Denjenigen, die den Deutschen eine Realitätsnähe absprechen, kann es einzig darum gehen, sie auch weiterhin vom Islam fernzuhalten

Wenn derjenige (ob Muslim oder Nicht-Muslim), der vorgibt, mit dem Islam gut auszukommen, nicht umhin kann, zwischen der Religion als solche und ihrer Gefolgschaft zu differenzieren, während der, der auf gespannten Fuß mit ihm setzt, sich zu solch einer gewagten Grätsche nicht zu bemüßigen braucht, um ihn schlankweg abzulehnen, so mag das daher rühren, dass man etwas nur als Ganzes annehmen oder ablehnen kann. (Bereits ein partieller Einwand gegen den Islam gilt als eine grundsätzliche Ablehnung.) Unter Bedingungen, unter denen die Erschließung von Möglichkeiten heißt: das Beste daraus zu machen, was uns gegeben ist, verwundert es nicht, dass derjenige, dem das als Segen gereicht, sich entweder vorbehält, zwischen Lesarten des Islam zu entscheiden oder gleich alles über den Haufen wirft. Beiden Haltungen eignet, dass sie sich in dem, worauf sie sich verpflichtet fühlen, allein auf den Schaden berufen können, der dadurch definiert ist, dass sie sich vom Gegebenen etwas erhoffen. Eine partielle – wohlgemerkt: gemeint ist nicht eine bedingt gültige – Bejahung oder Verneinung hat noch niemandem eine Identität gestiftet – sprich: eine Antwort auf die Frage, woran wir zugunsten welcher Konstellationen Schaden nehmen. Gewiss – der Mensch ist umwoben von (mehr noch: verwoben mit) nur bedingt gültigen Bejahungen wie auch Ablehnungen. Hierin liegt sein ganzer Reichtum. Dass es Dinge gibt, die wir bloß bedingt, unter Vorbehalt, annehmen oder ablehnen können, kann uns jedoch nicht als Beleg dafür dienen, etwas nur partiell oder teilweise annehmen oder ablehnen zu dürfen. Bedingt – unter Vorbehalt – Gültiges dient vielmehr dazu, uns davor zu bewahren, den Umständen, in denen wir leben, Absolutheit, Unbedingtheit anzudichten – was darauf hinausliefe, unseren Niedrigkeiten als Mensch Gesetzmäßigkeiten zu unterstellen.

 

Die Nähe zum Islam meint zugleich unsere Resistenz gegenüber der Versuchung, etwas, das uns angetragen wird, so herzurichten, dass es auch was hergibt. Fake it ’til you make it. Wer vom Stamme Nimm ist, der wird stets nach einem Königsweg Ausschau halten – so dass er nie in den Genuss kommen wird, wildvergnügt auszurufen: Tant pis pour les faits. Der gottgewählte Name Islam, was wörtlich Ergebenheit oder Hingebung heißt, kommt nicht von Ungefähr. Gottergebenheit ist der einzige Zustand, der den Menschen sowohl von einer moralischen Abhängigkeit von seinen Umständen als auch von einer existenziellen Angewiesenheit auf diese enthebt. Moralisch nur soviel integer zu sein, wie es die Umstände zulassen; sich zu nur soviel in der Lage zu wissen, wie es die Gegebenheiten gestatten, verträgt sich zuvörderst mit Gottergebenheit nicht. Zwei der vier konstituierenden Komponenten der Moderne, das jüdische und das christliche Erbe, waren am Ausgang der Antike längst zu nicht sonderlich rentierlichen Vorwänden moralischer Leichtfüßigkeit umgemodelt worden. Von Instrumentarien rechtfertigender Zielsetzungen waren sie nicht mehr zu unterscheiden. Von göttlichen Botschaften, die den Menschen daran gemahnten, dass es etwas gibt, um dessen willen es sich lohnte, die bittere Neige nicht zu scheuen, konnte nicht mehr die Rede sein. Der im England des 16. Jahrhunderts zur Goldenen Regel erkorene talmudische Grundsatz „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst“ konnte lediglich als Ausdruck der Erwartungssicherheit gewertet werden, die das Judentum bereit war, den Umständen zu bieten. Das bahnte den Weg dafür, einem Himmel auf Erden nachzujagen. Das Christentum, nach Chateaubriand ein Geniestreich ersten Ranges, war so hergerichtet, dass die Jünger Christi gezwungen waren, gerade in der misslichen Lage ihre Berechtigung zu suchen.

