Wenn derjenige (ob Muslim oder Nicht-Muslim), der vorgibt, mit dem Islam gut auszukommen, nicht umhin kann, zwischen der Religion als solche und ihrer Gefolgschaft zu differenzieren, während der, der auf gespannten Fuß mit ihm setzt, sich zu solch einer gewagten Grätsche nicht zu bemüßigen braucht, um ihn schlankweg abzulehnen, so mag das daher rühren, dass man etwas nur als Ganzes annehmen oder ablehnen kann. (Bereits ein partieller Einwand gegen den Islam gilt als eine grundsätzliche Ablehnung.) Unter Bedingungen, unter denen die Erschließung von Möglichkeiten heißt: das Beste daraus zu machen, was uns gegeben ist, verwundert es nicht, dass derjenige, dem das als Segen gereicht, sich entweder vorbehält, zwischen Lesarten des Islam zu entscheiden oder gleich alles über den Haufen wirft. Beiden Haltungen eignet, dass sie sich in dem, worauf sie sich verpflichtet fühlen, allein auf den Schaden berufen können, der dadurch definiert ist, dass sie sich vom Gegebenen etwas erhoffen. Eine partielle – wohlgemerkt: gemeint ist nicht eine bedingt gültige – Bejahung oder Verneinung hat noch niemandem eine Identität gestiftet – sprich: eine Antwort auf die Frage, woran wir zugunsten welcher Konstellationen Schaden nehmen. Gewiss – der Mensch ist umwoben von (mehr noch: verwoben mit) nur bedingt gültigen Bejahungen wie auch Ablehnungen. Hierin liegt sein ganzer Reichtum. Dass es Dinge gibt, die wir bloß bedingt, unter Vorbehalt, annehmen oder ablehnen können, kann uns jedoch nicht als Beleg dafür dienen, etwas nur partiell oder teilweise annehmen oder ablehnen zu dürfen. Bedingt – unter Vorbehalt – Gültiges dient vielmehr dazu, uns davor zu bewahren, den Umständen, in denen wir leben, Absolutheit, Unbedingtheit anzudichten – was darauf hinausliefe, unseren Niedrigkeiten als Mensch Gesetzmäßigkeiten zu unterstellen.

 

Die Nähe zum Islam meint zugleich unsere Resistenz gegenüber der Versuchung, etwas, das uns angetragen wird, so herzurichten, dass es auch was hergibt. Fake it ’til you make it. Wer vom Stamme Nimm ist, der wird stets nach einem Königsweg Ausschau halten – so dass er nie in den Genuss kommen wird, wildvergnügt auszurufen: Tant pis pour les faits. Der gottgewählte Name Islam, was wörtlich Ergebenheit oder Hingebung heißt, kommt nicht von Ungefähr. Gottergebenheit ist der einzige Zustand, der den Menschen sowohl von einer moralischen Abhängigkeit von seinen Umständen als auch von einer existenziellen Angewiesenheit auf diese enthebt. Moralisch nur soviel integer zu sein, wie es die Umstände zulassen; sich zu nur soviel in der Lage zu wissen, wie es die Gegebenheiten gestatten, verträgt sich zuvörderst mit Gottergebenheit nicht. Zwei der vier konstituierenden Komponenten der Moderne, das jüdische und das christliche Erbe, waren am Ausgang der Antike längst zu nicht sonderlich rentierlichen Vorwänden moralischer Leichtfüßigkeit umgemodelt worden. Von Instrumentarien rechtfertigender Zielsetzungen waren sie nicht mehr zu unterscheiden. Von göttlichen Botschaften, die den Menschen daran gemahnten, dass es etwas gibt, um dessen willen es sich lohnte, die bittere Neige nicht zu scheuen, konnte nicht mehr die Rede sein. Der im England des 16. Jahrhunderts zur Goldenen Regel erkorene talmudische Grundsatz „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst“ konnte lediglich als Ausdruck der Erwartungssicherheit gewertet werden, die das Judentum bereit war, den Umständen zu bieten. Das bahnte den Weg dafür, einem Himmel auf Erden nachzujagen. Das Christentum, nach Chateaubriand ein Geniestreich ersten Ranges, war so hergerichtet, dass die Jünger Christi gezwungen waren, gerade in der misslichen Lage ihre Berechtigung zu suchen.

