Es kann nicht sein, dass wir meinen, über etwas im Bilde zu sein und uns zugleich darüber im Unklaren sind, was unser Übel ausmacht und wie wir uns davor bewahren können. Eine Haltung, die daherkommt, wie wenn sie die Wahrheit für sich gepachtet hätte, vermag nie über ein immanentes Achselzucken hinauszukommen. Ihr wird es immer nur um Schadensbegrenzung gehen. Es ist daher der Dünkel, was unser Unwissen ausmacht, unser Wissen anhand der Grenzen unseres Erkenntnisvermögens, der Schranken, die ihm gesetzt sind, abstecken zu können. Wissen muss uns in erster Linie unsere Ignoranz erkennen lassen, nämlich einzusehen, dass ein Wissen um unsere Grenzen und Schranken uns einzig in unserem Vertrauen in die Allmacht Gottes bestärkt.

 

Kann es sich bei dem Vorwurf, die Türkei sei drauf und dran, sich einem Diktator auszuliefern, um einen Ausdruck der Sorge darüber handeln, dass einer anderen Absegnung als der des Kapitals Geltung zu verschaffen, der Garaus gemacht wird? Ohne in Rechnung zu stellen, dass das Primat des Kapitals unter der Ägide des Dollars eine neue türkische Verfassung in Auftrag gegeben hat, und diese, auf Teufel komm raus, durchboxt, wird man sich seines Unwissens nie sicher sein. Das ist das eine; das andere ist: Der auf dem Vorwurf antidemokratischer, diktatorischer Regierungspraktiken fußende Diskurs ist ein wesentlicher Bestandteil der Absegnungsstrategie der Nachkriegsordnung, der uns Auskunft darüber gibt, mittels – unter anderem – welchen Vokabulars man die Gunst der Stunde erbitten kann. Der Zweite Weltkrieg ist die große Wasserscheide, die die Zügel aus der Hand des Goldstandards gerissen und in die Hand des Dollars gedrückt hat. Der Dollar steht demnach für das Europa ständig unter seine Nase geriebene Unvermögen. Sonst spräche aus Worten wie, dass „die Wirtschaftsmacht Deutschland in die Position der entscheidenden politischen Großmacht Europas hineingeschlittert* ist, nicht die Sorge, denselben Absegnungsmechanismus zu vergraulen.

 

Wir müssen etwas ausholen: Dass das, was der Pax Romana ihr definitives Ende bereitet hat, die Islamisierung des Fruchtbaren Halbmondes ist, wird niemand groß abstreiten wollen. Doch dann sollten wir umso mehr auf den blinden Fleck aufmerksam werden, den wir dafür bewahren sollen, dass das, was das Heilige Römische Reich in einem symbiotischen Bündnis geistlicher und weltlicher Autorität zu einer das Schicksal der Europäischen Zivilisation bestimmenden Größe aufsteigen ließ, die Islamisierung Anatoliens ist. Erst wenn wir der Feudalordnung die Funktion eines Schutzschildes gegen das Vordringen der türkischen Ordnung angedeihen lassen, werden die Beziehungszusammenhänge, die das Heilige Römische Reich zu einer Fehdeordnung werden ließen, aufhören, uns ein Rätsel aufzugeben. Es war die Abwehrhaltung, die im hohen Mittelalter dem Klerus eine unumschränkte Macht verliehen hat und auch einen kodifizierten und hereditär weitergegebenen Adelsstatus aufkommen ließ. Suchen wir eine Brutstätte des Kapitalismus, so werden wir unter den Fittichen dieser Feudalordnung fündig, unter denen am Ausgang der Kreuzzüge der Kapitalismus in den italienischen Stadtstaaten seine Inkubationsphase durchlaufen hat.

 

Die Feudalordnung erfuhr Europa als ein blindes Fatum, was man über sich ergehen lässt; ohne den Kopf darüber zu zerbrechen, was das Erduldete wert ist, denn das verbat sich bereits durch die Erbsünde. Da setzte man auf den Zauber des doux commerce, der am Horizont nur den Wenigsten zuwinkte. So wurde in den italienischen Stadtstaaten, in Brügge und Antwerpen durchgespielt, was späterhin ausgehend von den Metropolregionen zur Regel wurde: Geldschöpfung um ihrer selbst willen in immer weniger Händen. Im 18. Jahrhundert war man dann soweit, ja sah sich aus Effizienzgründen vielmehr genötigt, eigens eine staatstragende Mittelschicht auf Kosten der angestammten Kräfte des Ancien Régime ins Leben zu rufen, und die Segnungen des doux commerce zum Horizont von immer mehr Menschen auszudehnen. So wurden Begriffe wie Demokratie und Menschenrechte zu Schlagworten der Ansprüche auch nicht-adliger und nicht-klerikaler Kräfte, an diesen Segnungen teilzuhaben. Die Invention der neuen Mittelschicht hieß die völlige und endgültige Auflösung alter als Fatum erfahrener Bindungen zugunsten neuer unabwendbarer. Denn man hatte zwar dem blinden Fatum ein Schnippchen geschlagen, doch hinfort die Notwendigkeit der Marktgesetze an der Backe.