 

Was war es, das die westliche Zivilisation aus der Taufe hob; unter Zuhilfenahme – mittels hellenistischer Spitzfindigkeiten raffinierter – römischer Erfahrungen des Sich-Geltung-Verschaffens? Was die westliche Zivilisation aus der Taufe hob, war die Attraktivierung der Peripherie dessen, was über Millennien Mittelpunkt göttlicher Offenbarungen war, und inmitten dessen nun der Türke als Bannerträger der letzten Offenbarung sein Zelt aufgeschlagen hatte. Denn nach dem Verscheiden des Propheten hatten diejenigen Lesarten des Islam, die der Arrangierung mit den auf den Unglauben setzenden Regenten nicht im Wege standen, nicht lange auf sich warten lassen. So wurde die Azhar-Universität in Kairo im ausgehenden zehnten Jahrhundert n. Chr. von den Fatimiden kurz nach der mit den byzantinischen Regenten vereinbarten Waffenruhe ins Leben gerufen. Und so war es im Grunde der Anlass der Kreuzzüge, das Essentielle und Grundsätzliche zu etwas Dysfunktionalem und Defizitärem zu degradieren, was in Europa den Namen „Türke“ zum Inbegriff der Kompromisslosigkeit, der „Orthodoxie“ schlechthin, gemacht hatte – des Widerwillens, mit dem Unglauben, dem Dysfunktionalen und Defizitären in Reinkultur, gemeinsame Sache zu machen. Halten wir uns vor Augen: Die beiden Begriffe, die heute für Abtrünnigkeit und abweichende Lehre stehen, d. i. Ketzerei und Häresie, bezeichneten ursprünglich etwas Grundsätzliches und Essentielles. Denn Ketzerei heißt wörtlich Reinheit, Sauberkeit und Häresie die Wahl, die Entscheidung.

 

Ließe sich die türkische Kompromisslosigkeit als eine erstklassig organisierte Sturheit auslegen, so dürfte sich auch die ganze europäische Geschichte als eine der Standhaftigkeit, der standfesten Haltung lesen. Können wir das? Ohne im Endergebnis Zuflucht zu suchen, können wir dieser nicht das Wort reden. Nur zu gerne lässt sich der Mensch von dem leiten, was er sich von den Annehmlichkeiten des Endresultates verspricht. Zu sagen: „Das Ergebnis zählt!“, ist bereits ein Anzeichen grundlegender Unhaltbarkeit. Was hatten die Türken schon vorzuweisen, was hätte als appetitanregendes Objekt der Versuchung herhalten können – sofern man nicht versucht ist, Gottes Wort, das den Menschen dazu anhält, sein Heil einzig vom Gottesgehorsam abhängig zu machen, als solches zu betrachten; um uns davor zu bewahren, weder im Unheil ein Zeichen der Religiosität zu suchen noch in irgendwelchen irdischen Konstellationen das der göttlichen Auserwähltheit? Und die europäische Geschichte? Die europäische Geschichte ist eine Erfolgsgeschichte, die die Menschen auf den Leim der Unwesentlichkeiten führen ließ.

 