 

Was war es, das die westliche Zivilisation aus der Taufe hob; unter Zuhilfenahme – mittels hellenistischer Spitzfindigkeiten raffinierter – römischer Erfahrungen des Sich-Geltung-Verschaffens? Was die westliche Zivilisation aus der Taufe hob, war die Attraktivierung der Peripherie dessen, was über Millennien Mittelpunkt göttlicher Offenbarungen war, und inmitten dessen nun der Türke als Bannerträger der letzten Offenbarung sein Zelt aufgeschlagen hatte. Denn nach dem Verscheiden des Propheten hatten diejenigen Lesarten des Islam, die der Arrangierung mit den auf den Unglauben setzenden Regenten nicht im Wege standen, nicht lange auf sich warten lassen. So wurde die Azhar-Universität in Kairo im ausgehenden zehnten Jahrhundert n. Chr. von den Fatimiden kurz nach der mit den byzantinischen Regenten vereinbarten Waffenruhe ins Leben gerufen. Und so war es im Grunde der Anlass der Kreuzzüge, das Essentielle und Grundsätzliche zu etwas Dysfunktionalem und Defizitärem zu degradieren, was in Europa den Namen „Türke“ zum Inbegriff der Kompromisslosigkeit, der „Orthodoxie“ schlechthin, gemacht hatte – des Widerwillens, mit dem Unglauben, dem Dysfunktionalen und Defizitären in Reinkultur, gemeinsame Sache zu machen. Halten wir uns vor Augen: Die beiden Begriffe, die heute für Abtrünnigkeit und abweichende Lehre stehen, d. i. Ketzerei und Häresie, bezeichneten ursprünglich etwas Grundsätzliches und Essentielles. Denn Ketzerei heißt wörtlich Reinheit, Sauberkeit und Häresie die Wahl, die Entscheidung.

 

Ließe sich die türkische Kompromisslosigkeit als eine erstklassig organisierte Sturheit auslegen, so dürfte sich auch die ganze europäische Geschichte als eine der Standhaftigkeit, der standfesten Haltung lesen. Können wir das? Ohne im Endergebnis Zuflucht zu suchen, können wir dieser nicht das Wort reden. Nur zu gerne lässt sich der Mensch von dem leiten, was er sich von den Annehmlichkeiten des Endresultates verspricht. Zu sagen: „Das Ergebnis zählt!“, ist bereits ein Anzeichen grundlegender Unhaltbarkeit. Was hatten die Türken schon vorzuweisen, was hätte als appetitanregendes Objekt der Versuchung herhalten können – sofern man nicht versucht ist, Gottes Wort, das den Menschen dazu anhält, sein Heil einzig vom Gottesgehorsam abhängig zu machen, als solches zu betrachten; um uns davor zu bewahren, weder im Unheil ein Zeichen der Religiosität zu suchen noch in irgendwelchen irdischen Konstellationen das der göttlichen Auserwähltheit? Und die europäische Geschichte? Die europäische Geschichte ist eine Erfolgsgeschichte, die die Menschen auf den Leim der Unwesentlichkeiten führen ließ.

 

Was auf dem Spiel steht, hängt immer davon ab, was wir einsetzen, was uns befriedigt. Sind es durchweg die Objekte der Versuchung, worin wir Befriedigung suchen, wird jeder Appell zu größerer Realitätsnähe uns eine werbewirksame Mahnung an unsere Gewinneinbußen ins Haus schicken. Die Identitätssuche einer jeden Ansammlung von Menschen auf Dauer lässt sich an den Dingen ablesen, denen sie widersteht. Wer womit vorliebnehmen, sich begnügen musste, wurde in Europa schon immer von der Klassenzugehörigkeit bestimmt – ob es die Klasse der Entbehrten ist oder die der Bevorrechteten –, was erklärt, warum Identität hier schon immer eine Sache der Identifikation, des Sich-Identifizierens war. Die Umstände der Klassenzugehörigkeit waren es, die darüber entschieden, wer man war, d. h. die Zugehörigkeit zur Klasse war in Europa nie eine Sache der Wahl oder der Unbescholtenheit. Das einwandfreie Zusammenspiel und die Wechselwirkung der Klassen erfüllte (und erfüllt auch heute noch) die Funktion eines Bollwerks gegen das Einzige, was hätte in der Geschichte Europas ein Überdenken der Grundfesten des christlich-jüdischen Kulturerbes zur Folge haben können: die Tatsache, dass die Identität des Türken auf etwas zurückgeht, das „den Teil“ und „das Ganze“ vollends zur Deckung bringt: nämlich die unbedingte Annahme des Islam, der Ergebenheit in Gott. Trotz zwei Weltkriegen und seines föderalen Aufbaus ist Deutschland ein Land, das mit seinem – sich von seinem integralen Gefüge nährenden – economic power ein Dorn im Auge ist. Und solange „der Teil“ in Deutschland dazu neigt, weiterhin von „dem Ganzen“ zu künden, wird er, mit Blick auf die Türkei, zugleich von den Möglichkeiten künden, die er als Ganzes birgt.

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