Vorweg ein Zitat:

„Es war die Einnahme Osteuropas und Nordafrikas durch die Türken, was den Kapitalismus aufkommen ließ. Da die Türken das Westchristentum in die europäische Enge eingezwängt, eingeschlossen und eingeklemmt haben, sah sich das „Reichtum der Nationen“ genötigt, sich an die Effektivierung neuer Wirtschaftsmethoden zu koppeln. Die Türken schotteten die Europäer von der bekannten und vitalen Welt ab. Als der zwischen den produktiveren Gebieten der Welt und Europa seit der Antike währende Austausch, der herkömmliche Wertefluss, auf die türkische Hürde stieß, mussten die Europäer zusehen, wie sie zurande kamen, indem sie einen ihnen eigenen Mechanismus ersannen. Die dieser Notwendigkeiten genügenden Umstände traten zuerst in den italienischen Stadtstaaten hervor. Denn Italien war der Teil Europas, dem vom römischen Zivilisationserbe der Löwenanteil zufiel. Venedig allen voran, Stadtstaaten wie Genua und Florenz legten ab dem 14. Jh. den Grundstein für das Weltsystem – sprich den Kapitalismus.“ (İsmet Özel, Henry, sen neden buradasın?, 2004, Istanbul)

 

Wann immer wir die Folgen der Islamisierung Anatoliens im 11. Jahrhundert mit dem Aufkommen eines kapitalistischen Weltsystems in Zusammenhang bringen, kann es uns nicht um die kausalen Umstände der Genese des Kapitalismus gehen. Kausalzusammenhänge sind und bleiben für den Menschen eine Terra incognita. Unabhängig von unseren Neigungen und Abneigungen, dem, worauf unser Leben anspricht und was ihn kalt lässt, lässt sich ein Zusammenhang zwischen zwei Ereignissen nicht begründen. Denn das Einzige, wessen sich der Mensch sicher sein kann, ist, dass er, über kurz oder lang, zur Rechenschaft gezogen werden wird. Was eine Beziehung zwischen zwei Ereignissen begründet, kann daher nur unsere Bereitschaft sein, dies in Rechnung zu stellen. Unsere Neigungen und Abneigungen, sie manifestierenden Absichten, Ziele und Vorstellungen zeitigen die Ereignisse nicht, nur durch sie rücken diese in einen Zusammenhang, der uns verrät, wer gewillt ist, was als etwas Lebensgestaltendes an sich heranzulassen und was nicht. Blenden wir den Menschen als ein sterbliches Wesen hinter den Ereignissen aus, bleibt uns nichts anderes übrig als das Phrasenhafte des mit dem Etikett „Falsifikationsprinzip“ Versehenen. „Ob es mir nun schmeckt oder nicht, wenn’s regnet, regnet’s – ein von meinen Neigungen und Abneigungen völlig unabhängiger Vorfall“. Doch sollten wir uns nicht täuschen: Sprechen wir vom Regen, so sprechen wir von etwas, was genauso gut hätte ausbleiben können, dem nie ein zwingender Grund angeführt werden kann. Geschieht, wenn’s regnet, etwas, worüber sich Definitives sagen lässt, dann nur insofern, als uns der Regen an unseren Gott geleisteten Treueeid gemahnt. Ziehe ich es aber vor, „Mistwetter“ zu rufen, als Ausdruck dessen, dass es, außer meinen eigenen Anstrengungen, nichts gibt, worauf ich mich im Endeffekt berufen kann (konnte ein „Königswetter“ doch lediglich die Wonne derer sein, die auf eigene körperliche Arbeit nicht angewiesen waren), so sollte ich wissen, dass es weniger meine Anstrengungen sind, worauf ich mich berufen kann, als vielmehr die Tatsache, dass die Möglichkeit, mich anzustrengen, immer am seidenen Faden hängt. Willensfreiheit ist folglich nicht, eigenen Glückes Schmied zu sein, sondern die Freiheit, sich danach richten zu können, dass es hätte auch völlig anders kommen können als es schlussendlich kam. Ausführungen zu den Anfängen des Kapitalismus können wir daher ernst nehmen, falls sie in Rechnung stellen, was nicht zuwendungswert ist, damit wir nicht missen, was uns als Bereicherung entgegentritt.