Was auf dem Spiel steht, hängt immer davon ab, was wir einsetzen, was uns befriedigt. Sind es durchweg die Objekte der Versuchung, worin wir Befriedigung suchen, wird jeder Appell zu größerer Realitätsnähe uns eine werbewirksame Mahnung an unsere Gewinneinbußen ins Haus schicken. Die Identitätssuche einer jeden Ansammlung von Menschen auf Dauer lässt sich an den Dingen ablesen, denen sie widersteht. Wer womit vorliebnehmen, sich begnügen musste, wurde in Europa schon immer von der Klassenzugehörigkeit bestimmt – ob es die Klasse der Entbehrten ist oder die der Bevorrechteten –, was erklärt, warum Identität hier schon immer eine Sache der Identifikation, des Sich-Identifizierens war. Die Umstände der Klassenzugehörigkeit waren es, die darüber entschieden, wer man war, d. h. die Zugehörigkeit zur Klasse war in Europa nie eine Sache der Wahl oder der Unbescholtenheit. Das einwandfreie Zusammenspiel und die Wechselwirkung der Klassen erfüllte (und erfüllt auch heute noch) die Funktion eines Bollwerks gegen das Einzige, was hätte in der Geschichte Europas ein Überdenken der Grundfesten des christlich-jüdischen Kulturerbes zur Folge haben können: die Tatsache, dass die Identität des Türken auf etwas zurückgeht, das „den Teil“ und „das Ganze“ vollends zur Deckung bringt: nämlich die unbedingte Annahme des Islam, der Ergebenheit in Gott. Trotz zwei Weltkriegen und seines föderalen Aufbaus ist Deutschland ein Land, das mit seinem – sich von seinem integralen Gefüge nährenden – economic power ein Dorn im Auge ist. Und solange „der Teil“ in Deutschland dazu neigt, weiterhin von „dem Ganzen“ zu künden, wird er, mit Blick auf die Türkei, zugleich von den Möglichkeiten künden, die er als Ganzes birgt.

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Die Nähe zum Islam misst sich an der Türkei als Hort des Islam als einer Religion mit weltlichem Anspruch

Ist es nicht ein menschlich zutiefst kränkendes Gefühl, sich im Besitz eines Lebens zu wissen, das durch Handlungen derer, denen ihr Schwachsinn im Gesicht geschrieben steht, in Gefahr gebracht werden kann? Die Art der Gefahr gibt Aufschluss über unser Leben. Bei einer den Tod als letzte Instanz nicht in Rechnung stellenden Angst kann es sich nur um ein Muffensausen handeln. Angst muss aber zugleich ein Gewahrwerden dessen sein, was uns zu einem „moralischen Rückgrat“ verhilft. Ohne die Moral mit dem Charakter zu koppeln, verträgt sich indes unser Leben nicht mit der Suche nach Bedeutsamem in etwas anderem als die Unverbrüchlichkeit der Realität – d. i. den Gedanken, dass wir, auf lange Sicht, eh ins Gras beißen werden. Behauptet jemand, auf die von radikalen Tendenzen ausgehende Gefahr der moralischen Verrohung aufmerksam machen zu wollen? Welches ein uns zur geistigen Mündigkeit verhelfendes Bedeutungsfeld steckte seine Warnung ab? Eine Haltung, die darauf bedacht ist, einem bewusst zu machen, dass seine Handlung, weil sie den Bogen überspannt, etwas Tür und Tor öffnet, ginge ihr völlig ab. Nicht die – die Grenzen des Duldbaren ausreizende – Unhaltbarkeit seiner Handlung hielte sie ihm vor Augen. Die Vertretbarkeit eines Verhaltens machte sie allein davon abhängig, ob das Verhalten gewollt ist oder nicht. Indes – wollen wir etwa annehmen, dass das Menschenleben sich im Grunde als ein Spagat zwischen den Stühlen gestaltet? Darin liegt etwas höchst Menschenverachtendes – im Sinne von den Menschen Ausklammerndes -, was mit der Tragik des Menschen auf Erden nichts zu tun hat. Menschenverachtend ist man, wenn man von den Bedürfnissen eines für sich genommenen Menschen ausginge. Doch es ist das Menschliche, das die Bedürfnisse ausmacht. Den Spieß umzudrehen und zu sagen, ohne Bedürfnisse kein Mensch, setzte ihn seinen eigenen Launen aus, von denen er sich erst anhand der Frage zu befreien wüsste, ob ihn seine Bedürfnisse verpflichten oder nicht.

