Die deutsche Frage: Surrogat für deutscher Islam

Von der „Heimat des Islam“ zu sprechen, dürfte zweifach befremden. Entweder wird man die Bodenständigkeit des ersten der Penetranz des anderen gegenüberstellen oder den Universalitätsanspruch des zweiten mit der Ausgrenzungstendenz des ersten nicht vereinbaren können. Je nach dem, welchem Namen man Ehre machen will – dem eines aufgeklärten Muslim oder aufgeschlossenen Patrioten. In jedem Fall wird man sich ereifern, den Vorwurf eines sich trefflich ergänzenden Gespanns vorwegzunehmen. Denn die Rezeption unserer Worte geht ihrer geistigen Gestaltannahme immer voraus – damit wir nicht aus den Augen verlieren, dass das, was unserem Wort nicht nur einen Sinn stiftet, sondern ihm auch seinen Wert und seine Tragweite verleiht, das von ihm in Rechnung Gestellte ist. „Wird die Europäische Union zerfallen?“ Ist es, dass Europa ein zwischen dem Konstrukt EU und Washington verkeilter Kontinent ist, was diese Frage in Rechnung stellt? „War die EU eine große Illusion?“ Welchem Selbsttäuschungsmanöver möchte diese Frage auflauern? „Die vielbeschworenen Dämonen“, wird man entgegenhalten, „die es in Rechnung zu stellen gilt und die man wähnte, anhand des europäischen Integrationsprozesses im Zaum zu halten“. Doch genau da liegt des Pudels Kern.

 

Zuallererst müssen wir uns Klarheit über „Europa“ verschaffen – anhand der Frage, die der Sorge entspringt, unser Leben vor der sich innerhalb gegebenen Rahmens einrichtenden Beliebigkeit zu bewahren. Ist Europa ein Ort, den Begriffe wie Entschlossenheit, Hartnäckigkeit und Standhaftigkeit zu einer historischen Größe aufsteigen ließen oder eher Sturheit, Halsstarrigkeit und Dickköpfigkeit? Ein Begriffspaar, das zwischen Entschlossenheit und Sturheit; Hartnäckigkeit und Halsstarrigkeit; Standhaftigkeit und Dickköpfigkeit unterscheidet, kann für uns insofern richtungweisend sein, als es uns nahelegt, dass das, was ein „Nachgeben“ im Leben eines Menschen zu etwas Gedeihlichem macht, die Überwindung des Trugbildes ist, „zwischen dem Teufel und der tiefen blauen See“ eine Entscheidung treffen zu müssen. Je nach dem, ob unser Leben dieses Begriffspaar in Rechnung stellt, wird es uns erspart bleiben, dem Glauben anzuhängen, es gehe einzig um ein ausgewogenes Verhältnis zur Realität, und sich uns ein neuer Realitätssinn erschließen nach Maßgabe dessen, was ein „Nachgeben“ erst zu einem solchen macht, anhand dessen uns erst vermittelt wird, was wir „durchhalten“ müssen. Das im Hinterkopf, fragen wir: Wie kam es zu einem Ort namens „Europa“?

 

»Nach Poitiers gewinnt der Begriff Europa vorübergehend eine gewisse Bedeutung. Dreißig Jahre nach der Schlacht schreibt der Spanier Isidor der Jüngere: Wenn die Europäer des morgens aus ihren Häusern treten, sehen sie die ordentlich aufgereihten Zelte der Araber. Im Jahre 800 wird dann der heilige Kaiser Karl der Große „ehrenwertes Haupt Europas und „Vater Europas genannt. Nach seinem Tode aber, wird die Europaidee von der Idee der Christenheit absorbiert und geht in deren inneren Auseinandersetzungen unter: das Wort „Europa, so scheint es, taucht bis zum 14. Jahrhundert nicht mehr auf… Daher könnte man sagen, dass zunächst einmal der Islam Europa macht, indem er die Christenheit auf Europa beschränkt (7. Jahrhundert), und dass sich Europa als Gegenreaktion auf den Islam selbst macht, als es diesen 732 bis hinter Poitiers zurückdrängt…«*

 