 

Nicht um uns Klarheit über unser eigenes Leben zu verschaffen, sondern eher unser Augenmerk auf die Welt zu richten, in der wir leben, werden wir auf die Begriffe „Kapitalismus“, „Weltsystem“, „Moderne“ oder „Zivilisation“ zurückgreifen. Die Fragen, wer wir als „Menschen“ sind und wo wir als „Menschheit“ stehen, sind aber keineswegs zwei Paar Schuhe. Dass diese Begriffe jedoch unsere Aufmerksamkeit eher von uns als Entscheidungen treffende Subjekte ablenken, ist aufschlussreich; stecken sie doch, welche Bedeutung wir ihnen auch zuschreiben, ein Bedeutungsfeld ab, das in dem Maße Gültigkeit beansprucht, in dem es uns glauben macht, sie bezeichneten, alles in allem, einen sich selbst korrigierenden, kompensierenden und berichtigenden Modus Operandi. (Globalismus ist der Ausdruck der vollkommenen Einlösung dieses ihres Anspruches.) Ob wir uns mit dem Gedanken einer „permanenten“ oder einer alles besiegelnden Revolution herumtragen oder mit dem eines ständigen Reformdefizits, jedes Mal ist es der Gedanke, die Umstände seien noch nicht reif genug für ein richtiges Handeln, mit dem wir uns herumtragen und anfreunden sollen. Wenn diese Begriffe uns aber den Glauben an einen immanenten Selbstkorrekturmechanismus unterjubeln, dann können sie nicht für etwas stehen, das etwas initiiert oder in Gang gesetzt hat. Dann müssen sie etwas bezeichnen, das vermocht hat, etwas im Menschen, das dem Bedürfnis entspringt, „das Pferd vor den Karren zu spannen“, zum Schweigen zu bringen. Für ein zivilisatorisches Miteinander gibt es nichts Unabdingbares, was wir unser Eigen nennen können, ohne dass wir uns als Menschen überrumpelt und als Menschheit düpiert vorkommen.

 

Wir müssen zu den Anfängen: Es war zuerst in den italienischen Stadtstaaten des ausgehenden 12. bis Mitte des 14. Jahrhunderts, dass sich das Ansehen von Handels- und Geldgeschäften entschieden gewandelt hat. Das 13. Jahrhundert brachte die sogenannte „Zinswende“. Schon Ende des 11. Jahrhunderts hatte die Kirche Bußstrafen in Geldbußen umgemünzt. Jede Bußstrafe ließ sich in Kreuzzugsteilnahme, jede Kreuzzugsteilnahme in Sachleistungen umwandeln. Das Zweite Konzil von Lyon (1274) verbot die Orden, die nur vom Betteln leben wollten. Um die Mitte des 12. Jahrhunderts wurden sämtliche Armutsbewegungen in Frankreich, Flandern und im Rheinland ausgerottet und durch Bettelorden ersetzt. Ende des 13. Jahrhunderts übernahmen die italienischen Bankhäuser das Monopol für die päpstlichen Finanzen. Was sakralerweise durchexerziert wurde, trug auf profanem Gebiet schließlich seine Früchte: „Unbequemlichkeiten des Fernhandels“ führten in Oberitalien nahe der Ablasszentrale zur Erfindung des Wechsels und des Kontokorrents – aus einer „Urnot“, so Christoph Türcke in seinem „Philosophie des Geldes“, ohne die der Kapitalismus nicht zu begründen sei. Denn der Kapitalismus sei „der Versuch, eine monetäre Anfangsschuld aus der Welt zu schaffen“  – was nur heißen kann: die profitorientierte Institutionalisierung der Gleichgültigkeit gegenüber der Frage, ob unser Leben das Produkt einer „Schuld“ ist, die wir auf uns geladen haben.

 

Wie schlagen wir die Brücke zur Islamisierung Anatoliens? Abgesehen davon, dass die Ursache dieser Unbequemlichkeiten in der Abschottung der Europäer von den vitaleren Regionen der Welt liegt, folgendermaßen: Vor allen Dingen müssen wir aber die Eventualität ins Auge fassen, dass das, was Einzug in unser Leben findet, lediglich der Ausdruck eines Persönlichkeitsschadens ist. Sträuben wir uns dagegen, davon auszugehen, dass der Mensch der Rechtleitung bedarf (das heißt: dass ihm das Wissen abgeht, wogegen und wofür er sich entscheiden muss), wird das vor Allem denen in die Hände spielen, die darauf angewiesen sind, dass an den Spielregeln der größtmöglichen Anpassungsfähigkeit der am längeren Hebel Sitzenden nicht gerüttelt wird. Es sind unsere Persönlichkeitsdefizite, die diesen ihre Handhabemöglichkeiten verschaffen. Doch: Was gilt es, Geltung zu verschaffen; dem Recht derjeniger, denen es an Methoden des Vollendete-Tatsachen-Schaffens nicht mangelt oder der Stichhaltigkeit dessen, was dem Menschen zum Schaden gereicht und was zum Nutzen? Wollen wir, dass unserem Leben, falls uns die Gunst der Stunde nicht schon gesegnet hat, das Abwarten derer anhaftet, die auch mal zum Zuge kommen wollen? Nichts, was sich mit „Wenn’s dich glücklich macht!“ kommentieren lässt, verdient aufrechterhalten zu werden.

