Deutsch schreibende Muslime. Zumal wir für zweierlei den Blick schärfen müssen. Erstens: Scheuen wir die Frage, wovon sich unser Leben was verspricht, werden wir uns auch weiterhin an dem vergnügen, woran er im Grunde Schaden nimmt. Zweitens: Nur in dem Maße, in dem das, was wir unser Eigen nennen, die Frage aufwirft, was wem zusteht und was nicht, können wir davon ausgehen, unser Leben dem Leistungsprinzip unterstellt zu haben. Denn nicht nur zieht die Welt, in der wir leben, den größtmöglichen Nutzen aus unserer Gleichgültigkeit gegenüber der Frage, was unser Leben begünstigt, was ihn befriedigt, sondern ihr Fortbestand bedingt (obiger Reihenfolge entsprechend) zum Einen die völlige Unzugänglichmachung dessen, was uns Menschen davon in Kenntnis setzt, was zu unseren Gunsten und was zu unseren Ungunsten ausschlägt (hiervon gibt uns der Islam Kunde) – was die Abkopplung desjenigen Gebietes vom Islam bedingt, das seine Identität dem Umstand verdankt, sich zum Bannerträger dieser Kunde gemacht zu haben (und das führt uns schnurstracks zum Gebiet der heutigen Türkei); und zum Anderen die Hinstellung der Deutschen als eine leicht entzündliche Feuer-und-Flamme-Nation, für die die verderbenbringende Nähe zum Islam der des Feuers zum Schwefel gleichkäme. Spricht man aber viel eher von der Nähe zu jeglichem mit missionarischem Sendungsbewusstsein ausstaffierten Gedankengut (so z. B. nationalem), rührt das daher, dass, seit Luther, nur in dem Maße, wie er einem Leben mit dem Türken abträglich war, der unerlässliche Beitrag des Deutschen zur Zivilisation überhaupt als solche zu Buche schlug.

 

Ein rechtsradikaler Oberleutnant der Bundeswehr, der kein Arabisch spricht, habe sich eine Doppelidentität zugelegt und als syrischer Flüchtling gemeinsam mit seinem mittlerweile auch überführten Komplizen Anschläge verüben wollen. Kein Einzelfall, heißt es. Doch falls wir hätten von einer Überführung sprechen können, lieferte der Vorfall wie ähnliche – indes unaufgedeckte – Fälle nicht dem Vorwurf oder der Gelegenheit zur Abwendung des Vorwurfs den nötigen Nährboden, die Deutschen hole ihre Vergangenheit ein. Denn ein zu einem historischen Bewusstsein verhelfender retrospektiver Blick gibt uns immer Aufschluss darüber, welches Vertrauen wem welche Animositäten eingebracht hat. Und ein Blick auf die letzten zwei Jahrhunderte deutscher Geschichte belegt, dass es ihre Zähigkeit war, einem mit den Koordinaten der Diesseitigkeit vorliebnehmenden Leben Sicherheitspendendes abzugewinnen, was den Deutschen zwei Weltkriege eingebrockt hat. Die Frage, ob die Deutschen (seit 1945 sagt man Europa, meint aber die Deutschen) Gefahr laufen, von ihrer Vergangenheit eingeholt zu werden, sähe daher, lüfteten wir ihren Schleier, folgendermaßen aus: „Werden sich die Deutschen auch künftighin eher davon etwas versprechen, sich als Hauptrechtfertigungsquelle der Zivilisationsverfechter hervorzutun?“ Denn ungelüftet geht es dieser Frage eher darum, diejenigen ins Schlepptau zu nehmen, denen es nicht an der Bereitschaft fehlt, als Alibilieferant derjeniger herzuhalten, die zur Sicherung ihrer Profite auf das Fixiertsein auf die Koordinaten der Diesseitigkeit angewiesen sind.

 

Möchten wir uns damit begnügen, uns nach dem Prinzip „leben und leben lassen“ durchzuwursteln, oder vermögen wir unserem Leben auch etwas mehr abzugewinnen als was der Ratschlag nahelegt, immer nur auf die fröhliche (helle) Seite des Lebens zu schauen? Am Anfang war das, was wir „Neuzeit“ nennen, die ohne Hinzuziehung des Türken jeglicher Nachvollziehbarkeit entbehrt und über Jahrtausende aufgestaute Hoffnungen des östlichen Mittelmeerraumes, die der Türke aufgefangen hat, zunichte machte. Nachdem aber der neuzeitliche Putz der von alters her geläufigen Herrschaft einiger Weniger abzubröckeln begann, sah man sich, auch wenn der Türke schon längst nicht mehr im Blickpunkt stand, gezwungen, sich aus der Beharrlichkeit, aus den Koordinaten der Diesseitigkeit Sicherheitspendendes abzugewinnen, einen Typus zurechtzulegen, auf den man je nach Bedarf mit dem Finger zeigen konnte: „Ist es etwa das, was ihr wollt?“ Immer nur und ausschließlich derjenige ist es, der es als eine Befreiung empfindet, der Frage, wovon wir uns etwas versprechen, was wir unser Eigen nennen, nicht nachgehen zu müssen, der sich von dieser Frage angesprochen fühlt.

 

Wer entscheidet, wer ein Deutscher ist, darüber, dass die Antwort dieser Frage uns lediglich darüber informiert, wie der Mensch es eben nicht halten sollte? Kapitalnotwendigkeiten? Solange und insofern es dem Deutschen freisteht, auf ein Wort wie „Schicksal“ zurückzugreifen, wird man auch dafür sorgen müssen, dass er keine Anstalten macht, mit der tollen Idee zu überraschen, zu fragen, was das überhaupt ist: das Gottgegebene, um es sich eventuell als das „Schickliche“ schlechthin zu Eigen zu machen. Solange es jedoch ein Ding der Unmöglichkeit bleibt, einen Unterschied zu machen zwischen einer den Kapitalanwandlungen geschuldeten America-First-Politik und einer von einem Bewusstsein zeugenden Außenpolitik für das, was wir unser Eigen nennen und was nicht, wird man dem – seinen fahnenflüchtigen Soldaten hinterhergerufenen – Satz Friedrich des Großen „Wollt ihr etwa ewig leben?“ lediglich einen zynischen Sinn abgewinnen können und es unbemerkt bleiben, dass sowohl der Ausgang des Brexit-Referendums wie auch der amerikanischen und französischen Präsidentschaftswahlen es darauf abgesehen haben, sich eben diese Unmöglichkeit zunutze zu machen. Und was, wenn die America-First-Politik nur eine „Germany-First-Politik“ um zig Ecken ist?

Zur Kontaktaufnahme:

11 + 9 =