Den Europäer kann es im Grunde nicht geben, sondern nur „Europa“. Nicht Europa verdankt seinen Namen der Spezies „Europäer“, dem europäischen Menschenschlag. Vielmehr fungiert dieser wie auch das Adjektiv „europäisch“ als ein Bezug auf eine geographische Beengtheit. Mehr als die Bezeichnung des Ortes der „Notlösung europäische Zivilisation“ lässt sich nämlich folglich aus „Europa“ nicht herausholen, als Ort einer großangelegten Reaktion auf diese Beengtheit. Indes nicht anlässlich der Islamisierung der arabischen Halbinsel im 7. Jahrhundert, die das beendete, was man im Nachhinein Antike hieß. Es war die Islamisierung Anatoliens im 11. Jahrhundert, und namentlich das Scheitern der Kreuzzüge im Gefolge, die der Versuch waren, dieser Beengtheit zu entkommen, was für das Verständnis eines nachhaltigen Lebens auf dem europäischen Kontinent in Betracht gezogen werden muss. Europäer nennen wir demnach diejenigen, die erst mit der Islamisierung Anatoliens seitens derer, die sie vorzugsweise Türken nannten, gezwungen waren, sich entweder mit dem Gedanken eines Lebens mit (sprich: unter) den Türken anzufreunden und sich somit die Möglichkeit zu erschließen, sich vom Joch einer christlich-jüdischen Falsifizierung zu entledigen oder sich etwas Anderes einfallen zu lassen: nämlich das christlich-jüdische Erbe mit griechisch-römischen Praktiken zu vermählen, damit den Profittrieb zu untermalen und als den „letzten Schrei“ feilzubieten. Nicht die Europäer entschieden sich für das Zweite, sondern diejenigen, die sich in das Zweite festgerannt haben, können wir mit keinem anderen Namen belegen als „Europäer“. Daher: Jeder, für den die europäische Zivilisation, wenn nicht das Non-plus-ultra, so zumindest doch das kleinste Übel ausmacht, sollte sich fragen, inwiefern ein zivilisiertes Leben, das ist: ein Leben, das auf einer – mehr oder weniger – breiten Übereinkunft beruht, einem Leben vorzuziehen ist, das sich daran orientiert, dass einem die Möglichkeit gegeben sein muss, sich davor zu bewahren, vom Falschen, Schlechten und Üblen auszugehen. Denn was ist ein zivilisiertes Leben anderes als die Beilegung (nicht Austragung) und Stilllegung (nicht Stillung) grundsätzlicher Fragen und essentieller Bedürfnisse zwecks Wahrung eines gesellschaftlichen Equilibriums aus Geben und Nehmen?

 

Die Jahre des Ersten Weltkrieges sind voll von Bezügen auf den Türken. Die Zeit schien reif für die Abrechnung mit ihm. So bezeichnet Louis Bertrand, Mitglied der Académie française und Verfasser des drei Jahre nach der Gründung der Türkischen Republik 1923 erschienenen Devant L’Islam, die Eroberung Amerikas als den „letzten Kreuzzug“; den Versuch, den Türken von hinten anzufallen. Es ist das Verdienst der im Namen europäischer Beengtheit Agierenden, es vermocht zu haben, zunächst den Islam mit dem „blutrünstigen“ Gesicht des Türken identifiziert zu haben, um anschließend, als es in den kulturellen und politischen Zentren europäischer Beengtheit hoch angesagt war, sich der Hohen Pforte anzubiedern, die Notlösung initiiert zu haben, die den Vorzug hatte, den Islam zu etwas (ohne den Türken) Vorstellbarem gemacht zu haben, das heißt: zu etwas vollkommen Unverbindlichem. Türke ist daher, entgegen aller landläufigen und festgefahrenen Annahmen, weder der Name einer irgendwann im frühen Mittelalter islamisierten Rasse, einer ethnischen Volksgruppe mit gemeinsamer geographischer Herkunft und charakteristischen erblichen Merkmalen, noch der einer kulturell geprägten Volkszugehörigkeit, aber auch nicht der Name des Hauptrepräsentanten einer bestimmten Richtung des Islam; sondern: schlicht und einfach, der Name dessen, was den Islam erst zu dem gemacht hat, was er ist, nämlich eine „Verbindlichkeit“. Und diejenigen, die davon profitiert haben, einen Keil zwischen Islam und den Türken getrieben zu haben, um so den Islam zu etwas Unverbindlichem zu machen, setzen heute alles daran, diesmal das Türkentum zu etwas (ohne den Islam) Vorstellbarem zu machen. Doch, müssen wir uns fragen, was hat das alles mit Heimat zu tun, einem dem nationalistischen Sprachgebrauch entlehnten Begriff?