 

Ob eine als ein gemeinsames kulturelles Erbe ausgegebene Bezugsgröße einem Konflikt entspringt, der von einem Bewusstsein für das Wesentliche zeugt, lässt sich daran messen, ob er unser Ohr dafür empfänglich macht, dass der Mensch sich stets für oder gegen die Rechtleitung entscheidet. Ein jüdisches Erbe erwuchs daraus, dass diejenigen, deren unangefochtene Vormachtstellung nicht auf den Vorrang von Überlegenem, Erhabenem und Hochsinnigem hinauslief und ihre Siege daher Pyrrhussiege waren, zugleich dafür sorgten, dass sie auf Menschen zurückgreifen konnten, die die göttliche Botschaft so auslegten, dass sie ihrer fiskalen Vorrechte nicht beraubt wurden. So spricht Hugo Ball von einem „Abwehrbündnis zwischen Hellenen- und Judentum“. Denn hellenistische Spitzfindigkeiten lassen sich unschwer als die Strategie des Sich-aus-der-Verbindlichkeit-Heurausstehlens entlarven. Sollte Jesus, Sohn Marias, klare Fronten schaffen, indem er die Menschen für „Gottes Wort“ sensibilisierte (eine zur Auslegungssache verkommene Religion hatte das, was seinen Zweck erfüllte, zu Gottes Wort erklärt), so musste das Römertum seinen Vorteil eher in der Kultivierung seiner Befriedungskapazität suchen – eben weil die römischen Siege über Pyrrhussiege nicht hinausgingen. So ward der „Mohammedanismus“ geboren, seitens derer, die sich dagegen sträubten, den Islam in diesem Zusammenhang zu betrachten. Eine mit dem Namen Mohammed gleichgesetzte Religion konnte nur in einem Verhältnis von Original zu Abklatsch gesehen werden.

 

Diejenigen, die dem Kapitalismus zum Durchbruch verhalfen, hätten dies nur unter der Bedingung der entschiedenen Absageerteilung an das Vertrauen in die göttliche Botschaft durchsetzen können. Setzte man vormals auf die Entscheidungshoheit darüber, was als Gottes Wort galt und was nicht, versprach man sich nunmehr von der Überzeugungskraft des Edens auf Erden etwas. Die in den italienischen Stadtstaaten nahe der Ablasszentrale erworbenen Erfahrungen, aus der Not eine Tugend zu machen, sollten hier vorzüglich zustatten kommen. Denn das Vordrängen der „Zuchtrute und Geißel Gottes“ in türkischer Gestalt lief unbestreitbar auf die Überlegenheit des Islam hinaus. Türkische Siege waren niemals Pyrrhussiege: Die seit den Kreuzzügen immer wieder einberufenen Reformkonzilien, die schließlich in die Reformation mündeten, waren nichts anderes als die „Aufhübschung“ des Christentums angesichts dieser Überlegenheit.

 

Europa wurde im Zuge der Absageerteilung an den Islam zu einem Kontinent. Das Ende des Islam als eine politische Institution mit der Umsetzung des Vertrages von Sèvres am Ende des Ersten Weltkrieges hätte zugleich das Ende Europas als Kontinent bedeutet. Was hingegen kam, war der Auftakt der Kolonialisierung Europas durch das mit dem Zweiten Weltkrieg seinen Siegeszug feiernde Finanzkapital. Zweifelsohne – die Wiege der dem Finanzkapital zugrundeliegenden Logik (die Kapitalisierung der „Schuld“) ist Europa, etwas,  was ihm gegenüber dem Türken eine gewisse Bewegungsfreiheit garantierte. Nichtsdestotrotz ist es, was dieser Logik eine weltumspannende Tiefen- und Breitenwirkung verliehen hat, was Europa nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Ort gemacht hat, der über sein eigenes Schicksal nicht verfügen darf. Das ist das Paradox Europas. Nämlich: Was die Europäer miteinander verbindet, ist nicht etwas, was sie zugleich voneinander trennt. Ihre Distanz zum Islam ist das einzig Bindende für die Europäer, nicht ihre jüdisch-christliche, griechisch-römische Tradition. Gleichwohl ist es nicht ihr jeweiliger Beitrag zur Wahrung dieser Distanz, was sie voneinander trennt. Was wir zur Zeit beobachten, ist nicht die Emanzipierung Europas von der Vormundschaft des wachenden „Großen Bruders“, sondern der Prozess der Auflösung dieses Paradoxes zugunsten dessen, was keinen anderen Wert zulässt als die Kapitalverwertbarkeit. Der Kapitalismus, der, um einen gewissen Glaubwürdigkeitsgrad aufrechtzuerhalten, gezwungen war, in seinem europäischen Mutterland auch anderen Werten als der Kapitalverwertbarkeit einen Geltungsbereich einzuräumen, hat die Kapitalverwertbarkeit zu einer absoluten Größe erhoben dank der Kultivierung dessen, was man heute in jemandem anzusprechen braucht, um ihn von etwas zu überzeugen: nämlich seine Marktgläubigkeit. Ein paradoxloses Europa ist eines, das für Überraschungen nicht zu haben ist.

 

 

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