 

Die Französische Revolution beseitigte nur den „hereditären“ Teil der Noblesse. Sie rückte vielmehr den Begriff der Republik als den der Demokratie in den Vordergrund. Im Grunde kam es nur darauf an, ob der Zugang zur Klasse der Begünstigten eine Erbsache war oder eine res publica: Sache des Gemeinwesens – vorausgesetzt man verfügte über Möglichkeiten des Zugangs zur neuen Mittelschicht, der Bourgeoisie, was mit dem Zugang zum immer mehr ausartenden Blendzeug des inzwischen industrialisierten Profitgebarens gleichbedeutend war. „Frei geboren“ sein hieß, um zur Klasse der Privilegierten zu gehören, nicht mehr, den Auflagen einer hereditär bestimmten Gesellschaftsordnung unterworfen zu sein. Doch eine nicht ererbte, nur durch Bildung und Erziehung erworbene und weitergegebene Noblesse zu pflegen und zu unterhalten, war das entscheidende Gebot der neuen Mittelschicht. Denn noch war man gezwungen, den Menschen ein vom Kapital unberührtes und unbeflecktes geistig-moralisches Wirkungsgebiet einzuräumen. Auf die Gefahr hin, dass der nicht-hereditäre Teil der Noblesse Gemeinschaften zeigte, die man auf – die Kapitallogik eventuell hintanstellende – Superioritäten einschwor, schrieb sich der Erste Weltkrieg auf seine Fahnen, auch diese aus dem Weg zu räumen.

 

Nichtsdestotrotz war es erst der Zweite Weltkrieg, der das Seine-Schäfchen-ins-Trockene-Bringen zur einzigen Lebensstimmung erhob und einem Leben, das auf das uneingeschränkte Primat des Profits abgestellt ist, seine Tiefen- und Breitenwirkung verliehen hat. Das lief zugleich auf die Verinnerlichung einer Ultra-Gleichgültigkeit hinaus, die sich durch eine sich zutiefst wahrheitspächterisch gebende Haltung zu kompensieren sucht; unter Bedingungen der größtmöglichen Ausdehnung der Genüsse des Kapitalismus; der Herrschaft der Mittelmäßigkeit namens Demokratie eben, die ihre historische Glanzzeit erlebt – was einer unumschränkten Superiorität des Dollars gleichkommt und, hierauf kommt es im Grunde an, nur durch die völlige Austrocknung desjenigen Terrains seinen Bestand sichern kann, das der Kapitalgläubigkeit seinen Nährboden entzieht: eine auf die Diesseitigkeit nichts gebende Haltung als Ausdruck des Vertrauens in die Allmacht Gottes.

 

Im Zuge der Trockenlegung dieses Nährbodens hängt heute (für den Kapitalismus) alles davon ab, ob der mit dem Türken identifizierte Islam – ein Leben, das sich allein daran misst, worin es vertraut –, nachdem er am Ausgang des 16. Jahrhunderts abgebremst und Anfang des 20. Jahrhunderts im anatolischen Raum festgesetzt werden konnte, unter Einsatz von ausschließlich auf den Instinkt des nackten Überlebens der Menschen bauenden Überzeugungsmethoden per „Verfassungscoup“ aus seiner Heimat auf türkischem Boden vertrieben werden kann oder nicht. Das ist das eine; das andere ist: Die Umstände, die eine historisch einmalige Inflation des demokratischen Phrasendreschens mit sich brachten, tun sich gleichzeitig als jene hervor, in denen der Greenback die Währung derer ist, die hierauf ihre letzte Hoffnung setzen, indes die Frust derer in Europa ausmacht, die darauf bauen, dass ihnen bei diesem Geschäft auch was abfällt.**

 

* Ulrich Beck, Das deutsche Europa, 2012, S. 7.

** Der US-Finanzminister John Connally formulierte es 1971 folgendermaßen: „[The Dollar is] our currency, but it‘s your problem“.

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