 

Wir müssen etwas vorausschicken: davon ausgehen, dass der Mensch ein Wesen ist, der dazu disponiert ist, nach eigenem Gutdünken zu handeln; oder auch nicht. Nicht nur steht ihm frei, so oder so zu handeln, eine gute oder schlechte Partie zu liefern, sondern auch all dies über den Haufen zu werfen. Wir können uns für ein unhaltbares, gewöhnungsbedürftiges oder auch vorzugswürdiges Leben entscheiden, d. h. für eines, das man anderen antragen kann, ohne in Verlegenheit geraten zu müssen. Doch sobald wir uns für Dinge entscheiden, die man nicht nur anderen nahelegen, sondern auch von ihnen erwarten kann, dass sie sich dafür entscheiden, bewegen wir uns in Richtung „Nation“. Nur, wird man entgegenhalten, dass man sich über das Unhaltbare, Gewöhnungsbedürftige und Vorzugswürdige wird nie ganz einig sein können. Überdies: dass Menschen behaupten, darum zu wissen, was gut und schlecht für sie ist, mag noch hingehen. Doch ist es nicht, dass sie sich darüber hinaus dazu anmaßen, das auf Andere auszuweiten, ihnen ihre letzten Gewissheiten aufzwingen, was zur „Ur-Katastrophe“ des 20. Jahrhunderts geführt hat und was es gerade zu unterbinden gilt? Damit hätten wir die Frage, die uns den Pudels Kern verhehlt.

 

Das 19. ist das Jahrhundert, in dem das Behelfsmäßige, Palliative und Kurzlebige der „Notlösung“ die Gemüter nicht mehr hinlänglich überzeugte, eben zu kurz zu greifen anfing. Beruhte ihre Überzeugungskraft doch auf der hemmungslosen Ausbeutung und Ausnutzung der Vergänglichkeit des Menschenlebens auf Erden, nicht auf ihrer Mitberücksichtigung. Die Grundstimmung war in einem Gefühl für nicht zu befriedigende Unzulänglichkeiten grundsätzlicher Art angesiedelt, was die Aufhebung von Unterscheidungen auf den Plan rief, die den Nährboden lieferten für Trennungen wie Selbstverwirklichung und Allgemeinwohl. Das prompt mit dem Etikett „romantisch“ zu belegen, kam einigen zupass und sollte hernach seinen Zweck erfüllen – taugte es doch zum Vorwurf der Einseitigkeit. Doch, gilt es unbedingt in Betracht zu ziehen, zeugte das 19. Jahrhundert zugleich vom Auftakt des Prozesses der Einverleibung der Gebiete der Non-Market Economy in diejenigen Kapitalverhältnisse, die die Notlösung angetrieben haben; nämlich derjeniger Gebiete, unter denen lediglich die türkischen Lande ihre Existenzberechtigung aus Beziehungen ableiteten, die mit diesen Verhältnissen in keinster Weise vereinbar waren. Denn nur diese konnten in einen mittelbar ursächlichen Zusammenhang mit diesen Verhältnissen gesetzt werden. Das firmierte fortan unter dem Namen „Orientfrage“. Orient hieß der Islam nach der Entwarnung; als Gefahr im Verzug war, trug er den Namen „Türke“.

 