 

Im Zuge der Erhebung des Profitarguments im Leben eines Menschen zum alleingültigen schuf der Zweite Weltkrieg diejenigen Umstände, in denen sich zum ersten Mal auch die breite Masse im Genuss der Segnungen des Kapitalismus wissen durfte. Die Umstände, die dem Profitargument unbedingte und ausschließliche Geltung verschafften, mussten sich, aus Rücksicht auf eventuelle Vorbehalte im Hinblick auf die Beredsamkeit der Segnungen, daraus speisen, dass künftighin von einer roten Angst die Rede sein konnte. Und: Niemand kann heute behaupten, dass diese Ängste wie auch ihre Überwindung die Genüsse der Marktwirtschaft im Leben eines Menschen zugunsten wesentlicherer entbehrlicher gemacht hat. Es ist daher eine Sache der – ihre Charakterstärke der moralischen Ausprägung schuldenden – Persönlichkeit, anzunehmen, dass „der sich antikapitalistisch und antiwestlich gebende und von 1945 bis 1990 währende – und bekanntlich Kalter Krieg genannte – Ideologiekrieg der Sowjetunion ein von jenen Kreisen in Umlauf gebrachtes Ondit ist, denen daran gelegen war, dass die Menschen ihre Aufmerksamkeit allein hierauf richteten. Weder befanden sich die Sowjetunion und die USA miteinander in einem Gefechtszustand im wahren Sinne oder waren sonstwie in Widerstreit – liefen ihre Interessen doch einander keineswegs zuwider – noch wiesen ihre einschlägigen Ideologien grundverschiedene Merkmale auf.“*

 

Wenn dem so ist – falls die Glaubwürdigkeit der Inszenierung des Ideologiekrieges eines stets wach gehaltenen diesseitigen Angstgefühls bedurfte, dann entspricht der Zerfall des Ostblocks auch nicht einer desillusionierten Haltung zu den kommunistischem Gedankengut inhärenten Möglichkeiten. Der Diskurs vom Ende der Geschichte, der mit den 90er Jahren einsetzte, konnte daher nicht der Ausdruck einer Ernüchterung sein, die uns ein Licht aufsteckt, die Augen öffnet für eine Überlegenheit von Werten, die sich schlussendlich auch außerhalb ihres eigentlichen Hoheitsgebietes durchsetzten – sofern hiermit nicht die sich einzig von der Niedrigkeit der Gesinnung nährende Durchsetzungskraft der Kapitalflüsse gemeint ist. Die Sache ist die: Gehen wir davon aus, dass diese Kapitalflüsse mit dem Abtritt des Blockdenkens sich lediglich ihres kommunistischen Hintergrundes entledigt haben, gegen dem ihr freiheitlich-demokratischer Anstrich abstach. Dann ist das Gerede vom Ende der Geschichte eher ein Ausdruck der Vorsicht der von diesen Flüssen Nutzen Ziehenden angesichts von Bedenken, dass der Anstrich nach dem Wegfall des Hintergrundes nicht mehr so vorteilhaft abstechen mag. Diese Bedenken springen heute umso mehr ins Auge, als ein weiterer Anlass zum Gerede – nämlich der vom Clash of Civilizations – nicht lange auf sich warten ließ. Doch geht es diesmal nicht um die Erfindung eines weiteren Pseudofeindes (wie es das Nachkriegsszenario erforderte), an dem sich die Kapitalinteressen reiben, um des Szenarios halber auch künftig vom Eindruck Nutzen zu ziehen, dass Gebiete und Bereiche außerhalb ihrer Reichweite existierten. Es ist das Erbe des Ersten Weltkrieges, das der kontrollierte Zerfall des Ostblocks auf die Tagesordnung gesetzt hat. Die Verhandelbarmachung der Türkei als Heimstätte des politischen Islam macht es in diesem Zusammenhang nötig, von der neunmalklugen Gleichgültigkeit der Menschen gegenüber dem Fehlen von – den Entscheidungen von Menschen überlassenen – Gebieten und Bereichen Gebrauch zu machen.

 

