Niemand will zum Narren gehalten werden und doch in vollen Zügen Narrenfreiheit genießen dürfen. Geistige Unzulänglichkeit entscheidet sich in erster Instanz an den Dingen, die wir nicht übers Herz bringen, hochkant in den Wind zu schießen. Diejenigen Sachen, ohne die der Mensch meint, nicht auskommen zu können, geben uns Aufschluss über sein geistiges Niveau. In welcher Angewiesenheit ist unser Charakter zu Hause? Ohne den Menschen zum Gefangenen einer der Biologiedisziplin verpflichteten Weltanschauung zu machen, ohne die Wirtschaft zu seinem unentrinnbaren Schicksal zu erklären, lässt sich der Ökonomie keine Eigengesetzlichkeit zuschreiben. Doch glauben wir, im Grunde komme es nur auf eine angemessene Proportionierung unserer Verzichtleistungen an, wird uns das Gefühl, in der Zwickmühle zu stecken, nie verlassen, während die Frage, zugunsten der Erschließung welches Terrains wir worauf verzichten sollten, uns davor bewahren wird, im Leben einen Drahtseilakt auszumachen.

 

Dass wir in bestimmte Verwandtschaftsverhältnisse hineingeboren werden, in diese eingebettet sind, verhilft uns zu der Einsicht, dass es für ein menschlich gedeihliches Miteinander etwas bedarf, was über diese Verhältnisse weit hinausgeht und durch diese weder fassbar noch zugänglich ist. Jede „Nation“ erkennt man an diesem Darüberhinausgehenden, daran, wo sie es sucht. Das, woran wir als Individuen desselben Kollektivs einander erkennen, formt uns zu einer Gesellschaft. Das, worauf wir uns als Kollektiv verlassen, worauf wir bauen, schmiedet uns zu einer – uns von anderen gesellschaftlichen Entitäten trennenden – Gemeinschaft. Legen wir Wert darauf, dass diejenigen Werte, die uns eine Zugehörigkeit bescheren, uns zugleich eine Angehörigkeit stiften? Ist das, was ich finde, dass es mir ziemt, zugleich etwas, was ich auch anderen ans Herz legen, ja von ihnen erwarten kann? Sowohl der heute dank der Marktmechanismen Möglichkeiten der allerhöchsten Erfüllung genießende Mantel der Nächstenliebe in mannigfacher Couleur als auch der sich ihn – nur zu gerne – umlegende Glücksschmied in eigener Sache sind einem solchen Selbstverständnis abträglich.

 

Die Deutung dessen, was wir als Geschichte kennen, stellt Anforderungen an den Menschen, denen er von Hause aus nie gewachsen sein wird. Uns steht eine Geschichte zur Disposition, aus der wir vielmehr ersehen können, welches Vertrauen aus welcher Ansammlung von Menschen welches „Volk“, welche „Nation“ oder welchen Haufen geschaffen hat. Berufen wir uns hierfür auf einige mit dem Duktus eines Blickes auf diese Geschichte ausgestattete Zeilen aus der Feder des türkischen Dichters Ismet Özel, zitiert aus einem Online-Artikel vom 17. Februar 2017 mit dem Titel „DER MENSCH IST SEINER HEIMAT* DER NÄCHSTE, SAGTE DIE EINSICHT; WAS ZÄHLT, IST DAS BLUT, ES IST DER VAMPIR, DER DEM BLUT DER NÄCHSTE, FROHLOCKTE DIE IGNORANZ“.