Nun zur Sache: Frankreich war in seinem Versuch kläglich gescheitert, dem Britischen Empire seine Rolle als den Hauptbenefizianten und -stoßkraft der Notlösung abstreitig zu machen. So stellte das Empire nach Waterloo auf dem Wiener Kongress 1815 sicher, dass keiner der Beteiligten (Österreich-Ungarn, Frankreich, Preußen oder Russland) Anstalten machte, aus der Orientfrage im Alleingang eigenen Nutzen zu ziehen – eigenen Nutzen hieß: im Dienste und zur Förderung einer seitens aller anvisierbaren Idee. Im Zarenreich war das „Mütterchen Russland“, in der Donaumonarchie die Kaiserkrone und im Deutschen Kaiserreich der Reichsadler oder die preußischen Tugenden. Denn die Kapitalanhäufung zugunsten einer von allen hochzuhaltenden Idee hatte innerhalb der Kapitallogik einen Haken: Zwar war es nicht undenkbar, jemandem nahezulegen, sich im Namen des Kaisers, des Reiches oder preußischer Tugenden eine goldene Nase zu verdienen. Doch: da der umgekehrte Fall oder die Anempfehlung der Anhäufung um der Anhäufung willen eher ein Unding zwischenmenschlicher Beziehungen ist, war es nur folgerichtig, dass diese (die Kapitalanhäufung zugunsten einer von allen hochzuhaltenden Idee) diejenigen Tendenzen begünstigte, die davon ausgingen, dass wenn etwas einem zugute kommt, auch anderen nicht schaden dürfe, wenn es anderen zum Schaden gereichte, man auch selbst nicht in ihm einen Vorteil suchen dürfe. Dass das damit gleichgesetzt wurde, was man das Aufkommen des Nationalismus nennen sollte, der zur Penetranz und Ausgrenzung tendierenden imagined communities, entsprach den Interessen derer, die davon profitierten, dass man annahm, es existiere eine jeweils nach unterschiedlicher Logik operierende „Ich-“ und „Wir-Ebene“. Und das ist das Einzige, wovon die Kapitallogik größtmöglichen Nutzen zu ziehen vermag. So trat das Kapital denn auch die Flucht nach vorne an, indem er in die Verhältnisse des Finanzkapitals auswich, die mit der Vorstellung der kollektiven Entität als einheitliches Ganzes unvereinbar sind. Und in diesem Zusammenhang war es insbesondere die Tendenz der 1871 im Gefolge des Krimkrieges zu einem Reich vereinten deutschen Gebiete, die Orientfrage in den Dienst eines dem Bildungsbegriff nahestehen Bürgertums zu stellen, was in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Augen derer, die davon profitierten, dass das Profitgehabe Zuflucht in den Verhältnissen des Finanzkapitals nahm, zu einer nach Lösung drängenden Frage führte, die man die Deutsche Frage nannte.

 

Hätte ein Bismarck die Deutschen vor dem Ersten Weltkrieg bewahren können? Wer entscheidet über eine Deutsche Frage? In wessen Initiative liegt es, eine solche auf die Tagesordnung zu setzen, sie wieder abzusetzen? Wiedervereinigung ist die freiwillige Belastung deutscher Zustände mit einer viel größeren und schwereren Hypothek als vor dem Fall der Mauer. Ohne dieses Unterpfand als Zeichen der Bündnistreue dürften sich die Deutschen eines geteilten Deutschlands brüsten. Es berechtigte zur Frage, was es ist, das zwei Deutsche miteinander verbindet und das hieße: in welchem Separativ das Menschenverbindende zu suchen ist. Täusche man sich nicht: Die Wiedervereinigung hat mit dem Datum 1871 nichts gemein. Denn es gibt keine Fahrt gen Westen. Solange die Umstände der schwereren Hypothek den Deutschen zum Segen gereichen, bleibt die von unsichtbarer Hand auf die Tagesordnung gesetzte Deutsche Frage unter Dach und Fach. Ein bewusstseinsbildendes Gemeinschaftsgefühl war nie die Stärke der als Scharfmacher klassifizierten. Doch sollten wir wissen, dass wenn die Deutsche Frage diesmal unter dem Schlagwort „Eurokrise“ abermals auf der von Smiths unsichtbarer Hand gedeichselten Agenda steht, dann weil der Prozess der seit dem Wiener Kongress 1815 anlaufenden Heimatlosmachung der „Verbindlichkeit namens Türkentum“ als das allerdringlichste Anliegen der Finanzkapitalverhältnisse endgültig zu einem dauerhaften Abschluss gebracht werden muss. Wann immer von einer Deutschen Frage die Rede ist, steht die ungestellte Frage im Raum, wie sich der Deutsche angesichts einer Haltung verhalten wird, die es auf diese Verbindlichkeit abgesehen hat.

 

*          Edgar Morin, Penser L’Europe (Europa denken), 1987

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