setzen, aus der Botschaft des Koran einen Aufruf zum Brückenschlag zu machen, damit sie um ihre mit den Kreuzzügen verloren geglaubten und dank westlicher Zivilisation aus dem Feuer geholten Vorrechte nicht mehr zu fürchten brauchen. Islam – das ist, aufzuhören, mit seinem Schicksal zu hadern. Eine Friedenstaube steigen zu lassen im Namen des Islam, während diejenigen, die mit ihrem Schicksal hadern, weil ihnen vor dem „Terror ihres Schicksals“ bange ist, damit die Vorrechte an ihren Profiten sichern, das ist das eigentlich Unversöhnliche. Doch Torschlusspanik schützt vorm Schicksalsschlag nicht. Zwar vermag der Mensch Gottes Ruf nicht zu folgen, doch niemand vermag je zu verhindern, dass die Ereignisse sich in einer Weise entfalten, dass es uns nie verborgen bleiben kann, was einzig und allein unser unbedingtes Vertrauen verdient.

Zur Kontaktaufnahme:

10 + 11 =