 

Indem die dichterischen Möglichkeiten von Rumelien reaktiviert, d. h. die Erfahrungen der Hellenisierung und Romanisierung in eine koranische Erziehung transponiert wurden, wurde eine türkische Ordnung ins Leben gerufen. Das Sunnitentum und das Hanefitentum lieferten der Staatspolitik die Geschäftsgrundlage. Ohne die türkische Ordnung zu instrumentalisieren, hätte weder die seldschukische noch osmanische Herrschaft Anwendung finden können. Ihre Früchte zeitigte die türkische Ordnung anhand der „Beraya“-Solidarität**. Die Devise dieses Wissens wurde: „Der Mensch ist seiner Heimat der Nächste.“ Der Kapitalismus, der seinen Grundstein in den italienischen Stadtstaaten gelegt hat, machte mobil, um die türkische Ordnung, gegen die er von innen nicht anzukommen vermochte, einzukesseln und so von außen zu neutralisieren. Das, was alle Welt als Fortschritt, Evolution, Aufschwung kennt, ist nichts anderes als das Delirium, dem man verfiel, um den Halbmond in den Schatten zu stellen. Der „Westen“ suhlt sich noch immer im Rausch dieses Deliriums. Angesichts des Aufkommens einer türkischen Heimstätte auf Erden sah sich der Kapitalismus gezwungen, seinen Grundstein in den italienischen Stadtstaaten, allen voran Venedig, zu legen. Somit stellte sich einer mit dichterischen Möglichkeiten aufgebauten Gesellschaftsordnung eine mit monetären Möglichkeiten aufgebaute gegenüber.“

 

Europas kollektive Gedächtnis kennt nichts Unheilstiftenderes als den „Türken“. Es ist die Wütende Horde in vielerlei Gestalt, die in seinem kollektiven Unterbewusstsein ihr Unwesen getrieben hat. Was heißt das? Ist die europäische Zivilisation die bittere Pille, die die Europäer gezwungen waren, zu versüßen, bevor sie sie schluckten, der saure Apfel, den sie kandieren mussten, um in ihn zu beißen, so dass sie nicht gezwungen waren, die Konsequenz aus der andauernden Bedrängung seitens der türkischen Ordnung zu ziehen, oder lässt sich auch benennen, worin das Unheil bestand, vor dem sich die Europäer bewahrt haben, indem sie sich die Türken vom Leibe hielten? Welche Verderbnis erwartete die Europäer, falls sie in den faustian bargain namens westliche Zivilisation nicht eingewilligt hätten? Die europäische Zivilisation hat sie vor den Bedingungen solcher Fragen bewahrt, und hierin liegt ihr einziges nicht nur historisches Verdienst.

 

Es sind die Ausdünstungen des von solchen Fragen ausgehenden Schweigens, was heute die Inszenierung einer Schmiere namens IS ermöglicht hat. Was der türkischen Ordnung ihr Gepräge verliehen hat, nämlich: das Primat der Heimat, war (ist) nicht die Bereitschaft des Einzelnen, sich dem Kollektiv, einem kollektiven Ideal, unterzuordnen, sondern der Wille, den Bestand der Gemeinschaft von der Kultivierung von etwas abhängig zu machen, was man anderen nicht nur ans Herz legen kann, sondern was einen auch dazu berechtigt, ihnen zur Last zu legen, ihren Vorteil nicht darin erblickt zu haben: das ist das Vertrauen in Gott. Was diese Ordnung ausmacht, lässt sich daran erahnen, dass Europa nur unter der Voraussetzung der Ausblendung der türkischen Ordnung zu einem Ort wurde, der einem in dem Maße Erfolg versprach, wie man in der Lage war, Gewöhnungsbedürftiges an den Mann zu bringen. Und es ist das Grundmerkmal des „Nicht-türkisch-Seins“ der europäischen Zivilisation, was ein Deutschland, das dazu neigt, seine Energien eher aus der Anstrengung Bedürfendem zu schöpfen, zum Sorgenkind des Westens erklärt hat.

 

* „Vatan“ bezeichnet im Türkischen sowohl das eher Verbindende, die Heimat, als auch das eher Trennende, das Vaterland.

** Die „beraya“ bezeichnete im osmanischen Millet-System die von Abgaben befreite muslimische Klasse, im Gegensatz zur Klasse der „reaya“, den steuerpflichtigen Schutzbefohlenen.

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