Dies vorneweg: Diesen Überlegungen ist nur dann Rechtes abzugewinnen, falls wir nicht scheuen, uns darüber Rechenschaft abzugeben, in welcher Nachbarschaft sich unser Leben wie gestaltet. Schere ich mich nicht darum, unter welchem Zeichen mein Leben welche Gestalt annimmt, werde ich mich vor Beliebigkeiten auch nicht schützen können. Ist es doch die organisierte Absage an die Nähe zu dem, was davon erwächst, wofür sich der Mensch entscheidet, was uns heute erlaubt, von (auf dem europäischem Kontinent aufgekommenen) modernen – sprich effizienten – Zeiten zu sprechen. Nämlich: Auch wenn’s für das Selbstverständnis der Europäer nicht grade schmeichelhaft ist; es ist das im 14. Jahrhundert am Ausgang der Kreuzzüge erst angesichts der Islamisierung Kleinasiens eingegangene Zweckbündnis zwischen royalen, profanen und geistlichen Kräften, welches fortan für die Entwicklung von kapitalgesteuerten Beziehungen bestimmende Voraussetzungen geschaffen hat – Beziehungen, bei denen es eher ausschlaggebend war (ist), bestimmte Ergebnisse zu zeitigen, so dass dem gedeihlichen Anteil von Unwägbarkeiten bei der Entfaltung von zwischenmenschlichen Beziehungen jeglicher Boden entzogen wurde. Die Islamisierung Kleinasiens kam somit den royalen, profanen und geistlichen Kräften in Europa überaus gelegen. Sie hieß eine Gefahr, die die breite Masse der Benachteiligten des geistlich-profanen Bündnisses dazu bereit erklärt hat, in der Aufrechterhaltung feudaler Beziehungen ein gemeinsames Interesse zu erblicken. Erst unter dem Druck türkischer Bedrohung hat das Christentum seine Ausstrahlungskraft als Rechfertigungsdoktrin entfaltet, die diesen Beziehungen ihre dauerhafte Unverbrüchlichkeit verliehen hat.

 

Bis zum 19. Jahrhundert vermochte das hieraus erwachsende und sich inzwischen den Namen bourgeois society gebende Beziehungsgeflecht, welches diejenigen Kräfte in Gang setzt, bei denen es weniger darauf ankommt, wofür man steht, welche Verpflichtungen man eingeht, als vielmehr darauf, als Ausdruck welcher Lossagung sie in Gang gesetzt wurden, die Gemüter zu erregen. Der Erste Weltkrieg sorgte schließlich dafür, dass die Lebensumstände, von denen sich diese Lethargien nährten, obsolet wurden – was jedoch auf Kosten des Selbstvertrauens des Westens geschah – das wiederum künftig dadurch aufgewogen werden sollte, dass der Westen, nachdem er längst nicht mehr des Türken als verkettenden gemeinsamen Nenner bedurfte, endlich seinen „firmeneigenen“ Antipoden aus der Taufe gehoben hatte: den Deutschen. Das abhanden gekommene Selbstvertrauen durfte dem inzwischen als Finanzkapital auf Selbstbefruchtung setzenden Profitmechanismus nicht zum Verhängnis werden. Dies machte – und hier kamen die einstudierten Reflexe des hauseigenen Antipoden sehr gelegen -, einen weiteren Krieg vonnöten, auf die Gefahr hin, dass fortan ein Pseudofeind herhalten musste, den der Kapitalismus im Sowjetsystem fand.

 

Der Pseudofeind existiert nicht mehr. Mütterchen Russland wurde reanimiert. Der einstige Antipode wird dazu gedrängt, den Bekehrten mit impliziten Eigenschaften herauszukehren. Die Kaufkraft erfreut sich einer noch nie dagewesenen und Fadenscheinigkeit nicht scheuenden Popularität. Europa schaut gespannt darauf, was mit ihm geschieht; der Rest auf das, was man ihm in die Hand drückt. Nicht nur die durch den vom Stapel gelassenen Wust ins Rollen gebrachten Geschehnisse in der Türkei suchen ihren Sinn in dem Hohn, den sie dafür parat haben, dass die Republik Türkei das einzige Land auf Erden ist, das bei seiner Staatsgründung vor nun fast einem Säkulum der Kapitalabsegnung nicht bedurfte. Das macht die Türkei gerade zu einem Land, das einem die in den Entscheidungen eines Menschen steckenden Möglichkeiten, Potentialitäten und Eventualitäten ins Bewusstsein heben kann. Und falls man sich heute bei der endgültigen Verhandelbarmachung der Türkei als Hort des politischen Islam des bekehrt daherkommenden Antipoden zunutze machen will, zeugt dies, in dem Maße, in dem er sich dieser Rolle verschreibt, von einer Ignoranz gegenüber der Tatsache, dass er diese Aufgabe nur als „Vorwand der Zivilisation“ wahrnehmen kann.

 

* Ismet Özel, Kalın Türk (Der Klobige Türke), 1993.

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